Sozialdemokraten und die WM
Rot schlägt Schwarz
»Ab dem Achtelfinale ist jedes Spiel ein Endspiel«, teilt Gerhard Schröder in einem offenen Brief an die »Bürgerinnen und Bürger zur Fußball-WM« mit. Da hat der Kanzler Recht.
»Jetzt läuft das Spiel«, assistiert ihm Franz Müntefering, »und da macht es keinen Sinn, sich auf die Tribüne zu setzen und darüber zu spekulieren, mit wem man im nachhinein gerne duschen möchte. Jetzt müssen die nötigen Tore geschossen werden.« Auch der SPD-Generalsekretär hat Recht.
Die Achtelfinalbegegnung Deutschlands gegen Paraguay, auch ein Endspiel, wollte der Kanzler, wie er vorher ankündigte, so erleben: »Am Sonnabend beim Achtelfinale hat die Politik für mich mal Pause. Dann werde ich rechtzeitig aufstehen, Brötchen holen und mit meiner Familie frühstücken. Und anschließend wird am Fernseher mitgefiebert, mitgezittert und werden die Daumen gedrückt.«
Der Kanzler duscht nicht, sondern holt Brötchen, d'accord. Aber warum fiebert und zittert der Kanzler? Auch das hat er, wenn schon nicht erläutert, so doch angedeutet, und zwar im Gespräch mit Martin Walser am 8. Mai. »Wenn die deutsche Nationalelf Fußball spielt, dann drücke ich den Deutschen nicht deshalb die Daumen, weil wir so ein wunderbares Grundgesetz haben.«
Sogar Peter Struck hat die Absage an den »Verfassungspatriotismus« verstanden. Der SPD-Fraktionsvorsitzende lud jüngst zum Kamerun-Gucken ein. Er stellte dazu »unreifes Obst und Getränke« hin, wie die Frankfurter Allgemeine vermerkte, die auch berichtete, wie sich ein Peter Struck der nationalen Sache stellt: »Die Nationalhymne erklingt. Struck stößt seine Nachbarn mit der Aufforderung 'Aufstehen!' an. Fast alle stehen, eine Dame singt sogar mit.«
Warum stellen sich erwachsene Sozialdemokraten vor den Fernseher und singen die Nationalhymne? Der Spiegel weiß die Antwort: »Sollte der kollektive Narzissmus des deutschen Michel durch Niederlagen auf dem Rasen weiter gekränkt werden, fiele es Edmund Stoiber noch leichter als bisher, die schwärenden Wunden der Betrübten und Enttäuschten zu netzen.«
Ob das stimmt? Peter Struck und seine Sozen jedenfalls glauben daran. »Als Carsten Ramelow die Rote Karte erhält, sind sie empört«, berichtet wiederum die FAZ aus der SPD-Fraktion. »Die Stimmung im Saal ist geladen. Eine deutsche Fahne wird geschwenkt. Gelbe Karten für die Kameruner werden beklatscht.« Klatschen und Fahneschwenken bringen Erfolg, Deutschland gewinnt. »Struck baut sich vor den Mikrophonen auf und sagt: 'Wir schlagen die Schwarzen auch am 22. September.'«
Struck ist wie Schröder und Müntefering ein bekennender Fan von Borussia Dortmund. Der Verein, immerhin genauso deutscher Meister wie Schröder deutscher Kanzler, gilt als gelungenes Beispiel sozialdemokratischer Modernisierung: vom der großen Industrie entstammenden Zechenkick zur börsennotierten Aktiengesellschaft in einem der Dienstleistungsgesellschaft gewidmeten Stadion.
Die Fußballliebe der Sozialdemokraten ist herrschaftstechnisch begründet. »Denn eine Regierung, die ihre teuren Fußballspieler verkommen lässt, ist selbst in Gefahr, taktisch nicht mehr mitzuhalten«, schreibt Dirk Schümer. Staatsräson sei es, dem »fatalen Eindruck eines maroden Zweitligastaates« vorzubeugen.
Warum also zittert und fiebert der Kanzler samstags beim Frühstück? »Weil ich finde, dass uns die deutsche Nationalmannschaft bisher viel Freude bereitet hat, und weil sie es verdient hat, noch weiter zu kommen. Finden Sie nicht auch? Ihr Gerhard Schröder.«
martin krauss