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Nr. 26/2002 - 19. Juni 2002
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Bodo drückt wirklich ab

Es wird immer bizarrer. In den aktuellen Schirrmacher-Walser-Reich-Ranicki-Streitkomplex, der in der letzten Zeit die Debattenseiten im deutschsprachigen Blätterwald füllte, schaltet sich nun einer dazu, mit dem gar niemand mehr gerechnet hatte: Bodo Kirchhoff. Der eher nicht so unglaublich wichtige deutsche Schriftsteller hat nämlich gleichzeitig zu Martin Walsers demnächst erscheinendem Skandalbuch »Tod eines Kritikers« selbst an einem Buch gearbeitet, in dem der Kritiker Marcel Reich-Ranicki getötet wird.

Während der »Literaturpapst« bei Walser André Ehrl-König heißt und vom ewig kritisierten Schriftsteller-Alter ego Walsers lediglich in der Phantasie abgemurkst wird, wird er bei Kirchhoff unter dem Namen Louis Freytag von einem Auftragskiller tatsächlich bei einem Unfall umgebracht. »Der Täter, kein Schöngeist, aber hellwach, möchte nur Verwirrung stiften, um einer gesuchten Frau zur Flucht zu verhelfen, er handelt aus Liebe: Sein Ellbogen trifft, im Gedränge einer Flughafenhalle, die Nase eines älteren Herrn, der gerade sein eigenes Bild in der Zeitung betrachtet - bedauerlicherweise etwas zu fest«, beschreibt Kirchhoff im Spiegel den Mord in seinem Buch, das übrigens - nomen est omen? - »Schundroman« heißen wird.

Im Spiegel legt Kirchhoff auch nochmals akribisch dar, wie er seine eigene Rolle sieht, die er - wie er jetzt schon befürchtet - nach der Veröffentlichung seines Buchs in der Debatte um »Tod eines Kritikers« einnehmen wird müssen. Er versucht, sich gar als Opfer der Medien zu inszenieren. Obwohl er in Wahrheit natürlich Aufmerksamkeit auf sich und sein Werk zieht, die er mit seinem wahrscheinlich eher faden Büchlein niemals bekommen hätte.

Kirchhoff schreibt über Walser: »Es war ein gewaltiger Fehler und zugleich ein Schachzug, das Manuskript so früh aus der Hand zu geben, es war schäbig, daraus Kapital zu schlagen, und natürlich auch klug.« Und: »Die Debatte selbst ist für mein Gefühl Theater, das schlechteste seit langem, zutiefst verlogen, zutiefst selbstherrlich, von den allerwenigsten offen vorgetragen.« Kirchhoff glaubt weiter, dass er Walser zwar ertragen könnte, dieser ihm aber »stark auf die Nerven geht«. Darüber, ob Kirchhoff, wie Walser, mit antisemitischen Klischees nur so um sich wirft, erfährt man im Spiegel nichts. Nur, dass »Schundroman« nicht wie geplant erst im Herbst, sondern bereits Anfang Juli in den Buchläden stehen wird.

Bei all dem Elend möchte Kirchhoff vom erneuten Streit um Walser schließlich doch noch ein wenig profitieren . Wie Walsers wird auch sein Werk bei Suhrkamp erscheinen.



Sir Mick, der Joschka des Rock

Nun darf sich also auch bald Mick Jagger mit »Sir« anreden lassen. Denn es scheint tatsächlich beschlossene Sache zu sein, dass die Queen demnächst den Sänger der Rolling Stones zum Ritter schlagen wird. In der Popliga zieht er damit nach und ist dann auf gleicher Höhe mit Paul McCartney, Elton John, Bob Geldof und Cliff Richard, die bereits das Vergnügen mit der Queen hatten und sich nach deren Ritterschlag alle als ehrenvolle Mitglieder des gehobenen Standes betrachten dürfen.

Popadlige wie etwa Cliff Richard zeichnen sich normalerweise dadurch aus, dass sie ein extremes Schwiegersohnpotenzial besitzen, sich möglichst wenig Skandale in der eigenen Biografie finden lassen und dass sie familientaugliche Luschenmusik produzieren. Mick Jagger dagegen war immerhin in seiner Jugend der »street fighting man«, der Schrecken aller Erziehungsberechtigten und ein großer Drogenkonsument vor dem Herrn. Doch das scheint nun alles vergeben und vergessen. Der Mann tut aber in letzter Zeit auch wirklich einiges dafür, dass man ihn nicht mehr an seiner Vergangenheit misst.

Der Joschka Fischer der Rockbranche besucht eifrig Cricketturniere und schiebt den Kinderwagen durch den Hyde Park. Und musikalisch ist auch nichts mehr los mit ihm. Beste Voraussetzungen also, um ein würdiger Ritter Englands zu werden.



Wie im Fernsehen

Es ist schon wieder passiert. Ein bekloppter 14jähriger hat die mediale Welt mit der Wirklichkeit verwechselt und deswegen angenommen, er wäre Superman, der beste Stuntman der Welt und ein ewig lebender Engel in Personalunion. Der Junge hatte »Jackass« auf MTV, eine Extremstuntshow mit dem gerne lebensmüde agierenden Moderator Johnny Knoxville, angesehen. Danach kam er auf die Idee, eine Szene aus der Show nachzustellen. Er zog sich auf einem Sportplatz zwei T-Shirts, zwei Pullis und eine Jacke an und ließ sich danach von einem Freund anzünden. Zu seinem großen Erstaunen hatte er danach ein Problem. Glücklicherweise konnte ein Passant die Flammen löschen.

Seit der bizarren Tat des Jungen muss sich MTV rechtfertigen. Politiker, die endlich was gegen Gewalt in den Medien tun wollen, möchten »Jackass« verbieten lassen. Der Sender selbst hat bereits angekündigt, die Show zu entschärfen und Jugendliche noch stärker als bisher darauf hinzuweisen, dass die Stunts von Johnny Knoxville nicht nachgestellt werden sollten.

Eigentlich müsste man aber eher die Eltern des Jungen fragen, ob sie ihm überhaupt schon mal den Unterschied zwischen dem, was im Fernsehen läuft, und dem Leben außerhalb der Kiste erklärt haben.



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