Der letzte linke Student XX
Diskutiert die RAF!
Der letzte linke Student ist glücklich. Denn: Der Asta macht heute eine Veranstaltung zur Roten Armee Fraktion. Weil: Da ist ein Jubiläum, irgendwas war vor 25 Jahren. Und: 25 Jahre, das ist lange her. Und: Viele aus der RAF sind jetzt tot. Das ist traurig.
Der letzte linke Student aber ist glücklich. Er strahlt über das ganze Gesicht. Nämlich: Ehemalige Mitglieder der RAF sind gekommen. Und: Sie erzählen, wie es damals so war. So hört der letzte linke Student aufmerksam zu. Nicht nur er. Der ganze große Hörsaal ist gefüllt. Es sind auch viele Studentinnen und Studenten da, die sonst gar nicht links sind. Und: Alle hören aufmerksam zu. Darum ist der letzte linke Student heute glücklich. »Im Schmerz ist die Linke vereint«, wird er in sein goldenes Notizbuch schreiben. Wenn: er zu Hause ist. Jetzt aber ist er hier. Mit den Vielen. Vereint. Da strahlt der letzte linke Student über das ganze Gesicht.
Und siehe: Selbst der, der sich noch immer Kommunist nennt, ist gekommen. Er hört aufmerksam zu. Der letzte linke Student geht zu ihm. Der, der sich noch immer Kommunist nennt, fragt: »Was soll das? Die kommen hier alle hin, um die Leute anzustarren und sich ein bisschen Schauder abzuholen. Hat diese Linke eigentlich nur die Vergangenheit? Die Leute aus der RAF, die noch im Knast sitzen, um die kümmert sich hier keiner im Publikum.« Den letzten linken Studenten stört die Kritik nicht. Denn: Der, der sich noch immer Kommunist nennt, hört ja trotz seiner Nörgelei aufmerksam zu. Und: »Der Kommunismus hat ja auch nicht immer Antworten.« So steht es im goldenen Notizbuch. Daher lächelt der letzte linke Student. Und ist ganz glücklich.
Schließlich: ist die Veranstaltung vorbei. Der letzte linke Student und der, der sich noch immer Kommunist nennt, gehen. Sie gehen gemeinsam. Gemeinsam in einer großen Menge. Eine große Menge von Linken. Da fällt dem letzten linken Studenten noch etwas ein. Er weiß, wo sich heute ein paar Nazis versammeln. »Da gehen wir stören«, sagt er zu dem, der sich noch immer Kommunist nennt. Aber der: Der sagt, er will lieber ein Bier trinken gehen.
Da ist der letzte linke Student nicht länger glücklich. Nein: Er ist traurig. »Solche wie du zerstören die Bewegung«, ruft er. Der, der sich noch immer Kommunist nennt, ruft nichts. Der geht einfach weg. Aber der letzte linke Student, der bleibt nicht nur zurück. Nein, er bleibt traurig zurück. Und: wütend. »Solche wie du haben Holger und Ulrike getötet«, ruft er nun. Doch: Der, der sich noch immer Kommunist nennt, dreht sich nicht um.
Der letzte linke Student geht jetzt auch nicht zu den Nazis. Er geht: heim. Dann schreibt er in sein goldenes Notizbuch: »Kommunismus stört immer nur. Mit Kommunisten ist keine linke Bewegung zu machen.« Das ist sicher richtig. Doch: Besser wird es nicht. Die Bewegung bleibt zerstört. Das weiß der letzte linke Student. Das ist sehr sehr traurig. Und auch wir sollten ruhig mal den Kopf schütteln und es laufen lassen.
jörg sundermeier