Die Farben der Geschichte
Von der Erfindung der weißen Rasse zur Erfindung des weißen Multikulturalismus | Yann Moulier Boutang
Rassismus und staatstreuer Multikulturalismus ergänzen einander heute. Im Wechselspiel der Dispositive geht es um die Permanenz von Herrschaft durch soziale Kontrolle. Yann Moulier Boutang stellt die historischen Untersuchungen Theodore W. Allens zur ìErfindung der weißen Rasse" als wichtigen Beitrag vor, um diesen Zusammenhang zu erklären und politische Gegenstrategien zu entwickeln.
Trotz aller Auseinandersetzungen in den letzten 25 Jahren existieren in den so genannten entwickelten Demokratien und »weißen« Zivilgesellschaften Rassismus und Antisemitismus bis hin zu rassistischen Übergriffen fort. Doch wäre es zu einfach, die Konflikte, die die cités sauvages, wie man sie nach den Comics von Enki Bilal nennen könnte, erschüttern, als allgemeinen Rückschritt in die Barbarei abzutun oder zu behaupten, die Zeiten des Marktkapitalismus im neuen Gewand seien eben rauer und gnadenloser.
Wenn man die ethnisch erklärten Kriege einmal außer Acht lässt, die gern zum neuen Naturzustand deklariert werden, der den Leviathan des Marktes umso wünschenswerter erscheinen lässt, dann gelangt man zu einem in doppelter Hinsicht beunruhigenden Befund. Seit Mitte der Achtziger hat sich nämlich gerade in den parlamentarischen Demokratien eine extreme Rechte auf institutioneller Ebene rekonstituiert: so in Frankreich mit Le Pen, in Österreich mit Haider oder mit Pauline Hanson in Australien. Jeder zehnte Wähler schenkt seine Stimme einer Partei oder folgt einem Programm, die oder das nach der Zerschlagung von Nazi-Deutschland und dem Niedergang der faschistischen Regime in Europa dem Bereich des nicht Sagbaren, des nicht Repräsentierbaren und des nicht Benennbaren angehörten. Der zweite Aspekt ist, dass Appelle an Toleranz und Multikulturalität ziemlich wirkungslos bleiben.
Nation, Klasse und Rassismus
Wie kommt es, dass die westlichen Demokratien solche Intoleranz hervortreiben, weshalb verhindert »kommunikatives Handeln« heute kaum mehr als massenhaften rassistischen Mord? Woher kommt die Lähmung, woher die Zustimmung zu den Diskursen über die Schließung der Grenzen und die Geschlossenheit der Gesellschaft, die der traditionellen Rechten nicht wenige Wählerstimmen sichert und die Linke schwächt, wie sich in den Debatten um die Einwanderungspolitik und um die innere Sicherheit zeigt?
Die Antworten des traditionellen Marxismus, der Arbeiterbewegungen, der aufrechten Republikaner wie auch der US-amerikanischen Radikalen scheinen immer gleich. In einer von sozialen Ungleichheiten geprägten Gesellschaft mit einer von kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen dominierten Ökonomie könne es keine wirkliche Demokratie geben und auch keinen Frieden zwischen den verschiedenen sozialen und ethnischen Gruppen. Man schaue sich nur an, wer von den ruchlosen Machenschaften profitiert. Die Uneinigkeit der Menge diene, so wird erklärt, in letzter Konsequenz immer den multinationalen Konzernen. Das alles ist nicht ganz falsch, aber es überzeugt trotzdem nicht. Es fehlen argumentative Bindeglieder, was dazu führt, dass die Erklärungen ihren politischen Impetus einbüßen und die Politik bloß moralischer Aufschrei bleibt.
Es gilt also, die traditionell linke Frage nach dem Verhältnis von Nation, Klasse und Rassismus anders zu stellen. Zwei höchst unterschiedliche Studien aus Australien und aus den USA eröffnen Wege, beide mit verschiedenen Perspektiven und mit jeweils anderen Schwerpunkten. Es sind dies zum einen Ghassan Hages White Nation: Fantasies of white supremacy in a multicultural society sowie die zweibändige Untersuchung von Theodore W. Allen, Die Erfindung der weißen Rasse. Hages Buch ist eine Bestandsaufnahme aktueller rassistischer Praktiken und beschreibt das Versagen multikultureller Gesellschaften. Die beiden Bände von Allen nähern sich der Analyse des Rassismus von den Migrationsströmen vergangener Jahrhunderte her und unternehmen einen historischen Vergleich der Kolonisierung des katholischen Irland vom 16. bis zum 18. Jahrhundert und der Sklaverei der schwarzen Arbeiter auf den Tabakplantagen Virginias.
Die Erfindung der weißen Rasse. Welche Verbindungen bestehen nun zwischen Multikulturalismus einerseits und Sklaverei und Kolonisierung andererseits? Hinter beiden Fällen steht die Frage sozialer Kontrolle durch eine gesellschaftliche Zwischenschicht, die die Extreme ausgleichen kann. Allen zeigt, dass Rassismus eine Konsequenz der Polarisierung sozialer Kontrolle ist, also einer Situation, in der diese Zwischenschicht nicht entsteht oder der Spielraum politischer Vermittlung zu beschränkt ist. Dabei folgt die Untersuchung zwei Linien, die sie schließlich zu einer dritten, tatsächlich bahnbrechenden Fragestellung verbindet.
Allens erste Frage lautet: Wie konnte sich der Stachel der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Nordamerika festsetzen, obwohl die Neue Welt doch gerade gegen absolutistische Herrschaft, Despotismus und religiöse Verfolgung stand und somit als Inbegriff der Freiheit galt? Wie konnte eine der eigenen Ideologie nach egalitäre und sozial durchlässige Gesellschaft zum Mutterland der Rassenschranken und der Unterdrückung vorrangig afrikanisch-amerikanischer und indigener Bevölkerungsgruppen werden?
Schon das Beispiel Irland zeigt, wie gezielt auch in Europa die Briten verfuhren, wenn es um die Ausbeutung der irischen Bauern ging: durch Repression, durch das Erbverbot, durch den Ausschluss von Grundbesitz, Eigentum und Bildung, alles wegen ethnischer oder vielmehr religiöser Zuschreibungen. Auch hier stellt Allen die Frage, weshalb der irische Ausnahmezustand ausgerechnet in dem Moment, da - bereits ein Jahrhundert vor der französischen Revolution - die Abschaffung des Absolutismus in England erreicht war, seine Zuspitzung fand.
Diese beiden Linien seiner Untersuchung verbindet Allen zu einer dritten: Hat die irische Anomalie die Anomalie der US-amerikanischen Sklaverei möglicherweise befördert? Wie kann es sein, dass in der Zeit des größten irischen Exodus (zwischen 1800 und 1855), der brutalsten rassistischen Kampagnen der weißen protestantischen Angelsachsen gegen die katholischen Iren, in der Zeit der Kirchenbrände und Enteignungen die irischen Einwanderer in Amerika die abolitionistische Position aufgaben, um sich auf die Seite der weißen Unterdrücker in den Südstaaten zu schlagen, also zur Sklavenhalteraristokratie der O'Haras aus Vom Winde verweht zu werden? Wie, so fragt Allen, kam es, dass die Iren, die gerade rassistisch-religiöser, wirtschaftlicher und kultureller Unterdrückung entkommen waren, während der Atlantiküberquerung eine solche Wandlung durchmachten? Wieso haben die Einwanderer, die sich in der Cincinatti Repeal Association organisierten, letztlich die Sache der irischen Unabhängigkeit und der Abschaffung der Unterdrückung verraten und sich gegen den katholischen Befreier und Abolitionisten Daniel O'Connell gewandt?
Von Freien und Sklaven
Die Fragestellungen überlagern sich, eröffnen dabei neue Felder und führen schließlich zum Kern des nordamerikanischen Rassismus wie auch des rätselhaften Verhaltens der Iren. Allen untersucht, wie diese in der Heimat brutal unterdrückten und durch eine unerbittlich gegen die Armen gerichtete Gesetzgebung sowie durch religiöse Verfolgung geknechteten Leute, die zu den Gründern der 13 ersten freien Provinzen der Neuen Welt gehörten und zu den Pionieren Virginias zählten, die die treibenden Kräfte des Pilgrim Progress in Neuengland waren und die auch später in Georgia eine unglaubliche Mischung aus konstitutiven Freiheiten und spekulativer Plantagenökonomie (Tabak, Zuckerrohr, Indigo und Baumwolle) trugen, wie diese Leute innerhalb eines Jahrhunderts das erbarmungsloseste Versklavungssystem des gesamten Kontinents errichten und den ersten im juristischen Sinn tatsächlich rassistisch zu nennenden Staat etablieren konnten.
Im zweiten Band wendet sich Allen der Kolonisierung Virginias zu und zerlegt diesen Prozess in seine gesellschaftlichen und herrschaftssichernden Komponenten wie zuvor den Fall Irland. Der dunkle Punkt im Falle Irlands sind für ihn die Orangisten in Ulster. Allen legt dar, weshalb diese Region, die sich immer erbittert gegen jede Art von Eroberung gewehrt hatte, zum noch heute durch den Schrecken blutiger Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken geprägten Kriegsgebiet werden konnte. Das ist natürlich kein Zufall. Britannien, die erste Weltmacht, das Reich, in dem die Sonne seit einem Jahrhundert niemals unterging und das später in den Kolonien des südlichen Afrika die Apartheid sich entwickeln ließ, war es, das die Herrschaftsstrategie der »getrennten Entwicklung« erfunden und etabliert hatte. Als streng separatistische Gesetzgebung war sie in Irland bereits seit 400 Jahren erprobt und eingeführt.
Das Apartheidsregime in Irland hat übrigens das rassistische System Südafrikas historisch überdauert. Das könnte daran liegen, dass das rassistische Substrat nicht an der Oberfläche der Haut andocken konnte. Dieses Kennzeichen nahm den flüchtigen Sklaven die Möglichkeit, sich unter die übrigen Bevölkerungsgruppen zu mischen, etwas, das den engagés - den Schuldknechten der französischen Kolonien - bei Vertragsbruch möglich war. Doch in Virginia war es jedem befreiten Schwarzen untersagt, sich weiterhin im Staat aufzuhalten. Schwarze in Virginia waren entweder Sklaven oder Entflohene. In Irland musste der weiße Körper im Geiste unterteilt werden: in Katholiken und englische Protestanten oder schottische Presbyterianer. Fortan konnte sie nur noch der Vater im Himmel persönlich auseinanderhalten. Und der Name des irdischen Vaters wurde zum entscheidenden Kriterium.
Theodore Allen erklärt die Erfindung des petit blanc. Darin liegen auch die Gemeinsamkeiten mit Ghassan Hages Ansatz, der eine weitere britische Kolonie im Visier hat, nämlich Australien. Die Erfindung der Nation hat die Funktion, rassistische Schranken zu institutionalisieren. Hinter den republikanischen Gründungsmythen der Nation und des rousseauschen Gesellschaftsvertrages unter Gleichen identifiziert Allen die Kehrseite der Konstitution. Die »Erfindung der weißen Rasse« macht aus Rassismus eine Staatsangelegenheit, geht einher mit der Erfindung bestimmter Traditionen und Handlungsweisen und mündet ohne Umwege in die schon pathologisch zu nennende Erfindung einer Nation »nativistisch« denkender Amerikaner, einer Nation von Fremdenhassern, die vom Gedanken der Reinerhaltung ihrer »Rasse« besessen sind und deren Bastardisierung durch das Fremde bekämpfen.
Allen untersucht die Verbindung von Rassismus, Klasse und Nation. Es gibt historische Fälle, wo sich klassenbedingte mit rassistisch bedingten gesellschaftlichen Spaltungen überschneiden und der Klassenbegriff obsolet scheint. Doch in diesen Fällen sind die sozialen Klassen einzig und allein aus dem Grund unsichtbar, weil ihre gesellschaftliche Stellung, die sie gleichzeitig mit der Produktion und mit der Macht verbindet, von ethnifizierten Bestimmungen überlagert ist. Deshalb gibt es Felder, auf denen uns eine Analyse der sozialen Klassen allein nicht weiterbringt: etwa die Analyse der »nationalen Frage« oder des Rassismus und Antisemitismus.
Allen verliert allerdings die Mechanismen der Ausbeutung nicht aus den Augen. Seine Analyse ist gerade deshalb so interessant, weil sie versucht, die Vorgänge in ihrer Komplexität zu erfassen und Übergänge zu beschreiben. Schritt für Schritt zeigt er auf, wie die Reichen und die Armen sich in unterschiedliche Klassen teilten, wie aus Menschen, deren Haut alle möglichen Farben hatte, »Weiße«, »Schwarze«, »Rote« und »Gelbe« wurden und wie sie sich schließlich von ihren Klassenzugehörigkeiten entfernten, um zu »Rassen« und ethnifizierten Minderheiten zu werden.
Proletarisierung und soziale Kontrolle. Es ist kein Zufall, wenn Allen im zweiten Band seiner Untersuchung an den Verhältnissen in England besonders hervorhebt, dass während der so genannten ursprünglichen Akkumulation der Mangel und nicht ein Überschuss an Arbeitskräften die Regel war. Dies wird zum dringlichsten Problem der sozialen Kontrolle. Allens These von der Proletarisierung der Einwanderungsgruppen schließt an das an, was Marx im ersten Band des Kapital festgestellt hat. Doch die Proletarisierung in Irland wie in Virginia weist ganz wesentliche Besonderheiten auf, die von Grund auf alles veränderten. Die Proletarisierung vollzog sich in beiden Fällen unter Bedingungen, die gleichzeitig eine soziale Explosion vermieden. Es waren der Massenexodus in die Neue Welt, als eine Fortsetzung der seit der Renaissance existierenden Flucht- und Migrationsbewegungen, und die Schaffung von gesellschaftlichen Mechanismen, die einen sozialen Aufstieg durch Wohlstand ermöglichten.
Doch was passiert, wenn die Proletarisierung entweder nicht gelingt (wie in Irland bis zum Ende des 17. Jahrhunderts) oder erfolgt, jedoch ohne dass eine herrschaftsstabilisierende soziale Zwischenschicht entsteht (wie in Virginia im 17. Jahrhundert)?
In Irland verfuhr man so, dass man die irische Bevölkerung enteignete, ihr mit allen juristischen Mitteln jeden Zugang zu Eigentum und Besitz versagte. Man schloss sie vom Erbrecht aus, sofern sie dem katholischen Glauben nicht abschworen. Nach jahrhundertelanger Diskriminierung wurden die Iren 1613 dann zum englischen Recht »zugelassen«, um dann allerdings als »Papisten« durch die Zwangsgesetze gegen Katholiken (die so genannten penal laws von 1641 und 1704) geächtet und erneut radikal ausgeschlossen zu werden. Man untersagte ihnen, lesen und schreiben zu lernen, und jedem, der es wagte, einen katholischen Iren zu unterrichten, drohte die Todesstrafe. Als sei das noch nicht genug gewesen, konfiszierte man die Güter und besetzte sie in der den Engländern am meisten Widerstand entgegensetzenden Region Ulster mit schottischen Siedlern.
Im Staat Virginia hingegen richtete man desertierte Kolonisten hin, nachdem die Kolonie in den Jahren 1619 bis 1622 quasi zerstört worden war, und brachte sodann neue Kolonisten ins Land. Man schaffte das alte Metayage-System ab (das die Plantagenpächter zur Abgabe der Hälfte ihres Ertrags an die Grundeigentümer verpflichtete) und zwang die Neuankömmlinge zu mehreren Jahren Frondienst als indentured servants, um die Kosten der Überfahrt abzuarbeiten. Doch waren die Sicherheitsmaßnahmen nicht ausreichend, denn bald schon verbündeten sich die »weißen« und »schwarzen« unfreien Arbeiter mit den »Rothäuten«. Schlimmer noch, es drohte eine Spaltung der Kolonien nach dem Aufstand der Anhänger von Bacon im Jahr 1676.
Die Folgen waren in beiden Fällen dieselben. Statt der ausgebeuteten Multitude einen wirtschaftlichen Aufstieg in Aussicht zu stellen (durch Grundbesitz oder Geld) und so eine soziale Zwischenschicht zu schaffen, also einen Vorläufer der so genannten Mittelklasse, belohnte man sie mit Privilegien und Prestige, also letztlich mit Herrschaftsrechten. Dabei genossen die Nachkommen der Protestanten, also der »Weißen«, selbstverständlich eine bessere Ausbildung, besetzten anders als die Katholiken oder »Schwarzen« die besseren Berufe und hatten mehr Bürgerrechte.
Die Proletarisierung ging immer einher mit der Erfindung neuen Rechts, in Irland waren es die penal laws, in der Neuen Welt die race laws. Den Orangisten in Ulster wie den kleinen Kolonisten, die kurz vor dem Ruin standen, wenn sie ihre unfreien Arbeitskräfte, »Weiße« wie »Schwarze«, nicht so lange wie möglich ausbeuten konnten, eröffneten sich schnell neue politische Möglichkeiten, die ebenso wirkungsvoll waren wie die Etablierung einer Zwischenschicht, die sich in Neuengland konstituierte. Sie setzte sich vorwiegend aus freien Kleineigentümern zusammen. In Virginia hingegen und dann im gesamten Süden Nordamerikas stützte sich die gesellschaftliche Hierarchie nicht auf Klassen, sondern auf rassistische Trennungen. Das rote, rebellische »keltische Volk«, die »pechschwarzen Neger« und die Kutten des Ku-Klux-Klan sind allesamt nur Farbnuancen weißer Herrschaft.
Die Interessen des petit blanc vertrugen sich jedoch prächtig mit den Zielen und Zwecken der Großgrundbesitzer und der Herrschenden in den Plantagenkolonien. Es ging darum, die Arbeitskräfte ans Territorium zu binden, ein Proletariat zur Verfügung zu haben, selbst wenn es unfrei war, sowie regelmäßig Steuern erheben und einziehen zu können. Dieses von Allen reich dokumentierte Muster gehört zur allgemeinen Frage nach den je spezifischen Wegen im Prozess der Proletarisierung, wie ich sie in De l'esclavage au salariat (1998) verfolgt habe.
Allens Untersuchung führt zu den Problemen der gegenwärtig zu verzeichnenden Ethnisierung von Klassenunterschieden. Überall dort, wo es Vorstöße gibt, Freiheitsrechte einzuschränken oder den freien Zugang zur Gesamtheit der kommunen Güter zu versperren, genügt es nicht zu fragen, auf wessen Kosten es diesmal geht (das ist das Geringste), auch nicht, wo die neuen Grenzlinien verlaufen (das verliert sich im rein Deskriptiven), sondern man muss darauf achten, welche neu entstehenden Dynamiken innerhalb der Multitude damit unterbrochen und sabotiert werden. In unseren modernen Gesellschaften, die mit allen Apartheids-, Versklavungs- und rassistischen Nationalsystemen aufgeräumt haben, bis auf ein paar abscheuliche Überreste, gibt es ja keine petits blancs mehr. Oder doch?
Nach eingehender Lektüre von Hages Buch stellt sich diese Frage nicht mehr. Er beschreibt sehr genau, wie die Unterdrücker von gestern ihre eigenen Ausschlussängste kompensieren, indem sie von der Reinheit der Nation phantasieren, und wie die heutigen Unterdrücker vergangene Ethnozide mit der Rede von der nationalen Aufgabe einer toleranten, multikulturellen Gesellschaft verdecken, in der Minderheiten wie Nippes im Trödelladen herumstehen oder wie Antiquitäten gesammelt werden. Hages klarsichtige und provokante Thesen stellen einen Frontalangriff auf den Multikulturalismus als Staatsideologie dar.
Theodore W. Allen, The Invention of the White Race. Racial Oppression and Social Control, Bd. 1, London/New York: Verso, 1994; dt. Die Erfindung der weißen Rasse. Rassistische Unterdrückung und soziale Kontrolle, Berlin: ID Verlag 1998.
Ders., The Invention of the White Race. The Origin of Racial Oppression in Anglo-America, Bd. 2, New York, London/New York: Verso, 1997.
Ghassan Hage, White Nation: Fantasies of White Supremacy in a Multicultural Society, Sydney: Pluto Press, 1998.
Der Beitrag erschien unter dem Titel »La couleur et l'histoire« in Multitudes (Paris, 2000). Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung. Aus dem Französischen von Bettina Seifried.
Yann Moulier Boutang ist Herausgeber der Zeitschrift Multitudes. Er lehrt Ökonomie an der Universität Paris I.