Kollektivpsychosen II
Gewalt im Wald
Sie sind Angehörige eines reaktionären Trachtenvereins. Ihre Freizeit verbringen sie bevorzugt mit einem recht unappetitlichen Gebaren, das sie »Brauchtumspflege« nennen, und der gelegentlichen Veranstaltung von Massakern. Sie tragen nicht selten Rauschebärte. Und auch sonst, so scheint es einem, sind sie verstandesmäßig nicht so ganz auf der Höhe. Nicht aber von fundamentalistischen Gotteskriegern (al-Qaida) ist hier die Rede, sondern von ganz anderen Terroristen: den deutschen Jägern (Hal-al-i).
Deren blutigem Krieg in Wald und Flur, den sie derzeit noch immer führen, dürfte, wenn alles nach Plan verläuft, jedoch bald ein Ende gesetzt werden. Denn ein Häufchen aufrechter Widerständler, die Initiative zur Abschaffung der Jagd, versucht den Jägern, die Terror aus dem Hinterhalt betreiben, ihr schmutziges Handwerk zu legen.
Einmal im Monat, immer samstags, marschieren die Widerstandskämpfer mit Transparenten bewaffnet über den Kurfürstendamm, um die Menschheit über das Terror-Netzwerk im Wald aufzuklären, das dort sein schändliches Unwesen treibt und einen unbarmherzigen Krieg gegen die Schöpfung Gottes ausgerufen hat. Sprich: einen Krieg gegen das Viehzeug, das man zu Ragout und Hirschhornknöpfen verarbeiten will.
Wenn aber ein Krieg im deutschen Wald stattfindet, so viel weiß man, dann ist die Feldküche der Kriegsgegner nicht weit. Und entsprechend schenkt vor der Gedächtniskirche eine große Feldküche der Jagdgegner kostenlos feine vegane Kartoffelsuppe aus, denn ohne Mampf kein Kampf.
Für eine machtvolle Demonstration gegen den Jäger mit dem Schießgewehr braucht es jedoch mehr als feine vegane Kartoffelsuppe. So viel steht fest. Vor allem benötigt man Bündnispartner, das weiß auch der Heilbronner Studiendirektor Kurt Eicher, der Sprecher der Initiative, denn der Feind operiert im Verborgenen. »Die Jäger sitzen an den Schaltstellen der Macht, sie sind betucht und einflussreich«, belehrt er die Demonstranten. Nicht ohne Stolz stellt er seine Mitkämpfer vor. Einen Mann »von der Tierschutzpartei«, einige Leute »vom Vogelschutzkomitee« und »eine Abordnung, die sich 'Schweineschutz' nennt«, seien heute dabei.
Alle sind zum Protestmarsch angereist. Kein Weg ist ihnen zu weit, um die unvorstellbaren Verbrechen der grausamen Organisation anzuprangern, deren schussgeile Mitglieder in zahlreichen so genannten Jagdvereinen konspirative Treffen abhalten. Dort nämlich geschieht das nahezu Unfassbare. Tückische Jäger locken mit Futter / und erschießen Kind und Mutter. Doch dabei bleibt es oft nicht. Kommen die Jäger so richtig in Fahrt, gibt's kein Halten mehr. Hauptsächlich ist es zwar noch immer die Treibjagd, die ein Stalingrad für Tiere bedeutet, doch auch sonst ist für die Tiere jeden Tag KZ bzw. auch jeden Tag Treblinka.
Möglicherweise ist aber auch jeden Tag Dresden, Auschwitz, Waterloo und Takatukaland, was ja auch wurscht ist. All das geschieht ungestraft vor den Augen der Weltöffentlichkeit, ohne dass jemand die Verantwortlichen für den Jagd-Terror zur Rechenschaft zieht und zu Jägerschnitzel verarbeitet. Deshalb muss demonstriert werden.
Auch die Hiphopkapelle AJ Gang ist stets dabei, die mit ihrem Agitpropsong »Bambikiller« die monatliche Demonstration musikalisch begleitet: »Sie haben überhaupt kein Plan / von den Gesetzen der Natur / was für sie zählt ist nur ihr ego / Lust am Töten, Jagdlust pur (...) Schafft die Jagd ab - endlich Schluss mit der Gewalt / Schafft die Jagd ab - keinen Terror mehr im Wald (...) Wir fordern Schluss mit dem Jagdtreiben / Die Jäger sollen zuhause bleiben / Wann endlich checkt ihr den Dreck / Denn nur zum Spaß, zum Vergnügen schießen sie unsere Freunde weg!«
Sicher, Bambi darf nicht sterben, denn auch Rehe haben eine Seele. Und doch bleiben Zweifel. Auch bei dem einen oder anderen Jäger findet man womöglich eine Seele, und im Übrigen ist mein Schnitzel nicht mein Freund, sondern mein Frühstück. Und das ist wohl ein kleiner Unterschied, wenn auch beide Worte mit F beginnen.
Deshalb Hand aufs Herz: Haben die Jäger etwa nicht auch ab und an einen liebenswürdigen Zeitgenossen in ihren Reihen, der sich ums Gemeinwohl verdient gemacht hat, indem er versehentlich einen Waidmannskollegen erlegt hat? Oder anders gefragt: Besteht bei Lichte besehen nicht vielleicht der eigentliche Terror bzw. Krieg gegen die Schöpfung im Ausschenken kostenloser feiner veganer Kartoffelsuppe, während der Jägersmann doch eigentlich den zweifellos leckeren Wildschweinbraten vor dem Aussterben bewahrt?
thomas blum
Alle [in der Print-Ausgabe] hervorgehobenen Passagen entstammen den von den Demonstrationsveranstaltern mitgeführten Transparenten, Broschüren und Tonträgern.
Für Interessierte: Die nächste Anti-Jagd-Demo in Berlin findet am 5. Oktober 2002 statt. Treffpunkt: 12 Uhr, Adenauerplatz.