Champignon und Stadt
Berlin/Pilzkunst. Für uns naturkundlich schlecht ausgebildete Städter ist der Pilz ein äußerst geheimnisumwittertes und respekteinflößendes Ding. Es ist weder Pflanze noch Tier und erscheint uns als transgressives Gewächs zwar ein bisschen suspekt, aber auch nicht uninteressant. Näheren und entspannteren Kontakt mit dem Pilz haben wir zumeist nur im Ristorante, wo er in Form eines Funghi-Belags auf die Pizza kommt. Tritt der Pilz am eigenen Körper auf, gibt's dagegen Probleme. Ebenso nach dem Verzehr des falschen Pilzes, z.B. des giftigen Knollenblätterpilzes, des Fliegenpilzes oder des Giftreizkers. Große Schäden enstehen auch durch Rost- und Brandpilze, die jedes Jahr aufs Neue einen erheblichen Teil der Getreideernte vernichten.
Also: Sex 'n' Drugs 'n' Crime, alles drin. Der Pilz ist ein Supersujet, findet auch der Berliner Künstler Klaus Weber, der sich besonders mit dem delikaten Trottoir-Champignon beschäftigt hat. Wenn Sporen dieses Pilzes unter den Asphalt gelangen, kann er den Straßenbelag vulkankegelartig aufbrechen. Lange Zeit recherchierte der Künstler gemeinsam mit der pilzkundlichen Arbeitsgemeinschaft Berlin Brandenburg e.V. über den Agaricus Bitorquis mit dem milden nussigen Geschmack. Die Pilzkundler entdeckten für Weber ein Exemplar in Berlin-Lichterfelde. In seiner Brutstube legte Klaus Weber dann eine Kultur an und kann den Pilz nun beliebig vermehren. Den Künstler beeindrucken »Hedonismus, Spezialismus und Zerstörungskraft« des Champignons.
Davon handen soll auch seine experimentelle Plastik, die während einer Performance im Zeitraum zwischen dem 27. September (Eröffnung) und dem 26. Oktober (Ernte) in der Berliner Mendelssohnstraße stattfindet. Auf einer Asphaltfläche mit Brutlabor werden zwischen Plattenbauten und einem Parkplatz Experimente mit diesem hoch sympathischen Pilz durchgeführt. Zur Finissage im Oktober sollen die Champignons die Asphaltdecke durchbrochen und für ein erhabenes Muster im Belag gesorgt haben.
Wir sagen: Dieser Pilz mit der Vorliebe für ein urbanes Umfeld und dem ausgeprägten Widerstandswillen ist auf unserer Seite, er verdient unseren ganzen Respekt und ist für diverse Innenstadtaktionen ein Traumpartner.
Strom und Rassismus
Berlin/Abschiebung. Unser zweiter Tipp handelt von der Kunst, Strommasten umzusägen. Nach der Einschätzung von Experten kein leichter Job, sondern ein Riesenakt, der mehrere Stunden in Anspruch nimmt und zudem nicht ganz ungefährlich ist. Wie es aus einer Pressemitteilung autonomer Gruppen hervorgeht, wurde in der Nacht zum 4. September ein Strommast in der Nähe von Zeuthen umgenietet. »Der Strommast ist umgefallen, ein Kurzschluss jedoch leider ausgeblieben. Unser Ziel, den Flughafen als Teil der deutschen Abschiebemaschinerie lahm zu legen, ist somit fehlgeschlagen.« Die Aktivisten wollen aber weitere Angriffe starten, die Vertreibungspolitik und Abschiebung stoppen und den Rassismus bekämpfen. Sie schreiben: »Von unserem heutigen Beutezug haben wir euch etwas mitgebracht: Originalschrauben und -muttern vom Strommast.« Und sie schließen: »Für eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Unterdrückung.« Hey, das ist ein tolles Schlusswort!
Salami und Haken
Berlin/Wurstkunst. Nicht jedermanns Geschmack dürfte unsere dritte Kunstempfehlung der Woche sein, wobei gerade der Ekel den Reiz, die Brisanz und die Schönheit der Sache ausmacht. Es geht um Objekte des Berliner Galeristen und Künstlers Jan M. Petersen, dessen Hakenwürste auf dem Boxhagener Platz im Bezirk Friedrichshain ausgestellt werden und dort für Furore sorgen.
Völlig zu Recht. Die einzeln in eine Plastikverpackung eingeschweißten Wurstscheiben in den Geschmacksrichtungen »Nazischwein« und »Nazirind« sind visuell wie haptisch gleichermaßen unangenehm bis eklig. Auch weil die Konservierung der zu Teilen aus Mortadella, zu Teilen aus Salami bestehenden Scheiben nicht ganz gelungen ist und das Zeug unter der Folie vor sich hin gammelt.
Das eigentlich Brisante aber ist natürlich, dass die Mortadella nicht dieses blödsinnige lachende Clownsgesicht hat, wie es die deutsche Fleischerinnung für ihre kleinen Kunden in die Wurst stampfen lässt, sondern ein Hakenkreuz trägt. »In Anbetracht der ständigen Übergriffe seitens rechter Machtstrukturen«, sagt der Künstler, »war es mir wichtig, ein Zeichen zu setzen.« Und zwar direkt in die Wurst.
Der Künstler weiter: »Die Botschaft, neonazistische Symbole in Würsten umzuformen, wird verstanden, wenn auch in solchen Fällen eher missmutig.« Mit »solchen Fällen« sind die rechts gesinnten Flohmarktbesucher gemeint, die am Boxhagener Platz für Ärger sorgen.
Völlig Wurst jedoch war der Berliner Polizei, dass das verfassungswidrige Symbol aus künstlerischen Intentionen zum Würstchen umgeformt worden war. Sie erkannte das »verfassungsfeindliche Kreuz« (Protokoll, Teil A) wieder und beschlagnahmte »11 x verpackte Wurst mit Hakenkreuz und Beipackzettel« (Protokoll, Teil B). Jan M. Petersen, der seine Wurst u.a. auf der diesjährigen Documenta ausgestellt hat, droht nun eine Anzeige.