Just Stuff
Von David Reed
Ich muss ein Geständnis machen: Ich habe zu viel Zeug. Es wäre nur recht und billig zu behaupten, dass ich ein Eichhörnchen bin. Meine Wohnung ist ziemlich klein, auf jeden Fall kleiner als ein bestimmter Second-Hand-Laden in der 1 302 West Gray Street in Houston, Texas (siehe 31. Mai). Bevor meine Frau im letzten Oktober bei mir einzog (erwähnte ich, dass ich verheiratet bin? Ich habe aber bislang keine Kinder und keinerlei Haustiere), war mein Appartment dermaßen mit Zeug vollgestopft, dass man von einem Ende zum anderen hüpfen musste. (Vielleicht haben Sie Berichte über kleine alte Omis gelesen, die 20 Katzen beherbergen und deren Wohnungen wahre Feuerfallen sind, weil sie derart mit Stapeln alter Zeitungen vollgestopft sind, dass nur noch schmale Pfade als Durchgänge existieren.)
In meiner Wohnung begannen sich die Pfade zu füllen, sodass jedwedes Fortkommen eine Herausforderung war. (Sollten Sie in Diensten der Feuerwehr stehen, begreifen Sie dies nicht als Einladung, mich zu besuchen, denn ich räumte auf, bevor meine Frau einzog. Zudem plane ich einen großen Frühjahrsputz, sobald ich mit diesem Artikel fertig bin.) Ich erzähle Ihnen das alles, weil ich glaube, dass es Ihnen helfen wird, meinen Bewusstseinszustand während der Ereignisse von Ende Mai und Anfang Juni zu verstehen. Ich lege mein Tagebuch als Beweis vor. Das ist die Wahrheit, nach bestem Wissen und Gewissen, ich schwöre.
15. Mai
Las einen Artikel in der Lokalzeitung (Seite E-1 der L.A. Times, Südkalifornisches Leben), in dem berichtet wurde, dass Linda Lay, die Frau des ehemaligen Enron-Chefs Ken Lay, und ihre Tochter Robyn einen Second-Hand-Laden namens »Jus' Stuff« in Houston eröffnen werden. Nicht dass ich noch mehr Zeug brauchte, aber es würde mich interessieren, welche Art von Zeug Linda Lay anzubieten hat.
22. Mai
Schöne Sache, dass Joe seine Garage ausgeräumt hat und mir seinen Fernseher (JVC, Modell C 2017) anbot. In nur drei Wochen habe ich wieder gelernt, vor dem Gerät kleben zu bleiben (# 1), und zwischen all den Berichten über Bushs Reise nach Moskau und der Entdeckung von Chandra Levys Überresten in einem Park in Washington DC (die bei weitem größere Story), sehe ich auf dem News-Laufband unten auf dem Schirm eine Meldung, dass »Jus' Stuff« die Geschäfte aufgenommen hat.
25. Mai
Es scheint, dass Arthur Andersens Behinderung der Justiz (Rechenschaft bezüglich Enron) bald geklärt sein wird. Ich schätze, dass ich mir sowohl die letzten Tage des Prozesses als auch den Laden der Lays ansehen kann. Gehe ins Internet und besorge mir ein Flugticket nach Houston.
29. Mai
Als ich in Houston ankomme, bin ich hungrig und müde. Ich verlasse den Freeway I-45 (South) exakt dort, wo mich ein gigantisches Zeichen mit der Aufschrift »E-Z on/off« dazu auffordert, und reihe mich in die Schlange vor einem McDonald's Drive-Through ein. Ich fühle mich furchtbar, weil ich sowas normalerweise nicht tue.
Doch die Tatsache, dass eine Digitalanzeige die Sekunden zwischen meiner Bestellung und der Lieferung des Essens wegtickt, beruhigt mich (weniger als eine Minute); außerdem weiß ich, dass ich mich hier nicht auf der Suche nach einer Auffahrt zum Highway verirren kann.
22.30 Uhr (Central Time). Komme am Haus des Freunds eines Freundes an (Marks Freund Aaron), der mich großzügigerweise für einige Nächte aufnimmt. Wir reden über Kunst, Linda Lays Zeug und alles mögliche. Er gibt mir einen Schlüssel und macht mich mit dem Wohnzimmer-Futon bekannt.
30. Mai
Ich verirre mich in Houston (# 2) und komme erst spät im Gericht an; verpasse die Gelegenheit, das Pressegedrängel um die Schlüsselfiguren im Andersen-Prozess zu fotografieren, als sie das Gerichtsgebäude betreten (verdammt!). Und es stellt sich heraus, dass es am Eingang einen Metalldetektor gibt. Man kann nicht einmal in der Lobby des Gerichts fotografieren, geschweige denn im Verhandlungssaal.
Ich mache haufenweise Notizen über Dinge, die in wenigen Stunden ohnehin in Druck gehen (in den offiziellen Abschriften). Und ich kann nicht schnell genug schreiben, also sind meine Notizen nicht gerade besonders nützlich: »Notiz auf dem Karton: 'zu vernichten'«, »tendiere dazu, viel umzuschreiben ... jede Menge Zeug verpasst ... und so kam Bill zu mir ...« (Notiz an mich: Steno lernen).
Ich bin ziemlich sicher, eine Sache doch richtig mitbekommen zu haben: »Wenn Sie Buchhalter beschreiben müssten...« - »Als Eichhörnchen ...« - »Engagieren sich selbst Eichhörnchen beim Frühjahrsputz?« (Notiz an mich: Überlegung, in den Buchhalterberuf einzusteigen.) Ich notiere einige Dinge, die nicht in den offiziellen Abschriften vorkommen: hölzerne Saloon-Style-Türchen (kleiner, ohne Leiste) von den Zuschauerplätzen bis zum Verhandlungsbereich. Silberne Texassterne an den Türen zum Gerichtssaal mit großen silbernen Knäufen in der Mitte der Sterne. Der Typ neben mir trägt rote Sneakers (Converse).
Es ist die letzte Woche eines seit einem Monat laufenden Prozesses, deshalb verstehe ich nicht viel von dem, was sich abspielt. Nicht dass ich viel über die Gesetzgebung wüsste. Also ist es hilfreich, dass mein Nachbar in den roten Converse-Sneakers für mich interpretiert: Wenn Rusty Hardin, der Verteidiger, aufsteht und sagt: »Ich protestiere aufs Schärfste, Euer Ehren«, bedeutet das nur, dass Hardin sich stets vor der 11-Uhr-Pause aufregen muss.
Die Zehnminutenpause endet nach über einer Stunde. Ich versuch, so viel wie möglich aufzuschreiben. Notizen aus einem riesigen Notizblock, den Hardin benutzte, um die Aufmerksamkeit der Geschworenen zu erregen: »DEREK SMITH STEVE SANDWEISS«. Auf einem andern Block steht: »P/C 1. SEC LETTER RELATED PARTY TRANSACTIONS; 2. COULD AA HELP GATHER DOCUMENTS; 3. COMMENT LETTER FROM SEC.« Auf der weißen Tafel, mit Edding geschrieben, eine weitere Botschaft: »110A Pg. 3.«
Ich komme ins Gespräch mit meinen Nachbarn. Der Converse-Typ denkt darüber nach, Jura zu studieren. Die Frau vor mir hat gerade ihren Abschluss in Jura gemacht. Sie bietet Rat an, und ich denke, ich sollte vielleicht Jura studieren (obwohl sie nicht erwähnt, dass auch Anwälte Eichhörnchen sind, sie scheinen jedenfalls auch große Papieransammlungen zu besitzen). Die Juristin scheint von Hardin gefesselt zu sein, der, wie sie behauptet, die Dinge so vereinfacht, dass jedermann sie versteht. Weissmann (einer der Anwälte der Regierung) dagegen ist »manchmal schwer zu verstehen«. Ich meine, dass Hardin der good ol' boy zu sein scheint, und die Juristin antwortet, dass es »das ist, was die Leute denken sollen«. Doch als jemand, der im Nordosten aufgewachsen ist, meinte ich mit good ol' boy nicht unbedingt etwas Gutes. Ich frage mich außerdem, ob Weissmann, der ihnen wie ein New Yorker Jude vorkommen könnte, Probleme mit den texanischen Geschworenen bekommen wird. Ich behalte meine Gedanken für mich.
Ich plane meinen Abgang so, dass ich mit dem good ol' boy im Aufzug nach unten fahren kann, in der Hoffnung etwas Interessantes aufzuschnappen. Doch ich bekomme nichts mit, und als ich meine Kameras bei der Security abhole, habe ich eine weitere Chance zum Fotografieren verpasst. Also nehme ich die umstehenden Journalisten auf Video auf (# 3). Sie alle kennen einander und machen sich Sorgen, wer ich sei. Ich erzähle ihnen, dass ich an einer unabhängigen Dokumentation arbeite, aber das beruhigt sie nicht besonders. Einer fragt mich, ob ich bei al-Qaida sei. Sie beruhigen sich etwas, als ich die Kamera auf mich richte und frage, ob ich aussähe, wie jemand von al-Qaida.
Nach dem Mittagessen gehe ich in den Presseraum, einem kleineren Gerichtssaal im vierten Stock mit einer Live-Videoübertragung der Ereignisse. Hier kann man die Zeitung lesen, Solitaire auf seinem Laptop spielen, um die gepolsterten Geschworenenstühle schweifen oder die Füße auf das Geländer vor sich legen. Und wenn man Lebensmittel in den Raum schmuggelt, kann man sie öffentlich verputzen. Schaut man sich jedoch nur das Verfahren an, ist es schwierig, nicht einzuschlafen: nur eine Kamera, Weitwinkel, sodass man nicht viel zu sehen bekommt. Ich gehe zurück nach oben, um die Ereignisse »live« zu erleben.
Sie reden über die Größe der Papierstapel auf den Schreibtischen der Buchhalter. Ich gewöhne mich an Hardins Akzent. (Heute Morgen glaubte ich beharrlich, er sage »own site«, wenn er tatsächlich »on-site« meinte.)
Um 16.45 Uhr wird der Prozess unterbrochen, und ich nutze die Gelegenheit, einige Telefonnummern aufzuschreiben: von der Firma, die die mit Papieren für den Prozess gefüllten Pappboxen, die in den Ecken des Raumes stehen, herstellt. Es gibt Nummern für die Büros in Dallas, Houston und Chicago. Ich notiere sie alle. (Notiz an mich: Kontaktlinsen tragen oder 'ne Brille besorgen. Dann müsste ich nicht immer erst auf Unterbrechungen warten, um nahe genug an die Dinge heranzukommen, um sie lesen zu können.)
Nachdem der Saal sich geleert hat, suche ich ein paar Dinge zusammen, die die Journalisten zurückgelassen haben - die Bleistiftspitze eines Gerichtszeichners, den Teil eines Notizzettels. Am Fahrstuhl befinden sich ein Stapel alter Gesetzbücher und anderer Müll (# 4). Ein Journalist bemerkt, das sei also die »document retention policy des Gerichts« (also Akten zu vernichten, so wie Andersen es tat). Als niemand schaut, reiße ich aus ihnen einige Seiten für meine eigene Dokumentensammlungspolitik heraus und gehe zu den Toiletten, wo ich ein Papierhandtuch als Souvenir mitgehen lasse. Unten auf Straße finde ich einen Becher, der vielleicht später hilft, dies alles zu entschlüsseln. (# 5) Ich werfe noch einen Blick in die Mülltonne (# 6) und fahre zurück zu Aaron.
31. Mai
Ich warte seit Monaten darauf, dass diese Enron-Story genauso groß wird, wie es mit Monica Lewinsky der Fall war, oder wenigstens so groß wie Elian Gonzales, doch ohne Erfolg. Selbst mit Chandra Levy verglichen, ist diese Story winzig. Gestern war der Saal mehr als halb leer und nur ein einziges Nachrichtenteam berichtete live.
Nachdem ich bereits über einige der wichtigsten Weltneuigkeiten berichtete, muss ich mir selbst gegenüber zugeben, dass ich nur einer unerheblichen Business-Story folge. Auf CNN läuft ein Trailer für einen Bericht über Seinfelds Rückkehr und einer darüber, dass Harrison Ford in einem kommenden Film möglicherweise jemanden anderes oder gar niemanden spielt. Selbst im Gerichtsfernsehen zeigt man Wiederholungen aus besseren Tagen, als Erik und Lyle Menendez wegen des Mordes an ihren Eltern vor Gericht standen.
Um 9 Uhr morgens läuft ein Report mit »unglaublichen Ansichten von dem, was wir alle im TV gesehen haben« (außer mir, scheint's): Live von Mount Hood gibt es ein Interview mit den Rettungskräften, die gestern den spektakulären Hubschrauberabsturz mit eigenen Augen sahen. Danach bekommen wir ein Update der Spekulationen, die sich um Chandra Levys Ermordung ranken, und um 9.21 Uhr gibt's auf Fox »Rummy to Region« (über Befürchtungen, dass Indien und Pakistan direkt am Abgrund eines Krieges stehen). Kaum ein Wort über die Story, wegen der ich gerade 2 400 Kilometer geflogen bin.
Um die Wahrheit zu sagen: Der eigentliche Grund, aus dem ich in Houston bin, ist, mir »Jus' Stuff« anzusehen. Ich weiß nicht, was ich erwarten soll, außer dass das Fotografieren im Laden verboten ist und Linda Lay nicht mit Journalisten spricht. Also betrete ich den Laden inkognito, ohne meinen »Rite-Aid«-Spiralblock, ohne Kamera. Ich überschlage grob, dass vielleicht ein Dollar von all den Hunderten, die ich in den letzten paar Jahren in Stromrechnungen investierte, direkt in Linda Lays Tasche gewandert ist.
Als ich mich im Laden umsehe, brenne ich darauf, mein Geld zurückzuerhalten. Ich erstarre, als ich eine Frau »Haaaa, bin Linda« sagen höre. Ich gehe rüber, um besser lauschen zu können, doch ich wage nicht, irgendetwas aufzuschreiben, als ich höre: »Ken? Er macht 'ne harte Zeit durch. Er ist ein guter Mann ... Er hat sein Leben lang seine Integrität gewahrt und ..., genau wie ...« (So habe ich es zumindest erinnert, als ich nachher eine Notiz auf die Rückseite meiner Walgreens-Quittung für »Pure American Water« und Ziplock-Tüten zu kritzelte.) Dann kommt Linda mit einem Riesenlächeln auf mich zu, stellt sich mir vor und schüttelt mir freundschaftlich die Hand, und ich vergesse völlig den Dollar, nach dem ich fragen wollte. Sie entschuldigt sich gelegentlich für die sich offensichtlich beißenden Stile und erläutert, dass einige der Dinge aus der »winzigen« Hütte stammen, die sie damals in Aspen hatten (die sie für zehn Million Dollar verkaufte), der Rest dagegen aus einem nahe gelegenen Haus kommt, das sie für die Kinder kauften, als sie erwachsen wurden, ihre eigenen Familien hatten und mehr Platz brauchten. Sie scheint richtig erregt, als sie mir berichtet, sie würden demnächst ihr Haus in Galveston verkaufen, und hier dann bald noch mehr Zeug im Angebot haben.
Ich stelle ihr nicht zu viele Fragen, aus Furcht, als Reporter erkannt zu werden, und danke ihr. An der Tür fragt eine Verkäuferin, ob ich das Gesuchte gefunden hätte, obwohl ich sicher bin, dass sie mich vom ersten Augenblick an als jemanden gebrandmarkt hat, der nur zum Schauen reinkommt, und sie scheint sich nicht gerade über meine Anwesenheit zu freuen. Linda andererseits nimmt keinerlei Notiz davon oder es ist ihr gleichgültig.
Als ich zum Enron-Hauptquartier fahre, denke ich, dass Linda mich irgendwie an eine russische Babuschka erinnert, die einfach das macht, was gemacht werden muss, komme was da wolle. In ihrem Falle bedeutet das, zu lächeln, Hände zu schütteln und jeden zu bezirzen, den sie trifft. In den vergangenen Tagen hieß das, ihrem Ehemann beim Abschluss von Milliarden-Dollar-Verträgen zu helfen oder bei Multimillionen-Wohltätigkeitsdeals; heute mag es ihr beim Verkauf von gebrauchten Pooltischen helfen, oder um neugierige Kalifornier zu empfangen.
Ich bin noch immer nicht über all diese überhöhten Stromrechnungen hinweg, und wenn ich höre, wie ein Mittzwanziger einem anderen für eine Mahlzeit dankt, und der erste sagt: »Dank Enron«, möchte ich sagen: »Nun, danke mir!« Doch ich halte mich raus und gehe wieder zum Prozess.
Ich zeige einem Sicherheitsbeamten meinen kalifornischen Ausweis und lege meine Schlüssel in eine Plastikschale, die vorsorglich mit einem Teppichrest von irgendwelchen Renovierungsarbeiten in den oberen Stockwerken ausgepolstert ist. Dann übergebe ich meine Kameras einem anderen Beamten zur Durchleuchtung. Porträts von Bush und Cheney blicken auf mich herab. Die Kunst des Lächelns scheint ausgesprochen schmerzhaft für Cheney zu sein, und ich bin auch nicht besonders froh, ihn zu sehen. Ich tausche meine Kameratasche gegen ein Schildchen mit einer dreistelligen, mit Edding per Hand geschriebenen Nummer. (Verdammt! Ich vergaß, die Nummer aufzuschreiben!)
Um 14.10 Uhr befindet sich John Stewart im Zeugenstand. Er sagt: »Ich war stets mehr ein Aufbewahrer von Dingen, als ein Wegwerfer von Dingen.« Ich fange wieder an, über einen neuen Beruf nachzudenken. Doch Buchhaltung ist vermutlich mehr, als nur Dinge aufzubewahren.
Dieses Verfahren scheint so etwas wie ein Zirkus zu sein. Rusty Hardin zeigt weiterhin offene Respektlosigkeit gegenüber der Richterin. Heute morgen hörte ich, wie er sagte: »Wir haben das Wall Street Journal, wozu brauchen wir eine Börsen- und Handelskommission?« Inzwischen hat der Geschworene Nummer zehn der Richterin eine Notiz zugespielt, die besagt, dass der Geschworene Nummer zwei sauer auf den Geschworenen 16 wegen seiner Unpünktlichkeit ist, und er droht damit, bis in die Unendlichkeit über den Fall zu beraten. Richterin Harmon sagt: »Ich bin nur die Richterin, mir ist's gleich, wie Sie alle mit der Sache umgehen wollen ...«
Hardin macht eine Geste, die mir bereits vertraut ist, indem er den Zeigefinger reckt, unter seinen Hemdkragen führt und diesen mit einer raschen Bewegung richtet, dann schnalzt seine Hand wieder hervor, den Zeigefinger noch immer gereckt. Nun streckt er seine Zunge heraus, leckt sich die Lippen und setzt ein breites Grinsen auf.
Shannon Adlong hat den Zeugenstand betreten und referiert in Zahlen (vielleicht liegt's auch an mir, dass nur die Nummern hängenbleiben): Der Schredder kann sechs bis sieben Seiten auf einmal schlucken. Kinder, 14, zwölf und zehn Jahre alt. Hauptvertretung von Arthur Andersen in Houston: 711 Louisiana Street. Duncan musste 15 bis 20 Kartons Papier schleppen (ja, sie sagt, Kartons so groß wie die, deren Telefonnummern ich gestern aufschrieb). Hardin: »Haben Sie David Duncan jemals aufgefordert aufzuräumen?« - »Ja. Manchmal sagte ich, wenn du aufräumtest, dann könnten wir die Dinge möglicherweise auch finden.«
In der Pause sitzt eine CNN-Reporterin in einem Gartenstuhl und wirft unentwegt einen Tennisball gegen die Wand des Gerichtsgebäudes. Ich filme sie in Aktion. Sie fragt mehrmals, für was ich das hier filme, scheint jedoch nicht wirklich auf einer Antwort zu bestehen.
Hardin arrangiert es so, dass Ms. Adlong fast exakt um 17 Uhr in Tränen ausbricht. Ein Gerichtsdiener bietet ihr ein Päckchen Taschentücher an, sie bittet um etwas Zeit, um sich frisch zu machen. Die Richterin entscheidet auf eine Sitzungspause übers Wochende. Auf meinem Weg hinaus finde ich einen Flusenball und unten an der Wand des Gerichtsgebäudes Klebeband, das für Videoaufnahmen von Gerichtszeichnerskizzen in dem Saal benutzt wurde (# 7). (Notiz an mich: Zeichnen lernen.)
1. Juni
Ich bin fest entschlossen, »Jus' Stuff« nochmals mit meinem Memoblock aufzusuchen und Notizen über die Sammlung zu machen, komme was wolle. Doch als ich nach Montrose runterfahre, blockiert ein Güterzug die Straße. Ich wende, verfahre mich, und finde mich auf einem Gewerbehof voller riesenhafter Büsten von US-Präsidenten wieder (# 8). Tja, das ist definitiv nicht »einfach nur Zeug«. Ich mache einige Fotos und nehme ein paar Sachen auf Video auf. Ein paar Künstler, die hier Studios angemietet haben, stellen sich vor. Mark plant, einen Engel zu bauen, der größer als die Freiheitsstatue ist; Mali, ein Fotograf, bietet an, mir sein Studio zu zeigen.
Ich fürchte, dass die Story, an der ich dran bin, keine echte Story ist und überlege mir, nach Oklahoma hochzufahren (wo letzte Woche eine große Brücke zusammengebrochen ist). Doch ich bin bei dem Gedanken, 1 500 Kilometer in anderthalb Tagen zu fahren, nicht gerade begeistert, und ich bekomme ein paar Vorschläge, was ich mir ansehen könnte, wenn ich in Houston bleibe.
Das Wichtigste zuerst: Ich fahre zu »Jus' Stuff«. Kurz bevor ich den Parkplatz erreiche, sehe ich gegenüber einen Straßenverkauf, und da Linda das Fotografieren verbietet, überlege ich mir, hier einige Fotos zu machen (# 9). Das Angebot unterscheidet sich ziemlich von Lindas Zeug: rostige Fahrräder (einem fehlt das Vorderrad), ein alter Computer, eine Mikrowelle und Elvis' »Golden Records«. Die Verkäufer scheinen alle Mitte 20 zu sein; sie trinken, rauchen und haben eine Menge Spaß. Es macht mir Spaß, mit ihnen abzuhängen, doch ich muss rüber auf die andere Straßenseite, bevor »Jus' Stuff« schließt.
Also betrete ich den Laden, schleiche nach oben und beginne, Notizen zu machen: »Sagenhafte antike Religionskrone, 3 000 Dollar«, »Pfauengemälde, 900 Dollar«, »Damensekretär im Louis-XV.-Stil, 2 000 Dollar«. Sieht nicht so aus, als gäbe es etwas in meiner Preislage. Als ich wieder hinuntergehe, treffe ich Lindas Tochter Robyn, die genauso charmant ist wie ihre Mutter. Es stellt sich heraus, dass wir an den gleichen Orten waren: Berlin nach dem Mauerfall, Jugoslawien während des Krieges, Moskau, als es noch die Hauptstadt der UdSSR war. Sie erzählt, wie erstaunt sie war, dass der Türsteher dort sofort erkannte, wer aus dem Westen kam (und somit Eingang ins Hotel fand), und sie fragte nach seinem Geheimnis: die Schuhe. Ich fühle mich unwohl, als ich auf meine hinabblicke. Vor einer Weile habe ich, glaube ich, zehn Dollar dafür bezahlt (# 10). Doch Robyn lacht nur und zeigt auf ihre nicht besonders teuren Sandalen.
Als Linda Lay herausfindet, dass ich ein Reporter bin, ziert sie sich ein wenig, mit mir zu sprechen. Doch solange ich keine unangenehmen Fragen stelle, lässt sie sich auf ein Interview ein. Auf der Party eines Freundes (John Duncan) zu Ehren seines 71. Geburtstages, sammelten Linda und er eine Million Dollar, um eine Schule für Kinder mit Downsyndrom zu eröffnen (Wow!). Das ist typisch Houston, sprudelt es aus Linda heraus. Sie versucht mich davon zu überzeugen, nach Houston zu ziehen. Ich vermute, dass das nicht mein typisches Houston wäre, doch wer weiß? Vielleicht ist ein Jurastudium doch der bessere Deal, verglichen mit dem Beruf eines Buchhalters.
Linda (ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich sie weiterhin Linda nenne; ich denke, wir sind auf der Vornamenebene, doch ich bin mir nicht sicher) erwähnt recht oft den Holocaust. (Ist es möglich, dass sie nicht glaubt, ich sei von al-Qaida?) Als ich sie frage, ob sie je auf die Idee gekommen sei, einige ihrer Sachen aus ihren verkauften Häusern in ihr gegenwärtiges Haus zu stellen, anwortet sie: »Nein«, und stellt die Theorie auf, das habe mit dem Verlust ihrer Mutter zu tun, als sie vier Jahre alt war, und mit ihren Freunden, mit denen sie aufwuchs, die Familienmitglieder im Holocaust verloren haben. Deshalb bewertet sie das Leben höher als die Dinge.
Ich glaube zwar nicht, dass ich das Leben gering bewerte, denke aber trotzdem immer, dass ich meine Sachen irgendwann noch Mal gebrauchen kann. Ich erzähle ihr meine traurige Geschichte von all dem Zeug, das ich mit der Hilfe von Freunden in den Kellern von Los Angeles, San Francisco, New Jersey und Berlin lagere. Sie sieht mich lange an und sagt: »Nun, du bist jung, vielleicht befreist du dich eines Tages davon.«
Es ist schon nach Ladenschluss und Linda entschuldigt sich, sagt aber noch: »Lass mich wissen, wenn du wieder in der Stadt bist. Besuch mich!« Ich mache auf dem Weg nach draußen noch einige Notizen: »Café au lait-Tassen, zwei für 50 Dollar«, »alter Kinderschlitten, 180 Dollar«, »bemaltes Bunny mit Herz-Halskette, 25 Dollar«, »Vase aus dem besetzten Japan, herrliche Farben, 40 Dollar«, »McClellan-Kavalleriesattel, 500 Dollar«, »antike Vitrine, 6 250 Dollar«. Ich laufe über die Straße, darauf hoffend, die Leute vorzufinden, mit denen ich vorhin so viel Spaß hatte.
Irgendwie haben die Dinge sich verändert. (Vielleicht weil ich zugeben muss, dass Linda Lay mich beeindruckte?) Immerhin bietet man mir einen Zug aus einem umgebauten hellgrünen Kazoo an. Und anders als Clinton inhaliere ich.
Später weisen mich einige Leute darauf hin, dass es hier in Texas eine Brücke gibt, die am 15. September von einem Schleppkahn gerammt wurde. Vielleicht sollte ich mir diese Brücke ansehen, statt der in Oklahoma.
2. Juni
Ich entscheide mich, nicht zu der Brücke in Texas zu fahren und mich stattdessen auf die Dinge hier in Houston zu konzentrieren. Da gibt es die »Orange Show«, in den Siebzigern von einem Typen gegründet, dessen Liebe der Orange als perfekter Form/Farbe/Nahrung gilt (# 11). Es ist eine seltsame Sammlung von alten stählernen Traktorsitzen, Mannequins und Hirschköpfen, zusammengestellt von einem, der sein Haus zu einer Touristenattraktion machen wollte. Dann gibt es noch das Haus des »Flower Man« (# 12), der im Gegensatz zu Jeff (dem »Orange Show«-Typen) den Großteil seines Zeugs wohl gefunden haben muss. (Notiz an mich: Vielleicht wäre das ein Weg, aus meinem Zeug Nutzen zu ziehen?) Danach finde ich zum Bierdosen-Haus (# 13), von einem Typ geschaffen, der meinte, er könne seine leeren Bierdosen zur Dekoration seines Hauses verwenden.
Um den Tag abzurunden, checke ich die Antikläden auf der Westheimer aus (# 14) und »Otto's BBQ« (# 15), vom dem man mir erzählte, es sei ein Lieblingslokal von George Bush (vom Vater? Oder von beiden?)
Es gibt da noch eine Skulptur, die ich fotografieren wollte. Eine 25 Meter hohe Statue Sam Houstons am Rande des Freeway nach Dallas, die vom selben Bildhauer angefertigt wurde, der all die Präsidentenbüsten schuf, die ich gestern sah. Doch wozu 250 Kilometer fahren, wenn man auch unter Freunden auf seinem Lieblingsfuton sitzen und sich bei Bier und Pizza ein Basketballspiel ansehen kann? Ich entscheide mich für das Basketballspiel.
3. Juni
Ich glaube, ich brauche andere Fotos als die von den Antikläden auf der Westheimer, um diese Story auf den Punkt zu bringen. (Notiz: Ich fühle mich ziemlich dämlich, weil ich den CNN-Tennisball am Freitag nicht fotografiert habe.) Ich rufe bei Enron an, doch es werden keine Journalisten im Gebäude geduldet, auch nicht ohne Kameras. Zum Glück gibt es noch jede Menge Straßenschilder, die den Verkehr zum jetzt nicht mehr existenten »Enron Field« leiten. (Das Baseballteam der Houston Astros zahlte Enron ein paar Millionen Dollar für das Privileg, den Namen »Enron« von ihrem Spielfeld zu verbannen, doch die Straßenschilder scheren sich nicht drum.)
Als ich den Fahrstuhl im neunten Stock des Gerichtsgebäudes verlasse, ruft mir der für die Pässe verantwortliche Sicherheitsbeamte zu: »Wir haben Sie gesucht, Mr. Reed! Wir haben das ganze Wochenende auf Sie gewartet.« Ich bin zufällig am Freitag mit meinem Pass rausgegangen (# 16). Zum Glück kriege ich keinen großen Ärger, und man erlaubt mir, meinen Pass noch einen weiteren Tag zu benutzen. Eine große Frau betritt den Gerichtssaal und ruft aus: »Möge Gott die Vereinigten Staaten und dieses ehrbare Gericht schützen«, und geht ab, Bühne rechts.
Endlich! Die Regierung kommt zur Sache, nicht alles Zeug ist nur Zeug: »Ms. Adlong, wenn bestimmte E-Mails gelöscht wurden, wären Sie nicht in der Lage auszusagen, ob es sich dabei um wichtige E-Mails für die Buchhaltung handelte, ist dem nicht so? Sie könnten nicht sagen, ob sie von Interesse oder Bedeutung für einen Beamten der Börsen- und Handelskommission wären?«
Genau das ist für mich der Haken an der Sache, dass ich nicht sicher bin, welche meiner eigenen Angelegenheiten für mich gerade jetzt von Bedeutung sind. Vom nächsten Jahr einmal ganz abgesehen ...
Andersens Buchhaltung befand sich im Allen Center 3. Am 17. Oktober bestellte Ms. A. 50 kleine Schreddertüten. Am 25. Oktober orderte sie fünf Kartons à 50 große Schreddertüten. Am 9. November nahm sie den Schredder vom Strom und verpasste ihm ein Schildchen: »Keine Aktenvernichtung mehr«. Wie üblich regt sich Rusty Hardin vor der Pause auf. Dieses Mal ist es so schlimm, dass er eine Zeigefingergeste macht, die ich nie zuvor sah, indem er imaginären Staub von einem Schreibtisch wischt.
Ich begleite ihn im Fahrstuhl nach unten, als er die Regierung mit einem Kind im Süßwarenladen vergleicht und die Richterin mit einem Süßwarenladenbesitzer, der das Kind sich austoben lässt. (Das erinnert mich an die Republikaner in Florida, die die Demokraten, als sie die ungezählten Wahlzettel der Präsidentschaftswahl 2000 prüfen wollten, mit Schulkindern verglichen, die ihre Klassenarbeit nicht in der vorgeschriebenen Zeit geschafft hatten; siehe Jungle World, 50/00)
Draußen vertraut mir der Fotograf des Houston Chronicle (James), der damit beschäftigt ist, der einen oder anderen wichtigen Figur hinterherzujagen, an, dass der Job hier »fast so lustig ist wie ein Schlag in die Fresse«. Zu schade, dass er nicht hinaufgehen kann, um sich das Verfahren anzusehen. Ich beginne langsam, das gesamte Drama zu verinnerlichen. Draußen fotografiere ich Rusty Hardin (# 17) und die Klimaanlage von CNN (# 18).
Ein neuer Zeuge, John Riley, hat im Zeugenstand Platz genommen, und Hardin macht erneut Notizen: »24. Oktober, J.R. fliegt nach Houston.« Dann, von seinem kleinen Scherz begeistert, sagt er: »Texas ist nicht der beste Ort, um J.R. zu erwähnen, aber das sind doch Ihre Initialen, nicht wahr?«
Es folgt jede Menge Jedi-Talk (über die Enron-Tochter Joint Energy Development Investment), aber ich beginne einzuschlafen und schätze, es wäre ein guter Moment, das ehemalige »Enron Field« zu besichtigen.
Carlos von der Pressestelle der Houston Astros begleitet mich zum Stadion. Dort, zwischen dem Ford-Schild (»Drive one home«) und dem zehn Meter hohen Miller-Lite-Logo, da stand damals »Enron«. Die Schilder wurden mit großem Theater abgebaut, für jedes einzelne fand sogar eine eigene Pressekonferenz statt. Carlos erklärt, wo die Schilder außerhalb des Stadions hingen und schickt mich auf Schatzsuche (# 19).
Um 16.40 Uhr bin ich zurück im Gerichtssaal. Es herrscht eine gespannte Atmosphäre, der Zeuge befindet sich im Kreuzverhör. Hardin beendet den Tag in heller Aufregung, lamentiert über die Humorlosigeit der Regierungsanwälte und darüber, dass sie »nicht nach den Regeln spielen«. Er bittet die Richterin, die Regierung einmal nur zu verwarnen und geht schmollend ab.
4. Juni
Ich habe meinen Flug zurück nach Los Angeles schon gebucht, also sieht es so aus, dass ich nach all dem hier die Schlussplädoyers verpassen werde. Die Fotografen scheinen freundlicher (# 20), seit ich ihnen gestern den Tipp gab, dass Ms. Adlong gleich das Gebäude verlassen würde. James startet eine Wette, wann der letzte Zeuge den Zeugenstand verlassen wird, doch niemand scheint interessiert.
Oben genieße ich den letzten Morgen des Verfahrens und sehe Rusty erneut einen großen Auftritt vor der Pause abziehen, dieses Mal macht er die Richterin vor den Augen der Geschworenen lächerlich. Ich fahre hinüber zu Enron und versuche, in das Gebäude zu gelangen. Ich hinterlasse eine Botschaft in den Computerdateien von Enron, dass ein gewisser David Reed von einer Zeitung namens Jungle World Einlass ins Gebäude begehrte. Ich gehe nach draußen und mache ein Foto von der Lobby (# 21) und ein Selbstporträt (# 22).
Dann gehe ich auf einen letzten Besuch zu »Jus' Stuff«. Linda scheint entzückt, mich zu sehen, und grüßt mich namentlich. Ich frage, ob sie irgendwelche Fotos hat, um diesen Dossier zu illustrieren, und sie bietet mir an - ich bin der erste Journalist, dem sie es erlaubt -, im Laden zu fotografieren. Es handelt sich um so eine Art hölzernes religiöses Artefakt, und ich bin so aufgeregt, dass ich vergesse aufzuschreiben, um was es sich genau bei dem handelt, was ich hier fotografiere (# 23). Sie bemerkt, wie begeistert ich bin, und zum ersten Male erlaubt sie sich, einen Hauch Frustration in ihre Stimme zu legen, indem sie mich fragt, um was es eigentlich gehe. Weshalb kümmert das die Leute?
Bevor ich ins Flugzeug steige, schreibe ich die folgende Information nieder, die sich gleich neben dem Telefon außerhalb der Tür des Flugzeuges befindet: »131 ist nicht länger die gültige Rufnummer für die Intra Company.« (# 24) Ich bin nicht sicher, was es bedeutet, doch die Notiz auf der Rückseite meines Flugkartenumschlages ist nun ein Teil meiner Sammlung von Zeug. Immerhin wird sie nicht allzu viel Platz in meinem Lager einnehmen.
Aus dem Amerikanischen von Oliver Naatz.
Der Foto- und Videokünstler David Reed lebt in Los Angeles. In Jungle World veröffentlichte er seine Arbeiten »The Circumstantial & the Evident 1 & 2« (5 und 6/99), »Mein 9. November« (48/99), »Heaven can wait« (22/00), »The Media Zone« (36/00), »Chad Fever« (50/00) und »11. September« (43/01).