Der indigene Faktor: Die Knechte wollen nicht mehr
Bolivien, ein tief gespaltener Andenstaat vor der Zerreißprobe | Hugo Velarde
Über zwanzig Prozent der BolivianerInnen stimmten bei den Präsidentschaftswahlen im Juli für den Kokalero Evo Morales und die indianisch geprägte Bewegung für den Sozialismus (Mas). Auf beiden Seiten formieren sich neue Bündnisse. Werden die im Parlament nun stark vertretenen Basisbewegungen die Position einer universelleren Linken einnehmen?
»Der Knecht ist die Krankheit des Herrn, nicht seine Freiheit; er ist seine Sucht .«
René Zavaleta
Im Club de La Paz. »Die Rechtsliberalen haben uns aufgefordert, mit ihnen vorlieb zu nehmen, nur weil man im gleichen Haus lebt, das jetzt Risse aufweist, die sie selbst verursacht haben. Sie verschweigen aber, dass es hier bisher streng geteilte obere und untere Etagen gab, Unterschiede in der Wohnlage, die man abschaffen muss, will man das Vaterland tatsächlich retten und gerecht neu aufbauen.« Der frühere trotzkistische Gewerkschaftsführer Filemón Escóbar, der jetzt zur Führung der Mas um Evo Morales gehört, diskutiert die neue politische Lage Boliviens im überfüllten Club de La Paz. Das berühmte Café liegt in der Nähe des Regierungsgebäudes, das einst nach einem Putsch in Brand gesetzt wurde.
Der »Club« war schon immer ein traditioneller Ort politischer Überlegungen und Auseinandersetzungen. Hier saßen der legendäre Gewerkschaftsführer Juan Lechín und der 1981 ermordete Sozialist Marcelo Quiroga, aber auch die militärische Rechte um den 2001 verstorbenen Diktator Hugo Banzer. Und selbst der Schlächter von Lyon, Klaus Barbie, der bolivianischer Staatsbürger wurde, ließ sich im Club bei Kaffee und Kuchen zu politischen Kommentaren hinreißen. Im Café de La Paz wurde konspiriert und intrigiert. Hier wurden Präsidenten und Minister ernannt und abgesetzt, politische Gegner in den Selbstmord getrieben. Man pokerte um das Schicksal Tausender. Im November 1942 spekulierten hier deutsch-bolivianische Veteranen des Chaco-Kriegs über den Ausgang des Zweiten Weltkriegs. Man verhieß dem Deutschen Reich ewigen Ruhm. Hier wurde auch Lenins Syphilis belächelt, Mussolinis Potenz bewundert, Francos jüdische Herkunft beklagt, Hitlers vermeintliche Homosexualität verspottet, Maos Sieg mit Schnaps begossen, der Mord an Trotzki ebenso betrauert wie Stalins Tod und Titos Besuch in Bolivien aus exilkroatischer Sicht bedauert. Hier besprach Ernesto Ché Guevara strategische Fragen der lateinamerikanischen Revolution, entstanden politische Thesenpapiere, wurden der bolivianische Kommunismus oder die ewige Militärdemokratie ausgerufen. Und hier sprachen Überlebende des Holocaust in deutscher Sprache mit den Henkern. »Juden« und »Arier« spielten bei Schwarzwälder Kirsch Schach, Domino oder Backgammon, bis eine tätowierte Nummer auf dem Arm die unüberbrückbaren Feindschaften offenbarte. Hier wurden Millionengeschäfte abgewickelt, Morde geplant, säkulare Kämpfe ergründet. Für Jorge Luis Borges, der immer wenn er in La Paz war, das Lokal besuchte, war es ein Ort metaphysischer Spannung zwischen europäischer Emigration und bolivianischer Konspiration.
Nun hat sich der Club de La Paz wieder gefüllt. Die eisige Kälte des Winters zwingt die Besucher, in Mantel und Schal zu sitzen - eine Kälte, die, wie man dort sagt, selbst Steine brechen kann, »dunkelbraune, harte und kantige Steine wie Indio-Gesichter«. Rechts, wie in der parlamentarischen Sitzordnung, haben sich Liberale und Konservative platziert, in der Mitte nehmen die als wankelmütig geltenden sozialdemokratischen Gäste Platz. Links sitzen die früheren trotzkistischen, maoistischen und anarchosyndikalistischen Führer zusammen und mischen sich unter die Sprecher der neuen indianischen Bewegungen. Rechts duftender bolivianischer Hochlandkaffee, feine Anzüge; in der Mitte zierliche Tassen, aus denen ein Aufguss aus Kokablättern, Anis und Minze getrunken wird; links auf den Tischen der kleine Espresso und das Leitungswasser nebst Kokablättern, die zusammen mit einer aus Getreide gewonnenen, zur Entsaftung der Blätter dienenden braunen Paste gekaut werden; Alpaka-Ponchos und bunte Mützen stechen gegenüber der bürgerlichen Kleiderordnung hervor. Hier und dort ein Glas Singani, der aus Weintrauben destillierte Nationalschnaps.
Rechts schütteln einige Liberale den Kopf. Wie lange soll man sich die Provokationen aus dem linken Lager noch gefallen lassen? »Das Vaterland zuerst!« ruft plötzlich ein Liberaler. Filemón Escóbar, sicherer Kandidat für einen Senatorenposten, wirft einen verächtlichen Blick nach rechts und antwortet heiser, aber bestimmt: »Verlogenes proamerikanisches Opportunistengesindel!« Die anwesenden Vertreter der Nationalistisch-Revolutionären Bewegung (MNR) und der Linksrevolutionären Bewegung (Mir) lassen sich davon jedoch nicht beeindrucken. Bis vor kurzem noch heillos zerstritten, bilden sie nun unter Gonzalo Sanchez de Lozada eine Regierungskoalition. Die Mas und Evo Morales sind abgewehrt, und die zu vergebenden Posten werden unter den alten Eliten besprochen. Die Jobs sind knapp, man geht die Situation pragmatisch an.
Eine schwarze Lawine
Ketchua im Parlament. Gonzalo Sánchez de Lozada an der Spitze des MNR hat über die Parteien hinweg zu nationaler Versöhnung aufgerufen. Ohne das Bündnis mit der als völlig korrupt verschrieenen Mir könnte er nicht regieren. Sánchez de Lozada gewann selbst kaum mehr Stimmen als Morales, und die politischen Gegensätze im Land scheinen unüberwindlich. Die Wirtschaftskrise ist besorgniserregend und der IWF knüpft immer härtere Bedingungen an die Vergabe neuer Kredite. Zudem wird der Druck der Nordamerikaner wegen des Kokaanbaus immer stärker.
In dieser Situation fürchten die alten Eliten Umbrüche, die wie eine »schwarze Lawine« über das Land hereinbrechen und zur »Zersetzung« führen könnten. Und so appellieren die etablierten Kräfte an das nationale Gewissen, Ruhe zu halten, während die indianische Bevölkerung mehr Teilhabe und Gerechtigkeit verlangt. Dabei spaltet sich die weiße Oberschicht auch immer stärker von der ethnisch gemischten Mittelschicht, und das ohnehin brüchige Sozialgefüge verliert weiter an Halt.
Doch bei aller barocken Kampfesrhetorik und allem kolonialen Pomp, schon zur Amts-einführung von Sánchez de Lozada am 3. August wurde klar, dass diesmal ein Teil der parlamentarischen Opposition kein Spanisch spricht, sondern Ketschua, Aimara und Tupi Guaraní. Zur Verständigung wurden Dolmetscher bestellt, und im Parlament wurde sogar gesungen. Der Mir-Führer Jaime Paz blieb der Zeremonie zur Präsidentschafts-einführung seines verhassten Koalitionspartners Sánchez de Lozada fern. Dennoch einigten sich die beiden Koalitionsparteien schließlich und teilten Minister- und Botschafterposten, Präfekturen und die begehrten Zollämter unter sich auf, mit denen man in Bolivien im Nu vermögend werden kann.
Die republikanische Illusion
Herr und Knecht. Das politische Versagen der Oberschicht und die Spaltung des Landes nach rassistischen Mustern hat eine lange Vorgeschichte. Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert war Bolivien ein wichtiges ökonomisches Zentrum Lateinamerikas, bevor es im 20. Jahrhundert an Bedeutung verlor. Die bolivianische, einst »hochperuanische« Feudaloligarchie, in den Städten Sucre und Potosi, La Paz und Cochabamba beheimatet, wehrte sich gegen das Aufkommen bürgerlicher Verhältnisse. Die bürgerliche Revolution scheiterte und verschob sich bis ins 20. Jahrhundert - mit verhängnisvollen Folgen. Die possenhafte Herrschaft der Feudaloligarchie beschränkte sich über Jahrhunderte auf die kleinen halburbanen Zentren. In einem Land, so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen, lebten die Herren prunkvoll, indem sie aus den Ländereien und den rechtlosen indianischen Arbeitskräften herauspressten, was herauszupressen war. Die indianische Bevölkerung erhielt erst in der Aprilrevolution von 1952 die bürgerlichen Rechte. In Jahrhunderten wurde sie ihres Besitzes, ihrer Kultur und Gesellschaft beraubt. Die Nation verharrte so bis in die Gegenwart in Leibeigenschaft und feudalem Verschleiß. Und der Kapitalismus blieb eine periphere Erscheinung, auch wenn der Andenstaat dank Potosi und dem größten Silberberg der Welt Europas Reichtum mitfinanzierte. Der Kapitalismus verkam in Bolivien, »in einem Land, wo Bettler auf Goldstühlen sitzen«, wie die Engländer spotteten, zu einer rein negativen Utopie. Die Oligarchie verpasste die industrielle Modernisierung des Landes. Stattdessen erreichte der Import von Luxusgütern aus Europa und Nordamerika unvorstellbare Dimensionen, während die Masse der Bevölkerung zusehends verarmte. Die Infrastruktur aus den Zeiten des Silberabbaus verfiel, die Erschließung des zerklüfteten Territoriums unterblieb. Das Land und seine Bevölkerung blieb Terra incognita, mit den bekannten Folgen der Unterentwicklung von heute.
Die bolivianischen Regierungen bestanden im 19. Jahrhundert zumeist aus gescheiterten Liberalen oder Agrarkonservativen, die einander durch blutige Putsche ablösten. 1879 verlor der Andenstaat den in seiner Geschichte schmerzlichsten Krieg. Chile besetzte die pazifische Küste Boliviens, während die Feudalherrschaften in La Paz Karneval feierten. Der Zugang zum Meer war gekappt, die Weltmärkte schienen noch unerreichbarer und die innere Spaltung war besiegelt. Die Klassengegensätze erstarrten. Sie entluden sich in rassistischen Konflikten und neurotischen Projektionen. Ethnisch inspiriert, dominierten feudale Herr-Knecht-Beziehungen. Sie strukturieren das gesellschaftliche Leben bis in die Gegenwart. Der weiße Herr imaginierte sich als stolzer Spanier, feinsinniger Franzose oder strebsamer Deutscher. Die zum Ding herabgewürdigten »Farbigen«, noch unpolitisch, wünschten sich selbst nichts mehr als das Bleichen ihrer Haut.
Auch heute schwanken die neuen sozialen Bewegungen zwischen indianischer Erweckungsmythologie und einem zumindest rhetorisch aggressiven bolivianischen Nationalismus. Von der Mas waren wiederholt chauvinistische Töne zu vernehmen. Die vielen territorialen Verluste der Vergangenheit und ein nach außen gerichteter Nationalismus müssen im Zweifelsfall die eine oder andere Leerstelle überbrücken. Dabei gibt es kaum jemanden, der das eigene Territorium überschaut. Das Gebiet zwischen den Anden und dem Amazonasbecken bleibt unerschlossen, die enormen Reichtümer des Ostens bleiben ungenutzt. Von den hohen Bergen eingekesselt und verzaubert, reicht der Horizont der BolivianerInnen nicht über die enge dörfliche oder die halburban-luxuriöse Alltagswahrnehmung hinaus. Bolivien ist eine republikanische Illusion.
Glanz und Abglanz der Revolten
Die Aprilrevolution. Dabei könnte die heutige Linke durchaus von der Geschichte profitieren. Ein Bezug auf die brillante April-Revolution von 1952 liegt nahe. Geführt von einer politisierten Mittelschicht, die eine wirkliche ökonomische, soziale und politische Integration des Landes anvisierte, wurde das indianische »Ding« 1952 zum politischen Subjekt. Damals marschierten die einst leibeigenen Bauern und nunmehr indianischen Bergarbeiter bewaffnet nach La Paz. Das Militär wurde abgeschafft, das allgemeine Wahlrecht proklamiert, die Schulpflicht eingeführt und der Großgrundbesitz enteignet. Lateinamerika war verblüfft: Hatte man jemals schon einen solch radikalen Umbruch erlebt?
Aber bereits in den fünfziger Jahren wurden die Grenzen radikaler Reformen deutlich. Die alarmierte US-Regierung schritt zur Tat. Konterrevolutionäre schlichen durchs Land. Die Banken schlossen ihre Türen, ausländische Kredite gab es nicht mehr. Die ökonomische Erpressung ist die stärkste Waffe des Imperiums. Im Zusammenspiel der Mächte war die einheimische Oligarchie nicht zu bezwingen. Die Grenzen der Souveränität Lateinamerikas wurden deutlich. Eine »Allianz für den Fortschritt« wurde geschmiedet und das Militär neu organisiert. Viele Reformen wurden zurückgenommen. Der Neokolonialismus erstickte Boliviens Aufbruch und verhinderte ein eigenständige Entwicklung. Dennoch war das in der April-Revolution errungene politische Bewusstsein der Beherrschten unübersehbar, und das Bergbauproletariat wurde zur neuen Avantgarde der Nation.
Auf die Bergbauarbeiter setzte Ché Guevara in den sechziger Jahren bei der Vorbereitung des Guerillakriegs gegen das »schwächste Glied« der lateinamerikanischen Oligarchien. Im unpolitisch gebliebenen bolivianischen Bauerntum irrte er jedoch grundlegend. Guevara setzte auf ein »natürliches Bündnis« zwischen der verarmten Landbevölkerung und dem kämpferischen Bergbauproletariat. Eine fatale Fehleinschätzung, die ihn 1967 das Leben kostete. Sein Versuch barg jedoch politischen Zündstoff.
Chés Tod erschütterte die sich bürgerlich gebende Oligarchie, die ohne Aufsicht der Herren aus Nordamerika nicht regieren konnte. Trotz der gescheiterten Guerilla-Aktion gewann die Linke neue Kraft. Weitere Reformen schienen unumgänglich. Paradoxerweise wurden sie von einer Fraktion des demoralisierten Militärs eingeleitet, das die Verantwortung für die Ermordung Ché Guevara trug. Auf die linksnationalistischen Militärregierungen folgte schließlich Hugo Banzer, der 1971 mit einem Putsch die Herrschaft ans sich riss und bis 1978 an der Macht blieb.
Seither wird auch in Bolivien neoliberal regiert. Die »strategische Aufgabe« der auf die Diktatur Banzers folgenden Regierungen reduzierte sich auf die Anpassung der Inflationsrate an die Auflagen des IWF. 1985 rief Präsident Victor Paz Estenssoro den nationalen Notstand aus. Der traditionelle Zinnabbau war am Ende, und anstatt Zinn produzierten die Bolivianer nun Kokain unter dem scheelen Blick der USA. Die Minen waren geschlossen , und das Bergbauproletariat musste zurück aufs Land. Das Subjekt der Revolution von 1952 hatte die Wahl, im subtropischen Osten von Subsistenzwirtschaft oder Kokaanbau zu leben.
Als Sánchez de Lozada 1993 zum ersten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, berief sich der frühere Bergbauunternehmer und Multimillionär in erstaunlicher Weise auf die Fortsetzung der Aprilrevolution. Dabei versuchte er vor allem, »das Land zu kapitalisieren«. Er verkaufte Anteile der Staatsfirmen an ausländisches Kapital, um so Neuinvestitionen in der Ökonomie und im Sozialbereich tätigen zu können. Auf Druck des IWF verfolgte er einen harten antiinflationären Kurs.
Dennoch wirkten die Reformen. Insbesondere das »Gesetz zur Volksbeteilung« erinnerte stark an die Revolutionszeit. Die Regierung ging zudem ernsthaft gegen die demoralisierend wirkende Korruption vor. Doch die Zeit zur Konsolidierung war zu knapp. 1997 gewann der »demokratisch« gewendete General Banzer die Wahlen und ließ sich mit Hilfe der Mir zum Präsidenten machen. Er kappte den Reformprozess. Stattdessen sagte der ehemalige Diktator zusammen mit der US-Regierung den Kokabauern den Kampf an. »Keine Koka im Chapare«, lautete die Losung, die fortan gewaltsame Auseinandersetzungen provozierte. Das subtropische Chapare-Gebiet bei Cochabamba steht seitdem für »Narcoterrorismus und Verelendung«, aber auch für soziale Emanzipation, wie sie Evo Morales und die Mas verkörpern.
Ethnischer Fundamentalismus
Vor der Zerreißprobe. Im Club de La Paz liest Filemón Escóbar die letzte Ausgabe der linken Zweiwochenzeitung El juguete rabioso (Das wild gewordene Spielzeug) und spricht mit Alvaro García, einem jungen Intellektuellen, über die Frage des »Zwei Bolivien, zwei Mächte«. Man erinnert sich an den verstorbenen Soziologen René Zavaleta und die russische Aprilrevolution. Die Mas wolle den US-Imperialismus schwächen. Egal wer in Bolivien nun regiert, an der Mas-Opposition führe künftig kein Weg mehr vorbei. Sie werde auch im Parlament das politische Sprachrohr der sozialen Bewegungen eines im Aufbruch befindlichen Boliviens sein.
Doch im Konflikt mit der Oligarchie machen andere, viel stärker ethnisch argumentierende Organisationen, der »marxistisch und westlich verseuchten Mas« die Hegemonie streitig. Dazu zählt insbesondere die Indigene Bewegung Pachakutis (Mip), die vor allem in der Hochebene stark ist und bei den Wahlen landesweit auf sechs Prozent der Stimmen kam. Angeführt vom mythischen Felipe Quispe, dem »Mallku« (Aimara für »Anführer« oder »Krieger«), hat sich die Mip kriegerischen Gottheiten verpflichtet. Das vergebliche Bleichen der Haut hat hier ausgedient. Die ethnischen Fundamentalisten streben den »indianischen Kommunismus« an, der vorkapitalis-tische und sogar vorfeudale, gemeinschaftliche Produktionsformen, »die Ayllus«, durchsetzen werde. Was Marx die »asiatische Produktionsweise« nannte, ist hier ein erstrebenswertes Prinzip. Und das »heilige Kokablatt« symbolisiert der Mip das »wieder auferstehende Inkareich«. Gegen den »westlich dekadenten Unsinn« predigt sie Antiamerikanismus. Auf die konkrete politische Arbeit im Parlament und in den Gemeinden hat dies bislang wenig Auswirkungen. Sekten wie der Mip fehlt es an Integrationskraft. Aber selbst die regierende Koalition aus MNR und Mir stellt inzwischen die »Indianerfrage« als die drängendste, um die Krise und die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden.
Das Werben um die über Jahrhunderte unterdrückte indianische Bevölkerung ist zum bestimmenden politischen Faktor geworden. Zur Zerreißprobe käme es, sollte die Oligarchie weiterhin in Hörigkeit gegenüber dem Imperium erstarren und soziale Reformen verweigern. Aber auch, wenn indianische Erweckungsbewegungen versuchen sollten, die Probleme mit reaktionären, ethnischen Gottheiten zu bewältigen. Bolivien steckt weiterhin zwischen Hoffnung und Aussichtslosigkeit.
Hugo Velarde ist Redakteur von Der Gegner (gegner.red@web.de) in Berlin.