Lieber dumm bleiben!
Bush-Hitler-Vergleich. Ziemlich im Trend liegt zurzeit die Hitlerei. Wer etwas auf sich hält, wirft mit Nazivergleichen nur so um sich. Wichtig dabei ist jedoch, dass der Vergleich möglichst krude und an den Haaren herbeigezogen ist. Eines ist jedenfalls jetzt schon klar: Promis, die demnächst unangenehm auffallen, sollten sich schon mal daran gewöhnen, dass sie mit Reichsmarschall Göring, Eva Braun und immer wieder mit Hitler höchstpersönlich verglichen werden.
Unterdessen nimmt die Schlammschlacht um die deutsche Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, einer Meisterin im Vergleichen, immer bizarrere Formen an. Diese bestreitet bekanntlich weiterhin hartnäckig, jemals den amerikanischen Präsidenten mit dem ehemaligen deutschen Führer in Verbindung gebracht zu haben, und wird dabei nicht müde, das Schwäbische Tagblatt des vorsätzlichen Schmierenjournalismus zu bezichtigen. Das Schwäbische Tagblatt, das bis vor kurzem kein Mensch kannte, hatte die Weltpolitik beeinflusst, indem es das machte, was es für seine Pflicht hielt: die umstrittenen Äußerungen einer wahrscheinlich nicht ganz bei sich gewesenen Bundesjustizministerin aufzuschreiben. Nun könnte man meinen, der Leser honoriere es, wenn seine Zeitung ihn gut aufklärt. Doch weit gefehlt.
Der stellvertretende Redaktionsleiter des Tagblatts, Eckhard Ströbel, berichtet vielmehr, es sei »ein erstaunlicher Rückfall in die Voraufklärung«, was derzeit an Empörung gegenüber dem Blatt geäußert werde. Leser verlangen in Briefen und E-Mails etwa: »Es wäre besser, wir wären unwissend geblieben.« Weiter wird die Affäre um Herta Däubler-Gmelin als Produkt einer Profilierungssucht der Tagblatt-Redakteure dargestellt, als unschöne Hetzkampagne gegen »einen der fähigsten Minister der Nachkriegszeit.« Wer als Zeitung solche Feinde hat, kann sich eigentlich nur bedanken.
Du nicht!
Einreise verboten. Die Filme des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami sollte man möglichst nicht zu später Stunde anschauen. Man würde den Schluss wahrscheinlich nicht erleben. Toll sind sie, die Filme des Mannes, der 1997 für »Der Geschmack der Kirsche« die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat. Toll, aber auch ziemlich langatmig und formal das genaue Gegenteil der so genannten MTV-Ästhetik. Kiarostami trug dazu bei, dass das iranische Kino als aufklärerisches Medium der Dissidenz vor allem im Ausland, aber auch im Iran selbst wahrgenommen wird.
Diesem Abbas Kiarostami, dem international anerkannten Meisterregisseur, verweigerten nun die USA das Visum. Beim New Yorker Filmfestival hätte er seinen neuesten Film »Ten« präsentieren sollen, doch daraus wurde nichts. Die Einreise wurde dem Regisseur schlichtweg nicht gestattet.
Nun ist es in diesen Tagen schwer, Kritik an Amerika zu äußern, ohne sich des Antiamerikanismus bezichtigen lassen zu müssen. Doch manchmal fragt man sich eben schon, und momentan ganz besonders, was da eigentlich abgeht.
Achtung, Welle
Frankfurter Rundschau. An dieser Stelle sind Berichte über die marode Zeitungsbranche inzwischen zum Dauerbrenner geworden. Deswegen nur kurz: Der Frankfurter Rundschau scheint es immer schlechter zu gehen. Dem Blatt steht eine zweite Entlassungswelle bevor, und das »Magazin« steht zur Disposition. Man erhofft sich durch diese Sparmaßnahmen, endlich wieder schwarze Zahlen schreiben zu können. Wegen der Anzeigenkrise schöpft das Blatt bereits den Kreditrahmen seiner Hausbanken voll aus.
Peter Kowald ist tot
Freejazz. Wuppertal hat eigentlich nicht so viel zu bieten: eine Schwebebahn und sich selbst als Kulisse für »Alice in den Städten«, einen der wenigen erträglichen Filme von Wim Wenders. Und eine legendäre Freejazz-Szene. Viele Musiker gingen später woanders hin, die meisten nach Berlin, wo das Freejazz-Label FMP beheimatet ist. Doch in den Sechzigern war Wuppertal der Ort, wo der europäische Freejazz brodelte. Mittendrin: der 1944 geborene Peter Kowald. Zusammen mit Peter Brötzmann bildete er das Duo infernale des deutschen Freejazz. Kowald war aber auch einer, der sich irgendwann der damaligen »Kaputtspielphase« entziehen konnte. Peter Kowalds Kontrabass ist also nicht nur auf einigen der wirklich brutalen Freejazz-Platten der Sechziger zu hören, sondern auch auf ruhigeren, dabei aber nicht weniger intensiven Aufnahmen.
Am 20. September dieses Jahres hatte Kowald noch ein Konzert in New York gegeben. Am nächsten Tag war er tot. Er starb an Herzversagen.
Aus anderen Sphären
Denkerworte. Peter Sloterdijk hat in einem Interview mit dem österreichischen Magazin profil Amerika und Israel »die beiden 'rogue states' der gegenwärtigen Weltpolitik« genannt. Wobei »rogue states«, so erläutert der Philosoph, als »Schurkenstaaten« übersetzt werden kann, zumindest ungefähr. Ob der Sphären-Denker hier antisemitisch argumentiert oder einfach nur Noam Chomsky falsch verstanden hat, muss jeder für sich entscheiden.
Twiggy heißt jetzt Twix
Ein Wort. Sie heißt eigentlich Lesley Hornby, machte in den Sechzigern Karriere unter dem Namen Twiggy und soll irgendwie für die Diät-Pein von Millionen von Mädchen und Frauen mitverantwortlich sein. Heute ist Frau Hornby 53 Jahre alt, glückliche Ehefrau und Mutter und ganze neun Kilo schwerer als zu Model-Zeiten.
In einem silbrigen Corsagekleid des italienischen Modemachers Gattinoni stieg das natürlich immer noch wunderschöne Ex-Model auf einen Mailänder Catwalk und fühlte sich plötzlich neben den anderen Models genau so, wie sich Legionen von schokoriegelliebenden Mädchen beim Anblick der einst jungshaft-dünnen Twiggy gefühlt haben müssen, nämlich »sehr dick«.