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Nr. 26/2002 - 19. Juni 2002
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Welt der Warenform XXII

Jetzt oder nie

Als ich sie erblickte, war mir sofort klar, dass ich sie haben musste, dass ich sie streicheln wollte, dass sie mir gehören musste. Ich wusste, dass keine andere ihr gleichkommt. Selten gibt es im Leben des Menschen Augenblicke wie diesen. Momente, in denen das berauschende Gefühl, das schlagartig von einem Besitz ergreift, so übermächtig wird, dass man alles andere um einen herum vergisst.

Die vielen graugesichtigen Menschen jedoch, die ohne jede erkennbare Regung an ihr vorübergingen, zeigten nicht das geringste Interesse an ihr, schlurften auf ihrem gewohnten Weg dahin, ließen sie achtlos links liegen, kümmerten sich nicht um ihre berückende Schönheit, ihre schlichte Eleganz, ihre erstaunlichen Maße. Keiner drehte sich nach ihr um. Ganz so, als sei sie gar nicht da, dort, an der Wand. War ihnen doch wundersamerweise nicht allein das vollkommen gleichgültig, was sie an rein äußerlicher Schönheit besaß, sondern auch die nur erahnte Sensation, die sie womöglich in sich barg. Ich aber starrte sie auf eine beinahe schon obszön zu nennende Art an. Ich musste sie besitzen.

Mochten die anderen, die stumpfsinnigen Bauernlümmel, die vorüberschlenderten, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, keine Augen im Kopf und keine Seele im Leib haben. Mich hatte sie sofort, als mein Blick sie traf, in ihren Bann gezogen. Mehr noch: Ich war nicht in der Lage, meinen Blick abzuwenden. Mein Gott, sie war bildschön. Sie war etwas ganz Besonderes. Das wenigstens konnte ich erkennen, obwohl mir lediglich ihr Rücken zugekehrt war. Ich spürte den kalten Schweiß, der sich am ganzen Körper auf meiner Haut gebildet hatte. Hinter meiner Stirn pochte es gewaltig. Meine Hände zitterten. Kurz: Ich war aufgewühlt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Niemals würde sich eine Chance wie diese noch einmal ergeben. The time is now. Now or never.

Wie gern hätte ich meine vor Aufregung feuchten Handflächen behutsam auf sie gelegt, sie zärtlich betastet und befühlt, jetzt, nachdem ich mich näher an sie herangeschlichen hatte. Ihre unmittelbare Nähe, die Tatsache, dass ich sie in einem unbeobachteten Augenblick hätte anfassen können, dass meine Finger liebevoll an ihrem makellosen Rücken hätten entlang streichen können, brachte mich fast zur Raserei. Wie gern hätte ich sie berührt, in diesem unwiederholbaren Taktschlag der Zeit, als ihr formvollendeter Rücken sich mir darbot.

Als es mir schließlich gelungen war, meine Nase ganz dicht an ihren Rücken zu bringen, umwehte mich ein faszinierendes Aroma, das ich einsog, bis mir beinahe schwarz vor Augen wurde. Es war, als platzte mir der Schädel. Jetzt war ich ihr ganz nah. Ihr Duft war atemberaubend: ein berauschender Wohlgeruch aus Hölzern, Tabakrauch und blitzsauberer Bürgerstube, wie ich ihn noch nie zuvor wahrgenommen hatte. Ich wollte sie erwerben, koste es, was es wolle.

Doch als ich am nächsten Tag dorthin kam, wo ich sie gesehen hatte, war sie verschwunden, die gebundene Gesamtausgabe der Werke Theodor W. Adornos. Ein anderer musste sie in der Zwischenzeit im Antiquariat entdeckt und sofort gekauft haben. Ich habe sie nie mehr wiedergesehen.

thomas blum



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