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Nr. 40/2002 - 25. September 2002
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'Jetzt' will leben

Popjournalismusreservate. Es gibt mal wieder ein wenig Gemunkel über eine der noch verbliebenen und eine der verblichenen Wohlfühlecken des Popjournalismus. Zum einen wird die Zeit ihr Ressort »Leben«, die spaßig-bunte Beilage für die Toilette, weniger spaßig-bunt gestalten. Diese Maßnahme passt natürlich herrlich zu dem in der Zeit stattfindenen Bashing des Popschreibertums.

Außerdem wird es das Jetzt-Magazin, die ehemalige Jugendbeilage der SZ, auch in naher Zukunft nicht als eigenständiges Blatt am Kiosk geben. Das stand länger zur Debatte, die Gespräche zwischen dem Süddeutschen Verlag und Gruner und Jahr fanden zwar bereits statt, wurden jedoch wegen unterschiedlicher Preisvorstellungen für die Übernahme der Marke Jetzt schon wieder beendet. Der Süddeutsche Verlag wollte dafür, dass der von Gruner und Jahr herausgegebene Stern das Jugendmagazin in den Kiosk stellen darf, eine Million Euro, Gruner und Jahr war jedoch nur bereit, eine »knapp sechsstellige Summe« dafür zu zahlen.

Die Verhandlungen sind damit erstmal gescheitert. Ob es das Magazin Jetzt jemals wieder geben wird, bleibt somit weiterhin äußerst fraglich.



Isomatte und Schlafsack

Studentennöte. In Deutschland zu studieren, ist eh kein Zuckerschlecken. In überfüllten Hörsälen auf den Heizkörpern hocken, Dozenten auf den Knien nach einer Sprechstunde anflehen, nebenbei im Callcenter jobben, das alles ist kein Spaß. Dazu kommt noch eine exorbitante Zimmernot. Es ist jedenfalls leichter, auf dem Münchner Oktoberfest einen Nüchternen im Hackerpschorr-Zelt zu finden, als ein bezahlbares Zimmer. Dennoch stürmen auch dieses Jahr wieder viel zu viele Studenten in die bayerische Landeshauptstadt, genauso wie nach Hamburg, Heidelberg oder Darmstadt, wo die Lage auf dem Wohnungsmarkt ähnlich schlecht ist. Tausende Studenten im ersten Semester werden sich deshalb, so das Deutsche Studentenwerk, darauf einstellen müssen, in Zeltlagern oder Notunterkünften einquartiert zu werden. So viel zum aktuellen Stand der deutschen Bildungspolitik, um die es auch nach der alarmierenden Pisa-Studie nicht zum Besten bestellt ist.



Die Verlegerin Heidi Paris ist tot

Merve-Verlag. Es gab mal eine Zeit, lange ist es her, da wollten noch nicht alle Kulturwissenschaften studieren, um sich abends in der Kneipe besser über Foucault, Derrida und Deleuze, über Rhizome, Vielheiten und das »Patchwork der Minderheiten« auslassen zu können. In dieser Zeit, also noch bevor sich der Suhrkamp-Verlag all die hippen Poststrukturalisten krallte, war der Berliner Merve-Verlag schon längst dabei, den damals heißen Scheiß der neuen französischen Theorie in seinen kleinen Bändchen im Hosentaschenformat und mit der Schreibmaschinen-Typo zu drucken.

Wirtschaftlich ging es dem Verlag, der sich immer auch stark um abseitige Texte von Derek Jarman oder QRT, von Rainald Goetz, aber auch um jene des rechten Staatstheoretikers Carl Schmitt kümmerte, naturgemäß noch nie überaus blendend. Heidi Paris und Peter Gente, die den Laden über all die Jahre hinweg leiteten, stellten eben schon immer verlegerische Leidenschaft über wirtschaftliche Interessen.

Nun ist Heidi Paris gestorben, weil sie es so wollte. Diejenigen, die sie kannten, sprechen von einem herben menschlichen Verlust. Wie es mit Merve weitergehen wird, dürfte erstmal unklar sein.



Kein Blut für Öl

Unterschriftenliste. Es gibt schon wieder eine Petition für oder gegen etwas. Nachdem sich in den letzten Wochen ja alle möglichen Verbände und Lobbys in Deutschland für oder gegen Schröder oder Stoiber ausgesprochen haben, geht nun in den USA das fröhliche Namensammeln für oder gegen etwas weiter. Dieses Mal geht es gegen den Irak; es sammeln: die Intellektuellen. Amerikanische Intellektuelle gegen den Krieg? Das ist neu. Zuletzt sprach sich ja bekanntlich eine Horde anerkannter amerikanischer Dichter und Denker, von Francis Fukuyama bis Michael Walzer, absolut für den Krieg in Afghanistan aus.

Doch nun haben mehr als 4 000 amerikanische Künstler, Schauspieler, Schriftsteller und Wissenschaftler in der New York Times eine ganzseitige Anzeige geschaltet, in der sie sich gegen das Vorhaben der Regierung Bush aussprechen, notfalls auch im Alleingang Saddam Hussein wegzuputzen. »Wir wollen der Kriegsmaschinerie widerstehen«, ist in der Anzeige zu lesen, die u.a. vom Filmemacher Robert Altman, von der Künstlerin Laurie Anderson, dem unvermeidlichen Noam Chomsky, von Angela Davis, von der Schauspielerin Jane Fonda, der Soziologin Saskia Sassen und dem Folksänger Pete Seeger unterschrieben wurde. »Bush hat gesagt: Ihr seid entweder für oder gegen uns - hier ist unsere Antwort. Es soll niemand sagen, dass die Menschen in den USA nichts getan haben, als ihre Regierung einen Krieg ohne Grenzen erklärte und repressive Maßnahmen verfügte«, so die Erklärung der Intellektuellen.

»Welche Art Welt wird das sein, in der die US-Regierung einen Blankoscheck bekommt, Bomben zu werfen, wo auch immer sie es will?«, wird in der Anzeige weiter gefragt. Jedenfalls keine, wie sie auf der Wunschliste amerikanischer Linksintellektueller steht. Vielleicht sollten sie sich einmal mit Gerhard Schröder und Herta Däubler-Gmelin zum Gedankenaustausch treffen. Denn diese beiden hätten, im Zeichen des Wahlkampfs, die Petition bestimmt auch gerne unterschrieben.



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