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Nr. 26/2002 - 19. Juni 2002
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50 Jahre Bummbumm

Als Abfallprodukt entstanden, feiert die Bild-Zeitung nun ein großes Jubiläum. Dieter Bohlen, Lothar Matthäus und Kaiser Franz gratulieren bestimmt. jörg sundermeier auch

Sie will die Zeitung für alle Deutschen sein. Sie ist es auch. Die Leser von Bild sind, geht man nach Bild, mit der Gesamtheit der Deutschen oft identisch, sie sind »Wir«. Bild ist auch die Zeitung für neue Wortschöpfungen: Spielt die deutsche Fußballnationalmannschaft, dann »rasieren wir« die Gegner, »wir frühstücken« sie und »alle haben wieder Angst vor uns«. Bild erfand auch die »Luder«, die bald in allen Zeitungen der Republik auftauchten. Sie feierte ihre Entdeckung sogar standesgemäß, indem sie beim diesjährigen G-Move, einem Techno-Umzug in Hamburg, zwischen die Jägermeister- und Zigaretten-Lkw den »Bild-Luder-Lader« stellte. Die Deutschen danken der Zeitung dieses Engagement für die Massenhysterie und die deutsche Sprache und kaufen sie so oft, dass sie sich ungeniert und ganz im typischen Bild-Duktus »Europas größte Zeitung« nennen kann.

Nun wird diese, unsere Bild 50 Jahre alt. Sie schenkt sich selbst unter anderem das Opel-Sondermodell Bild und es werden fleißig Jubel-Anzeigen im eigenen Blatt gestreut. Ansonsten gibt es weiterhin das Übliche. Man erfährt, dass Penisse abgeschnitten wurden, Krebskranke kämpfen, Liebeskranke töten, es im Königshaus kracht und Udo Walz sich amüsiert. In einigen Fällen ermittelt die Polizei noch. Rekorde, Dramen, Glück - und Bild ist stets dabei.

Die erste Ausgabe erschien am 24. Juni 1952 mit einem Umfang von vier Seiten und wurde verschenkt. Axel Caesar Springer, der bereits über einen Konzern verfügte, der aus der Wochenzeitung HörZu, der Illustrierten Kristall, dem Hamburger Abendblatt und der Tageszeitung Die Welt bestand, hatte zuvor schon einmal mit dem Boulevard kokettiert. 1948 erschienen im Axel Springer Verlag drei Ausgaben der Zeitschrift Merlin, die sich um »forschenden und praktischen Okkultismus, Grenzwissenschaften und esoterische Traditionen« kümmerte.

Bild selbst war zunächst eine Art Abfallprodukt. Wie Springer immer wieder betonte, wurmte es ihn, dass er für seine Zeitungen so viele hervorragende Fotos kaufte, die er dann in dieser Masse nicht verwenden konnte. Bild sollte die Fotos verwerten. Anfangs kam das Blatt weitgehend ohne Text aus, war jedoch alles andere als erfolgreich. Daher verwandelte es Springer peu à peu in eine Boulevardzeitung, in der der Text allerdings noch immer als Beiwerk zu den Fotos diente. Raum für Analysen oder differenzierende Berichterstattung gab es nie. Springer wird folgender Satz nachgesagt: »Als ich Bild schuf, habe ich vor allem an eins gedacht: Dass der deutsche Leser auf keinen Fall eines will, nämlich nachdenken.«

»Wir berichten nur. Wir belehren nicht. Denn wir sind alle nur Menschen - Sie und wir.« Mit solchen Parolen hielt Bild das Volk der Täter davon ab, sich einen Kopf zu machen. Man machte ihm einen Bauch und bestätigte es darin, dass zumindest der Krieg gegen die Sowjetunion gerecht gewesen sei. Mit Schlagzeilen wie »Ostzonensuppenwürfel machen Krebs« agitierte man gegen die DDR, die man, aller Entspannungspolitik zum Trotz, bis 1989 nur als »DDR« anerkannte.

Zwar bemühte sich der verhinderte Politiker Springer immer wieder um Israel und verurteilte öffentlich auftretende Antisemiten stets scharf (eine Linie, die - Friede Springer sei Dank - in den Springer-Blättern übrigens bis heute besteht). Gleichzeitig beschäftigte er in seinen Redaktionen jedoch einige altgediente Nazis. Auch deswegen formierten sich in den Sechzigern Proteste gegen Springer und Bild (»Enteignet Springer«), auf die Bild wiederum mit Hetzkampagnen antwortete. »Diese Kampagne (gemeint sind die Proteste) wurde nachweislich vor acht Jahren in Moskau gestartet. Sie ist Teil der kommunistischen Bemühungen, Zersetzung in die Bundesrepublik hineinzutragen.«

Als im April 1968 ein Bild-Leser auf Rudi Dutschke schoss, wurden die darauf folgenden Proteste gegen Springer zum Auftakt der 68er-Bewegung.

Bild war zu dieser Zeit ein konservatives Kampfblatt und man dankte es ihm. Der ehemalige Chefredakteur Peter Boenisch wurde unter Helmut Kohl Chef des Presseamtes und Franz Josef Strauß beteiligte sich ebenso wie Hans-Dietrich Genscher gern an der Kampagne: »Warum sie Bild lesen«. Titelschlagzeilen wie: »Kohl: So schaffen wir's. Deutsche, helft mit« waren die Folge.

Den größten Imageschaden in seiner Geschichte erlitt Springer, als sich Ende der siebziger Jahre Günter Wallraff unter dem Decknamen Hans Esser bei Bild einschlich und anschließend in mehreren Büchern die dubiosen Recherchemethoden aufdeckte und zudem die enge Verbindung des Blatts zur Polizei und zum Bundesnachrichtendienst nachweisen konnte. Die Klagewelle, mit der Springer Wallraff und dessen Verlag überzog, blieb folgenlos und Springer musste sich letztlich geschlagen geben.

Nun aber gründeten sich in ganz Deutschland Initiativen gegen Bild. Bücher und Platten erschienen, man rief von Bild Geschädigte auf, sich zu melden, und führte erfolgreich unzählige Klagen. Außerdem erschienen Parodien unter Titeln wie Killt!, Blid oder Blöd etc.

Mitte der achtziger Jahren flaute der Protest gegen Bild ab. Das lag zum einen daran, dass man sich wegen Wallraffs Egozentrik bald getrieben fühlte, mit seinen Gegnern zu sympathisieren, zum anderen entdeckte die Generation der Yuppies und Post-Punks den »Witz« der Bild-Zeitung. Schlagzeilen wie »Litti, Wutti, bummbumm!« wurden gar Gegenstand des Schulunterrichtes, Bild wurde zum Kult. Vor allem aber war inzwischen klar, dass auch die so genannte seriöse Presse manipuliert, nur eben geschickter. Selbst euphorisch gegründete Gegenzeitungen wie die Taz oder die allerorten entstandenen Stadtblätter verkamen nicht selten zu Organen von Parteien und Kommunalpolitikern.

Wenn Bild in diesen Tagen den 50. Geburtstag begeht, werden die wenigen Proteste ungehört verhallen. Denn die Zeitung stichelt zwar noch manchmal gelangweilt gegen die PDS, im Grunde jedoch gilt sie als harmlos. Der Rechtsrutsch, der mit dem neuen Chefredakteur und Kohlintimus Kai Diekmann befürchtet wurde, blieb weitgehend aus.

Man kann nun zwar lamentieren, dass die Größe und Bedeutung des Blattes gefährlich und die Zeitung selbst nationalistisch und sexistisch sei. In der Tat spielt Bild bei Schriftunkundigen vielleicht eine Vordenkerrolle, doch letztlich ist klar, dass nicht Bild, sondern die ganze Publizistik verroht ist.



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