Seelisch gefährdet
Grüne. Der Bürgermeister der hessischen Kleinstadt Königstein, Siegfried Fricke von der CDU, muss außer sich gewesen sein, als er das Wahlplakat der Grünen zum ersten Mal sah. Zwei Frauen mit entblößtem Oberkörper sind darauf abgebildet, wobei die eine der anderen an die Brust fasst, wie in jenem berühmten Gemälde eines unbekannten Künstlers aus der Schule Fontainebleaus. Hinter den Frauen sind zwei ähnlich spärlich bekleidete Männer beim selben obszönen Akt zu sehen. Und daneben liest man: »Wir machen's gleich!«
Das wollten Fricke und die Stadtverwaltung von Königstein sich in ihrem Örtchen nicht bieten lassen und schritten zur Tat. Die Verwaltung ordnete an, dass die Plakate »aus dem Straßenraum zu entfernen« seien, denn sie überschritten die Grenze zur Pornografie. Der Zweck der Anordnung sei es, Minderjährige »unmittelbar vor einer seelischen Gefährdung zu schützen«.
Also entfernten die Grünen brav ihre Plakate, und der moralischen Hygiene in Königstein wäre genüge getan gewesen. Wenn nicht Fricke dann doch nachgegeben hätte. Die Anordnung wurde zurückgezogen. Die Plakate können von den Grünen wieder angebracht werden, und in Königstein herrscht wieder Frieden an der Litfasssäule. Ob es die Minderjährigen seelisch verkraften?
Plausible Verschwörungstheorie
SPD. Steht Deutschland ein Skandal vergleichbar mit Watergate bevor? Begann nicht auch Watergate mit einem Einbruch in eine Parteizentrale, in die der Demokraten in den USA? Wie der Spiegel in der vorigen Woche berichtete, seien Unbekannte gleich zweimal in die Wahlkampfzentrale der SPD in Berlin, die so genannte Kampa, eingedrungen und hätten dabei einen Laptop entwendet, auf dem wichtige Daten und Sicherheitsmaßnahmen für Auftritte von sozialdemokratischen Spitzenpolitikern gespeichert seien. Während die Berliner Polizei den Einbruch als »normales Eigentumsdelikt« einstufte, vermutete ein Sozialdemokrat, dass in der Kampa »gezielt gesucht« worden sei.
Wer weiß, vielleicht war auf dem Laptop ja auch die Strategie gespeichert, mit der Bundeskanzler Gerhard Schröder ins Fernsehduell mit Edmund Stoiber gehen wollte. Bekanntlich schnitt der Kanzler dabei recht schlecht ab. Möglicherweise war Stoiber also schon vorher über Schröders Strategie im Bilde. »Wir werden das eine oder andere ändern müssen«, gestand Schröder am Montag voriger Woche auf der Präsidiumssitzung der SPD. Wenn das mal nicht zu spät ist. Woodward und Bernstein, übernehmen Sie!
Umfragen wirken
Union. Attacke! Nein, halt! Zurück! Nicht ohne die UN! Edmund Stoiber, der Kanzlerkandidat der Union, weiß, was das Wahlvolk hören will. Kaum zeichnete sich in den Umfragen eine Wende ab, da schwenkte auch der bayerische Ministerpräsident auf einen anderen Kurs.
Hatte er sich vorher noch als treuester Verbündeter der USA empfohlen und die Bundesregierung für ihre Kritik an den Kriegsplänen attackiert, ließ Stoiber am Mittwoch voriger Woche plötzlich wissen, dass militärische Alleingänge eines Landes nicht mit dem Gewaltmonopol der UN vereinbar seien. Außerdem forderte Stoiber eine unter den Europäern abgestimmte Haltung und sprach sich außerdem dafür aus, den Druck auf den Irak aufrechtzuerhalten, um Waffenkontrolleure zuzulassen. Und was lernen wir daraus? Wer Stoiber wählt, bekommt einen Schröder. Garantiert.
Sozialdemokraten helfen
Hamburger Koalition. Die SPD ist schuld an dieser Nachricht. Denn eigentlich wollten wir Ihnen in dieser Woche einen ersparen: Hamburgs Innensenator Ronald Schill. Aber die hanseatischen Sozialdemokraten sind sich wirklich zu nichts zu schade. Kaum hatte der für seine rassistischen Ausfälle berüchtigte Schill am Donnerstag der vergangenen Woche im Bundestag auf den Putz gehauen und die Bild-Zeitung, fast alle Parteien im Bundestag und seinen Koalitionspartner in Hamburg, die CDU, in Rage gebracht, bot die Hamburger SPD der CDU bereits eine große Koalition an. »Wir haben in vielen Gesprächen deutlich gemacht, dass der Bürgermeister die Hilfe der Sozialdemokraten in Hamburg bekommt, wenn er sie braucht«, sagte der SPD-Landesvorsitzende Olaf Scholz der Tageszeitung Die Welt.
Denn die SPD wolle dazu beitragen, dass Hamburg auch ohne den Innensenator Ronald Schill regiert werden könne. Außerdem wolle man »weiteren Schaden von der Stadt abwenden«. Am Wochenende drohte auch die Hamburger FDP, die gemeinsam mit der Schill-Partei und der CDU regiert, mit einem Ende der Koalition.
Wirbel nach der Flut
Helmut Kohl. Nicht nur Ronald Schill sorgte mit seinen Äußerungen für Ärger. Nach Berichten des Spiegel verursachte auch Helmut Kohl (CDU) in der vorigen Woche einigen Aufruhr. »Das ist der schlimmste Präsident seit Hermann Göring«, schimpfte Kohl im Anschluss an eine Sondersitzung des Parlaments zur Hochwasserkatastrophe am Donnerstag voriger Woche über den Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD). Göring war von 1932 bis 1945 Reichstagspräsident.
Zwei ohne 18
TV-Duell. So richtig egal könnte uns eigentlich sein, dass der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle nicht am zweiten TV-Duell zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seinem Kontrahenten Edmund Stoiber teilnehmen darf. Das ist es aber nicht. Am Freitag voriger Woche hat das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsbeschwerde der Liberalen, mit der man eine Teilnahme Westerwelles am TV-Duell, das am 8. September in ZDF und ARD zu sehen sein wird, durchsetzen will, abgewiesen. Nun muss Westerwelle zu Hause oder in seinem »Guidomobil« bleiben. Und das tut uns wirklich leid.