Liebe und Napalm: Export USA
Welcome to the Atrocity Exhibition | J. G. Ballard
Nachts verschmolzen diese Visionen von Hubschraubern und der entmilitarisierten Zone
Sexuelle Stimulation durch Bilder von Massakern in den Nachrichten. Studien wurden durchgeführt, um die Folgen längerfristigen Betrachtens von Dokumentarfilmen über die Folterung von Vietcong zu bestimmen: a) männliche Kämpfer, b) weibliches Personal, c) Kinder, d) Verwundete. In allen Fällen wurde eine deutliche Steigerung der Intensität sexueller Aktivitäten mit besonderer Betonung perverser oraler und anogenitaler Praktiken festgestellt. Maximale Erregung wurde mit einer Kombination von Folter- und Hinrichtungsszenen erzielt. Aus dem Dokumentarmaterial wurden Montagen geschnitten, in denen Kämpfer und Opfer durch führende Gestalten des öffentlichen Lebens ersetzt wurden, die mit dem Vietnamkrieg in Verbindung gebracht werden, darunter Präsident Johnson, General Westmoreland, Marschall Ky. Auf der Basis von Zuschauerumfragen stellte man eine optimale Folter- und Hinrichtungssequenz zusammen, in der Gouverneur Reagan, Madame Ky und ein unbekanntes achtjähriges Vietnamesenmädchen und Napalmopfer prominente Rollen spielten. Besonders das kindliche Opfer stimulierte pädophile Phantasien mit starker sadistischer Ausprägung, wie zum Beispiel wiederholte genitale Penetration von Verletzungen der Schamleiste. Längeres Betrachten des Films hatte deutliche Auswirkungen auf alle psychomotorischen Aktivitäten.
in Travens Verstand mit Geisterbildern
Dokumentaraufnahmen des Krieges und Geistesgestörte. Endlosschleifen aus Dokumentarfilmmaterial über Kämpfe in Vietnam wurden vorgeführt vor a) einer Expertenkommission für Zuschauerreaktionen, b) psychotischen Patienten (tertiäre Syphilis). In beiden Fällen fand man heraus, dass das Filmmaterial von Kampfhandlungen, im Gegensatz zu Folter- und Hinrichtungssequenzen, eine eindeutig hypotensive Wirkung hatte und Blutdruck, Puls und Atmung auf ein akzeptables Maß regulierte. Diese Resultate stehen in Einklang mit den geringen dramatischen und zwischenmenschlichen Elementen normaler Dokumentarfilme über Kampfeinsätze. Als man jedoch Filmmaterial über Grausamkeiten in dieses psychophysiologische Äquivalent von Muzak hineinschnitt, fand man heraus, dass eine optimale Umgebung geschaffen wurde, in der die Arbeitsleistung, die sozialen Beziehungen und die Motivation schlechthin eine generell vorzügliche Ausprägung erlebten. Im Hinblick auf die aktuellen sozioökonomischen Verhältnisse scheint es logisch, den Vietnamkrieg fortzusetzen. Ersatzkonflikte militärischer oder ziviler Natur, wie zum Beispiel der unmittelbar anstehende Rassenkonflikt zwischen Schwarzen und Weißen, erwiesen sich in vorbereitenden Studien als enttäuschend, daher sollte allgemein Konflikten von der Art des Vietnamkriegs Vorrang eingeräumt werden.
des Leichnams seiner Tochter. Ihr Gesicht leuchtete
Vietnam und der sexuelle Polymorphismus individualisierter Beziehungen körperlicher Art. Das verstärkte Bedürfnis nach polymorphen Rollen wurde vom Fernsehen und den Nachrichtenmedien bereits deutlich gemacht. Geschlechtsverkehr kann nicht mehr als persönliche und isolierte Aktivität betrachtet werden, sondern ist als Vektor in einem öffentlichen Komplex anzusehen, zu dem auch Automobildesign, Politik und Massenkommunikation gehören. Der Vietnamkrieg bietet einen Brennpunkt für viele polymorphe sexuelle Impulse und darüber hinaus eine Möglichkeit, wie die Vereinigten Staaten wieder eine positive psychosexuelle Beziehung zur Außenwelt knüpfen können.
wie eine Laterne in den Korridoren seines Schlafes.
Tests, um die sexuelle Attraktivität verschiedener nationaler und ethnischer Gruppen zu bestimmen, wurden durchgeführt. Man konstruierte Fotomontagen, für die bestimmte Körperteile, wie zum Beispiel das Gesicht von Madame Tschiang oder die Scham weiblicher Gefangener des Vietcong, ausgewählt wurden, um das optimale Sexualobjekt hervorzubringen. In allen Fällen konnte festgestellt werden, dass vietnamesische Partner deutlich bevorzugt wurden. Testgruppen von Studenten, vorstädtischen Hausfrauen und psychotischen Patienten wählten wiederholt verschleierte Elemente, die Gesichter verwundeter Kinder mit ausgeprägten Gesichtsverletzungen zeigten. Weiterführende Studien, mit denen ein optimales sexuelles Modul konstruiert werden soll, das Massenproduktion, brutales Dokumentarfilmmaterial und Persönlichkeiten aus der Politik beinhaltet, sind noch im Gange. Die Schlüsselstellung, die der Vietnamkrieg dabei einnimmt, ist allerorten evident.
Sie ließ ihm eine Warnung zukommen und rief
Der latente sexuelle Charakter des Krieges. Weder politische noch militärische Gründe können eine vernünftige Erklärung für die lange Dauer des Krieges liefern. In seiner aktuellen Phase kann man den Krieg als begrenzte militärische Konfrontation unter starker Anteilnahme von Öffentlichkeit und Medien betrachten, die unterschwellige Phantasien von Gewalt und Aggression befriedigt. Tests bestätigen, dass der Krieg darüber hinaus für die Ausprägung des polymorphen sexuellen Charakters eine latente Rolle spielt. In Endlosschleifen von Kampfszenen und in Dokumentarfilme über Massaker wurden Aufnahmen von Genitalien, Achselhöhlen, Mündern und Aftern hineingeschnitten. Man fand heraus, dass Fäkalausscheidung bei Hinrichtungen eine besondere Faszination auf Hausfrauen mittlerer Einkommensschichten ausübte. Häufiges Betrachten dieser Filme dürfte eine positive Wirkung auf die Toilettengewöhnung und psychosexuelle Entwicklung der derzeitigen Säuglingsgeneration haben.
die Legionen der Trauernden an ihre Seite.
Die wirksame Vermittlung latenter sexueller Elemente des Krieges durch bestimmte Persönlichkeiten der Politik, wie z.B. Gouverneur Reagan oder Shirley Temple, deutet darauf hin, dass dies durchaus ihre primäre Rolle sein könnte. Fotomontagen belegen, dass a) der verstorbene Präsident Kennedy ein genitales, b) Gouverneur Reagan und Mrs. Temple-Black hingegen ein anales Modul des Krieges vermitteln. Weitere Tests, um die sexuellen Phantasien demonstrierender Kriegsgegner zu ermitteln, wurden zusammengestellt. Sie bestätigen die hysterische Natur der Reaktionen auf Filme von Napalmopfern und Massakern südvietnamesischer Streitkräfte und sind ein Beleg dafür, dass der Vietnamkrieg der Mehrheit der so genannten Friedensgruppen dazu dient, sexuelle Unzulänglichkeiten extremer Natur zu verschleiern.
Bei Tage flogen B-52-Bomber über
Psychotische Patienten zeigten nach kontinuierlichem Betrachten von Dokumentarfilmmaterial aus Vietnam eine deutliche Verbesserung des Gesundheitszustands, der Eigeninitiative und der Fähigkeit, Aufgaben zu meistern. Entzug der Nachrichtensendungen und Fernsehdokumentationen führten zu Entzugserscheinungen und zu einer generellen Verschlechterung des Allgemeinbefindens. Das steht in Übereinstimmung mit dem Verhalten einer freiwilligen Testgruppe vorstädtischer Hausfrauen während der Waffenruhen zu Neujahr. Gesundheit und sexuelle Aktivität ließen deutlich nach, was erst durch die Tet-Offensive und einen Überfall auf die US-Botschaft wieder ausgeglichen werden konnte. Es wurde empfohlen, Brutalität und latente Sexualität des Krieges zu steigern; aktuelle Friedensbemühungen könnten die Herstellung simulierten Bildmaterials erforderlich machen. Man konnte bereits demonstrieren, dass simulierte Filme über Hinrichtung und Misshandlung von Kindern messbare positive Auswirkungen auf das Bewusstsein und die Sprachfähigkeit psychotischer Kinder haben.
die überschwemmten Straßen des Deltas,
Gefälschte Massakerfilme. Vergleiche zwischen Filmaufnahmen von Massakern in Vietnam und gestellten Wochenschauberichten über Auschwitz, Belsen und den Kongo zeigen, dass der Vietnamkrieg die Faszination und heilsame Wirkung letzterer deutlich übertrifft. Eine Gruppe Patienten wurde im Verlauf ihres Therapieprogramms ermutigt, unter Zuhilfenahme von Fotografien von Verstümmelungen an Mund, Anus und Genitalien sowie Bildern von Persönlichkeiten aus der Politik einen gestellten Film über ein Massaker anzufertigen.
einzigartige Chiffren von Gewalt und Verlangen.
Optimaler Film über Kindesmisshandlung. Aus einem Arsenal von Massakerfotografien wählten Testgruppen von Hausfrauen, Studenten und psychotischen Patienten das optimale Opfer von Kindesmisshandlung aus. Vergewaltigung und von Napalm verursachte Brandwunden weckten anhaltendes Interesse, und so wurde ein Verletzungsprofil maximaler sexueller Erregung erstellt. Wiewohl die Testpersonen einhellig Ekel bekundeten, zeigen anschließende Untersuchungen über Arbeitsleistung und Gesundheitszustand deutliche Verbesserungen. Massakerfilme hatten auf psychotische Kinder gleichermaßen positive Auswirkungen, woraus man schließen darf, dass das Fernsehpublikum generell gleichermaßen davon profitieren könnte. Diese Studien belegen, dass nur ein psychosexuelles Modul wie der Vietnamkrieg es der Öffentlichkeit der Vereinigten Staaten ermöglicht, eine Beziehung zur Welt einzugehen, die man gemeinhin mit dem Begriff »Liebe« charakterisieren könnte.
Aus dem Englischen von Joachim Körber.
»Love + Napalm: Export U.S.A.« wurde erstmals in The Atrocity Exhibition publiziert. © 1970 by J.G. Ballard. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.