Unentbehrliche Firma
Wenn ein Preis für den dreistesten Geschäftsmann der Welt verliehen würde, hätte John Sidgmore gute Chancen, ihn zu gewinnen. Der neue Unternehmenschef des US-Telekommunikationskonzerns WorldCom erklärte zwar pflichtgemäß, er sei »empört und verärgert« über die Bilanzfälscher, die 3,8 Milliarden Dollar falsch verbuchten (Jungle World, 28/02). Wichtig sei es aber vor allem, »im Interesse der nationalen Sicherheit« das Unternehmen zu retten. Schließlich hängen neben 20 Millionen Privatkunden auch das Pentagon und das Außenministerium bei WorldCom an der Strippe.
Muss der Verteidigungsminister seinen Generälen die Befehle bald mit Brieftauben übermitteln? Sidgmore bestritt akute Finanzprobleme seiner Firma, deren Sprecherin am Mittwoch vergangener Woche bekannt gab, man denke nicht an den Verkauf des Kerngeschäfts. Politik und Geschäftswelt debattieren unterdessen eifrig, wie das ethische Niveau im Wirtschaftsleben gehoben werden könnte. Wie beim Skandal um den Energiekonzern Enron wusste so mancher offenbar vorher Bescheid. Das Wirtschaftsmagazin Forbes jedenfalls berichtete schon Anfang Februar über »möglicherweise aggressive Abrechnungspraktiken« bei WorldCom.
Attentat in Kabul
Wer in Afghanistan 20 Jahre lang Militärkommandant war, hat viele Feinde. So kommen als Auftraggeber für den Mord an Haji Abdul Qadir rivalisierende Warlords, regierungsfeindliche Islamisten, aber auch persönliche Gegner in Frage. Der Vizepräsident und Minister für öffentliche Arbeiten wurde am Samstag in Kabul erschossen.
Es gibt zwar noch zwei weitere Vizepräsidenten, doch das Attentat zeigt, dass die Übergangsregierung instabil und die Kontrolle der internationalen Truppen selbst in der Haupstadt nur oberflächlich ist. Erste Ermittlungen deuten darauf hin, dass die Attentäter Informanten in der Umgebung Qadirs hatten. Bereits nach der Ermordung des Luftfahrt- und Tourismusministers Abdul Rahman im Februar hatte Regierungschef Hamid Karzai von einer Verschwörung gesprochen (Jungle World, 9/02), aufgeklärt wurde der Fall bislang nicht. Auch diesmal will die Übergangsregierung die Ermittlungen ohne ausländische Hilfe führen.
Palästinensische Rotation
»Wo sind die Millionen?«, fragten 5 000 wütende Arbeitslose, die am Dienstag vergangener Woche in Gaza gegen die Korruption der palästinensischen Autonomiebehörde (PA) protestierten. Nicht nur die Forderung des US-Präsidenten George W. Bush nach einem Wechsel in der PA-Führung setzt Yassir Arafat unter Druck, auch in der palästinensischen Gesellschaft wächst die Unzufriedenheit.
Die von Arafat verfügten Umbesetzungen in der PA werden sie kaum mindern. Er entließ drei Kommandanten der Sicherheitskräfte, unter ihnen Jibril Rajoub, der als potenzieller Gegenkandidat Arafats bei den für Januar 2003 geplanten Wahlen gilt. Die Nachfolger sind weniger populäre, aber Arafat ergebene Mitglieder der ehemaligen Exilführung der PLO. Auch die Regierungen Israels und der USA dürften unzufrieden sein. Rajoub galt als Gegner von Selbstmordanschlägen in Israel und eigenmächtig handelnden Milizen. Zukünftig wird Zuhair Mansara, der ehemalige Gouverneur von Jenin, für die Sicherheit in der Westbank verantwortlich sein. Unter seiner Verantwortung fand der neuntägige Kampf gegen die israelischen Truppen statt (Jungle World, 19/02), der von Hardlinern als Fanal des Märtyrertums gefeiert wird.
Freundschaftliche Lösungen
»Somalis können ihre Differenzen freundschaftlich lösen«, meint Musa Sudi Yalahow. Er gehört zu den somalischen Warlords, die seit mehr als zehn Jahren Krieg gegeneinander führen und hat wohl seine eigenen Vorstellungen über »freundschaftliche Lösungen«. Yalahow und andere Warlords protestieren vehement gegen das von der Übergangsregierung (TNG) Ende Juni an den UN-Sicherheitsrat gerichtete Gesuch, eine so genannte Friedenstruppe zu entsenden. Eine solche Truppe sei nur dann willkommen, so Yalahow, wenn sie »die Terroristen und Abdulkassim Salat Hassan entwaffnet«. Hassan ist der Präsident der TNG.
Die Warlords werfen der TNG, die nur einen kleinen Teil des Landes kontrolliert, vor, mit Islamisten und der al-Qaida zusammenzuarbeiten. Deshalb hofften sie, die Unterstützung der USA für ihre Machtansprüche gewinnen zu können. Deren Interesse an Somalia scheint jedoch mangels anwesender Terroristen gesunken zu sein. Noch geringer dürfte die Neigung der Uno-Mitglieder sein, sich nach der gescheiterten Intervention in den Jahren 1992 bis 1995 noch einmal auf das Abenteuer des nation building in Somalia einzulassen.
Urteil gegen Montesinos
Vladimiro Montesinos hat offenbar nicht mehr viele Freunde im peruanischen Staatsapparat. Der einst zweitmächtigste Mann wurde am Dienstag vergangener Woche zu neun Jahren und vier Monaten Gefängnis wegen Amtsusurpation verurteilt. Obwohl offiziell nur Berater des Geheimdienstes, so die Urteilsbegründung, habe Montesinos dessen Leitung auf illegale Weise an sich gerissen. Es handelte sich um den harmlosesten der etwa 70 Anklagepunkte. Montesinos muss sich in den nächsten Jahren noch Verfahren wegen Korruption, Drogenhandel und Mord stellen.
Der inoffizielle Geheimdienstchef war die rechte Hand Präsident Alberto Fujimoris (Jungle World, 28/01), zu seinen Aufgaben gehörte auch die Bekämpfung von Guerillagruppen und linken Oppositionellen durch Todesschwadronen. Damals hatte er viele Verbündete. Ihn exemplarisch zu verurteilen, könnte andere Täter im Staatsapparat aus der Schusslinie nehmen.