Chronik der Grenzcamps
Sommer 1998
Görlitz, Sachsen. Im Sommer 1998 rufen AktivistInnen von kein mensch ist illegal, Autonome sowie antifaschistische Gruppen in Ostsachsen erstmals zu einem Aktionscamp an der deutsch-polnischen Grenze in der Nähe von Görlitz auf. Etwa 300 Menschen aus Ost und West beteiligen sich an Aktionen gegen ein Grenzregime, in dem sich ein hoch technisierter BGS und die Denunziationsbereitschaft großer Teile der Bevölkerung in einer bisweilen tödlichen Menschenjagd auf die so genannten illegalen EinwandererInnen kombinieren. Ein Schwerpunkt bilden zudem Aktionen gegen regionale (neo-)faschistische Strukturen.
Sommer 1999
Zittau, Sachsen. Das zweite deutsche Grenzcamp im Dreiländereck Polen-Tschechien-Deutschland kann erst nach dreitägigen Verhandlungen mit dem Bürgermeister der Stadt durchgesetzt werden. Wesentliches Thema ist erneut die Präsenz des BGS an der Grenze sowie das deutschnationale Klima vor Ort. Das Grenzcamp bewirkt, dass die unmenschliche Flüchtlingsunterkunft geschlossen wird. Heute ist Zittau eine Stadt, die vor den Neonazis kapituliert hat und ihnen dauerhaft ein Jugendzentrum zur Verfügung stellt.
Sommer 2000
Forst, Brandenburg. Das dritte deutsche Grenzcamp findet in Forst bei Cottbus statt und richtet sich gegen das rassistische Klima in der Grenzregion. In diesem Jahr wird die »Aktionsform Grenzcamp« erstmals auch in anderen Ländern ausprobiert. Inspiriert von den positiven Erfahrungen in Deutschland werden Camps in Süditalien, Polen und, im Spätsommer, in Mexiko organisiert.
Marzamemi, Süditalien. 300 italienische AktivistInnen campen eine Woche lang an der Straße von Otranto, einer Küstenregion, die das Ziel vieler Flüchtlingsschiffe aus dem östlichen Mittelmeer ist. Es finden Aktionen gegen Internierungslager für Flüchtlinge und Diskussionen über und Aktionen gegen die Verschärfung der italienischen Einwanderungsgesetze statt.
Ustrzyki Gorne, Polen. Die TeilnehmerInnen des ersten polnischen noborder camps im selben Jahr befassen sich vor allem mit der Situation im polnisch-slowakisch-ukrainischen Grenzgebiet. Die durch den bevorstehenden EU-Beitritt Polens ausgelösten Verschärfungen des Grenzregimes in dieser Region erschweren nicht nur in zunehmendem Maße Grenzübertritte von MigrantInnen, sondern bedrohen auch die suitcase economy, die sich zu einer wichtigen Überlebensstrategie der Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze entwickelt hat.
Tijuana, Mexico. In Diskussionen und Workshops während des ersten dreitägigen borderhack-Festivals werden das »Leben mit der Grenze«, aber auch Möglichkeiten ihrer Überwindung thematisiert. Unter anderem kommt es zu einem grenzüberschreitenden Volleyballspiel, in dem anstelle eines Netzes der Grenzzaun benutzt wird.
Sommer 2001
Bialystok/Kynki, Polen. Die TeilnehmerInnen des zweiten polnischen noborder camps im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet setzen sich mit den Konsequenzen der Verschärfung des Grenzregimes in der Region auseinander. Schon vorher gibt es Schwierigkeiten mit der Polizei.
Tarifa, Südspanien. 600 zumeist spanische AktivistInnen diskutieren in diesem direkt an der Straße von Gibraltar gelegenen Grenzcamp die Möglichkeiten antirassistischer Politik und Vernetzung. Es finden Aktionen am Strand und im nahe gelegenen Fährhafen von Algeciras statt.
Lendava, Slowenien. Etwa 150 AktivistInnen beteiligen sich während des Camps, das sich in einer ehemaligen Sommerresidenz Titos befindet, an Umzügen und Straßentheateraktionen entlang der Grenzen zu Kroatien und Ungarn. Es findet eine Kundgebung vor dem zentralen Abschiebegefängnis in Lubiljana statt.
Genua, Italien. Anstelle des ursprünglich geplanten Grenzcamps in der Woche vor dem G 8-Gipfel in Genua findet am 19. Juli eine Demonstration für die Rechte der ImmigrantInnen statt, an der sich mehr als 50 000 Menschen beteiligen. Diese Demonstration markiert gleichzeitig den Auftakt der Proteste gegen den G 8-Gipfel in Genua und vereint dabei GlobalisierungkritikerInnen und antirassistische AktivistInnen.
Frankfurt/Main. Das deutsche Camp verlässt zum ersten Mal die Außengrenzen im Osten und belagert den deutschen Abschiebeflughafen Nummer eins in Frankfurt/ Main. Das Camp wird von Menschen aus verschiedenen Spektren sowie Flüchtlingsselbstorganisationen und unter Beteiligung polnischer AktivistInnen organisiert und getragen. Im Verlauf des Camps gelingt es den TeilnehmerInnen mit freundlicher Unterstützung der Staatsmacht, mehrmals den Reisebetrieb auf dem Flughafen empfindlich zu stören.
Tijuana, Mexiko. Im Spätsommer 2001 findet die zweite Ausgabe des Borderhack-Festivals statt, an dem sich über 600 Personen beteiligen. Gleichzeitig wird zum ersten Mal eine Kunstausstellung, »attachments«, zum Thema Grenze organisiert.
Frühjahr 2002
Woomera, Australien. Inspiriert von den europäischen Camps und angesichts des aktuellen Diskurses über illegale Einwanderung nach Australien entstehen in Australien im Sommer 2001 Pläne für ein antirassistisches Grenzcamp. Organisiert von einem breiten Spektrum von antirassistischen, antikapitalistischen und Anti-Atom-Gruppen sowie Aktivisten für die Rechte der Aborigines findet dieses Camp über Ostern 2002 in Woomera in der südwestaustralischen Wüste vor dem berüchtigtsten Internierungslager für Flüchtlinge statt. Als zirka 1 000 AktivistInnen den äußeren Zaun des Lagers niederreißen und etwa 50 internierten Migranten die Flucht ermöglichen können, konzentrieren sich die Aktivitäten im folgenden darauf, die befreiten Flüchtlinge zu beschützen und sicher aus der Umgebung des Lagers zu bringen. Das gelingt in etwa zehn Fällen.
Sommer 2002
In diesem Jahr finden antirassistische Grenzcamps in Jena, Hamburg, Strasbourg, in Polen (an der Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad und zu Weißrussland), in Finnland (an der Grenze zu Russland) und - zum dritten Mal - in Tijuana in Mexiko statt. Weitere Informationen zu diesen Camps finden sich unter www.noborder.org/camps/02/
Berichte von (fast) allen vergangenen Camps gibt es unter www.noborder.org/camps/campsite.html