Rebellion in der Kolonie Virginia
Die historische Bedeutung des Bacon-Aufstandes von 1676 | Theodore W. Allen
Ein Jahrhundert vor der »weißen« Dekolonisation Nordamerikas und der Konstitution der USA war die Bacon-Rebellion ein Einschnitt in der Geschichte rassistischer Unterdrückung. Der Historiker Theodore W. Allen zeichnet die sozialen Kräfteverhältnisse dieser Rebellion nach, in deren Verlauf sich Leibeigene, Sklaven und besitzlose Freie gegen die Herrschaft der kolonialen Eliten verbündeten.
Bei der Analyse der rassistischen Unterdrückung im kontinentalen Anglo-Amerika geht es mir vor allem um die Dimension des Klassenkampfs in der Kolonialgeschichte. Im Lichte eines von der Bürgerrechtsbewegung des 20. Jahrhunderts geprägten Bewusstseins habe ich Dokumente aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert unter die Lupe genommen, mit denen Gelehrte bereits lange vertraut sind. Meine in gewisser Weise ikonoklastische Einschätzung der historischen Bedeutung der Baconschen Rebellion steht und fällt mit diesen Dokumenten.
Ich habe mich vor allem auf die zweite Phase dieser Rebellion konzentriert, die des Bürgerkrieges (April 1676 bis Januar 1677), statt auf die erste, antiindianische Phase (September 1675 bis April 1676).
Die Baconsche Rebellion war in erster Linie kein antiindianischer Krieg, obwohl den ersten Ruf zu den Waffen durch Plantageneigentümer an der Siedlungsgrenze (frontier), wie Nathaniel Bacon und William Byrd, Kapitalisten, die gerade erst in Virginia eingetroffen waren, antiindianische Untertöne prägten. Auch bei der Amerikanischen Revolution handelte es sich in erster Linie nicht um einen antiindianischen Krieg, obwohl Thomas Jefferson aus Virginia, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, Georg III. beschuldigte, er sei »bestrebt gewesen, die Einwohner der Grenzgebiete, die gnadenlosen indianischen Wilden zu fördern«, und der Kongress die »Auslöschung« indianischer Landansprüche anstrebte, um an Veteranen des Revolutionären Krieges 9 500 000 Acres Land zu vergeben.
Die »geschichtliche Erkenntnis«, die aus dieser antiindianischen Phase der Baconschen Rebellion gewonnen werden kann, ist klar und noch heute von Bedeutung. Die europäische Okkupation indianischen Landes zeigt, dass in der bürgerlichen Wahrnehmung, von Kolumbus bis Custer, ein Zusammenhang zwischen Fortschritt und Genozid nicht existiert, diese als bloße Nebenerscheinungen des Prozesses der Kapitalakkumulation erachtet werden. Die antiindianische Phase der Baconschen Rebellion war lediglich eine weiteres Beispiel hierfür. Dagegen wäre es notwendig, dass die Regierung der Vereinigten Staaten, die die amerikanischen Indianer beinahe ausgerottet hätte, sie in angemessener Form entschädigt, damit zumindest das Erbe extremer Armut und der Diskriminierung, die durch die amerikanische weiße Superiorität (white supremacy) über sie gebracht wurden, ein Ende findet.
Konstitution und Konflikt
Die Bürgerkriegsphase der Baconschen Rebellion liefert uns wichtige Einsichten in den Verlauf der Geschichte Anglo-Amerikas in seiner kolonialen Epoche wie in der Ära nach der Gründung der Vereinigten Staaten. Ich beabsichtige keine narrative Darstellung, sondern möchte mich auf die Elemente der Rebellion konzentrieren, die für den Ursprung rassistischer Unterdrückung im kontinentalen Anglo-Amerika am wichtigsten waren.
Sir William Berkeley trat 1642 als Gouverneur von Virginia auf den Plan und hatte das Amt bis Januar 1677 inne, außer während des achtjährigen Cromwellschen Interregnums in den Jahren 1652 bis 1659. Ihm und seinem Kolonierat wurden die Wahrung imperialer Interessen sowie die notwendigen Machtbefugnisse übertragen, um die Provinzbürokratie aufzubauen.
Seit Mitte der 1640er Jahre, in der Zeit der Englischen Revolution, und während der ersten fünf Jahre nach der Inthronisation von König Charles II. im Jahre 1660 reformulierten einige wohlhabende Neuankömmlinge, die über beste Verbindungen verfügten, die auf die einstigen »Abenteurer« aus der Periode der Handelsgesellschaften zurückgehenden Ansprüche auf das Land. Diese Claims, so der Historiker Bernard Bailyn, bildeten »die wichtigste unter den Kapitalformen, die zur Grundlage gesicherter Familienvermögen werden konnten«. Die neuen Plantagenbesitzer wurden in den verschiedenen Counties zu den dominanten Familien. Die politischen Implikationen dieser Dezentralisierung der Macht durch die Vorherrschaft der County-Familien standen zumindest potenziell im Widerspruch zu den englischen Imperialinteressen, wie sie sich im Navigation Act niederschlugen, der vorsah, dass die Plantagenbesitzer in Virginia ihren Tabak auf englischen Schiffen nach England verschifften, sodass die Krone den Importzoll auf Tabak und englische Händler den Profit aus dem Reexport von England aus, der hauptsächlich auf den europäischen Kontinent erfolgte, einstreichen konnten.
Divergierende Interessen. Der Widerspruch zwischen den verstreuten County-Familien und dem imperialen Interesse führte zum Vorschlag der englischen Regierung, eine begrenzte Zahl von Hafenstädten zu etablieren, die allein autorisiert wären, Tabak zu verschiffen. Diese Maßnahme würde den Navigation Act wirkungsvoller machen und garantieren, dass die zwei Shilling Exportsteuer pro Hogshead Tabak in voller Höhe eingetrieben werden könnten. Der Interessenwiderspruch zeigte sich um 1663 auch bei der Bildung eines gewählten Repräsentativorgans, des House of Burgesses als Sektion eines Zweikammernsystems, und sodann daran, dass der Gouverneur mehr als zehn Jahre keine allgemeinen Wahlen für dieses House of Burgesses abhalten ließ. Das führte zu politischen Differenzen innerhalb der Kolonialelite, zwischen den County-Magnaten und dem durch die Krone privilegierten inneren Zirkel um den Gouverneur und den Kolonierat, der Green Spring-Fraktion genannt wurde. 1676 hatten diese Differenzen einen Bruch in den Reihen der herrschenden Elite zur Folge, der tiefgreifende soziale Umwälzungen bewirkte.
Die Baconsche Rebellion, die in jenem Jahr ihren Anfang nahm, war weder eine Verschwörung der Leibeigenen zur Flucht oder Rebellion, noch eine Meuterei der armen, entrechteten Freemen, die sich hoffnungslos verschuldeten und im regressiven System der Kopfsteuer versanken, sondern begann als Auseinandersetzung innerhalb der Kolonialelite über »Indianerpolitik«. Genauer besehen handelte es sich um eine Auseinandersetzung zwischen Gouverneur Berkeley und Plantageneigentümern. An der Frontier war im Juni 1675 ein Krieg zwischen Siedlern und Susquehannock-Indianern ausgebrochen.
Nathaniel Bacon (1647-1676), der im März 1675 (nur ein Jahr nach seinem Eintreffen in Virginia) von Berkeley in den Kolonierat berufen worden war, wurde von Frontier-Siedlern im April dazu ausersehen, bei ihrer Aggression gegen die Indianer die Führung zu übernehmen.
Konflikte innerhalb der Elite. Der Streitpunkt zwischen Berkeley und Bacon bestand nicht darin, ob die Indianer wegen der Ausweitung der englischen Besiedlung vertrieben werden sollten - darin waren sie sich völlig einig -, sondern darin, welche Priorität dieser Maßnahme eingeräumt werden sollte. Es gibt Historiker, die sich verpflichtet fühlen, Berkeleys »Indianerpolitik« euphemistisch zu betrachten, und einer von ihnen stellt Berkeley als »Verfechter der Rechte der amerikanischen Indianer« dar, der »ihren ungestörten Verbleib auf ihrem Land garantierte«. Eine solche Beurteilung hält aber einer Überprüfung anhand von Dokumenten nicht stand.
Zu den Aufgaben des Gouverneurs und des Kolonierates gehörte die »Indianerpolitik«, durch die der möglichst reibungslose Ablauf der Tabakproduktion gewährleistet würde. Der Kern dieser Politik bestand darin, für vorteilhafte politische und wirtschaftliche Beziehungen mit den befreundeten Nachbarstämmen der Doegs, Pamunkey, Nottoway und Meherrin zu sorgen, die zunächst unterworfen und dann in den Status »tributpflichtiger« Untertanen des Königs von England gezwungen worden waren. Sie sollten als doppelte Puffer dienen, die Engländer vor feindlichen Stämmen schützen und geflohene Leibeigene einfangen und an ihre Besitzer zurückgeben. Nach einer dieser Übereinkünfte sollten »alle umherschweifenden Engländer, die sich mit der Absicht, ihren Herren den Dienst zu entziehen, unter die Indianer werfen, festgesetzt werden«.
Diese Vereinbarung wirft ein besonderes Licht auf Gouverneur Berkeleys Politik, die »immer und mit größter Umsicht bestrebt war, sie (die benachbarten Indianer; T.W.A.) zu schützen, da sie für uns so wichtig sind, wie Hunde für die Jagd von Wölfen.« Die tributpflichtigen Stämme lieferten zudem Biber- und andere Pelze, die eine gute Profitquelle für die Siedlerbourgeoisie waren, besonders für diejenigen Männer, die von der Kolonialbehörde für diesen Handel ausdrücklich lizenziert waren.
Beide Aspekte dieser Politik stießen bei den neuen County-Familien auf Widerstand. Als sie feststellten, dass ein Großteil des besten Marschlandes bereits an frühere Anwärter vergeben worden war, versprachen sich einige der neuen Investoren von der Erschließung neuer Siedlungsgebiete bessere Ausbeutungsmöglichkeiten von Leibeigenen. Gleichzeitig wurde die Monopolisierung des Pelzhandels als eine Maßnahme gesehen, um die Taschen des Gouverneurs und seiner Fraktion zu füllen. Bailyn hat jedoch ausgeführt, dass »diese Dissidenten weder die verarmten Massen repräsentierten, noch prinzipiell gegen Privilegien als solche waren. Ihre Unzufriedenheit beruhte zu einem Großteil darauf, dass ihnen die Privilegien, die sie begehrten, verweigert wurden«.
Landlose Freie. In der Tat waren einige Siedler nur zu versessen darauf, die Arbeitskraft indianischer Kriegsgefangener auszubeuten, sollte sich die Gelegenheit dazu ergeben. Einige »Siedler sitzen bloß auf dem abgelegenen Brachland, statt es zu bebauen, wodurch zwischen ihnen und den Indianern Streitigkeiten entstehen«. Die Tatsache aber, dass einer unter vier Freemen in Virginia landlos war, scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass es die gewöhnlichen Menschen nicht in die Siedlungsgrenzgebiete zog, sie darin keine erfolgversprechende Option für einen sozialen Aufstieg sahen. Nicht in der »Indianerpolitik«, sondern in einer Änderung der Landpolitik Virginias sahen sie die beste und sicherste Chance, ihren beschränkten Möglichkeiten zu entkommen. Das Heilmittel war, wie es in einem Vorschlag des James City County hieß, der den englischen Regierungsbeauftragten unterbreitet wurde, die Bacons Rebellion untersuchen sollten, Landbesitz zu besteuern, und zwar so hoch, dass es für die Besitzer großer Marschlandflächen viel zu teuer wäre, an unbebautem Land festzuhalten. Es würde damit den Armen und Besitzlosen zur Verfügung stehen.
Der Vorschlag einer Steuerreform, die eine Neuverteilung des Landes bewirken sollte, war Ausdruck eines allgemeinen Unmuts über die Ungerechtigkeit des Steuersystems. Um die Regierungskosten zu reduzieren, waren der Gouverneur und der Kolonierat autorisiert, jährliche Abgaben zu erheben, ohne das House of Burgesses konsultieren zu müssen. Das Handelsprivileg mit den Indianern war per Gesetz auf ein paar Beauftragte des Gouverneurs beschränkt. Zusätzlich zu den Kolonialsteuern wurden von jedem Zehntabgabepflichtigen County- und Gemeindeabgaben sowie in unregelmäßigen Abständen zusätzliche Abgaben für besondere Zwecke erhoben. 1673 verlangten der Gouverneur und der Kolonierat während des Dritten Anglo-Holländischen Krieges eine Sonderabgabe für die Errichtung von Befestigungsanlagen an Punkten, an denen mit holländischen Angriffen vom Meer aus zu rechnen war. 1675 belegten der Gouverneur und der Kolonierat jeden Zehntabgabepflichtigen mit einer Abgabe von 100 Pfund Tabak, die in zwei Lieferungen pro Jahr gesplittet war. Die Männer, die der Regierung in England den Fall zur Kenntnis bringen sollten, stellten fest, dass die Anordnung der Tabakabgabe die bereits existierende »Meuterei und Unzufriedenheit« unter den Siedlern verstärkt.
Privilegien existierten auch beim Pelzhandel mit den Indianern. Außer ein paar wenigen Mitgliedern der Elite durfte kein Kolonist im Pelzhandel reüssieren. Im Jahre 1675 wurde Nathaniel Bacon und William Byrd, beide durch Heirat Cousins von Berkeley und Mitglieder des Kolonierates, vom Gouverneur eine Exklusivlizenz verliehen, nach deren Bedingungen sie an ihn im ersten Jahr 800 Biberpelze und in den nachfolgenden Jahren jeweils 600 Biberpelze abgeben mussten.
Der Ärger wegen des Pelzmonopols richtete sich gegen Berkeley, »der Gewinne aus dem Biber- und Otterhandel wegen«. Die Siedler kamen im Allgemeinen nicht in den Genuss dieses Privilegs. Ein Achtel der erwachsenen männlichen Bevölkerung oder mehr, die gerade erst Freigelassenen sowie die Hälfte der Zehntabgabepflichtigen, die Leibeigene waren, wussten, dass sie nicht mit einer Lizenz für den Pelzhandel rechnen konnten. Richard Lee, ein eifriger Unterstützer des Gouverneurs und Mitglied des House of Burgesses, war davon überzeugt, dass die weit verbreitete Begeisterung für die Rebellion auf den »Hoffnungen beruhte, Bacon würde die Unterschiede aufheben, da seine sonstigen Versprechungen die Rebellen nicht hätten überzeugen können. Sie glaubten allerdings, bei einem Erfolg die gleichen Privilegien erringen zu können.« Thomas Ludwell und Robert Smith unterbreiteten dem König: »Die Ursachen für die gegenwärtigen Unruhen liegen in der Armut und dem Unbehagen einiger der Kolonisten.«
Der Streit, der 1676 zwischen den Fraktionen der zahlenmäßig kleinen Elite über Möglichkeiten ausbrach, Profite zu machen, führte nicht zu Neueroberungen indianischen Territoriums. Stattdessen wurden, wie Bailyn ausführt, »die Herausforderer selbst herausgefordert, von einfachen Siedlern, die wütend waren über die örtlichen Privilegien derselben neu aufgestiegenen County-Magnate, die sich gegen die Privilegien der Green Spring-Fraktion wandten«. Die Folge war der völlige Zusammenbruch der von der herrschenden Klasse ausgeübten sozialen Kontrolle, da der antiindianische Krieg in eine Volksrebellion gegen die Siedlerbourgeoisie transformiert wurde.
Bacons Rebellion
Im Mai 1676 informierte Giles Bland, Hüter des Plantagenbesitzes seines Vaters in Virginia und Zollverwalter des Königs, den Kolonialminister Joseph Williamson in England, dass »Virginia derzeit die größte Zerrüttung seit 1622 erlebt«.
Eine Streitmacht von 500 Freiwilligen stand bereit, Krieg gegen die Indianer zu führen, im Wesentlichen, um den Befehlen des Gouverneurs zu trotzen. Und es wurde gedroht, die Steuererhebungen zu sabotieren. Die Hauptklagen der Rebellen galten jedoch der ungerechten Besteuerung und der Veruntreuung durch hohe Stellen. Im Gegensatz zu den Unruhen von Lawnes Creek Parish des Jahres 1674, die durch »eine Proklamation und aufgrund der Vermittlung einiger besonnener Personen« beendet wurden, war dieser Aufstand ernst zu nehmen, wurde er doch von »Nathaniel Bacon, der jüngst Ratsmitglied geworden war, sowie von vielen anderen gut beleumundeten Gentlemen« angeführt. Bland sorgte sich, dass »der Feind«, vermutlich eine rivalisierende europäische Macht, »diese Unruhen ausnutzen« würde.
Ein neues House of Burgesses wurde gewählt (es waren die ersten Wahlen seit 14 Jahren), eine Art offizielle Versöhnung mit Bacon inszeniert und ein Gesetz verabschiedet, wonach eine 1 000 Mann starke antiindianische Armee aufgestellt werden sollte. Zudem sollte der Gouverneur Bacon zum »Oberkommandierenden« ernennen. Als Berkeley die Unterzeichnung der Ernennungsurkunde hinauszögerte, traten am 23. Juni mehrere hundert Mann in Kampfaufstellung vor dem Versammlungsgebäude an und zwangen Berkeley zur Unterschrift, indem sie drohten, Mitglieder des Repräsentativorgans zu töten.
Die bewaffneten Rebellen hatten die Macht an sich gerissen, und die Miliz war der Kontrolle durch die nominellen Autoritäten entglitten, sodass »die Indianer von dem Plan eines Krieges gegen die Kolonie Abstand nahmen«. Verstärkt wurde die Krise im Juli durch das klägliche Scheitern der Versuche des Gouverneurs, die Miliz des Gloucester County gegen die Rebellen einzusetzen. Weder der Gouverneur noch der König hatten die Situation ausreichend unter Kontrolle, um die Zuspitzung der Krise abzuwenden. Colonel Joseph Bridger, dem Anführer der Kolonie-Miliz, mangelte es derart an Autorität, dass »er aus Angst vor Rebellen auf keiner Straße sicher reiten konnte«, selbst sechs Monate nach dem vermeintlichen Ende der Rebellion. Und dem Gouverneur war die Macht derart entglitten, dass von Juli 1676 bis Januar 1677 das »mehr als 20 Meilen entfernte« Accomack »die einzige Zuflucht für den Gouverneur und seine Anhänger war«. Francis Moryson, einstiger Unterstatthalter der Kolonie und im Oktober 1676 einer der Repräsentanten Virginias in England, konnte lediglich seiner Bestürzung Ausdruck verleihen, dass »sich unter den vielen tausend gut beleumundeten, ehrenwerten Männern nicht einmal tausend finden lassen«, die gegen die Rebellion kämpfen würden. Später erklärten Moryson und sein Amtskollege John Berry, dass von den 15 000 möglichen Kombattanten in Virginia »in dieser Rebellion weniger als 500 unbeteiligt blieben«.
People of no property. Die Mehrheit der 15 000 Mann waren Leibeigene - 6 000 europäische Amerikaner und 2 000 Afro-Amerikaner. So wird es in den zeitgenössischen Chesapeake-Dokumenten des »Widerstandes der Leibeigenen gegen die verfassungswidrigen und unterdrückerischen Lebensbedingungen« berichtet. Wie kam es, dass Historiker mit wenigen Ausnahmen diesen Teil der Bevölkerung, der den Verlauf der Geschichte signifikant und aktiv prägte, völlig ignorierten und stattdessen lieber Monographien über »weiße Knechtschaft« verfassten oder die Auseinandersetzung lediglich ökonomisch begriffen? Ein Fall bürgerlicher Blindheit, die verhindert, dass die historische Initiative der people of no property wahrgenommen und akzeptiert wird.
Wenn ich die Leibeigenschaft und die darauf basierenden Produktionsverhältnisse in den Mittelpunkt meiner historischen Betrachtung der Baconschen Rebellion stelle, ergehe ich mich nicht in einem selbstgefälligen revolutionären Romantizismus. Vielmehr geht meine Untersuchung unmittelbar von der auf Dokumenten basierenden Darstellung der Geschichte der Kolonie Virginia aus. Ohne Leibeigenschaft hätte es keine Monokultur des Tabakanbaus gegeben. Ohne Monokultur des Tabakanbaus wäre die Ökonomie nicht von einer Oligarchie von Eigentümern großer Plantagen dominiert worden, die sie dem Recht auf importierte Leibeigene verdankten.
Leibeigenschaft und Akkumulation. Die Freiheit der Leibeigenen hätte zu einer Revolutionierung des kolonialen Virginia, zu einer Abkehr von der auf den Plantagen betriebenen Monokultur hin zu einer diversifizierten Kleinfarmerwirtschaft geführt. Wäre die Forderung der Kleinfarmer nach einer gerechteren Verteilung des Marschlandes erfüllt worden, hätte das die Vorherrschaft von Familienbetrieben, von Farmen ohne Kapital für den Import Leibeigener und eine stärkere Diversifizierung der Wirtschaft bewirkt. An der Reaktion der Beauftragten des Königs auf die Missstände zeigte sich aber, dass die Oligarchie einem solchen Kurs nie zugestimmt hätte. Und dies scheint denn auch die Basis für die Strategie des Teilens und Herrschens gewesen zu sein, die dem König durch Repräsentanten Virginias in England nahe gelegt wurde. Die Rebellion, so sagten sie, entsprang nicht dem Wunsch der »besseren oder arbeitsameren Leute«, und die sicherste Hoffnung, die Insurrektion zu beenden, bestünde in »einer raschen Trennung der zuverlässigen Teile vom Mob«.
In Virginia und in England galt es auf höchster Regierungsebene vor allem, die Leibeigenschaft zu erhalten. Alles andere war sekundär. Fünf Tage nachdem der Gouverneur, der Rat sowie das House of Burgesses vor der gewaltsamen Bedrohung durch die Unterstützer Bacons kapituliert und ihn zum Oberkommandierenden einer Armee gemacht hatten, die Krieg gegen die Indianer führen sollte, informierte Philip Ludwell, stellvertretender Kolonialverwalter und Mitglied des Kolonierates, den Kolonialminister Williamson in einem vertraulichen Schreiben von der Möglichkeit, das durch die Tabak-Bourgeoisie errichtete System völlig abzuschaffen. Aus Angst, die Rebellen könnten ihnen die Kehle durchschneiden, so führte er aus, erfülle die Versammlung Bacons Forderungen »so schnell, wie sie erhoben werden«. Ludwell brachte auch seine Besorgnis über »die Indianer an unseren Grenzen« zum Ausdruck. Am meisten Angst hatte er jedoch vor »unseren Dienern zuhause, die (wenn Gott nicht verhindert, dass sie diesen großen Vorteil nutzen) mit der Zerstörung fortfahren werden, ohne dass es ein Heilmittel gibt«. Dies war die große Gefahr, wie auch der Gouverneur selbst feststellte: »Die ganze Existenz der Kolonie hängt von der Achtsamkeit und der Treue sowie von der Zahl unserer Diener ab.« Aus diesem Grund war das Begehren der Leibeigenen nach Freiheit der Schlüssel zur Befreiung der Kolonie von dem Elend, das der Herrschaft der Oligarchie und einer auf Monokultur basierenden Ökonomie geschuldet war.
Die Aussicht, dass die Leibeigenen ihre Freiheit erringen könnten, bereitete nicht nur der Kolonie Kopfzerbrechen, sondern hatte auch schwerwiegende Folgen für die englische Innenpolitik. Charles II. befand sich in finanziellen Schwierigkeiten. Da er sich aber mit dem Parlament wegen anderer Fragen in den Haaren lag, zeigte er sich nicht bereit, es einzuberufen, um Maßnahmen zur Erhöhung der Staatseinnahmen zu beschließen. Die Verbrauchssteuern, die Einkünfte aus den Ländereien der Krone und aus Feudalabgaben ergaben bei weitem nicht die antizipierten 1 200 000 Pfund. 1672 war die Regierung gezwungen gewesen, die aufgelaufenen Schulden nicht anzuerkennen, trotz der von König Ludwig XIV. von Frankreich gewährten geheimen Subsidien von 200 000 Pfund pro Jahr. Kurzum, Charles war auf die jährlichen Importzölle auf Tabak aus Virginia, die sich auf 100 000 Pfund beliefen, dringend angewiesen. Es waren hauptsächlich die Verluste, die durch die Rebellion in Virginia verursacht wurden - 140 Tabakschiffe waren völlig lahm gelegt -, die Charles zwangen, 1678 Parlamentsneuwahlen anzusetzen. Die Krise im eigenen Land trug zweifellos zur Besorgnis des Königs und seines Staatsrats bei, als sie sich anschickten, eine Militärexpedition zu entsenden, um die Rebellion niederzuschlagen.
In ganz Virginia wurde die Tätigkeit der Gerichte, die widersetzliche Leibeigene routinemäßig zur Fortsetzung ihrer Leibeigenschaft und zu wohl platzierten Peitschenhieben verurteilten, durch die Rebellion arg gestört. Auch die Gemeinden waren in ihren Funktionen beeinträchtigt, sodass sie Gerichtsurteile gegen Leibeigene und ihre Kinder nicht vollstrecken konnten. In Charles City County wurden die Gerichte vom Frühjahr 1676 bis in das Jahr 1677 »völlig lahm gelegt, behindert und missachtet«. Soziale Dienste (Krankenbesuche, Beerdigung der Toten, Eheschließungen, Waisen- und Armenfürsorge), die normalerweise vom Pfarrer und von Bediensteten der Christ-Church-Gemeinde in Middlesex County verrichtet wurden, kamen »durch Maßnahmen und Waffengewalt übel gesinnter rebellierender Personen« zum Erliegen. Das County-Gericht von Westmoreland vertagte sich Anfang Mai 1676 und nahm seine Tätigkeit erst im folgenden April oder Mai wieder auf.
Den Umständen, die einen Zusammenbruch des Systems der sozialen Kontrolle bewirkten, ist es auch geschuldet, dass wesentliche Dokumente über das alltägliche Leiden und die Kämpfe der Leibeigenen für nahezu den gesamten Zeitraum von 1676 und 1677 fehlen. Der für die Gemeindebücher des kolonialen Virginia Verantwortliche schrieb, dass »es für jene Gemeinden, die direkt und tiefgreifend von Bacons Rebellion betroffen waren, im Jahr nach der Rebellion als ratsam befunden worden war, alle existierenden Unterlagen zu vernichten oder zumindest einige Teile unleserlich zu machen«.
Auszug aus Theodore W. Allen, The Invention of the White Race. The Origin of Racial Oppression in Anglo-America, Bd.2, London/New York: Verso, 1997, S. 204 ff.; dt. Die Erfindung der weißen Rasse. Der Ursprung rassistischer Unterdrückung in Anglo-Amerika, i. Vorb. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schneider.
Theodore W. Allen forscht als unabhängiger Sozialhistoriker. Er lebt in New York.