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Nr. 25/2002 - 12. Juni 2002
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Die neue Massenbewegung

Heimwerker - was sind das für Leute, und welche Motive haben sie? von rainer trampert

Wir erinnern uns an frühere Bewegungen gegen den Atomtod, gegen Wiederbewaffnung, gegen Atomkraftwerke, für den Frieden. Jedesmal waren Hunderttausende auf den Beinen. Das ist Vergangenheit. Die größte Bewegung unserer Zeit wird auf 30 Millionen geschätzt, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Die Rede ist von der uns allen wohl bekannten Do-it-yourself-Bewegung, die erst in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer Massenbewegung wurde.

Der Duden definiert sie als eine von den USA ausgehende Bewegung, die sich als Hobby die eigene Ausführung handwerklicher Arbeiten zum Ziel gesetzt hat.

Dieser Deutung hält die Süddeutsche entgegen: Mit der gebotenen Nüchternheit und Sachlichkeit beschreibt der Duden das Phänomen. Doch die Realität ist weder sachlich noch nüchtern. Heimwerken ist oft Lebensinhalt und Ideologie. Manche behaupten sogar: Der Deutsche ist im Fräs- und Dübelwahn.

Die Geschichte begann vor 20 Jahren. Die Grünen waren gerade gegründet. Andere Bewegungen gingen den Bach hinunter. Theorien sprachen davon, dem Kapitalismus gehe die Arbeit aus. Da traten die ersten Heimwerker auf. Weil wir mit uns selbst beschäftigt waren, haben wir kaum darauf geachtet, dass die Heimwerker damals schlimmeren Anfeindungen ausgesetzt waren als grüne Fundamentalisten.

An der Spitze des Angriffs stand das professionelle Handwerk, das um seine Existenz bangte. Es verlangte ein Verbot der Heimwerkerei und schreckte vor keiner Diffamierung zurück. Man sprach abwertend von der Bewegung der Bohrer und Schrauber und aggressiv von bastelwütigen Heimarbeitern, obwohl die Heimwerker beteuerten, ihr Feind sei nicht das Handwerk, sondern der Müßiggang.

Es half nichts. Der Druck war so stark, dass die Bewegung in den Untergrund ging. Ihr Motto: Jeder tut es, aber niemand spricht darüber. Man traf sich konspirativ in Kellerräumen und gründete heimlich in Gewerbegebieten angesiedelte hallenartige Tempel, die als Baumärkte getarnt wurden. Dort bewaffnete man sich mit Werkzeugen, Schrauben, Farbe und Sägen, Spachteln und Wasserwaagen, mit Akku- und Elektrowerkzeugen. Oft sogar mit Kreissägen oder Rasenmähern.

Dann karrte man illegal Holz, Eisenwaren und Baustoffe heran. Als die Lager voll waren, legte man los. In der Wohnung, im Keller oder Hobbyraum, manchmal auch in der Garage - überall wurde gehämmert, gefräst, gebohrt und geleimt.

Die Bewegung ist auch sonst ziemlich militant. Da ist der Fall des 37jährigen Ambergers, der Ende Januar eine Steckdose anbringen wollte, aber Besuch von der Polizei bekam, weil er kurz vor Mitternacht unter gewaltigem Krach mit der Bohrmaschine in der Wohnung seiner Nachbarin gelandet war.

Ein anderer Aktivist hatte über Nacht an der Grenze seines Grundstücks eine Mauer errichtet. Die Konstruktion hielt nur wenige Stunden, bevor sie das Auto des Nachbarn unter sich begrub.

Die Bewegung hatte solchen Zulauf, dass heute acht von zehn deutschen Haushalten eine Bohrmaschine besitzen, fast jeder zweite eine elektronische Säge und beinahe genauso viele ein Schleifgerät.

Unter diesen Umständen wechselte man die Taktik. Man trat aus dem Untergrund hinaus in die Öffentlichkeit. Der legale Arm der Bewegung organisiert sich heute in mehreren leider heftig konkurrierenden Parteien. Die stärksten sind Obi, Praktiker und Bauhaus, die auch international agieren, um befreundete Völker bis China mit dem Tüftel- und Bastelvirus zu infizieren.

Dann gründete man die Deutsche-Heimwerker-Akademie, die Kurse von Drechseln bis Zinkenfräsen für 15 000 bis 20 000 Bastler im Jahr anbietet. Die Akademie verleiht auch den begehrten Deutschen Heimwerker-Preis »Do-it« und hat das Ziel, wie ihre Sprecherin sagt, die Heimwerker zum Stolz auf ihre Arbeit zu erziehen. Zum Stolz auf selbst gebaute Hochbetten, gezimmerte Hundehütten oder gefräste Gartenzäune.

Ich will die größte Massenbewegung unserer Zeit etwas genauer analysieren. Was sind das für Leute?

Grundsätzlich unterscheiden Experten drei verschiedene Typen von Heimarbeitern. Da sind zum einen die Pragmatiker, die selber Hand anlegen, weil sie schlechte Erfahrungen mit Handwerkern gemacht haben. In der zweiten Gruppe sind die Kreativen. Sie wollen vor allem ungewöhnliche Lösungen finden und diese künstlerisch umsetzen.

Es liegt auf der Hand, dass die Kreativen regelmäßig die Do-it-Trophäen abgreifen. Gewonnen haben das letzte Mal eine Heimwerkerin mit ihrem neuen selbst gestalteten Badezimmer und ein bastelfreudiger Opa mit einer hölzernen Baumburg für seinen Enkel.

Unser Hauptaugenmerk gilt aber der dritten, der größten Gruppe. In ihr versammeln sich die fanatischen Bastler, die in der Arbeit an sich Erfüllung finden.

Ungefähr 90 Prozent zählen zu den Fanatikern, die einfach immer nur arbeiten wollen. Sie stehen für den neuen Zukunftstrend: Leistung als Lebenssinn, sagt Professor Opaschowski, Arbeit rund um die Uhr: morgens, mittags oder abends die Arbeit im Beruf oder mehrere Nebenjobs, danach im Keller die elektrische Bohrmaschine fest im Griff und ansonsten hektische Betriebsamkeit zwischen Surfen, Mailen und Telefonieren. Rastlose Nomaden, die nicht zur Ruhe kommen, und denen alles andere gleichgültig ist, der Tierschutz genauso wie das eigene Leben.

Alle zwei Minuten verunglückt hierzulande ein Freizeit-Handwerker. Viele der Verletzten haben noch nicht einmal gewusst, wie man eigentlich ein Werkstück gefahrlos festhält. Sie können es einfach nicht abwarten. Ob eine neue Kreissäge oder ein Rasenmäher ins Haus kommt, sie werfen die Bedienungsanleitung ungelesen ins Altpapier, weil sie keine Zeit verlieren wollen und - zack - fehlen ihnen drei Finger. Jedes Jahr verunglücken 250 000 Bastler. Dass trotzdem fast zwei Drittel aller Heimwerker glauben, besser und sorgfältiger zu arbeiten als Handwerker, spricht für das gewachsene Selbstvertrauen der Bewegung.

Wir haben jetzt eine Vorstellung von den Leuten, aber noch keine von ihren Motiven. Warum brennen Millionen darauf, nach ihrem normalen Arbeitstag zu Hause bis Mitternacht weiter zu arbeiten und warum wird das Spaßgesellschaft genannt?

Da gibt es zwei verschiedene Theorien, die ich wertneutral vorstellen will. Die erste geht mit ihrer Erklärung weit zurück. Bis in jene Zeit, in der Gott die Menschen schuf. Ihr kennt die Geschichte. Gott setzt Adam und Eva in den Garten Eden und sagt: Die beiden sollen essen von allerlei Bäumen im Garten, nur nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Die Schlange kommt vorbei und sagt: Warum sollen Menschen nicht wissen, was gut und böse ist. Klingt vernünftig, denkt Eva, pflückt den Apfel und beide beißen ab. Gott kommt dahinter und ist sauer, vertreibt sie aus dem Paradies und brüllt wütend hinterher: Zur Strafe soll die Frau in Schmerzen gebären, und der Mann soll arbeiten.

Mit Kummer sollst du dich ernähren dein Leben lang. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Arbeit ist also ein Fluch Gottes, den die Christen dann über die Menschheit brachten. Kaum hatte Saulus sich in Paulus verwandelt, drohte er der Menschheit: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.

Martin Luther sagte: Dass der Knecht mehr arbeiten muss denn der Herr, das will Gott also haben, weil Arbeit ihnen die Fleischeslust schon austreiben werde. Dann erfand man Märchen, um Kindern einfühlsam beizubringen: Wenn ihr nicht fleißig seid, müsst ihr sterben. Im Schlaraffenland krepieren alle, weil sie genießen, ohne zu arbeiten. Pechmarie wird mit Teer übergossen, weil sie faul ist. Aber eines war immer klar: Wer fleißig ist, dem winkt im Jenseits das Glück der ewigen Arbeitslosigkeit. Die Kirchen sind voller Figuren vom Dasein im Himmel. Engel schwirren mit Trompeten und Füllhörnern durch die Lüfte. Keine Arbeit, aber alle machen auf den Betrachter einen wohl genährten Eindruck.

Die Theorie geht davon aus, dass sich niemand vom Fluch Gottes lösen konnte. Auch Hegel nicht, der behauptete: Die Arbeit ist die einzige Form der Selbstverwirklichung. Die Sozialisten nicht, die sangen: Müßiggänger schiebt beiseite, statt zu fordern: Wir wollen genauso viel Muße haben wie der Adel. Der Volksmund nicht, der den Fluch auf den Nenner brachte: Müßiggang ist aller Laster Anfang.

Ich arbeite, also bin ich. Ich arbeite nicht, also bin ich schuldig! Wir wissen: Das schlimmste Laster des Menschen ist Müßiggang ohne schlechtes Gewissen. Deshalb wird nichts so verflucht wie freie Zeit. Sie liegt brach, ist einem gestohlen worden. Man hat die Zeit vertrieben oder sogar totgeschlagen. Es gibt wirklich nichts Schlimmeres als Muße. Wer Muße hat, blickt in sich hinein. Was sieht er? Leere, Einsamkeit, Elend durch die Wahrnehmung dessen, was die Verhältnisse, zu denen auch Vater und Mutter gehören, ihm angetan haben.

Dem kann der Mensch nur entkommen, wenn er immer etwas vorhat und andere, die nicht nach Arbeit aussehen, zum Teufel wünscht. Ein Arbeiter, der sich gerade darüber freute, dass ein Asylbewerberheim brannte, sagte in die Kamera: Die Neger standen nur immer da mit ihrer unverschämten Lässigkeit, selbst nach der Arbeit, wenn sie kaputt waren.

Er wünsche ihnen den Tod, weil er vermute, sie würden abends Musik machen und tanzen, statt zu arbeiten oder wenigstens so kaputt auszusehen wie er selbst. - Keine Angst. Nicht jeder ist schwarz. Vielleicht nur arbeitslos. Dann besteht zumindest die Chance, wieder Mensch zu werden, sagt Engelen-Kefer vom DGB: Arbeitslose dürfen nicht nutzlos dahinvegetieren wie Tiere. Der Mensch arbeitet, das Tier vegetiert nutzlos dahin. Es sei denn, der Mensch erbarmt sich seiner und frisst es auf. Das kann man mit Arbeitslosen aber nicht machen. Deshalb sind sie noch nutzloser als Tiere. Olaf Thon von Schalke 04 sagt: Dieser Sieg war wichtig für die ganze Region, besonders für die vielen Arbeitslosen.

Für Tierheime wird noch gesammelt, für Arbeitslose nur gesiegt. Die Strafe Gottes, weil sie sich nicht im Schweiße ihres Angesichts ernähren. Wenn Menschen sich treffen, beginnt jedes zweite Gespräch mit dem Satz: Ich möchte einmal nur eine einzige Minute Zeit für mich haben.

Mit dem Gelöbnis, wirklich nie auch nur eine Minute Muße zu haben, hoffen sie, der Strafe zu entgehen. Nach dieser Theorie bereitetet die Do-it-yourself-Bewegung sich darauf vor, ohne Sünde vors Jüngste Gericht zu treten. Die protestantische Kirche bezeichnet sie deshalb als tief religiöse Bewegung.

Die zweite Theorie, die an der Heimwerkerakademie gelehrt wird, hat einen ganz anderen Ansatz: die Libido. Die Theorie beruft sich auf Sigmund Freud: Es ist leicht festzustellen, dass der psychische Wert des Liebesbedürfnisses sofort sinkt, sobald ihm die Befriedigung bequem gemacht wird. Die Lust enspringt aus der Entfremdung. Es bedarf eines Hindernisses, um die Libido in die Höhe zu treiben.

Da nichts unbequemer sei als Arbeit, treibe sie die Libido wie nichts anderes in die Höhe. Die Akademie unterscheidet die konstruktive und die destruktive Triebbefriedigung. Die konstruktive liegt in der Lust an der Arbeit und im Fetisch der Zubehörteile (Kreissägen, Baustoffe, Spachteln und so etwas), weil die Form der Befriedigung zugleich das Sozialprodukt steigert. Der Destruktionstrieb drückt sich entgegengesetzt in der perversen Lust aus, von der Arbeit wegzukommen. Die Akademie beginnt ihre Anfängerkurse mit einem warnenden Beispiel. Sie zitiert einen Zeugen, der im 19. Jahrhundert in Manchester einer Fabrikverbrennung beiwohnte.

Das brennende Gebäude war von Tausenden aufgeregter Menschen umgeben, deren Gesichter, von den aufsteigenden Flammen gerötet, eine wilde Freude ausdrückten. Als sich das Feuer von Stockwerk zu Stockwerk einen Weg bahnte und durch die langen Fensterreihen sprang, brach die Menge in Frohlocken aus. Und als die Flammen schließlich das Dach durchbrachen und prasselnd zum Himmel stiegen, tanzte die rasende Menge vor Wonne, jauchzte und klatschte in die Hände, wie in unbändiger Dankbarkeit für einen errungenen großen Sieg.

Freude, Frohlocken, Tanzen, Wonne, Jauchzen! Entfesselte Erotik, weil Flammen das Arbeitsgerät verschlingen. Die totale Destruktion.

Das Argument, hier würden nur Geräte, bei ihnen aber 250 000 Menschen draufgehen, lässt man nicht gelten, weil die andere große Bewegung, die 20 Millionen starke Autofahrerbewegung, wesentlich mehr Opfer verlange. Beide gehen von derselben Theorie aus, sind aber zerstritten, weil die Autofahrer sektiererisch darauf beharren, dass nur Autos erotisch sind.

Darauf können die Heimwerker sich nicht einlassen. Besser ist das Verhältnis zur drittgrößten, der 15 Millionen starken Bewegung der Schnäppchen-Jäger, die sich über das Shoppen stimulieren, sagt Ulf Kalkmann vom Einzelhandelsverband. Die gehen auf alle Waren los, wenn es sie überkommt, weil sie der Preis reizt. Die sind fixiert auf den Preis. Ich bezeichne es immer als die Erotik des Preises.

Nachdenklich zitiert er Martin Luther. Wer also in Fleischessünde lebt, der hat die Taufgnade verloren. Alle Welt ist fleischlich, aber der Glaube hält's im Zaum.

Eben nicht nur der Glaube, sagt Kalkmann. Luther habe nicht wissen können, dass die Marktwirtschaft dasselbe bewirke. Er habe noch angenommen, Erotik müsse etwas mit Fleisch zu tun haben, weil er nicht ahnen konnte, dass Arbeit, Waren und Preise ihre volle Erotik entfalten, ohne dass man sich ausziehen muss. Der Marktfetischismus befriedige die Triebe ohne jede Fleischessünde. Beide Theorien, die vom Arbeitsfluch der Christen zur Austreibung der Fleischeslust und die von der Erotik der Arbeit und der Dinge, würden zu einer verschmelzen. Der Marktwirtschaft sei es nach 2 000 Jahren gelungen, das Christentum mit der Lust zu versöhnen. Deshalb werde sie selbst in harten sozialen Zeiten Spaßgesellschaft genannt, und er wolle nicht ausschließen, dass Luther heute wohl an den Baumarkt glauben würde.

Nur eine Frage sei für ihn noch offen. Warum Jesus und Luther nie gearbeitet hätten, wo doch ihr Vorbild Gott sechs Tage die Woche geschuftet habe, mit Lehmklumpen und allem drum und dran.


Nicht näher bezeichnete Zitate stammen aus der Beilage der Süddeutschen Zeitung vom 17. April 2002: »Bauen-Wohnen-Finanzieren«

Der Artikel ist ein Vorabdruck, aus dem am 15. August im konkret Literatur Verlag erscheinenden Buch »Sachzwang und Gemüt« von Thomas Ebermann und Rainer Trampert



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