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Nr. 28/2002 - 03. Juli 2002
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Von Enron zu WorldCom

Pleiten mit System

US-GAAP steht für United States Generally Accepted Accounting Principles - allgemein anerkannte Grundlagen der Buchhaltung. Eine dieser Grundlagen ist die Unterscheidung zwischen Ausgaben und Investitionen. Der Unterschied ist, dass ein Unternehmen mit einer Investition Zahlungsmittel gegen Vermögenswerte tauscht und sich davon eine Rendite erwartet. Der Wert einer Investition bleibt im Unternehmen, in der Bilanz tauchen die Kosten über mehrere Jahre verteilt auf. Ausgaben dagegen sind einfach nur Ausgaben: in der Bilanz eine schlichte Zahl mit einem Minuszeichen davor.

Bei dem Telekom-Riesen WorldCom mit Sitz in Clinton, Mississippi, hat man es mit diesen Feinheiten nicht so genau genommen und Ausgaben von über vier Milliarden Dollar als Investitionen angegeben. In der vergangenen Woche musste der Konzern eine Korrektur der Bilanz für das Jahr 2001 und das erste Quartal 2002 vorlegen. In der korrigierten Abrechnung liegen die Einnahmen vor Steuern um 6,8 Milliarden Dollar niedriger als zuvor angenommen. Man schreibt rote Zahlen, die Entlassung von 17 000 Angestellten ist angekündigt, Verhandlungen mit Kreditgebern laufen.

Pikant ist, dass die bereits aus dem Enron-Skandal bekannten Wirtschaftsprüfer von Arthur Andersen die betrügerischen Bilanzen abgesegnet haben. Die Börsenaufsicht SEC hat vor einem Bundesgericht gegen WorldCom Anklage erhoben. In der Klageschrift wird von einem »Komplott, geleitet und gebilligt von der Unternehmensführung« gesprochen mit dem Ziel, eine Bilanz entsprechend den Prognosen der Analysten vorzulegen.

Dementsprechend hat der Kongress neben Mitarbeitern von WorldCom und Arthur Andersen den Telekom-Analysten Jack Grubman von der Investmentbank Salomon Smith Barney zur Anhörung vorgeladen. Er hatte WorldCom jahrelang in den Himmel gelobt und am Tag vor der Bekanntgabe der Bilanzkorrektur die Aktie heruntergestuft.

Die Skandale um Enron und WorldCom verweisen auf doppelte Interessen bei Analysten und Managern. Als formal unabhängige Berater dürfen Analysten die Aktien, die sie bewerten, nicht selbst besitzen. Die meisten arbeiten jedoch für Investmentbanken. Die Versuchung ist offensichtlich: Die Bank erwirbt im großen Stil bestimmte Aktien, lässt ihre Analysten durch überzogene Prognosen den Preis in die Höhe treiben, um kurz vor dem unvermeidlichen Fall die Papiere wieder abzustoßen. Dieses Schema funktioniert in der einen oder anderen Form seit Jahrhunderten. Bei Managern liegt das Problem darin, dass der Großteil ihrer Gehälter in Aktienoptionen ausgezahlt wird. Dem Manager wird vertraglich die Option zugesichert, Aktien des Unternehmens zu einem festgesetzten Preis zu erwerben. Liegt der Kurswert höher, macht er einen Gewinn - eine Einladung zur Bilanzfälschung.

Den Schaden haben in beiden Fällen diejenigen, die als langfristige Anlage oder in der Hoffnung auf schnelles Geld Aktien erworben haben. Besonders problematisch wird es, wenn die Aktien mit geliehenem Geld gekauft wurden, wie dies fast jede Bank mit dem Geld ihrer Kunden macht. Auch der Gläubiger hat dann keine Chance, sein Geld jemals wiederzusehen. Börsenskandale können sich so zu Wirtschaftskrisen entwickeln. US-Präsident George W. Bush hat in einer Erklärung auf dem G8-Gipfel in Kanada seiner Empörung über die Praktiken bei WorldCom Ausdruck verliehen. Über die Geheimgespräche seiner Regierung mit Enron Anfang 2001 hält er sich allerdings noch immer bedeckt.

tim blömeke



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