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Nr. 26/2002 - 19. Juni 2002
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Erster Umsonstladen Berlins

Alles kostet nichts

Auf den ersten Blick wirkt der kleine Laden in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte wie ein alternativer Secondhand-Shop. Doch wer genau hinsieht, stellt fest, dass die angebotenen Gegenstände keine Preisschilder tragen. Hier darf jeder Besucher mitnehmen, was ihm gefällt. Bezahlen muss er nicht dafür. Was sich wie der Traum eines jeden Verbrauchers anhört, ist in Bremen, Detmold, Dresden, Hamburg und Hannover längst Realität. Umsonstläden liegen im Trend.

Jens, einer der Betreiber des Berliner Projektes, lernte das Konzept auf einer Veranstaltung mit dem Hamburger Aktivisten Hilmar Kunarth kennen und war von der Idee sofort begeistert. Zusammen mit vier Freundinnen und Freunden eröffnete er dann im Dezember 2001 einen Umsonstladen nach Hamburger Vorbild. Kostenlose Räume fanden sie in einer ehemaligen Drogerie, die von einem alternativen Hausprojekt in der Brunnenstraße vorher als Infocafé benutzt wurde.

Das Prinzip ist einfach. Alles, was zum Wegwerfen zu schade ist, kann in den Laden gebracht und von anderen Leuten kostenlos mitgenommen werden. Die Gratisteile müssen allerdings noch gebrauchsbereit und in Ordnung sein. »Mittlerweile kommen immer mehr Leute her, um Sachen zu bringen, weil sie die Idee gut finden«, erzählt Jens. So wechseln Gläser, Vasen, Handtaschen, ganze Ski-Ausrüstungen oder etwa »Die neuen Leiden des jungen W.« von Ulrich Plenzdorf in der DDR-Erstauflage völlig problemlos den Besitzer. Möbel oder andere sperrige Gegenstände, für die es im Laden keinen Platz gibt, können an einer Pinnwand angeboten werden.

Zur hemmungslosen Selbstbedienung lädt der Laden dennoch nicht ein. Denn zu den Regeln zählt, dass niemand mehr als drei Stücke pro Besuch mitnehmen darf. »Wenn ich den Eindruck habe, dass Leute ständig vorbeikommen und möglichst viel einpacken wollen, frage ich sie auch schon einmal, ob sie das alles wirklich brauchen«, sagt Grit, die zur Startcrew des Projektes gehört. Schließlich sei es eines der Hauptziele der Umsonstläden, Besucher zum Nachdenken über ihre Bedürfnisse, ihr Konsumverhalten sowie ihren Umgang mit Waren und Geld anzuregen. »Im Laden können wir mit Leuten über Kapitalismuskritik reden, die wir auf der Straße nie erreichen würden. So können wir ihnen auch eine praktische Alternative zur Wegwerfgesellschaft aufzeigen«, meint Jens und fügt lächelnd hinzu: »Am liebsten diskutiere ich mit Schlipsträgern.«

Geduldig erklärt er ihnen dann, dass der Laden kein Umschlagplatz für aussortierte Dinge sei, sondern vielmehr ein sozialer Treffpunkt, in dem die direkte Kooperation zwischen Menschen verschiedener Bevölkerungsschichten und Altersgruppen im Vordergrund stehe. Man habe im Herzen des Glitzerbezirks Mitte einen »Freiraum« geschaffen, in dem »alles selbst organisiert und ohne Geld abläuft«. Anfallende Kosten wie Strom und Wasser könnten durch Spenden gedeckt werden.

Doch wie lange kann sich dieses Biotop im Sanierungsgebiet rund um den Rosenthaler Platz halten? Der neue Hauseigentümer würde sowohl die Hausbewohner als auch die Ladenbetreiber lieber heute als morgen hinauswerfen. Allerdings sitzen beide Seiten zur Zeit gemeinsam mit Vertretern des Senats, des Bezirksamtes und der Sanierungsstelle am runden Tisch, um über die Zukunft des Hauses zu verhandeln. »Wir machen in jedem Fall weiter«, erklärt Jens. Er glaubt, dass man schnell auch ein anderes Domizil finden würde. Kürzlich habe ihnen eine Potsdamer Wohnungsbaugesellschaft kostenlose Räume für einen Umsonstladen angeboten. Nun würden nur noch Interessenten für dieses Projekt gesucht.

christian schaller



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