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Nr. 26/2002 - 19. Juni 2002
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Mehr Attentäter als Ziele

»Es stehen mehr Selbstmordbomber in Pakistan zur Verfügung als es amerikanische Ziele in diesem Land gibt.« Mit dieser Aussage und genaueren Angaben zu potenziellen Tätern soll Fazal Karim, inhaftiert wegen der Beteiligung an der Ermordung des US-Journalisten Daniel Pearl (Jungle World, 10/02), vor weiteren Anschlägen gewarnt haben. Doch diese und andere Hinweise, so Kamran Khan, ein Korrespondent der pakistanischen Tageszeitung The News, seien von der Polizei ignoriert worden.

Jedenfalls gelang es Attentätern der zuvor unbekannten Gruppe Tarjuman al-Qanun (Sprecher des Gesetzes), am Freitag eine Bombe vor dem US-Konsulat in Karachi zu zünden; elf Menschen starben. Und dass ein solcher Anschlag vor einem der gefährdetsten Objekte des Landes möglich war, spricht nicht für den besonderen Eifer der Sicherheitskräfte. Seit Islamisten und konservative Nationalisten in der Polizei, im Militär und Geheimdienst fürchten müssen, dass Präsident Pervez Musharraf unter dem Druck der USA die Unterstützung für militante Gruppen in Kaschmir stoppen könnte, hat sich ihre Distanz zur Regierung vergrößert.



Gentechnologie gegen Hunger

Für westliche Regierungschefs führen nicht alle Wege nach Rom. Mit Ausnahme der Ministerpräsidenten Italiens und Spaniens hielt es keiner von ihnen für nötig, am Welternährungsgipfel teilzunehmen. Großbritannien entsandte nicht einmal eine Delegation zu dem von der UN-Welternährungsorganisation FAO in der vergangenen Woche veranstalteten Treffen. Den 72 anwesenden Regierungschefs nicht industrialisierter Staaten signalisierte das kein großes Interesse am beschleunigten Kampf gegen den Hunger.

Beim gegenwärtigen Tempo würde die so genannte internationale Gemeinschaft ihr 1996 gesetztes Ziel, die Zahl der Hungernden auf die Hälfte zu reduzieren, erst in 70 Jahren erreichen. Doch die Forderung der FAO, zusätzliche Mittel zur Entwicklung der Landwirtschaft bereitzustellen, stieß auf wenig Resonanz. Stattdessen soll mit gentechnisch veränderten Pflanzen die Nahrungsmittelproduktion erhöht werden. »Mehr von der gleichen wirkungslosen Medizin«, kommentierte das gleichzeitig tagende NGO-Forum. Bereits vor der Konferenz hatten 50 000 Menschen in Rom gegen die westliche Agrarpolitik demonstriert.



Real stürzt ab

Hoppla! Am Mittwoch vergangener Woche ist der brasilianische Real auf seinen zweittiefsten Stand seit 1994 gestürzt. Für einen US-Dollar bekam man 2,79 Real, gut 20 Prozent mehr als zu Jahresbeginn. Doch keine Panik! In einer Fernsehansprache rief Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso zu Ruhe und Vertrauen auf. Analysten meinten, der Einbruch des Real resultiere aus Währungsspekulationen. Möglicherweise muckt das Kapital, das scheue Reh, aber auch noch aus anderen Gründen: Meinungsumfragen zufolge kann der Kandidat der linksgerichteten Arbeiterpartei (PT), Luís Inácio da Silva, auch als Lula bekannt, bei der Präsidentschaftswahl im Oktober mit etwa 40 Prozent der Stimmen rechnen. Seinem Rivalen José Serra von der Sozialdemokratischen Partei - dem »Kronprinzen« Cardosos - werden lediglich 20 Prozent vorhergesagt. Und sowohl Cardoso als auch der brasilianische Zentralbankchef haben mit kleinen Seitenhieben auf Lula die prekäre Finanzlage Brasiliens gegen ihn ausgespielt.



Generalstreik in Uruguay

Die »Schweiz Lateinamerikas« ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Vier Jahre Rezession und kein Ende in Sicht, offiziell etwa 15 Prozent Erwerbslosigkeit, und durch den ökonomischen Absturz des Nachbarlandes Argentinien weitere wirtschaftliche Schwierigkeiten: Es gibt wenig Grund zur Zufriedenheit für die Unterklassen in Uruguay. Nun hat am Mittwoch vergangener Woche ein 24stündiger Generalstreik gegen die strikte Sparpolitik der Regierung die Wirtschaft des südamerikanischen Landes lahmgelegt. Nach Gewerkschaftsangaben kam der Betrieb bei den Banken, in der Industrie, im staatlichen Sektor und im Bildungswesen vollständig zum Erliegen. Der Ausstand richtete sich insbesondere gegen eine neuerliche Steuererhöhung, die zweite innerhalb von drei Monaten, durch die die Löhne und Gehälter bis zu 20 Prozent schrumpften. Ein lautstarker Protest mit Kochtopfschlagen vor der Residenz des konservativen Staats- und Regierungschefs Jorge Batlle in der Hauptstadt Montevideo verlief ohne Zwischenfälle. Es war bereits der vierte Generalstreik seit Batlles Amtsantritt vor zwei Jahren.



Unantastbarer Sozialismus

»Lang lebe der Sozialismus, nieder mit der Lüge«, riefen kubanische Demonstranten, die mit Präsident Fidel Castro an der Spitze am Mittwoch vergangener Woche an dem US-Botschaftsbunker in Havanna vorbeidefilierten. Eine Million Menschen sollen es nach offiziellen Angaben allein in Havanna gewesen sein. Zuvor hatte US-Präsident George W. Bush die Aufhebung des US-Wirtschaftsembargos gegen Kuba von freien Wahlen und einem Übergang zur Marktwirtschaft abhängig gemacht.

Castro hat eine weitere Gegenmaßnahme angekündigt. In einem Referendum sollen die Kubaner entscheiden, ob die Karibikinsel auf Dauer »sozialistisch« bleiben soll, im Sinne des bürokratischen Staatskapitalismus natürlich. In 130 000 Stimmlokalen konnten sie Castro zufolge vom vergangenen Samstag bis Dienstag dieser Woche ihre Meinung zu einer von kubanischen Massenorganisationen beschlossenen Resolution kundtun. Derzufolge soll die in der Verfassung festgeschriebene sozialistische Staatsform für alle Zeiten als »unantastbar« erklärt werden.



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