»Ein Korrektiv im Wahnsystem«
Ein Redaktionsgespräch über fünf Jahre Zeitungsproduktion. mit bernd beier, kerstin eschrich, anton landgraf, ferdinand muggenthaler, tobias rapp und regina stötzel
Fünf Jahre Jungle World. Anlässlich des fünften Geburtstags haben sich Autoren, Leser und Redakteure über die Jungle World unterhalten. Wir veröffentlichen an dieser Stelle Auszüge aus allen drei Gesprächen.
Anton Landgraf: Was hat sich in den letzten fünf Jahren verändert, abgesehen davon, dass die Produktion routinierter geworden ist und sich die Arbeitsbedingungen verbessert haben?
Ferdinand Muggenthaler: Politisch hat sich das Umfeld verschoben. Antisemitimus und Antiamerikanismus haben wir immer thematisiert. Doch nach dem 11. September wurden die Themen auf einmal sehr brisant, weil Teile der Antiglobalisierungsbewegung einen traditionellen Antiimperalismus wieder entdeckt haben und einem gefährlichen Antizionismus anhängen.
Da war die Diskussion in der Linken schon mal weiter. In dieser Situation wird die Jungle World, ohne grundsätzlich ihre Position verändert zu haben, von einigen plötzlich als die große Verteidigerin der USA wahrgenommen.
Regina Stötzel: Wurde der Jungle World früher auch Kriegshetzerei vorgeworfen?
Muggenthaler: Im Kosovo-Krieg wurde uns auch vorgeworfen, wir würden zu wenig gegen den Krieg agitieren. Nur kam die Kritik damals aus dem antideutschen Spektrum, während wir jetzt als zu »antideutsch« kritisiert werden. Ich sehe da eine wichtige Kontinuität: Wir verschreiben uns nicht einer Kampagne, sondern versuchen, in einem bestimmten Rahmen eine Debatte abzubilden und voranzutreiben.
Bernd Beier: Ich bin sehr wohl für eine Schwerpunktsetzung. Wenn 90 deutsche Professoren und Intellektuelle einen Aufruf mit deutschnationalem Hintergrund gegen die USA schreiben und sich an die Islamisten hängen, wenn sie wie selbstverständlich kein Wort zu den Ambitionen Deutschlands sagen, dann nehme ich das aufs Korn. Und dann muss ich nicht reflexhaft dazuschreiben, dass ich gegen den Krieg der USA bin.
Das gleiche gilt für die Kritik an der Anti-Bush-Demo: Alle kritisieren die USA, aber niemandem fällt auf, dass der deutsche Staat auch Interessen verfolgt, siehe Benes-Dekrete usw. Da muss man doch auf die Gefahr hinweisen, das Muster der deutschen Friedensbewegung aus den Achtzigern könnte sich wiederholen, dass mit deutschnationalem Friedensgesäusel die halbe Linke eingekauft wird.
Muggenthaler: Aber eben nur die halbe Linke. Es gab auf der Demo gegen den Besuch des US-Präsidenten Anfang Mai auch Versuche, der Gefahr zu begegnen. »Gegen Schröder und Bush« war auf einigen Transparenten zu lesen. Für die Professoren gilt das natürlich nicht, da ist bedingungslose Kritik angesagt. Wenn wir aber den Eindruck erwecken, wie seien nur darauf fixiert, vor allem die Linke zu kritisieren, dann läuft was falsch.
Ich glaube aber, dass uns insgesamt diese Gratwanderung gut gelingt. Einerseits beziehen wir uns zwar auf die Linke, wir lassen uns aber nicht für Kampagnen einspannen, sondern haben auch hier die Aufgabe der Kritik. Das Hauptobjekt der Kritik sind natürlich die herrschenden Verhältnisse und nicht die leider fast bedeutungslose Linke.
Stötzel: Man muss aber auch genau bleiben. Es ist noch kein ausreichendes Argument gegen die Anti-Bush-Demo, dass dort so viele Menschen waren, während am 8. Mai vor der SPD-Zentrale nur wenige gegen Schröder und Walser demonstriert haben.
Landgraf: Es geht nicht nur um diesen Anlass. Zum Beispiel Möllemann: Hier zeigte sich eine deutliche Verschiebung in der deutschen Politik. Zum ersten Mal in der Nachkriegszeit führt ein prominenter Politiker mit antisemitischen Parolen Wahlkampf. Er gerät zwar daraufhin etwas in Bedrängnis, aber letztlich hat es keine Konsequenzen für ihn. Die Linke hat so gut wie gar nicht darauf reagiert. Die einzige größere Kundgebung gegen Möllemann, an der sich auch ein paar Dutzend Linke beteiligten, wurde von der Jüdischen Gemeinde organisiert. In einigen linken Publikationen wie etwa der SOZ oder der jungen Welt wurde Möllemann sogar explizit verteidigt.
Und auch das neue Selbstbewusstsein der so genannten Vertriebenenverbände ist bislang kein Thema. Nicht nur bei den Benes-Dekreten sind bis hin zur taz mittlerweile Positionen salonfähig, die vor zehn Jahren nur von der extremen Rechten verteidigt wurden.
Stötzel: Die Kritik daran sollte unser Schwerpunkt sein. Wir sollten uns nicht darauf konzentrieren zu kritisieren, was andere nicht tun.
Kerstin Eschrich: Aber es ist ja kein Zufall, dass zur Anti-Bush-Demo so viele kommen und zur der gegen Möllemann und Walser nicht.
Stötzel: Sicher, aber die Gesellschaft bewegt sich insgesamt nach rechts, und darauf sollte unser Hauptaugenmerk liegen. Es geht nicht in erster Linie darum, irgendwelche Bewegungsaktivisten zu verurteilen, weil sie nicht so argumentieren, wie wir es am liebsten hätten.
Beier: Zwei weitere Einwände. Erstens: Mit wem solidarisiert sich die globalisierungskritische Bewegung? Emanzipatorische, säkulare Bewegungen mit sozialen Forderungen und räteähnlicher Organisationsform wie in Algerien in der Kabylei spielen da kaum eine Rolle.
Nein, es gibt eine große Solidaritätskampagne für die palästinensische Bewegung, d.h. für eine Bewegung, bei der im besten Fall ein autoritärer Staat, im schlechtesten Fall ein islamistischer Polizeistaat herauskommt. Zweitens: Der 11. September hat die Ideologisierung noch beschleunigt. Der Anschlag, ein Massaker mit Tausenden Toten, war schnell kein Thema mehr, aber alle, die nicht sofort Zeter und Mordio schreien, wenn das Taliban-Regime vertrieben wird, sind gleich Kriegshetzer.
Und zusammen mit dem Antizionismus ergibt das eine gefährliche ideologische Konstellation. Zufällig hat die Antiglobalisierungsbewegung mit den USA und Israel die gleichen Hauptfeinde wie die Islamisten.
Stötzel: Aber die Hauptkritik der globalisierungskritischen Bewegung richtet sich auf den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und andere Institutionen, nicht auf Israel. Also Institutionen, die eindeutig kritikwürdig sind. Zu deren Treffen wird regelmäßig mobilisiert.
Und außerdem gibt es die eine Antiglobalisierungsbewegung gar nicht. In Genua demonstrierten die unterschiedlichsten Gruppen, die kaum auf einen Nenner zu bringen sind. Die ganze Bewegung auf Attac zu reduzieren, weil diese Gruppe mittlerweile den medienwirksamsten Teil der Bewegung ausmacht, ist falsch. Deren Ziele sind tatsächlich sehr kompatibel mit dem Mainstream.
Landgraf: Ein Problem der Bewegung besteht darin, dass ihre Ansichten teilweise noch aus dem vergangenen Jahrhundert stammen. Der Begriff des Kapitalismus wird mit dem Neoliberalismus gleichgesetzt, der wiederum häufig als Synonym für die USA verwendet wird. Daraus werden dann anschließend antiimperialistische Positionen formuliert. Die USA sind sicherlich derzeit das mächtigste Land auf der Welt und Bush ist alles andere als ein Sympathieträger. Aber man kann heute den Kapitalismus nicht mehr geografisch verorten, dieses System ist doch längst nicht mehr an bestimmte Territorien gebunden.
Stötzel: Es ist falsch, so zu tun, als wäre die Linke komplett in den Achtzigern stecken geblieben. Organisationen wie die Buko machen doch auch heute etwas anderes als damals. Wenn man behauptet, alle andern sind stehen geblieben, nur man selber hat sich weiter entwickelt, landet man in der Bedeutungslosigkeit.
Beier: Die globalisierungskritische Bewegung steht doch auch vor einem anderen Problem. Das Gipfelhopping allein kann auf Dauer nichts verändern. Will man eine tragfähige radikale Bewegung daraus entwickeln, muss eine Kritik des Alltags hinzukommen, in dem man als widerständiges Subjekt handeln kann.
Und genau diese Verbindung hat bislang nicht stattgefunden. Attac versucht sozusagen eine sozialdemokratische Variante: Slogans wie »Gesundheit oder Bildung dürfen keine Ware sein« bedeuten bei Attac, dass diese Bereiche wieder staatlich reguliert werden müssen. Kritik an der Totalität aus Staat und Kapital - Pustekuchen.
Eschrich: Eine Stärke der Jungle World ist es, dass sich viele Artikel auf Deutschland beziehen, also aufs eigene Land. Trotzdem sind auch Artikel wichtig, die sich mit Bewegungen kritisch auseinandersetzen.
Muggenthaler: Ich kann weder mit dem Begriff kritische Solidarität viel anfangen, noch mit Artikeln, in denen zu viel enttäuschte Liebe zur deutschen Linken zum Ausdruck kommt. Es gibt keine radikale Bewegung, für die es sich lohnen würde zu sagen: Unsere Hauptaufgabe ist es jetzt, diese Bewegung kritisch zu begleiten. Deshalb will ich eine gewisse Gelassenheit bewahren gegenüber linken Bewegungen und ihren jeweiligen Borniertheiten. Für eine rein innerlinke Debatte bräuchte es sicherlich auch keine Wochenzeitung.
Landgraf: Eine Stärke der Jungle World liegt darin, dass sie unbequeme Thesen formuliert, die sicherlich nicht immer Sympathie einbringen. Die Schwächen sind im Wesentlichen konstant geblieben. Positionen, die streitbar und provozierend sind, fehlt es häufig an einer empirischen Untermauerung.
Das liegt vor allem an den mangelnden Ressourcen, wir können es uns im wahrsten Sinne des Wortes kaum leisten, durch Reportagen vor Ort oder investigativen Journalismus unsere Thesen entsprechend zu unterfüttern. Das können wir meistens nur bei Themen, bei denen wir viele Kontakte haben, und bei Ereignissen, die in geografischer Nähe stattfinden.
Tobias Rapp: Die Stärke der Zeitung liegt darin, dass sich alle vertragen, was sehr erstaunlich ist angesicht der unterschiedlichen politischen und lebensweltlichen Positionen, die hier existieren. Konflikte führen nicht dazu, das ganze Projekt in Frage zu stellen.
Das ist aber nur möglich, weil bestimmte Auseinandersetzungen nicht in letzter Konsequenz ausgetragen werden. Das führt dazu, dass es mitunter keine richtige Linie der Zeitung gibt. Vielleicht ist das Problem, dass man bestimmte Themen ganz stark macht und andere nicht; das man sich eben im Zweifelsfall immer auf die Themen einigt, bei denen Konsens besteht. Und das ist auf die Dauer auch nicht besonders spannend.
Beier: Das Problem kommt aber daher, dass sich seit 1989 kritische Positionen hier permanent in der Defensive befinden. Weil die pseudointellektuellen Debatten regelmäßig von rechts und immer aus der deutsch-nationalen Ecke angefacht wurden. Insofern ist man da in einer permanenten Abwehrschlacht. Für ein neues deutsches Verständnis der Nation müssen das Establishment und seine Ideologen die deutsche Geschichte uminterpretieren. Und weil man auf kritische Weise gegen Deutschland ist, ist man gezwungen, das immer wieder zu kontern. 1991ff. ging es gegen die Ausländer, heute wird wieder munter die so genannte Judenfrage diskutiert.
Muggenthaler: Klar, das ist eine Aufgabe der Zeitung, aber eben nicht nur. Es war immer auch eine Qualität der Jungle World zu sagen, trotz dieser »Abwehrschlacht« bunkern wir uns eben nicht in den Gräben ein, sondern sehen noch andere Themen, die uns interessieren. Pathetisch gesprochen: Wenn wir nicht die Idee von einem besseren Leben hätten, dann gäbe es auch keinen Grund, das Bestehende zu kritisieren. Manche haben das Hedonismus genannt.
Rapp: Man könnte auch sagen, dass uns manchmal die Distanz zu den Ereignissen fehlt. Wenn man sich ständig in einer Abwehrschlacht wähnt, muss man eben immer voll dagegenhalten. Eine andere Sicht wäre, den Ball flach zu halten und genauer hinzuschauen.
Wenn man immer nur aus der Defensive heraus schreibt, kann es leicht passieren, dass man bestimmte Zustände für gegeben hält und sozusagen nicht über den Wahnsinn schreibt, sondern aus dem Wahnsinn heraus. Stattdessen müsste man häufiger überprüfen, wie sich die eigene Wahrnehmung zu dem großen Wahnsystem verhält. Dass man sich nicht nur als Korrektiv begreift, sondern das Korrektiv-Sein gleich noch mitkorrigiert.
Muggenthaler: So wie wir jetzt diskutieren, könnten wir auch ein Monatsmagazin machen. Warum machen wir eigentlich eine Wochenzeitung?
Beier: Man kann schneller eingreifen. Eine Tageszeitung wäre noch besser.
Rapp: Nein, eine Tageszeitung wäre nicht besser. Bei einer Wochenzeitung hat man schon ein paar Tage mehr Zeit zum Nachdenken. Ich finde es super, der Aktualität nicht so sehr ausgesetzt zu sein.
Eine Schwäche der Zeitung ist sicher der Personalstand. Es gibt zwar eine gute ressortinterne Planung. Auf jeden Fall besser wäre es aber, wenn es mehr ressortübergreifende Themensetzungen geben würde. Doch dafür fehlen derzeit die Ressourcen.
Landgraf: Die Zeitung wirkt wegen der statischen Formate mittlerweile etwas zu behäbig. Zu Beginn gab es auf der Diskoseite fast immer zwei Texte, inzwischen wird meist nur noch ein Text veröffentlicht. Bei vielen Themen wären jedoch kurze Kommentare besser angebracht. »Schnelle« Formate wie Porträts und Kurzinterviews fehlen ganz, aber das wird sich ja demnächst ändern.
Rapp: Wir müssen viel mutiger werden, was die Themensetzung angeht. Zum Beispiel hätten wir schon im vergangenen Jahr die Rolle von Möllemann thematisieren können. Aber wir haben zu sehr auf die Spielregeln geachtet, wollten nicht vorgreifen und haben mehr darauf geachtet, was die anderen so machen. Man hätte da viel früher und schärfer schießen können.
Muggenthaler: Aber es nützt uns ja auch nichts, dass wir schon immer Recht hatten - siehe Walser.
Eschrich: Und man kann sich auch mehr in die Nesseln setzen. Es gab ja Themen, wie etwa den Islamismus, den wir schon lange vor dem 11. September diskutiert haben. Aber einige Themen, die in der Linken nicht so kompatibel sind, fallen leicht raus.
Stötzel: Themen selber zu setzen könnte heißen, dass wir nicht zu jedem CDU-Parteitag etwas im Blatt haben müssen, wenn dort nur die selbe Leier wie immer geboten wird. Stattdessen sollten wir mehr Themen aufgreifen, die man woanders nicht liest.
Landgraf: Besonders ökonomische Themen sind unterrepräsentiert. Ökonomie findet bei uns nur am Rande statt. Die Frage, wie der Alltag organisiert ist, welchen sozialen und materiellen Bedingungen wir ausgesetzt sind, spielt mittlerweile kaum mehr eine Rolle. Die Fixierung auf außenpolitische Themen führt auch dazu, dass solche Themen völlig vom Tisch sind.
Vor zwei Jahren waren wir uns noch einig, dass Arbeit und Ökonomie zentrale Anliegen der Zeitung sein sollten. Davon ist nicht viel übrig geblieben. Dass man diese Themen aufgegeben hat, ist ein strategisches Defizit.
Muggenthaler: Das liegt daran, dass wir wohl zu sehr auf die Ideologiekritik fixiert sind.
Rapp: Das ist ein Problem der Identifizierung in der gesamten Linken, nicht nur der Zeitung.
Landgraf: Die Zeitung hat immer die Verbindung zwischen Ideologiekritik und Hedonismus gesucht. Und die Kritik an den materiellen Lebensbedingungen hat ja auch immer mit dem Wunsch nach einem besseren Leben zu tun, dem Wunsch nach Veränderung.
»In der Jungle World gibt es eine klassisch männliche Form von Politikstil, der hauptsächlich auf Konkurrenz und Abgrenzung von Anderen Wert legt.«
bernhard brink, leser
»Die Abgehobenheit und Arroganz, die andere linke Publikationen leider manchmal auszeichnet, ist in der Jungle World nur selten zu finden.«
dirk jarius, leser
»Wenn ich das Gefühl hätte, ich hätte da nur so ein linkes Fanzine in der Hand, würde ich die Zeitung nicht mehr lesen. Ich mag die Distanz zu linken Bewegungen.«
lydia heller, leserin
»Was mich stört, ist, dass es manchmal zu einem Tanz um nationale Begrifflichkeiten kommt. Dann kriege ich Angst, dass die Jungle World zu einem Sprachrohr für eine bestimmte Richtung wird.«
georg picot, leser
»Man hat das Gefühl, dass sich die Zeitung nicht übermäßig ernst nimmt, auch wenn sie in der Lage ist, sich selbst zu reflektieren. Es fehlt das Pathos, das 'Es geht um alles', das finde ich sehr angenehm.«
georg picot, leser
»Bei einigen Texten fühlt man sich selbst erwischt, man denkt, das geht ja jetzt gegen dich, manchmal bleibe ich dann bei meiner Meinung und denke mir, Leute, macht euch doch mal locker.«
lydia heller, leserin
»Der Drang, sich in Debatten eindeutig zu positionieren, hat nachgelassen. Auch bei der Nahostdebatte, wobei dennoch eine Grenze gezogen wurde, die genau richtig gesetzt war.«
dirk jarius, leser
»Als größer angelegtes Projekt, wie es die Jungle World ja sein soll, müsste Raum für andere Positionen vorhanden sein. Die Entweder-Oder-Logik hat sich vor allem nach dem 11. September gezeigt.«
bernhard brink, leser