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Nr. 29/2002 - 10. Juli 2002
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Zelten mit Verknüpfung

Am 3. August beginnt das Crossover Summercamp in Cottbus

Wiedererkennungseffekte sind gut, um das Gesagte im Gedächtnis zu behalten. Schwierig wird es jedoch, wenn bestimmte Worte, Wortkombinationen oder Sätze zu häufig benutzt wurden und irgendwann nur noch banal klingen. Wie etwa folgender Satz: »Wir gehen davon aus, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Machtverhältnisse untrennbar miteinander verknüpft sind und sich wechselseitig durchdringen und stabilisieren.«

In den neuesten Schriftstücken taucht dieser Satz zwar nicht mehr auf, und innerhalb der Vorbereitungsgruppe des summercamps wird das Aussprechen mit Strafzoll geahndet. Und doch verfolgt er uns ständig und steht nach wie vor praktisch synonym für unser Crossoverprojekt. Denn genau darum geht es, und das ist leider alles andere als banal.

Dass alles »irgendwie zusammenhängt und miteinander verknüpft ist«, heißt nicht, dass wir alles gleichsetzen und damit relativieren. Vielmehr hinterfragen wir die eigene politische Herangehensweise und treten dem Trend entgegen, neue Hauptwidersprüche und Feindbilder zu Gunsten der besseren Polemik und der Verschleierung eigener Verstricktheit im Machtnetz zu (re-)aktivieren. Ein Zusammendenken verschiedener Unterdrückungs- und Herrschaftsverhältnisse kann so neben differenzierteren Analysen neue Anknüpfungspunkte erzeugen und Widerstandsperspektiven eröffnen.

Dieser Ansatz führte auf der Crossover Conference im Januar 2002 in Bremen zu kontroversen Auseinandersetzungen. Es war nicht nur ein Crossover von Inhalten, sondern auch von Szenen, die normalerweise nie miteinander diskutieren. Über 600 Leute aus unterschiedlichen politischen Richtungen diskutierten in Workshops mit Titeln wie »Postkoloniale Kritik und queer politics«, »Patriarchat und Antisemitismus« oder »Was ist normal? Der Körper im Diskurs um Behinderung und Normalisierung« das Zusammenwirken verschiedener Machtstrukturen.

War die Konferenz in Bremen der Anfang von etwas Neuem oder nur eine Ausnahmeerscheinung? Nach den vielen positiven Reaktionen auf Bremen und einem gut besuchten Nachbereitungsseminar im April in Berlin wurde uns als Vorbereitungsgruppe jedenfalls bewusst, wie schwer es ist, die immer höheren Erwartungen, auch die eigenen, zu erfüllen.

Das Seminar in Berlin war einerseits als Auswertung von Bremen, andererseits als Vorbereitung des Camps im August gedacht. Das theoretische Beiwerk bot neben dem Schwerpunkt Israel/ Palästina und Antisemitismus auch einen Workshop zu »Nation und Geschlecht« und einen zu »Empire, Männlichkeit, Macchiavelli«. Leider scheiterten wir mit unserem etwas naiven Versuch, in die ausweglose Israel/Palästina-Debatte in Berlin einzugreifen. Dieses Scheitern spornt uns, nach anfänglicher Resignation, nun an, es im Sommer besser zu machen.

Die Idee zu einem eigenen Projekt, einem antisexistischen und antirassistischen Grenzcamp, entstand aus der Kritik am traditionellen Grenzcamp. Dabei ging es vor allem um den Umgang mit Sexismus auf dem Camp, Kommunikationsverhalten, die »Unselbstverständlichkeit« feministischer Positionen und um eine Auseinandersetzung mit identitärer Politik. Aus der Idee des antisexistisch-antirassistischen Grenzcamps wurde schließlich das Crossover-Projekt. Es sollten nicht wieder nur zwei Herrschaftsverhältnisse benannt und damit das alte Haupt- und Nebenwiderspruchsdenken weiter forciert werden. Inzwischen hat sich sowohl die Struktur des traditionellen Grenzcamps als auch des Crossoverprojekts summercamp verändert. Wir verstehen uns nicht als Abspaltung oder Konkurrenz, sondern eher als Ergänzung zum Grenzcamp.

Auf dem summercamp wollen wir an die Grundidee der Bremer Konferenz anknüpfen und Analysen des Zusammenwirkens von Sexismus, Rassismus, Kapitalismus, Antisemitismus, Heterosexismus, Nationalismus etc. diskutieren und konkretisieren. Anders als in Bremen wird es beim Camp nach den Workshops Zeit geben, sich über die anderen Workshops zu informieren, sich auszutauschen, Unterschiede, strukturelle Ähnlichkeiten oder Zusammenhänge aufzuzeigen oder Probleme, Grenzen und Widersprüche zu thematisieren.

Neben dem theoretischen Crossover in der Debatte wollen wir auch - ganz praktisch - zum Aufbau emanzipatorischer Bündnisse beitragen. Das schließt für uns die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien, der eigenen Involviertheit und dem eigenen Stand- und Sprechort innerhalb der verschiedenen Machtstrukturen und -ebenen ein. Antisexistische oder (pro-)feministische Positionen sollen nicht länger gegen den aktiven oder passiven Widerstand der Mehrheit durchgesetzt werden müssen. Es gilt, sie als unverzichtbaren Bestandteil einer umfassenden Gesellschaftskritik und emanzipatorischen Praxis zu akzeptieren und in der linken Praxis zu verankern. Dies ist nötig, denn auch in linken oder linksradikalen Zusammenhängen bildet die gesellschaftliche Norm z.B. von Heterosexualität, Männlichkeit oder Weißsein den meist unreflektierten Hintergrund eigener Identität.

Während die Konferenz in Bremen eher theoretisch ausgerichtet war, was von einigen TeilnehmerInnen als zu akademisch und als ausschließend kritisiert wurde, soll das summercamp mehr praxis- und aktionsorientiert sein. Wir wollen zwar das Workshop-Prinzip beibehalten, jedoch liegt die Herausforderung darin, die Theorie auch in der Praxis umzusetzen oder zumindest auf ihre Praxis- und Politiktauglichkeit zu befragen und neue Bündnisse oder Kontakte zu erproben.

Wir streben dabei ein Crossover von Theorie und Praxis an, was uns von den anderen Camps unterscheidet. Wir wollen uns mit verschiedenen Theorien und Analysen auseinandersetzen und die Einflussmöglichkeiten und Handlungsperspektiven für radikale gesellschaftliche Veränderungen diskutieren. Theoretische Diskussionen sollen in »EinsteigerInnen«-Workshops verständlich präsentiert werden.

Thematisch wird es unter anderem um »Geschlecht und Migration aus Osteuropa«, »Rassismus-Sexismus-Orientalismus« und »queer, transgender und intersex« gehen. Alle Workshops werden in Englisch und Deutsch stattfinden, bei Bedarf auch in anderen Sprachen. Um praktisch-politischen Aktionen mehr Raum zu geben, wird es während des Camps zwei Aktionstage geben, die auch die Situation in und um Cottbus (z.B. die Grenze zu Polen, die Grenzprostitution, den Bahnhof etc.) thematisieren und einen Innenstadtaktionstag mit dem Motto: »Arbeit, Migration, Geschlecht«.

Neben unterschiedlichen Workshops und Aktionen gibt es ein Veranstaltungs- und Kulturprogramm am Abend, ein »Wohnzimmer-Café« unter freiem Himmel, Musik, Tanz, Performances, Film und vieles mehr.


Crossover summercamp: Cottbus 3. bis 11. August 2002
Kontakt: summercamp c/o A6 Laden, Adalbertstr. 6, 10999 Berlin
Webadresse: www.summercamp.squat.net
Infotelefon: 01212 - 533 672 053



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