Die Brandstifterin
Muslime überfluten Europa und »vermehren sich wie die Ratten«. Illegale Einwanderer sollte man »in Reih und Glied stellen, zu einem Hafen oder Flughafen schaffen und zurückschicken«. Über ein von somalischen Immigranten, die gegen ihre Illegalisierung protestieren, im Zentrum von Florenz errichtetes Zelt wiederum schreibt die Autorin, sie hätte es selbst nächtens in Brand gesteckt, wenn ihr nicht eine behördliche Entscheidung zur Räumung des Zelts zuvorgekommen wäre.
Solche und ähnliche Einsichten gibt Oriana Fallaci in ihrem vor sechs Monaten in Italien und kürzlich in Frankreich erschienen Bestseller »Die Wut und der Stolz« zum besten. Nun hatte die französische Justiz darüber zu entscheiden, ob der Vertrieb des Buches in Frankreich per einstweiliger Verfügung verboten werden solle oder nicht. Drei Organisationen hatten geklagt: die Antirassismusorganisation MRAP, die vor allem die maghrebinische Community vertritt, die eher der jüdischen Community nahe stehende Licra (Liga gegen Rassismus und Antisemitismus) und die Liga für Menschenrechte LDH. Die jeweiligen Anwälte zogen, vor allem beim Ratten-vergleich, Parallelen zur antisemitischen Massenliteratur der dreißiger Jahre.
Verteidigt wurde Fallaci von Gilles-William Goldnadel, einem der führenden Köpfe der Rechtszionisten in Frankreich, der selbst Theorien über die »islamische Gefahr« vertritt. Die Pariser Richter befanden allerdings, im Eilverfahren könne nicht über den Charakter des Buches entschieden werden, und erließen daher keine einstweilige Verfügung. Im Juli wird nunmehr das Hauptverfahren gegen Fallaci wegen rassistischer Verhetzung eröffnet.
Sparen, sparen, sparen
»Jetzt wird der Geist der Berliner Seiten im Feuilleton aufgehen.« Mit diesen Worten versuchte der Mitherausgeber und Feuilletonchef der FAZ, Frank Schirrmacher, das eben bekannt gegebene Ende des Prestigeprojekts »Berliner Seiten« wenigstens ein kleines bisschen schönzureden. Müsste Schirrmacher nicht mit aller Gewalt versuchen, Contenance zu bewahren - schließlich wurden die »Berliner Seiten« ja hauptsächlich von ihm gefördert -, hätte er auch sagen können: »Der FAZ geht es gerade so scheiße, dass sie selbst dieses Prestigeprojekt zu Grabe tragen muss, mit dem zwar viel Renomee gewonnen, aber noch viel mehr Geld verloren wurde.«
Eigentlich pfeifen es die Spatzen ohnehin schon von den Dächern: Die aktuelle Anzeigenflaute setzt der FAZ ganz schön zu, keine andere große deutsche Tageszeitung wird von der Anzeigenmisere so getroffen wie sie. Immerhin wurden im Jahr 2001 27 Millionen Euro Schulden gemacht, nachdem im Jahr zuvor noch 33 Millionen Euro erwirtschaftet wurden. Deswegen muss nun um jeden Preis gespart werden, und zwar überall. Sonderseiten wie »Style« und »Phono« sollen ganz abgeschafft werden, genauso wie Mitarbeiter »im unteren dreistelligen Bereich« von der Gehaltsliste verschwinden werden.
»Die Berliner Seiten« dienten nach dem Bekunden ihres Resortleiters, dem »Generation Golf«-Erfinder Florian Illies, dazu, jüngere Leser an das Mutterblatt zu binden. Diese Strategie ist wohl auch einigermaßen aufgegangen. Der ausführliche Hauptstadtteil galt mit seiner kruden Mischung aus Klatsch, Lifestyle-Reportage und genauen Szene-Beobachtungen als innovativ und hip und verbesserte damit auch das Image der ehemals als behäbig-bildungsbürgerlich geltenden FAZ.
Nun haben die »Berliner Seiten« ihren Zweck erfüllt, so Illies. Das kann glauben, wer mag. In Wahrheit ist die geplante Kürzung des Feuilletons um ein Drittel genauso als Affront gegen Schirrmacher zu werten wie die Abschaffung der Hauptstadtseiten. In der FAZ fanden wohl doch nicht alle das Genom-Feuilleton Schirrmachers so gut wie er selbst. Und auch seine Verfahrensweise mit dem öffentlich abgelehnten Vorabdruck von Martin Walsers Buch »Tod eines Kritikers« brachte ihm nicht nur Freunde ein. Vielleicht ist das Einsparen von Schirrmacher bereits die nächste Sparmaßnahme der FAZ.
Unschuldige Opfer
Wenn diese Ausgabe der Jungle World erscheint, erreicht die Fieberkurve der Fußball-WM gerade ihren Höhepunkt. Obwohl die italienische Mannschaft schon längst ausgeschieden ist, scheint die Erregung in Italien auch noch ungeahnt hohe Gipfel erstürmen zu können. Die Italiener fühlen sich von den Schiedsrichtern ungerecht behandelt. Und das sogar mit Recht, keine andere Mannschaft bekam bei diesem Turnier so viele rechtmäßige Tore aberkannt wie die Squadra Azzurra. Doch dass der AC Perugia den bei ihm unter Vertrag stehenden Golden-Goal-Schützen Ahn aus Südkorea, der Italien in tiefe Depressionen stürzte, fristlos gefeuert hat, ist dann doch reichlich bizarr. Was kann der denn für die unterirdischen Leistungen von Schiedsrichtern bei der WM?
Aber vor allem: Wie kann man nun auch noch Schüler und achtziger-Jahre-Nostalgiker in der ganzen Welt für die Leistungsverweigerung der Schiris leiden lassen? Ziemlich trotzig jedenfalls mutet die Entscheidung der italienischen Firma Panini an, aus Protest gegen die Schiedsrichterleistungen die Produktion ihrer längst legendär gewordenen Panini-Bildchen einzustellen. Was soll denn nun auf dem Schulhof getauscht werden? Etwa die Klebebildchen aus der Titanic mit den deutschen Kickern in Verliererpose? Bei Drucklegung liegt noch kein Halbfinalergebnis vor und wir wissen auch nicht, was uns das Finale bescheren wird. Aber es ist durchaus zu befürchten, dass die Loserposen in der Realität keine Entsprechung finden werden.