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Subtropen #15/07 - Juli 2002
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Rock the Boulevard and Treat It Like a Seminar

Geschichte und Alltag im HipHop | Murat Güngör

wir wollen keinen dank, man soll uns respektieren
brauchen keine leitkulturen, die uns angeblich kultivieren

Microphone Mafia: Denkmal (2002)


»von der dunkelheit ans tageslicht«: Es begann vor 40 Jahren

In den Texten migrantischer Rap-Crews gibt es einen roten Faden: Man braucht nicht lange nach Themen wie Rassismus oder Alltagserfahrungen zu suchen. Offenbar provozieren solche Topics jedoch viele so genannte Deutschrap-Konsumenten. In ihrer Perspektive mutieren Rapper mit migrantischem Hintergrund schnell zu Leuten mit »negativen Vibes«. Es gibt eine Diskrepanz in den Wahrnehmungen und einen Clash unterschiedlicher Lebensbedingungen und -erfahrungen innerhalb einer (HipHop-) Kultur. Es wird vor allem auch deutlich, dass es eine »andere Seite« gibt, wie Da Fource, eine HipHop-Crew aus Berlin, in einem ihrer Songs rappen.

In Deutschland leben derzeit 7,9 Millionen Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft, dazu kommen schätzungsweise 1,2 Millionen Leute, die sich ohne Papiere dauerhaft hier aufhalten. Diese Menschen teilen eine gemeinsame Geschichte der Migration. Erstaunlicherweise ist das Wissen um diese Geschichte innerhalb des deutschen Mainstream nicht präsent. »Wir sind nicht sichtbar, uns gibt es eigentlich gar nicht«, sagt Rebell, ein Rapper aus Stuttgart. Gerade im HipHop geht es aber um Sichtbarmachung von Geschichte und Alltag. HipHop ist für Migranten ein Modell, aus der »Dunkelheit ans Tageslicht« zu treten und ihren Standpunkt deutlich zu machen. Das wird schon in den Namen der Crews klar: Sons of Gastarbeita, Asiatic Warriors, Kanakencamp, Kanaks with Brain, Da Gastarbeita, Islamic Force.

Für viele - vor allem für jene, deren Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind - ist Lohnarbeit in der Fabrik ein zentraler Bestandteil der eigenen (Familien-)Geschichte. Mourad, ein junger Rapper aus Frankfurt von der Gruppe Amüsement, beschreibt das so: »Ich bin so aufgewachsen, dass man arbeiten muss im Leben. Ich habe meine Augen aufgemacht und gesehen, wie mein Vater ackert, jeden Tag - ob das jetzt ein Samstag ist oder ein Sonntag. Das spielt keine Rolle, man muss arbeiten und sich zusammenreißen, um leben zu können. Ich bin damit aufgewachsen, dass mein Vater viel arbeitet. Ich habe dann irgendwann auch angefangen zu arbeiten. Wir konnten uns dies und das leisten. Dann haben die deutschen Nachbarn geguckt: ðWieso fahren die so ein Auto?Ð Aber keiner hat sich gefragt, woher das Geld kam. Wir arbeiten, Mann! Es kam auch schon mal vor, dass ein Nachbar zu der Arbeit von meinem Vater gegangen ist und den Chef von meinem Vater gefragt hat, ob mein Vater wirklich so viel Geld verdient, dass er sich einen BMW leisten kann. Als ich dann einen Führerschein hatte, habe ich mir ein Auto für 300 Euro gekauft und mein Nachbar hat seinem Kind ein Auto für 10 000 Euro geschenkt.«

Mourad beschreibt seine Perspektive in der Hoffnung, über die (harte) Lohnarbeit Zugang zu gesellschaftlichen Positionen zu erlangen. Es ist die gleiche Hoffnung, mit der die so genannte erste Gastarbeitergeneration nach Deutschland kam. Der Unterschied liegt nur darin, dass die erste Generation mit der Illusion lebte, nach ein paar Jahren Arbeit wieder zurück in ihr jeweiliges Herkunftsland zu gehen. Für die Kinder dieser Gastarbeiter stellt sich diese Frage schon lange nicht mehr. Für sie stellt sich die Frage nach gesellschaftlichen Positionen und politischen und sozialen Rechten. Die Ausgangssituation, in der sich Leute wie Mourad befinden, ist in Bewegung, und auch die Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte, ist relativ stark. Auch wenn klar wird, dass sich trotz harter Arbeit und BMW der Rassismus nicht so schnell überholen lässt. »Ich arbeite und arbeite, und wenn ich dann mit meinem BMW durch die Stadt fahre, dann kommt es vor, dass die Bullen dich trotzdem an die Wand klatschen«, erzählt Mourad.

die deutsche wirtschaft begann zu expandieren
und machte sich auf, ohne zeit zu verlieren
der industrie die kräfte zu besorgen
für das wirtschaftswunder von morgen
man hatte seine sorgen der arbeitskräfte wegen
der wunsch nach mehr begann sich zu regen
die deutschen ärzte, eher ganz verwegen
gaben den gästen ihren tauglichkeitssegen
denn körperliche arbeit war in deutschland angesagt
»mann, jung und gesund« - genau das war gefragt

Sons Of Gastarbeita: Die Söhne der Gastarbeita (1995)

Im Folgenden möchte ich stellvertretend für viele andere eine Crew vorstellen, die eine außergewöhnliche Geschichte vorzuweisen hat. Es geht um die Sons of Gastarbeita, die sich im Jahre 1993 im Ruhrpott gegründet haben. Wie so oft lernten sich die Homies in der Schule kennen: vier Freunde mit der fixen Idee, Musik zu machen. »Wir zocken im Proberaum einfach mal drauf los«, war das Motto.

HipHop bot sich in diesem Zusammenhang an als eine gemeinsame weltweite Kultur, in der man aufgehen kann und in der man so sein kann, wie man ist. Aus diesem Grund war HipHop ein Thema für junge Migranten - nicht nur aus dem Ruhrpott. Dass HipHop auch eine starke politische Message und Kraft haben kann, war für viele ein weiterer positiver Bezugspunkt. »HipHop hab' ich natürlich schon in den Achtzigern wahrgenommen, über Rapmusik eben«, erzählt Gandhi. »Dort hast Du ja über die Situation der Afroamerikaner auch geschichtlich etwas erfahren, was du in der Schule nie gelernt hast. Selbst in der Oberstufe hat man das nicht mitbekommen, nicht in dieser Intensität, nicht in dieser Krassheit. Anfang der Neunziger hab' ich natürlich Advanced Chemistry mitbekommen: ðFremd im eigenen Land, kein Ausländer und doch ein Fremder.Ð Das hat uns sehr zum Nachdenken gebracht. Gleichzeitig gab es auch Gruppen wie Anarchist Academy, die sich auch politisch betätigt haben, und spätestens nach den Ereignissen von Rostock und Solingen war für mich der Punkt erreicht, wo ich mich auch politisch betätigen wollte, wo ich merkte, es gibt etwas, das will ich mitteilen und loswerden. Und deswegen mache ich Rapmusik. Wir hatten ganz klar ein Mitteilungsbedürfnis.«

Dass eine Diskrepanz bestand zwischen dem eigenen Wissen und dem Lernstoff in der Schule, wurde den Jungs ziemlich schnell klar. Auf der einen Seite beschäftigt einen das Thema tagein, tagaus, und auf der anderen Seite wird in den Schulen kein Wort darüber verloren. »Wir hatten gerade Abi gemacht«, sagt Gandhi, »aber irgendwie haben wir festgestellt, dass wir in der Schule nie über dieses Thema gesprochen haben. Hier leben so viele Millionen Menschen, die als Gastarbeiter hierher gekommen sind, aber wir haben nie über die Geschichte der Gastarbeiter gesprochen!« Und gerade dieses »nicht darüber Reden« verstärkt den Effekt des »nicht dazu Gehörens« - für Gandhi und die SOG die größte Motivation, ihr Wissen durch Rap weiterzugeben.


Migrationswissen

In einer ungewöhnlichen Aktion eignete sich die SOG-Crew Informationen über die Migration an, um den eigenen Homies ein Stück Geschichte näher zu bringen. Und das erfolgte ganz im Stile von Chuck D. Die Sons of Gastarbeita wurden »reporter of the street«, ihre Lyrics zu einem »CNN der Migranten«. »Wir sind also in die Bibliothek gegangen, haben recherchiert und uns die Bücher rausgesucht«, erzählt Gandhi. »Da haben wir uns die wichtigsten Sachen kopiert. Jedes Bandmitglied bekam dann erst mal einen zehn Zentimeter dicken Reader. Nachdem wir das durchgearbeitet hatten, haben wir erst einmal mitbekommen, wie die erste Generation hier hinkam, wie die gewohnt haben, wie die durchgecheckt wurden. Die sollten hier hinkommen, hart malochen und nach ein paar Jahren wieder abhauen. Die waren nur als Arbeitskräfte angeworben und haben mit mehreren Familien in feuchten Kellerräumen gewohnt, waren unterbezahlt. Das war ja eine Situation, die war unter aller Sau! Und dann stehst du da, liest das und denkst: Man, wie scheiße muss das wohl gewesen sein!« Weil aber Geschichte nicht nur in den Büchern steckt, sondern in den Erinnerungen der eigenen Community, gingen die Jungs daran, die eigenen Leute zu interviewen. »Wir haben die Leute der ersten Generation ein bisschen befragt und die haben dann genau das alles bestätigt«, sagt Gandhi. »Natürlich sind wir irgendwann auch auf Wallraffs Ganz unten gestoßen. Und dann endlich, mit diesem Wissen, waren wir in der Lage, den Song ðSöhne der GastarbeitaÐ zu schreiben. Vorher ging das gar nicht, weil wir einfach zu wenig Wissen hatten. Das gab uns auch eine Stärke, weil wir in Interviews sofort sagen konnten, wenn jemand mit blöden Klischees kam: Hey, Moment mal, Kollege! Unsere Eltern haben da mit uns nicht drüber gesprochen.«

Eine Begegnung der unheimlichen Art hatten die SOG, als sie versuchten, den Morden und den Pogromen zu Beginn der neunziger Jahre mit einer multikulturellen Haltung zu begegnen. Zu dieser Zeit wurden viele Festivals organisiert, die sich bewusst mit den Federn angeblich »ausländischer Folklore« schmückten. Dort konnte man sich Döner bestellen, Paella vernaschen oder aus exotischen afrikanischen Töpfen speisen. Die passende Unterhaltung reichte von spanischem Flamenco über anatolische Brauttänze bis zu türkischem HipHop - in den gutmenschlichen Phantasien der Organisatoren die gesamte kulturelle Schlagkraft der »ausländischen Mitbürger«. Bei solchen Events, die ich auch selber zuhauf miterlebt habe, ging es weniger um das, was man als Künstler zu bieten hat, als darum, dass man schön in das Bild des integrationsfähigen und -willigen Ali reinpasste. »Das haben wir früh gemerkt«, sagt Germain. »Wenn du für fünf Konzerte gebucht wirst und alle sind ðgegen rechtsÐ, dann weißt du eigentlich schon Bescheid. Da denkst du dir natürlich, die buchen uns nur, weil wir Ausländerköppe sind.« Nicht mal im Backstagebereich waren die SOG vor den stereotypen Fragen der Medien sicher: »Da hast du echt ein gutes Konzert gehabt, das Haus so richtig gerockt, du hast 60 Minuten gespielt, und die Leute haben 60 Minuten Stagediving gemacht, und das bei drei Balladen, und dann fragt dich im Backstageraum eine Reporterin: Ja, wie sieht das denn eigentlich mit dem Rassismus innerhalb der Band aus?«, erzählt uns Ghandi. »Wir haben doch auch einen künstlerischen Anspruch. Jeder von uns ist doch auch Musiker. Es gibt außerdem ja nicht nur Rassismus als Thema, es gibt auch noch jede Menge andere Sachen, die uns wichtig sind und über die wir sprechen. Dann hörst du also so eine Frage, und alles, was du da noch denken kannst, ist: Willst du uns eigentlich verarschen? Das ist doch genauso Rassismus.«


Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung aus Hannes Loh/Murat Güngör, Kanak Planet. HipHop zwischen Weltmusik und Nazi-Rap. Das Buch erscheint im August 2002 im Hannibal Verlag.



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