Nach den Sternen greifen
Im Burj Al Arab, dem teuersten Hotel der Welt, ist alles Gold, was glänzt von knud kohr (text) und edgar rodtmann (fotos), dubai
Burj Al Arab gehört zum Jumeirah Beach Resort Komplex, der 15 km südlich von Dubai liegt. Das segelförmige Gebäude steht auf einer künstlichen Insel, 280 Meter vom Festland entfernt, verbunden durch einen schmalen Damm, und gilt als das teuerste Hotel der Welt. Tel: 00971 - 4 - 301 - 7777
Was darf ich dir zuwerfen?« fragt mein Fotograf Edgar Rodtmann. Hingegossen auf ein drei Meter langes Polstersofa, fingert er an einem Obstkorb herum, den die Hoteldirektion zur Begrüßung auf den Marmortisch platziert hat. Gleich daneben stehen eine mit Kunstleder bespannte Schachtel mit Pralinen und eine Flasche 1998er-Merlot. »Eine Banane? Eine Kiwi? Oder eins von diesen stacheligen Dingern mit den fettigen grünen Blättern, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe?«
Ich höre gar nicht richtig zu. Von der blausamtenen Ottomane aus kann ich direkt auf das schimmernde Wasser des arabischen Golfs sehen, und die Bohrinsel am Horizont stört mich genauso wenig wie die Gruppe junger Damen, die direkt unter dem Zimmerfenster ihre Bikinis spazieren führen. Neben dem Pool hocken drei indische Gastarbeiter auf einer gepflegten Rasenfläche. Vor dem Betreten haben sie ihre Schuhe ausgezogen, und nun pflücken sie per Hand einige Styroporkügelchen zusammen, die den Gesamteindruck des Gartens aufs Übelste verunstalten.
Hinter ihren Rücken stehen acht Fahnenmasten. An sieben flattern die Flaggen der sieben Arabischen Emirate. Und am achten das Logo der Visa-Card.
»Essen möchte ich gar nichts. Aber könntest du bitte einen der Bademäntel anziehen, die Treppe vom Schlafzimmer herunterstolzieren und dabei wie der ältere David Niven aussehen?« Gedankenverloren spiele ich mit einer Fernbedienung, die mir der Journalistenbetreuer des Hotels beim Einchecken in die Hand gedrückt hat. »Weißt du eigentlich, was man mit der hier macht?« frage ich meinen Kollegen. »Keine Ahnung«, antworet er, während er eins von den stachligen Dingern über den knöcheltiefen Flausch des Teppichs in meine Richtung rollen lässt.
Der Fotograf Rodtmann und ich sind für eine Reportage in Dubai. Im Jahr 1950 noch eine kleine Handelsstadt mit 6 000 Einwohnern, hat sich Dubai seit den Ölfunden der sechziger Jahre zum modernen Eldorado gewandelt: 1,2 Millionen Einwohner - davon knapp 80 Prozent Gastarbeiter - und mehrere Millionen Touristen sind pausenlos damit beschäftigt, teuerste Dienstleistungen und Güter zu verprassen. Längst ist die Stadt nicht mehr vom Öl abhängig. Banken und Hotels machen diese Region zu einer der teuersten auf der ganzen Welt. Ein Viertelliter stilles Wasser kostet an der Bar sieben Euro, die Mitgliedschaft im angesagten Nachtclub »Planetarium« 2000 Euro und einen jährlichen Mitgliedsbeitrag. Allein Kuwait und Saudi-Arabien können da noch mithalten.
Las Vegas oder Baden-Baden hingegen nehmen sich im Vergleich aus wie Wärmestuben für obdachlose Sozialhilfeempfänger. Seitdem es im Jahr 1999 eröffnet wurde, gilt das Hotel Burj Al Arab, in dem mein Fotograf gerade mit exotischen Früchten Murmeln spielt, als Symbol für Dubais Unermesslichkeit. Das luxuriöseste Hotel der Welt, für das eigens ein siebter Stern als Kategorie eingeführt wurde. 321 Meter hoch, erbaut auf einer künstlich angelegten Insel vor der Küste. Vor allem aber ist das Burj Al Arab der Beweis, dass der Reichtum viel schneller wächst als der Geschmack.
Gleich im Eingangsbereich - nachdem man den Brunnen vor der Tür passiert hat, der am Abend nicht nur Wasser, sondern auch Feuer spucken wird - verfängt man sich in einer riesigen Eingangshalle, in der die Muster von Samtsofas und Kacheln gnadenlos übereinander herfallen. Links und rechts führen Rolltreppen in den ersten Stock. Wenn das Dubai World Trade Center mit seinen 39 Stockwerken an einem der seltenen arabischen Regentage nicht nass werden soll, könnte man es hier im Lichthof unterstellen, ohne die Antennen einziehen zu müssen. Die Brüstungen vor den einzelnen Zimmern schrauben sich über 200 Meter hoch, ohne Zäune oder Sicherheitsgläser. Dass dieses Hotel noch nicht zum Geheimtipp für Selbstmörder wurde, die einen letzten Tag im Luxus verbringen und sich dann mit einem beherzten Sprung vor der Rechnung drücken wollen, ist unverständlich.
»Everything that looks like gold, is gold«, murmelt der Journalistenbetreuer mit einer lässigen Kinnbewegung in Richtung einiger Säulen, während er uns die Koffer trägt. Außer den schweren Aschenbechern. Die sind aus purem Silber. Und das Kristall kommt aus der Steiermark. Aber das schimmert ja auch nicht golden.
Die teuerste Wohneinheit im Burj Al Arab hat 780 Quadratmeter und kostet 8 000 Euro pro Nacht. Ohne Frühstück. Kollege Rodtmann und ich gehen mittlerweile dazu über, meine 170-Quadratmeter-Besenkammer für läppische 1 400 Euro pro Nacht genauer zu untersuchen. Zwei Etagen, zwei Badezimmer. »Aber nur ein Whirlpool«, runzelt der Kollege die Stirn. Zwei Fernseher, zwei Schreibtische. »Aber nur ein Laptop.« Ein von innen beleuchteter Wandschrank, eine von innen beleuchtete Porzellanvase. »Und nur eine Herrenpflegeserie auf dem Waschbecken«, rümpft der Kollege die Nase. »Dafür aber 'Rocabar' von Hermès, Paris, in 100-Milliliterflaschen«, beschwichtige ich. »Und was ist eigentlich mit dieser Fernbedienung?« »Was hast du bloß mit der?« meckert der Kollege. »Ich gehe jetzt essen!«
Leider ist das Restaurant im Keller ausgebucht. So kommen wir um den Spaß, im Erdgeschoss einen Fahrstuhl betreten zu dürfen, der für zehn Meter zwar gut drei Minuten braucht, aber über eingebaute Rundummonitore eine U-Boot-Fahrt simuliert, um vor einem Aquarium mit Tiefseefischen zu enden. Missvergnügt gehen wir zurück auf mein Zimmer und ordern einen leichten Imbiss.
Hinterher reinigt sich der Kollege die Beißwerkzeuge mit einem Zahnstocher, der an einer Seite in einem Plastikspieß endet und auf der anderen Seite in einer Art Bogen, der mit Zahnseide bespannt ist. »War das Hummerragout nicht ein bisschen versalzen?« »Na ja, aber dafür waren die gegrillten Großgarnelen wirklich gut. Und letztlich: Was willst du schon groß erwarten für 193 Euro?« Danach geht Rodtmann in den Wellnessbereich.
Ich aber bleibe auf dem Zimmer und setze mich vor den Panoramafernseher. Jetzt will ich endlich herausfinden, was es mit der Fernbedienung auf sich hat. Entschlossen drücke ich die Power-Taste. »Mit dieser Fernbedienung können Sie sämtliche Funktionen Ihrer Suite steuern«, erscheint eine Schrift auf dem Bildschirm. »Sie können wählen unter 65 Kabel- und vier Radioprogrammen. Sie können aus 35 Videos oder DVDs auswählen. Eingebaut ist ein Internet-Zugang, mit dem Sie surfen können. Außerdem können Sie mit der Menü-Leiste die Vorhänge im Unter- oder Obergeschoss öffnen und schließen, die Überwachungskamera am Eingang betätigen und die Tür öffnen. Unter Ziffer 200 finden Sie zudem ein spezielles Videoprogramm.«
Spezielles Videoprogramm. Na ja, denke ich, auch in islamischen Ländern lässt man allein stehende Herren also nicht allein stehen. Aber erst mal beginne ich mit einem regionalen Sender. Ich drücke, und nichts passiert. Ich drücke nochmal, ein wenig heftiger. Der Vorhang geht auf. Beim nächsten Mal drücke ich zweimal. Über den Bildschirm flimmern die Nachrichten von Sat1, und der Vorhang geht wieder zu. Mit anschwellender Halsschlagader werfe ich die Fernbedienung in die Kissen. Im oberen Viertel ist eine Aufnahme der Überwachungskamera zu sehen. Außerdem läuft eine Schrift durch, dass das von mir ausgewählte Video leider nur im arabischen Original zu sehen ist. Für die DVD in Englisch soll ich mich bitte an meinen Betreuer wenden.
Um mich zu beruhigen, gehe ich ins Obergeschoss und drehe die Hähne des Whirlpools auf. Keine Ahnung, wie viel Badezusatz man in diese swimmingpoolgroße Wanne kippt. Eine Drittelflasche vielleicht? Und während das Wasser einläuft, schaue ich mir etwas für allein stehende Herren an. Kanal 200 also. Doch sooft ich auch drücke: Immer erscheint »Dubai 2« mit einer Art Spielshow, in der traditionell gekleidete Herren offenbar erstens einen Bauchtanz aufführen und das zweitens unglaublich witzig finden müssen. Das Geräusch vom laufenden Wasser klingt plötzlich so seltsam gedämpft. Also wieder ins Obergeschoss.
Die Drittelflasche war offensichtlich zu viel. Die Schaumflocken bilden mittlerweile einen Strom, der sich bis zum Bidet ausdehnt. In meiner Not greife ich mir eine Seifenschale, um die Flocken in die Duschkabine zu schaufeln. Und als das nicht mehr reicht, greife ich mit beiden Armen zu. Endlich habe ich den Wasserhahn erreicht, da klingelt es an der Tür. Ich versuche, sie per Fernbedienung zu öffnen, doch es erscheint nur das Startmenü des Internetzugangs auf dem Schirm. Also reiße ich sie per Hand auf. Kollege Rodtmann ist zurück. Schluchzend werfe ich mich ihm in die Arme. Mit einer Hand tätschelt er mir den Rücken, mit der anderen greift er zur Fernbedienung, und nach einer halben Minute schweigt der Fernseher.
Allerdings leuchten plötzlich alle Dioden des Faxgeräts, aber das stört mich nicht wirklich. Am nächsten Tag werden wir auf Kosten des Hauses im weißen Rolls Royce zum Flughafen gefahren. In meiner Tasche befinden sich die kunstlederne Pralinenschachtel, alle Kugelschreiber sowie die gesamte Herrenpflege-Serie. Und ich stolpere nicht beim Einsteigen. Immerhin.