Flucht in den Himmel
Tim Staffel bestätigt in »Rauhfaser«, dass die Romantik eine sehr deutsche Angelegenheit ist. Von Jörg Sundermeier
Tim Staffel lässt es krachen. Das war schon in seinen Romanen »Heimweh« und »Terrordrom« so, und das ist auch in seinem neuesten Roman »Rauhfaser« so. In »Terrordrom« erlebte eine mit Waffen gespickte Welt ihre Apokalypse, wobei die Welt das aus der »Ankerklause« und aus Einsamkeit bestehende Berlin war. In »Heimweh« ging es um das große Roadmovie, von dem andere Jungs nur träumen dürfen. Der Hollywoodfilm als Selbsterfahrung. Ständiges Thema bei Staffel ist die Unfähigkeit, mit der eigenen Dekadenz umzugehen.
In »Rauhfaser« beschreibt Paul, der für einen Schriftsteller gehalten wird, weil er nichts tut und sich sensibel gibt, seine Sehnsucht nach David, der gegenüber wohnt, auf Paul steht, aber mit Sonja schläft, die Pauls freundliche Freundin ist. David ist Rassist, aber auch ganz nett, Sonja wird von ihm gewürgt und geschwängert, Paul hat Angst und lernt, sie beim Fallschirmspringen zu überwinden, und draußen geht die Welt beinahe unter, weil das World Trade Center zusammenbricht und alle und alles so brutal sind. David wird Vater, liebt seine Tochter, Sonja liebt er nicht. Sonja sagt: »Paul, begreifst du mal, dass für David so ein Gefühl wie Liebe zum Beispiel mit Sex unvereinbar ist? Wenn er jemanden gut fickt, wird er ihn nicht lieben können. Wenn er jemanden liebt, wird er nicht mit ihm schlafen können. Mich konnte er gut ficken. Mehr war nicht drin, hab's zu spät gemerkt.« Die Werbetexterin Sonja, die vor allem erfolgreich sein will, geht nach London, David bleibt mit der Tochter zurück, Paul, so Sonjas Plan, soll mit David zusammenziehen. Doch Paul flieht, da David ihn weiter mit anderen betrügen würde. Am Ende bringt sich niemand um.
So weit, so langweilig. In seinen bisherigen Romanen hat Staffel stets mit der Comicsprache und überfrachteten Klischeebildern gearbeitet, er verfremdet die Wirklichkeit, um sie sichtbar zu machen. Immer wurde geschlagen und geschrien, am Ende blitzte sie dann auf, die blaue Blume der Romantik.
»Rauhfaser« könnte ein harmloses Buch sein, in dem nichts geschieht und das mäßig unterhält. Doch »Rauhfaser« ist kein harmloses Buch und es will kein harmloses Buch sein, im Gegenteil, es gibt sich engagiert. Staffel redet über eine Gesellschaft, in der die Sehnsucht nicht mehr befriedigt wird. Er ist ein Romantiker, dessen Sehnsucht genau davon lebt, dass sie keine Erfüllung findet. So wie Novalis sich für seine verstorbene Braut oder vielmehr sein Bild von ihr verzehrte und daraus alle romantische Schaffenskraft zog, verzehrt sich Staffels Paul nach seinem David. Obschon sich ihm Gelegenheiten bieten - sogar Sex mit David wäre möglich -, übt sich Paul im Verzicht. Stattdessen geht er Fallschirmspringen und entkörperlicht sich noch einmal symbolisch im Himmelssturz. Diese Flucht in den Himmel ist aber seltsamerweise die Flucht in die Welt. »Ich stehle mich hinaus. Die blaue Stunde, bevor das erste Morgenrot am Horizont durchschimmert. Kein Taxi weit und breit. Dafür der erste Bus. Ich löse das Ticket zurück zu meiner Gegenwart.«
Wo das Körperliche verpönt ist, muss es zugleich stets Thema sein. Paul wirft mit einem Videobeamer Fernsehbilder auf seine Rauhfasertapete, und die Fernsehbilder zeigen stets eine kaputte Welt, in der Krieg, Elend, Drogensucht herrschen. Und im Fenster gegenüber, in das der verstörte Paul dann blicken darf, sieht er David, der sich am Sack kratzt. Auch verfolgt Paul, als er David sucht, einen Sensationsreporter, der Autounfälle oder Massenselbstmorde von Kindern aufnimmt. Immer steht Paul daneben, immer schaut er nur zu.
David hingegen bedient die Kamera des Sensationsreporters, fährt selbst Wagen zu Schrott, würgt Frauen, schlägt sich und übt sich in der Kampftechnik Wing Tsun. Sein Vorbild ist Bruce Lee. »Vergiss Stolz und Schmerz. Der Gegner mag dir die Haut verletzen, du wirst sein Fleisch verwunden. Lass ihn dein Fleisch verwunden, du wirst ihm die Knochen brechen. Lass ihn deine Knochen brechen, du wirst ihm sein Leben nehmen.«
Wo der Körper verpönt oder zumindest etwas Bedrohliches ist, zugleich aber fasziniert, ist das Klischee von dem Juden nicht weit. »Weihnachten kündigte sich an, aber eine frühlingshafte Wettereinheit namens Elke sorgte dafür, dass die ganze Stadt nach aufgeweichter, fußverschleppter Hundescheiße stank. In Israel traf man die üblichen Vorbereitungen für einen weiteren selbstverteidigenden Präventivschlag gegen Autonomiegebiete der Palästinenser - die übliche Vorbereitung von Friedensverhandlungen.« Die Palästinenser sind Opfer. Im Jahr 2003 oder 2004 dann, in dem die zweite Romanhälfte spielt, hat Israel die Feinde beseitigt. Restlos. Total. »Palästina gibt es nicht mehr. Israel hat sich eingemauert. Wenn man sich bis zum Ende selbstverteidigt, wird es einen nie gegeben haben.« Der Nahost-Konflikt ist das einzige politische Problem, auf das länger eingegangen wird im Buch. Während der 11. September und die Selbstmordattentäter nur als Zeichen dienen für die Schlechtigkeit der Welt, wird die Politik Israels verurteilt. Es ist ein deutsches Buch.
Paul trinkt viel. David trinkt viel. Sonja trinkt viel. Der ganze Roman ist von Alkohol durchzogen. David trinkt, weil er lebt, Paul trinkt, um sich zu beruhigen. Um sich abzulenken von seiner komischen Angst und von seiner komischen Ungeficktheit. Der existenzielle Weltekel, den Staffel zu beschreiben meint, ist nichts als Langeweile. Seine Figuren sind dekadent und dumm. Peter Hacks hat Recht, wenn er sagt, dass alle Romantiker Wirrköpfe und Drogenfresser sind. Doch er irrt, wenn er sie für britische Agenten hält - die Romantik und all ihre neuen Epigonen sind deutsche Eigengewächse.
Tim Staffel: Rauhfaser. Fischer, Frankfurt M. 2002, 140 S., 12 Euro