Jungle World Banner
Nr. 32/2002 - 31. Juli 2002
Im Archiv suchen:
Inhalt
Interview
Disko
Inland
Antifa
Euro
Dossier
International
Feuilleton
Heim & Welt
Medien
Sport
Junk Word
Rubriken
Nachrichten
Inland
Nachrichten
Euro
Nachrichten
International
Nachrichten
Feuilleton
Deutsches
Haus
action
Sonstiges
Archiv
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in Österreich
Neu: Kleinanzeigen
Ausgewählte
Texte und Vorträge
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Kirche von hinten

Ist die katholische Kirche noch zu retten? Nicht nur die Tatsache, dass sich kürzlich sieben Frauen auf eigene Faust von einem als unseriös geltenden Bischof zu Priesterinnen weihen ließen, wirft Zweifel daran auf. Darüber hinaus ruft Gott die alten Hardliner zu sich, während der Nachwuchs ausbleibt. So verstarb am vergangenen Donnerstag mit dem Paderborner Kardinal Johannes Joachim Degenhardt der dienstälteste deutsche Bischof, ein Mann, der noch hart durchgriff, wenn es gegen Abtreibung oder Kirchenkritiker ging. Und nur noch 130 Priesterweihen finden jährlich statt, schon müssen verstorbene KatholikInnen von Laien unter die Erde gebracht werden.

Jetzt aber drohen auch noch »amerikanische Verhältnisse«. In den USA wurden vor einigen Monaten zahlreiche Sexskandale bekannt und über zwei Dutzend Priester vom Dienst suspendiert. Wird es bald so weit sein, dass der Papst wieder Tacheles reden und auch die »Sünden« einiger deutscher »Mitbrüder« verurteilen muss? Fast täglich kommen neue Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern ans Licht, zuletzt in Hildesheim. Ein Priesterseelsorger schätzt nach Angaben der Süddeutschen Zeitung, dass etwa vier Prozent seiner Klientel an kleinen Jungen und pubertierenden Jugendlichen interessiert seien. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, muss sich gegen den Vorwurf wehren, sexuelle Übergriffe in seinem Bistum heruntergespielt zu haben. Hermann Kues, der kirchenpolitische Sprecher der Union, forderte gar seinen Rücktritt.

So oder so, es wird über das Unsägliche gesprochen werden müssen, harte Zeiten kommen auf die katholische Kirche zu. Zum Trost seien zwei Dinge gesagt: Der evangelischen Kirche geht es kaum besser, weder in Sachen Nachwuchs, noch in Sachen Sünde. Und es ist noch nicht wissenschaftlich erwiesen, dass der Zölibat etwas mit vermehrter Neigung zum sexuellen Missbrauch zu tun hat. Katholische Priester vergewaltigen genauso häufig wie andere Männer, entscheidend ist das Abhängigkeitsverhältnis.



Schill oder Cholera

Die Phantasie der Hamburger Schill-Partei kennt keine Grenzen, wenn es darum geht, MigrantInnen zu schikanieren. Der neueste Coup: Kranke Einreisende ohne deutschen Pass sollen interniert, alle anderen einer Zwangsuntersuchung unterzogen werden. »Wir müssen unsere Bürger vor Seuchen schützen«, begründete der Bürgerschaftsabgeordnete Wolfgang Barth-Völkel den Plan seiner Partei gegenüber der Welt am Sonntag.



Der Neue in Kabul

Kaum war er im Amt, machte er sich schon auf den Weg zu unseren Jungs. Der frisch ernannte Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) lässt keine Zweifel daran aufkommen, wo seine Prioritäten liegen: Mehr Front, weniger Mallorca.

Auf seiner ersten Dienstreise besuchte Struck in der vorigen Woche das deutsche Kontingent der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe (ISAF) in Kabul. Dort sprach er sich für einen Verbleib der 4 600 deutschen Soldaten auch nach dem 20. Dezember aus. Der Bundestag hatte im Juni das Mandat bis dahin verlängert. Struck schloss auch eine deutsche Leitung der ISAF nicht aus, die derzeit von der Türkei geführt wird. »Aufgrund der Qualität der deutschen Soldaten kann ich mir das vorstellen.«

Bisher haben die Bundeswehr und die Bundesregierung immer betont, eine Führung der ISAF käme für die Deutschen nicht in Frage, da sie mit den Einsätzen auf dem Balkan völlig ausgelastet seien. Doch kurz vor der Bundestagswahl versucht Struck noch einmal da zu punkten, wo die rot-grüne Regierung am meisten verändert hat. »Unsere Soldaten erfüllen ihre Aufgaben hochprofessionell«, sagte er.



Immer weiter

Die Brandanschläge in Rostock-Lichtenhagen kurz vor dem zehnten Jahrestag des Pogroms am gleichen Ort sind wahrscheinlich aufgeklärt. Nach Ermittlungen »in alle Richtungen« wurden am vergangenen Freitag drei junge Männer im Alter von 15 bis 21 Jahren festgenommen, die der rechten Szene angehören sollen. Sie werden verdächtigt, in der Nacht zum 20. Juli Brandanschläge auf ein Büro der Arbeiterwohlfahrt im so genannten »Sonnenblumenhaus« und auf einen Asia-Markt verübt zu haben.

1992 hatten Naziskins und Nachbarn mehrere Tage lang unter dem Beifall der umstehenden Menge den Plattenbau, in dem sich die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter befanden, angegriffen und schließlich in Brand gesteckt. Rund 150 Menschen konnten unter Lebensgefahr auf das Dach des brennenden Gebäudes entkommen. Es waren die bisher schwersten rassistischen Ausschreitungen in der Geschichte der Bundesrepublik.



Nichts als Pannen

Zwischen Freising und München musste Guido Westerwelle am vergangenen Mittwoch unfreiwillig ein Päuschen machen. Das durchgängig in Ikea-Farben gehaltene Wohnmobil, mit dem der FDP-Vorsitzende derzeit durch die Republik rauscht, hatte am fünften Tag seiner Wahlkampftour eine Panne. Kein Grund für Westerwelle, nicht weiterhin den Sinn des Daseins von 42 auf 18 reduzieren zu wollen.

Mehr blamiert hat sich allemal der Kanzlerkandidat der Union, Edmund Stoiber. Er versuchte sich als Fußballer, schoss aber den Ball etwa einen Meter neben eine Torwand. Dabei traf er eine ältere Frau im Gesicht. Die Brillenträgerin zog sich eine blutende Wunde zu und musste von Sanitätern behandelt werden.

Bei der Konkurrenz klappt es besser: Das Motorschiff »MS Socialist«, mit dem Angela Marquardt im Jugendwahlkampf für die PDS über die Elbe schippert, läuft bisher einwandfrei.



Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com