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Nr. 27/2002 - 26. Juni 2002
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Linker Antisemitismus bei Indymedia-Deutschland

Anti-Antideutsch

Die Antideutschen gehen um. Es handelt sich um wenige Exemplare, die die Linke unterwandern, zersetzen, ja förmlich die Macht an sich reißen wollen. Als eine große Verschwörung wird zumindest der aktuelle Richtungsstreit von nicht wenigen Linken wahrgenommen.

Die Tendenz zur Paranoia zeigte sich z.B., als vor einigen Wochen eine Ausgabe der Autonomen-Zeitschrift Interim mit einer israelischen Fahne auf dem Titel und mehreren Texten, die Solidarität mit Israel bekundeten, erschien. Sogleich kursierte das Gerücht, »Antideutsche« hätten die Zeitschrift »gekapert«, sich in einem hinterhältigen Coup das Projekt angeeignet, um es letztlich zu zerstören. Dass eine der verschiedenen unabhängigen Redaktionen von Interim einfach eine für Linke recht nahe liegende Position bezog, nämlich gegen die Angriffe auf die Existenz des jüdischen Staates zu sein, übersteigt offenbar das Vorstellungsvermögen des klassischen Autonomen.

Inzwischen wurde diese Verschwörungstheorie in einer weiteren Ausgabe der Interim von einer anderen Redaktion zurückgewiesen. Das Gerücht führte jedoch gleichzeitig dazu, dass die Verantwortlichen des linken und unabhängigen Internetprojekts Indymedia eine Veröffentlichung der umstrittenen Interim-Texte ablehnten. In einer offiziellen Stellungnahme von Indymedia heißt es dazu: »Seit dem 11. September 2001 gibt es in der BRD eine Neuauflage des Versuchs seitens so genannter 'Antideutscher', linke Politik zu verhindern, indem jegliche politische Aktion als 'antisemitisch' gebrandmarkt und aktiv versucht wird, Linke zu diffamieren.«

Einen ähnlich paranoiden Reflex gab es bei Indymedia bereits, als dort Fotos von einer Anti-Bush-Demo veröffentlicht wurden, auf denen Transparente mit der Aufschrift »für Karsli« zu sehen waren. Sogleich behaupteten LeserInnen, die Fotos seien gefälscht. Als die Aussage durch das Posting weiterer Fotos widerlegt wurde, schrieb ein Leser: »Dies sind doch einige 'antideutsche' Provokateure, die Bilder provozieren wollten, um später mit diesen dann die Anti-Kriegs-Demos zu diskreditieren.«

Bei Indymedia scheinen die Verschwörungstheoretiker ihr Ziel nun beinahe erreicht zu haben. Einige Moderatoren erklärten: »Wir haben uns entschieden, (...) der innerdeutschen Szene-Pseudodebatte über Antisemitismus solange kein Forum zu bieten, wie sie kein Interesse an konstruktiver Auseinandersetzung zeigt. Wir betrachten entsprechende Beiträge als vorsätzliches, systematisches, wiederholtes Missachten der Zielsetzung von Indymedia (...) und löschen sie entsprechend unseres Kriteriums gegen Spam.« Außerdem sei die umstrittene Interim-Nummer durch »Machtanmaßung« entstanden und werde daher nicht auf Indymedia erscheinen, erklärte ein Indymedia-Mitarbeiter der Jungle World.

Sollte sich diese Praxis, Kritik am Antisemitismus innerhalb der Linken zu löschen, fortsetzen, kann das Projekt Indymedia von undogmatischen Linken getrost abgehakt werden. Wer die Kritiker antiisraelischer Politik nur als Agenten und Putschisten wahrnimmt, dem fehlt die Grundlage für eine politische Bewertung des Richtungsstreits.

ivo bozic



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