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Nr. 38/2002 - 11. September 2002
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Glückliche Tage ohne Happy End

Salzburg/Aktionskunst. Es wäre übertrieben zu behaupten, das Feuilleton dieser Zeitung sei Fan des Münchner Aktionskünstlers und Antifaschisten Wolfram Kastner, eines bärtigen Herrn, der oft mit breitkrempigem Hut unterwegs ist. Die Feuilletonredakteurin fühlt sich von Kastners Kunstpraxis sogar immer ein bisschen an das Treiben ihres ehemaligen Kunst- und Pädagogiklehrers erinnert, und zwar peinlich erinnert, denn für diesen Kunstlehrer und Beuys-Schüler musste man sich oft schämen. Wo er ging und stand, entdeckte er irgendwelche gesellschaftlichen Missstände, auf die er dann mit den Mitteln der Kunst aufmerksam machte. Oft bestand die Kunstaktion allerdings nur aus schlechtem Benehmen. Zum Beispiel der spontane Protest gegen die Zwänge des warenproduzierenden Systems, der während eines Einkaufs in einem Plus durchgeführt wurde.

Dazu wurden eine Packung Apfelkuchen zu 1,98 aufgerissen und ein paar Bissen genommen und gegenüber der prekär beschäftigten Verkäuferin die Erklärung abgegeben, dass es ein verdammtes Menschenrecht sei, einen Kuchen, den man kaufen wolle, vorher »probieren« zu dürfen. Wegen des Plus-Traumas der Redakteurin werden Kunstaktionen des zivilen Ungehorsams in diesem Ressort also äußerst zurückhaltend aufgenommen.

Wirklich okay ist aber Wolfram Kastners Salzburger Aktion vom Sommer 2001, die in ein Strafverfahren mündete, das jetzt auf unbestimmte Zeit eingestellt wurde. Der Künstler hatte eine Marmortafel am ehemaligen Gerichtsgebäude in Salzburg, auf der ein dreist gekürztes Zitat von Theodor Herzl eingraviert war, mit Filzstift beschriftet. Den Satz aus Herzls Tagebuch »In Salzburg brachte ich einige der glücklichsten Stunden meines Lebens zu« ergänzte Kastner quellenkritisch um die entscheidende Bemerkung »Ich wäre auch gerne in dieser schönen Stadt geblieben, aber als Jude wäre ich nie zur Stellung eines Richters befördert worden.«

Das Strafverfahren wegen Beschmierens eines denkmalgeschützten Gebäudes wurde jetzt gegen Auflage einer einjährigen Probezeit vorläufig abgeblasen.



Legende vom Kudamm

Berlin/Rolf Eden. Es war heiß, es war Mittag, und es war am Ku'damm, wo die Feuilletonredakteurin in der vergangenen Woche auf dem schattigen Mittelstreifen eine seltsame Gestalt im himmelblauen Sommeranzug und mit einem Schopf in Gold-Metallic herumirren sah. Irgendwas stimmte nicht, die gebeugte Haltung passte nicht zum stramplerfarbenen Anzug usw. Es war der legendäre Rolf Eden, der sich so kraftlos zu einem Parkautomaten schleppte wie ein Verdurstender nach fünf Tagen Wüstendurchquerung zur Oase.

Die Redakteurin schwor sich beim Anblick des 72jährigen Mannes, dem irgendjemand verboten haben muss, irgendwann auch mal alt zu werden, ab sofort jede Form von Jugendwahn und die ihn begünstigenden Strukturen genauso zu ächten wie den Sexismus und den Rassismus und außerdem in Zukunft auf die teure Anti-Aging-Creme von Vichy zu verzichten. Und, hat's geholfen? Ja, Rolf Eden hat in der vergangenen Woche seine Discothek »Big Eden« verkauft, die früher mal für kurvige blonde Frauen im Bikini und prominente Gäste berühmt war. Er zieht sich aus dem Playboy-Business zurück.

Der zuletzt völlig oute Laden am Ku'damm wird jetzt von den Betreibern der Arena und des Sage Club gemacht, die die 1967 eröffnete Disco erstmal umbauen, um dann ab dem 13. September mit einem Schlagerabend den Neuanfang des old Eden zu feiern. Dass das neue Eden weniger abschreckend ist als das alte, ist nicht zu befürchten. Laut Programmankündigung werden die Schlagersänger nackt auftreten. Das zumindest hatte Rolf Eden einem erspart.



Wegen 9/11

Mode/Lauren Bush. Orientalisch inspirierte Kleider sind wegen der weiten Schnittführung nicht jedermanns Geschmack. Vielen sind diese Klamotten auch zu unpraktisch beim Fahrradfahren oder Treppensteigen. Das sind gute Gründe, einen Bogen um den Ethno-Look zu machen. Schwachsinnig jedoch ist es, diese Kleidung wegen des 11. September abzulehnen. Diese Begründung fiel einem Model ein, das sich, so die Welt, in letzter Sekunde geweigert haben soll, bei einer Modenschau für das Label Toypes eine im weitesten Sinne fernöstlich motivierte Kleidung vorzuführen. Das renitente Model heißt Lauren und ist die Nichte des amerikanischen Präsidenten.



Aus der Praxis des Widerstands

Frankfurt a.M./Flughafenausbau. Bitte denken Sie nicht, das Feuilleton hätte den Kontakt zur Basis verloren und triebe sich nur auf zweitklassigen Modenschauen und in drittklassigen Discotheken herum. In Wirklichkeit kennt es sogar Leute, die in Innenstadtgruppen arbeiten, and here we go.

»Wird der Flughafen Stadt? Oder die Stadt Terminal?« Schneller als erwartet wurde diese Frage der Innenstadtgruppe Frankfurt beantwortet. Die Stadt, die sich in Anflügen von Größenwahn gerne »Mainhattan« nennt, wird zum Terminal des Airports und macht von ihrem Hausrecht Gebrauch. »Wir wollen diese Gruppe nicht haben, weil sie gegen den Flughafen-Ausbau ist.« Mit dieser Begründung verweigert Mathias Wilhelm vom Liegenschaftsamt der Innenstadtgruppe trotz mündlicher Zusage die Nutzung des Frankensteiner Hofs für ihre Veranstaltungsreihe »Widerworte und Störbilder zur Flughafenwelt«. Im Rahmen der »Startbar West« sollte über Global City, Airport und Stadtentwicklung geredet werden. Metropolitane Diskurse schön und gut, aber nicht in einem städtischen Raum, gar am 11. September! Am 99. Geburtstag von Adorno.

Die »Startbar West-Reihe« wird wie geplant vom 11. bis 15. September stattfinden, wo auch immer.



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