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Nr. 29/2002 - 10. Juli 2002
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Hitler antisemitischer als Walser

Vor kurzem dachte Marcel Reich-Ranicki, er habe den »Gerhard Schröder, Bundeskanzler« an der Strippe. Dem gab er irgendwann zu Protokoll, dass Martin Walser sich schon morgens gelegentlich einen genehmige. Der vermeintliche Kanzler war aber in Wahrheit einer von der Titanic, der sich einen kleinen Telefonspaß mit Deutschlands Superkritiker erlaubte.

Es kann eben schon mal passieren, dass man ein Interview gibt, von dem man nicht weiß, dass und wo es am Ende abgedruckt wird. Bei Eckhard Henscheid, der vor kurzem der Jungen Freiheit bereitwillig Rede und Antwort zum Erregungskomplex Walser und Möllemann stand, kann man jedoch davon ausgehen, dass er darüber Bescheid wusste, dass er sich gerade mit dem Vertreter einer rechtsextremen Zeitung unterhielt. Bei Joachim Kaiser, der demselben Blatt nun ebenfalls seine Meinung über Walsers Roman »Tod eines Kritikers« kundgab, ebenfalls. Einer wie Kaiser gibt in so einem heiklen Fall wie dem Walser-Disput wohl kaum jedem x-beliebigen Interviewer seine Meinung preis.

Bleibt die Frage, was Kaiser, seines Zeichens konservativer Hochkulturkritiker von Rang und Namen, damit bezweckt, einer rechten Zeitung zur Verfügung zu stehen. Günter Grass will nichts mit Springer zu tun haben. Das mag man leicht lächerlich finden, ist aber immerhin eine Haltung. Eine, die man richtig gut finden muss, wenn man sieht, wie wenig andere deutsche Intellektuelle inzwischen ein Problem damit zu haben scheinen, Kontakte nach rechts zu pfelgen.

Was er dann in dem Interview so von sich gibt, der Professor Kaiser, ist zudem noch ziemlich beknackt. Einmal macht er sich die Theorie von Walser zu Eigen, dass letztlich alle Kritiker an dessen Roman die wahren Antisemiten seien, weil sie in ihn ihre eigenen antisemitischen Klischees hineinprojizierten. Dann findet Kaiser, dass man nur ganz oder gar nicht Antisemit sein könne, so etwas wie latenten Antisemitismus lässt er nicht gelten. Auf die Frage, was denn für ihn, den Professor, so richtig und absolut antisemitisch sei, sagt er dann doch tatsächlich: »'Mein Kampf' von Adolf Hitler«. Das ist also für Kaiser die Messlatte, die Walser nicht überspringt. Und deswegen ist er auch kein Antisemit. Immerhin kann Kaiser stolz auf sich sein, dass er für sich bereits eine Antwort auf die auf dem Titelbild der neuen Ausgabe der Titanic formulierte Frage gefunden hat. Die Frage lautet: »Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?«



Ray Brown ist tot

Auf über 2 000 Platten ist der Sound seines gezupften Kontrabasses zu hören. Live wird man ihn jedoch nie wieder sehen können, denn Ray Brown, einer der ganz Großen des klassischen Jazz, ist im Alter von 75 Jahren in Indianapolis gestorben. Nicht als Jazz-Rentner, sondern auf Tour. Ray Brown hat mit all den Giganten des Jazz zusammengearbeitet. Mit Dizzy Gillespie, Charlie Parker, Bud Powell und Oscar Peterson, außerdem spielte er eine Zeit lang in der Combo von Frank Sinatra. Ray Brown war aber nicht nur eine Koryphäe am Bass, er war auch Komponist, Lehrbuchautor, Produzent, Manager und schrieb Filmmusiken. Mit Ray Brown ist ein wahrer Held der Arbeit gestorben.



Ausschließlich raven statt pinkeln

Die Fuckparade findet ohne, die Loveparade dieses Jahr dafür wieder mit Musik statt. Und zwar an diesem Samstag in Berlin unter dem Motto »Access Peace«. Im Kreis drehen wird sie sich zwischen dem Brandenburger Tor und der Siegessäule. Man muss das alles nochmals betonen, weil bisher so wenig von der Loveparade zu hören war, dass man sich schon fragen musste, ob sie überhaupt noch stattfinden würde. Es gab keine Pinkeldebatten im Vorfeld, das Müllbeseitigungsproblem ist gelöst, und Jürgen Drews hat sich nicht angekündigt. Somit deutet bisher alles ausschließlich auf Friede, Freude, Eierkuchen hin. Was eindeutig den Schluss nahe legt: Techno ist tot.



Her mit dem Schloss!

Berlin ist pleite, man redet in der deutschen Hauptstadt eigentlich nur noch darüber, dass für nichts mehr Geld da ist. Und dann so etwas. Für einen derartigen Unfug wie ein barockes Schloss, also für etwas, das außer Anbietern von Kaffeefahrten wirklich niemand braucht, wird man demnächst, auch wenn Sponsoren einspringen, ein paar hundert Millionenen Euro locker machen müssen. Denn mit einer satten Mehrheit von 384 zu 133 Stimmen hat der Deutsche Bundestag beschlossen, den Palast der Republik, dieses letzte repräsentative Relikt der entsorgten DDR, nun endgültig abzureißen, um an dessen Stelle ein Schloss für Gesamtdeutschland hinzustellen.

Als halbwegs vernünftiger Mensch fragt man sich natürlich: Wie kommt man auf die Idee, ein Schloss, dass es nunmal nicht mehr gibt, wieder aufbauen zu wollen? Wer überhaupt braucht heutzutage noch Schlösser, außer vielleicht Graffiti-Sprayer auf der Suche nach neuen Herausforderungen?

Sofort muss man sich noch nicht auf den sich anbahnenden Schwachsinn einstellen. Es wird geschätzt, dass mit dem Bau des Schlosses frühestens in drei Jahren begonnen wird. Bleibt die Frage, wie in der Zwischenzeit der todgeweihte Palast der Republik genutzt werden soll. Ihn sinnlos leer und unbenutzt stehen lassen wie bisher? Kursierende Gerüchte besagen, dass er für Kulturveranstaltungen vorgesehen ist. Wird Berlins beliebtester Club, das WMF, wirklich in den Palast der Republik ziehen? Und wird man den nächsten Kanzler »Kaiser von Deutschland« nennen müssen?



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