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Subtropen #17/09 - September 2002
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Keine Ruhe, trotz Mercenaires

Siegfried Müller im Interview | Walter Heynowski und Gerhard Scheumann

Siegfried Müller erlangte eine gewisse Berühmtheit in der westeuropäischen Öffentlichkeit durch seinen Einsatz als Söldner im Kongo. Auf der Seite des von den alten Kolonialmächten, von den USA und Südafrika protegierten Moïse Tshombé kämpfte »Kongo-Müller« im Rang eines Majors Anfang der sechziger Jahre gegen die Anhänger des ermordeten Ministerpräsidenten Patrice Lumumba. Die DDR-Dokumentarfilmer Walter Heynowski und Gerhard Scheumann zeigten den von Müllers Einheit verübten Terror in der Dokumentation »Kommando 52« (1965). Die folgenden Interviewpassagen stammen aus ihrem Film »Der lachende Mann«.


Wir haben Im Verlaufe unseres Gespräches schon ein paar Namen von Deutschen genannt. Das waren doch großenteils junge Leute, also nicht wie Sie Jahrgang 1920, sondern wesentlich später ...

Ich bin ein Veteran.

Sie sind ein Veteran, Sie haben auch, wenn ich an Ihre Schilderung des Juni 1941 denke, so etwas wie eine antibolschewistische Tradition bereits ...

Richtig.

... aber diese jungen Leute doch nicht.

Wir haben für den Kongo gekämpft, nicht weil wir für den Kongo kämpften oder für Tshombé - Personnage spielt gar keine Rolle. Wir haben für Europa gekämpft im Kongo, für die Idee des Westens, und zwar, um es ganz genau zu sagen, für Liberté, Fraternité usw. Sie kennen diese Sprüche ...

Egalité.

Ja.

Seit 1789 im Sprachgebrauch.

Richtig, und dafür habe ich gekämpft, nichts anderes, denn Afrika ist für mich die Verteidigung des Westens in Afrika.

Wir haben für die westliche Zivilisation gekämpft, wir haben für den Kongo gekämpft. Der Kongo bedeutet in diesem Falle die westliche Zivilisation, einschließlich Europa, einschließlich unserer Nato, das habe ich ja allen Belgiern erklärt, der Kongo ist ein Nato-Fall. Er ist nicht wie ein Spielchen so daneben, sondern der Kongo ist ein Nato-Fall, der Kongo ist ein Fall, wo wir Europa gegen den Kommunismus verteidigen.

Gut, ich habe verstanden, Major Müller. Eine Frage noch: Wenn ein Deutscher starb, hat dann ein Angehöriger in Deutschland irgendeine Nachricht erhalten, wurde ihm Trost zuteil, oder wie war es?

Dies ist natürlich etwas, das ist zu viel von mir verlangt, denn ich bin nicht im Hauptquartier der Kongolesen-Streitkräfte gewesen. Ich kann nur sagen, dass ich mich mit aller Mühe bemüht habe.

Wie?

Ich habe mich an das Hauptquartier gewandt und hab' gesagt: »Hört mal, da sind Deutsche - da sind Deutsche im Einsatz, da sind Deutsche gefallen, nun sagt endlich den Verwandten, der Mann ist gefallen.«

Ich möchte sagen, ich persönlich hab' mich bemüht, die Situation zu klären, jedem die Chance zu geben, dass jeder in Deutschland Bescheid weiß: sein Mann oder sein Sohn ist gefallen. Er ist in Albertville begraben oder in Stanleyville oder so.

Major Müller, ich versuche mich jetzt in Ihre Lage hineinzuversetzen. Wie ging es eigentlich zu, wenn Sie nach einem Gefecht, möglicherweise nach der Situation einer militärischen Umzingelung, nach dem Abgeben vieler Schüsse, Toten vor den Linien, Gestank in der Luft, abends sich im Quartier zusammenfanden? Sie waren ja nun doch ein großer Teil, oder ein wesentlicher Teil, deutsche Landsleute. Gab es da auch mal so etwas wie, ich möchte mal fragen, Stunden der Besinnung oder Stunden der Einkehr?

Die Stunden der Besinnung, die habe ich reichlich genossen.

Und hohen Genuss werden vor allem die Stunden in der Etappe bereitet haben, die Sie sich in Abständen in Leopoldville gegönnt haben?

Oh, Leopoldville ist eine Stadt wie im Frieden ...

Ja?

Man merkt überhaupt nichts vom Krieg, in dem ... Geht alles friedlich vonstatten.

Das Internat der jungen Töchter läuft genauso wie vor zehn Jahren. Die Bars haben dasselbe Vergnügen wie vorher. Es gibt überhaupt nichts, ich möchte sagen, Leopoldville, Elisabethville, das ist der Frieden, wie wir ihn in Europa haben.

Also nicht nur das Internat der jungen Töchter ist intakt, sondern vielleicht auch, ich meine, wir dürfen ja unter Männern ein raues Wort gebrauchen, vielleicht auch das Internat der leichten Mädchen, gibt es das da auch?

Oh, es gibt auch leichte Mädchen, aber die gab es vorher schon, nicht.

Die gab es vorher schon.

Und leichte Mädchen sind nicht schlecht, haha! Aber ich möchte sagen, das Gefährliche liegt immerhin in dem Gebiet nördlich und östlich von Stanleyville, und da wird bis auf weiteres keine Ruhe sein, trotz Mercenaires, trotz des neuen Ministerpräsidenten. Das ist zwar sein Gebiet, aber das liegt immer noch in den Händen der Rebellen.

Sagen Sie, in Leopoldville gibt es auch eines der Goethe-Institute?

Ja, richtig. Ich habe, wenn ich in Leopoldville war, des öfteren dieses Goethe-Institut besucht, und ich habe also eine wundervolle Aufnahme gefunden.

Sicherlich ist es eine Institution der Bundesrepublik, aber ich möchte sagen, wir haben etwas, was zweifach läuft, und nicht nur im Kongo, sondern überall in der Welt, die offizielle und die inoffizielle Politik.

Man kann es nicht ändern, aber es ist so. Und ich will daran nichts ändern, es ist eine Tatsache.

Und im Goethe-Institut wurde Ihrer Meinung nach die inoffizielle Politik betrieben?

Ja, ich möchte nicht betrieben sagen - verstanden ...

Verstanden, ja. - Haben Sie schöne Abende dort verlebt?

Richtig, ich habe Klavierabende dort verlebt von deutschen Künstlern ...

Herr Major, wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann hat das Goethe-Institut so etwas wie eine verständige Begleitmusik zu Ihrer Arbeit im Kongo geliefert.

Richtig, das Goethe-Institut hat total verstanden, um was es sich im Kongo dreht.

Major, Sie tragen an Ihrer Brust das Eiserne Kreuz I. Klasse.

Noch immer!

Noch immer. Wann haben Sie es bekommen?

1945.

Darf ich Sie fragen, ob Sie wissen, wann der Orden, den Sie an Ihrer linken Brustseite tragen, gestiftet worden ist?

Ja. 1813 in Breslau, in meiner schlesischen Hauptstadt.

Ja, in welchem Zusammenhang eigentlich?

Der Befreiungskrieg, ich bin für die Befreiung, für die Befreiung aller Menschen, ob es die Preußen sind oder die Kongolesen.

Ihr Eisernes Kreuz trägt in der Mitte das Hakenkreuz.

Nehmen Sie davon bitte keine Kenntnis, sondern dieses Eiserne Kreuz ist ein Kreuz aus dem Zweiten Weltkrieg, und es hat nichts mit meiner politischen Einstellung zu tun.

Ich bin zwar ein Deutscher, aber betrachten Sie das bitte nicht als politisches Dekorum oder so irgendwie, sondern das ist lediglich ein Ausdruck der Zeit, in der ich als Soldat in Deutschland tätig war.

Ich verstehe, ja. Und da gibt es ein Bild in Ihren persönlichen Fotoalben ...

Ja.

... da sind Sie zu sehen auf dem Flugplatz von Leopoldville, und neben Ihnen steht ein Oberstleutnant der US-Streitkräfte. Hat dieser amerikanische Oberstleutnant keinen Anstoß genommen?

Kein Mensch hat Anstoß genommen.

Genau genommen war er doch eigentlich, Major Müller, Ihr Kriegsgegner, genau genommen.

Ah, das ist 20 Jahre zurück, das ist Historie. Damit möchte ich überhaupt nichts zu tun haben, sondern ich sage, sicherlich habe ich das EK I verdient als ein Offizier oder ein Soldat der Deutschen Wehrmacht. Aber es hat nichts damit zu tun, was zurzeit in Afrika stattfindet, denn ich kämpfe in Afrika nicht für Hitler, der ist schon lange tot, nicht für Bormann, der existiert für mich nicht, höchstens sein Sohn, den ich versuchte zu befreien. Für mich ist lediglich interessant, dass ich für den Westen arbeite, für unsere freiheitliche Demokratie.


Interviewauszüge aus »Der lachende Mann. Bekenntnisse eines Mörders«, Dokumentarfilm von Walter Heynowski und Gerhard Scheumann, Kamera Peter Hellmich, Montage Traute Wischnewski, 65 min., s/w., 35mm, Berlin: Defa 1965, Ursendung 9. Februar 1966.



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