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Nr. 42/2002 - 09. Oktober 2002
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Das Kapital der Töchter

Susan Coll spendiert der Literatur eine marxistische, feministische und sympathische Heldin. Von Martin Krauß

Es ist eine simple Story, die, wie so oft bei einfachen Geschichten, von den Protagonisten überhaupt nicht als einfach, sondern als ziemlich kompliziert, einzigartig, großartig und überhaupt empfunden wird. Eine Frau, Ella, fast 30, stammt aus reichem Hause. Sie hat Politologie studiert, sich mit Marxismus beschäftigt, und hat am Ende ihres Studiums keinerlei Ideen oder Gelüste, sich in den Bereich der Erwerbsarbeit zu bewegen. Vom reichen Vater, Besitzer einer Warenhauskette, will sie aber auch nicht ausgehalten werden. Sie schreibt zunächst eine Dissertation, aber ihr bleibt lange unklar, über welches Thema sie promovieren soll. Nach vielen Irrwegen entscheidet sie sich dazu, über Eleanor Marx zu promovieren, die Tochter von Karl Marx.

Was sie an Eleanor interessiert, kann sie nicht klar beschreiben, und vor allem passt es überhaupt nicht in den üblichen Wissenschaftsbetrieb. Es ist etwas, das nur der Leser, nicht aber die Protagonistin selbst merkt: die Parallelen, die die Biografien von Eleanor und Ella aufweisen. Beide Frauen präsentieren sich als auf romantische Art engagierte Töchter eines übermächtigen Vaters.

Um den monatlichen Überweisungen des ohnehin immer unwilliger werdenden Vaters zu entkommen, lässt sich Ella an ein obskures Institut für Ideenforschung locken. Eine Freundin von ihr, die sie zu Studienzeiten bewunderte, weil diese so tough war, arbeitet an diesem Institut im fernen Washington. Als Ella eintrifft, merkt sie, dass die einst toughe Freundin sie bloß hergelockt hat, um in ihr eine Nachfolgerin zu haben. Wie sehr die Freundin sie verarscht hat - dass sie sich nämlich zurückzieht, um mit Mann und Kind einem Lebensentwurf zu frönen, den die beiden Freundinnen einst als überzeugte feministische Marxistinnen zutiefst abgelehnt haben -, merkt Ella zu keiner Zeit.

Im amerikanischen Original heißt das Institut für Ideenforschung übrigens Institute of Thought. Was in der einen Version klingt wie ein »verschwommener Think Tank« (New York Times) und ein bisschen auch wie ein spinnertes Luftschloss, hört sich in der deutschen Übersetzung wie eine Klitsche an, der Matthias Horx vorsteht.

Zweck des Instituts ist es, eine Kampagne für eine gleichfalls obskure Einrichtung namens Gaga, ausgeschrieben »Gesellschaft für angewandte Geisteswissenschaften und Aufklärung« zu entwerfen, die Karl-Marx-Souvenirs vermarkten will: Marx-Tassen, Marx-T-Shirts, Marx-Aufkleber. Gaga heißt im Original übrigens Nuts, was auch dann noch lustiger klingt, wenn man es ausschreibt: »Neoclassicists for Universal Thought and Study«. Der Leiter des Instituts ist einer, den alle nur Colonel rufen und der für Ella nach ihrem Vater und nach einem marxistischen Universitätsdozenten nun der dritte, Marx ziemlich ähnliche, Übervater ist. Die Institutsinfrastruktur besteht lediglich aus einem Computer ohne Internetmodem, der Colonel ist einer, der nur an Inneneinrichtungsfragen interessiert ist, und die Geldgeber der Gruppe Gaga sind bestenfalls halbseiden.

Und dann tritt noch eine obskure Person in Ellas Leben, die das lustige Ensemble aus schwer zu dechiffrierenden Übervätern komplettiert: Nigel, ein arbeitsloser britischer Ornithologe, der aus seinem Vorleben ein Geheimnis macht und auch sonst auf wunderliche Weise zu Ella passt. Während sie sich jahrelang um Kapitalverhältnisse kümmerte, hält sich Nigel mit der Vogelgesellschaft auf. Irgendwann erhält er das Angebot, Führer in einem Vogelpark zu werden. Aber stattdessen inszeniert er ein eigenes Theaterstück, gesponsert von Ellas Vater und uraufgeführt in dessen Warenhaus. Wieder weiß nur der Leser, dass Nigels Vogel- und Theateraktivitäten nur eine Parallele zum gleichfalls bestenfalls exotischen Institut für Ideenforschung darstellen. Ella selbst kommt nicht drauf.

Das ist die Story, im Grunde ein, wie die Washington Post findet, »slapstick plot«, aber doch angenehm ernst präsentiert, sodass die Absurdität nicht sofort ins Auge springt. Die Verhältnisse, in denen in den westlichen Ländern viele linksbewegte Akademiker leben und gelebt haben, sind tatsächlich so absurd und lächerlich. Und alle sehen das, nur die Protagonisten nicht.

Das klingt zunächst wie ein zu Recht dem Spott und der Häme und zur Not gar dem linksliberalen Kabarett ausgeliefertes Generationenphänomen, das hierzulande ja schon unter Titeln wie »Beim nächsten Mann wird alles anders« abgehandelt wurde. Nur der Ausweg, der hierzulande stets angeboten wird, nämlich nicht mehr dissident leben, sich endlich arrangieren, den Frieden mit den Verhältnissen machen, bietet sich der Protagonistin nicht an. Das ist schön.

Ella erlebt nämlich ein sehr allgemeines Problem mit dem Linkssein. Das kann man auch theoretisch formulieren: das Problem von Dissidenz und Immanenz, meinetwegen auch: vom richtigen Leben im falschen.

Wie sich in der eigentlich simplen Story dieser Politologin Ella diese Probleme stets neu auftürmen, wie sie sich entwickeln, wie sie verschwinden, aber wie sie prinzipiell nie gelöst werden, ist in dem Roman von Susan Coll schön und angenehm ruhig erzählt. Dass die deutsche Übersetzung auf den im amerikanischen Original benutzten Untertitel »A Love Story« verzichtet, ist übrigens zu loben, denn der Plot wird so klarer umrissen. Viele Rückgriffe auf Eleanor Marx und ihren Gatten Edward Aveling zeigen, dass Ellas Problem kein neues ist. Sie zeigen auch, dass die Antwort auf das Problem nicht der zum Poster- und Kaffeetassenverkauf degenerierte Postmarxismus sein kann, denn zum einen trägt kein Markt solchen Unsinn, und zum anderen macht das aus Ella keinen glücklichen Menschen, genauso wenig wie Eleanor durch revolutionäre Vortragsabende glücklich wurde. »Ich bin nicht gescheit genug, um ein rein intellektuelles Leben zu führen«, hat Eleanor Marx einmal gesagt, »aber auch nicht stumpfsinnig genug, um mich mit Herumsitzen und Nichtstun zufrieden zu geben.«

Von solchen Leuten handelt »karlmarx. com«, es ist eine nette, simple Story.


Susan Coll: karlmarx.com. Kindler, Berlin 2002, 333 S.,19,90 Euro



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