Der letzte linke Student XIX
Macht den Schoß unfruchtbar!
Der letzte linke Student hat einen Artikel über Faschismus gelesen. Das ist gut. Denn: Es macht ihn aufmerksam. Und so bemerkt der letzte linke Student: Der Faschismus schleicht auch in unseren Gefilden umher. Auch in die Herzen der Freundinnen und Freunde. Z.B.: ins Herz dessen, der sich noch immer Kommunist nennt.
Und das hat es dem letzten linken Studenten: eiskalt den Rücken runterlaufen lassen. Denn: Der, der sich noch immer Kommunist nennt, liest ganz viel konservative Literatur. So steht in seinem Buchregal z.B. was von Adenauer. Und was von Bismarck. »Aber das sind doch Konservative«, ruft der letzte linke Student aus. Doch der, der sich noch immer Kommunist nennt, erschrickt nicht. Im Gegenteil: Der guckt nur freundlich. Der sitzt weiter in seinem Sessel. Und sagt stattdessen: »Oh, mein Lieber, da sind ja auch einige veritable Faschisten im Bücherschrank. Mohler, Mahler, la Rochelle und Mussolini. Auch das bürgerliche rechte Zeug, Nolte, Walser, Jünger, was du willst. Irgendwer muss doch lesen, was die schreiben.« Da erschrickt der letzte linke Student erneut. Denn: Der, der sich noch immer Kommunist nennt, liest das sogar. Und: Er gibt es auch noch zu.
Darum schaut ihn der letzte linke Student jetzt ganz traurig an. Er will helfen. »Glaubst du wirklich, dass das gut für dich ist?« fragt er sanft. Und der, der sich noch immer Kommunist nennt, sagt: »Ich brauche das für meine Forschung. Ich erforsche den Faschismus.« Aber: Das sagt er schon zu spät. Denn der letzte linke Student ist aufgestanden. Und hat: seine Jacke ergriffen. Und geht langsam: hinaus.
Zu Hause kommen dem letzten linken Studenten Zweifel. Denn: Der, der sich noch immer Kommunist nennt, nennt sich ja noch immer Kommunist. Und: Vielleicht schreibt der ja an einem Artikel gegen Nazis. Und braucht dafür: Material. Aber: Kann man sich diese Bücher nicht ausleihen? Und wenn man sie gekauft hat: Stellt man sie offen hin? Damit signalisiert man doch: Ich bin stolz auf meine Mussolini-Bücher. So wie der letzte linke Student mit seinem Buchregal signalisiert: Ich bin stolz auf meine Zwerenz- und Lenin-Bücher. Und dem letzten linken Studenten ist aufgefallen: Der, der sich immer noch Kommunist nennt, trinkt kaum noch. Und: isst sogar nicht mehr falsch. Und: treibt sogar Sport. Hat nicht in dem Artikel, den der letzte linke Student gelesen hat, gestanden, dass die Faschisten einen Körperkult betrieben haben? Und hat Hitler nicht die Olympiade ins Reich geholt? Und schaut nicht der, der sich immer noch Kommunist nennt, manchmal bei der Fußball-WM zu? Und ist der Kommunismus nicht auch der Bruder gewissermaßen vom Faschismus? Sagen das nicht Jan Philipp Reemtsma oder Hannah Arendt? Und ist das nicht gefährlich? Und beweist denn das alles etwa nichts?
Dem letzten linken Studenten wird ganz schwindelig. Schnell greift er nach seinem goldenen Notizbuch. Und er greift auch: nach dem Stift. »Der Faschismus ist ein ganz gefährliches Monster! Stets kriecht er an dich heran, stets greift er nach den Besten neben dir. Der Faschismus ist fast so geschickt wie die CIA! Daher muss man aufpassen! Und dafür sorgen, dass die faschistischen Gedanken verschwinden!«
Nachdem der das alles geschrieben hat, schaut er aus dem Fenster. Er denkt: Manchmal muss man auch handeln. Und denkt noch: Ich könnte ja bei dem, der sich noch immer Kommunist nennt, einbrechen. Und dann: Dann würde ich ihm das Zeug wegnehmen. Und dann bliebe dem: nur die linke Literatur. Und würde: ihn zu uns zurückholen. Der letzte linke Student findet: Das ist ein guter Plan. Darum: schreibt er sich das auch ins Notizbuch. Als Maxime. Und auch wir sollten doch mal schnell unsere Freundinnen und Freunde besuchen.
jörg sundermeier