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Nr. 25/2002 - 12. Juni 2002
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Ordnung, Sauberkeit, Disziplin

Überall Anarchisten

Die kommunistische Literatur über den Spanischen Bürgerkrieg wurde von der Volksfrontideologie verdorben. Es wimmelt nur so von deutsch-völkischen Stereotypen. Von Birgit Schmidt

Anhand der kommunistischen Spanienliteratur ist es leicht aufzuzeigen, wie schnell und nachhaltig der als Feind in den Mittelpunkt gerückte »Anarchist«, »Trotzkist«, »Defätist«, »Spion«, »Schädling«, »Provokateur«, und »Deserteur« mit dem Bild des »Spaniers an sich« verschwamm, dessen Darstellung zusehends dem Repertoire völkisch-rassistischer Stereotype entstammt.

So war eine der ersten Erfahrungen, die die deutschen KPD-Intellektuellen in Spanien machten, die Tatsache, dass man hier unter Disziplin etwas anderes verstand als der preußisch sozialisierte, soldatische Deutsche. Militärische Disziplin wurde von vielen Spaniern als unvereinbar mit den demokratischen und emanzipatorischen Zielsetzungen der Republik und als entwürdigend abgelehnt. An der Frage der militärischen und politischen Disziplin entzündeten sich die Auseinandersetzungen zwischen der traditionell starken anarchistischen und syndikalistischen Bewegung und den organisierten Kommunisten. Und nicht alle Spanier kämpften freiwillig; nicht alle waren bereit, unter allen Umständen ihr Leben zu opfern.

Walter Janka berichtet von den Problemen, die er als Kommandant einer spanischen Einheit mit der Bevölkerung hatte, der er ja vorgeblich zu Hilfe geeilt war: »Mit welchen Konflikten ich fertig werden musste, demonstriert ein Beispiel aus dem Frühjahr 1938. Zur Auffüllung der Verluste bei Teruel sollte ich in Barcelona eine Kompanie Anarchisten übernehmen. Die jungen Soldaten weigerten sich, in die 27. Division einzutreten. Unter einem ausländischen Kommunisten wollten sie schon gar nicht in den Krieg ziehen. Sie seien keine Kommunisten. Und sie wüssten, was ihnen in der 27. bevorstünde. Nach ein paar Wochen wären die meisten von ihnen nicht mehr am Leben.« (1)

Ihre Einschätzung der Lage war durchaus richtig; doch nicht Janka muss von jenen lernen, denen er sich angeblich zur Verfügung gestellt hatte, seine Perspektive war die gegenteilige. Er verlangte, dass »sie« (die Spanier) »mit uns« (also den Deutschen) auch ausweglose Schlachten führen, und griff zudem auf eine wenig fortschrittliche Argumentation zurück: »Wir erwarten, dass ihr mit uns gegen die Faschisten kämpft. Nicht wartet, bis die Legionäre nach Barcelona kommen, über eure Mädchen herfallen. Den Streit, wie es nach Franco weitergehen soll, müssen wir zurückstellen. Bis das Volk in freier Wahl über sein Schicksal entscheiden kann.« (2)

Janka, der hier von einer »Kompanie Anarchisten« spricht, relativiert diese Bezeichnung gleich wieder selbst: »Die Hitzköpfe, die sich als Anarchisten verstanden, in Wahrheit eigentlich keine waren, nur nicht wussten, wie sie mit den Theorien ihrer Führer fertig werden sollten, schwiegen sich plötzlich aus.« (3)

Walter Janka selbst macht hier deutlich, wie schnell die politische Bezeichnung Anarchist von Kommunisten für jene herangezogen wurde, die sich nicht leicht disziplinieren und zu aussichtslosen Schlachten motivieren ließen.

Die politische Bezeichnung Anarchist wurde auf alle übertragen, die sich nicht ohne Weiteres dem Befehl der KPD unterordnen wollten, nicht in auswegloser militärischer Lage zu einem Kampf auf Leben oder Tod bereit waren.


Preußen an die Front

Die spanische Art der Kriegsführung war eine andere als die preußisch-deutsche. Freiwillige Milizionäre verstanden unter Freiwilligkeit, hin und wieder die Front zu verlassen, um ihre Familien zu besuchen; Frauen - sofern sie nicht selbst kämpften - kamen in die Schützengräben und brachten ihren Männern das Essen. Der deutsche disziplinierte Kommunist war entsetzt: »Ich erregte mich immer mehr. Es ist für mich fast unerträglich, diese Kriegsführung hier zu sehen und nichts tun zu können.« (4) So wirkte der Spanische Bürgerkrieg auf den ehemaligen Offizier und Sicherheitspolizisten Ludwig Renn. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch keine Befehlsgewalt, die es ihm erlaubt hätte, einzugreifen und spanische Truppen nach seinen Vorstellungen zu formieren.

Die Veröffentlichung seines autobiografischen Berichts »Im Spanischen Krieg« wurde vom Aufbau Verlag immer wieder verzögert, wie der damalige Verlagsleiter Janka in seinen Memoiren bestätigt. Bei der letztlich veröffentlichten, überarbeiteten Fassung handelt es sich um eine extrem zensierte Version. (5) In der Grundstruktur, das heißt in der Sicht des preußisch sozialisierten sächsischen Adeligen auf die spanische »Art der Kriegsführung« stimmt »Im Spanischen Krieg« jedoch auch mit der übrigen Spanienliteratur überein, deren Produzenten sich in der DDR weniger Widerständen ausgesetzt sahen als Renn. Denn alle KPD-Schriftsteller folgten beim Schreiben ihres »autobiografischen Romans« demselben Grundschema.

Zuallererst wird die Minderwertigkeit der spanischen Bevölkerung in Disziplin- und/oder Hygienefragen konstatiert. Walter Janka beginnt das Spanienkapitel seiner Autobiografie sogar mit der eingehenden Darstellung verschmutzter Toiletten und Badezimmer, deren er sich sofort angenommen haben will: »Gegen Mitternacht waren die Latrinen ausgehoben. Zum Morgenappell lautete der erste Befehl: 'Stillgestanden! Ab sofort wird jeder die Latrinen benutzen. Verstanden! Das Gewehr über! Rechts um! Im Gleichschritt marsch!' Mir waren Befehle, Kommandos und Gleichschritt recht. Der energische Unteroffizier gefiel mir. Ohne Ordnung geht nichts. Schon gar nicht, wenn es ernst wird.« (6)

Janka kommt übergangslos von verschmutzten Toiletten und Latrinen zu Ordnung, Kommando und Gleichschritt; Ludwig Renn wurde angeblich noch in der Schweiz - von einem jungen Schweizer - um die Disziplinierung der spanischen Bevölkerung ersucht, und das ist der zweite Schritt des Grundmusters: »Wir haben natürlich Disziplin. Aber wir, und noch mehr das spanische Volk, müssen den modernen Krieg erst lernen.« (7)

In Spanien schicken die diesbezüglich Unterentwickelten angeblich selbst eine Abordnung zu Renn, der mittlerweile Kommandant des Thälmann-Bataillons ist, um den deutschen Offizier um richtigen militärischen Schliff nach preußischem Vorbild zu bitten: »'Ihr habt also', fragte ich belustigt, 'eine Art Meuterei gemacht, um endlich mal nach preußischem Muster geschliffen zu werden? Das ist allerdings das Sonderbarste, was ich je gehört habe. Aber es ist gut! ...'« (8)

Doch die Anzahl derer, die uneinsichtig waren und nicht um Subordination baten, war offensichtlich größer. Renn reiste nur unter Ängsten; hier gab es Straßenkontrollen: »Auf den Vordersitzen war es besser, aber neben dem Fahrer saß ein Begleitmann mit Gewehr, denn die Straße nach Madrid galt für unsicher. An manchen Stellen geschah die Kontrolle der Wagen durch Anarchisten, bei denen sich allerhand unsauberes Volk eingeschlichen hatte, zum Teil sogar angeblich Faschisten.« (9)

Renn sah sich, will man seinem Bericht bzw. dem, was von ihm übrig blieb, Glauben schenken, allerorten umzingelt von »allerhand unsauberem Volk«, »Schädlingen«, »Spionagenestern«, »Agenten«, »Mitgliedern der Fünften Kolonne«, »suspekten oder verdächtigen Elementen«, »Anarchisten« und eben »Trotzkisten«: »Diese Leute konnten Trotzkisten und andere verdächtige Elemente in die Brigade schicken, um unsere Kampfkraft zu schwächen ...« (10)

Reale Schlachtbeschreibungen sind in »Im Spanischen Krieg« eher selten. Das ist untypisch für Renn, vergleicht man seinen Spanienbericht mit den Schilderungen über seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg.

Er konzentriert sich hingegen auf die Darstellung von Ansprachen und die Erziehung »seiner Milizionäre«. Renn beschreibt wieder einmal vor allem sich selbst und wie er erziehend, disziplinierend und formierend auf eine spanisch-unterentwickelte Masse einwirkt. Und bald entzog sich der Kommandeur des Thälmann-Bataillons und des Stabes der 11. Internationalen Brigade dem Kriegsgeschehen, indem er sich 1937 auf eine monatelange Vortragsreise durch die USA, Kanada und Kuba begab, um für den antifaschistischen Kampf in Spanien zu werben. Nach seiner Rückkehr nahm er seinen militärischen Posten nicht wieder ein, sondern widmete sich in einer Offiziersschule der Erziehung »junger, frischer und einfacher Menschen«, (11) bis auch er nach der Niederlage der Republik den Rückzug über die Pyrenäen antreten musste.

Ein noch hässlicheres Bild der spanische Masse zeichnete Eduard Schmidt unter seinem Künstlernamen Eduard Claudius in seinem Roman »Grüne Oliven und nackte Berge«.

Claudius, 1911 in Gelsenkirchen geboren, war der KPD 1932 beigetreten und nach seiner Ankunft in Spanien Kriegskommissar des Edgar-André-Bataillons geworden, er hatte also alle Befugnisse. Er kämpfte bis zur Kriegsuntauglichkeit und musste nach Frankreich zurück, von dort überschritt er die Grenze zur Schweiz, wurde verhaftet, jedoch auf Intervention von Hermann Hesse nicht an Nazi-Deutschland ausgeliefert. Während seiner Internierung schrieb er »Grüne Oliven und Nackte Berge«. Der autobiografische Roman erschien bereits 1945 im Steinberg Verlag Zürich. (12)


Rumlungern am Kai

Aus dem Blickwinkel des 25jährigen Jak Rohde beschreibt Claudius darin die Ankunft einer Gruppe von Interbrigadisten, die von einer jubelnden Menschenmenge im Hafen von Valencia begrüßt wird. Alter ego ist sein enger Freund Albert Kühne, hinter den Jak Rohde immer wieder bewundernd zurücktritt: »'Merde verfluchte!' schrie Albert erbost, aber seine Lippen waren weiß; er grub seine Zähne hinein, als müsse er das Zittern verhindern, 'sie sollen arbeiten, zehn Stunden am Tag, und wenn es nicht anders geht, zwölf, denn wir werden jetzt Munition und zu fressen brauchen, aber nicht hier herumlungern.'« (13)

Bereits an den Kaimauern von Valencia macht die spanische Bevölkerung also einen schlechten Eindruck; sie lungert hier herum statt zu arbeiten und sie wundert sich darüber, dass unter den Deutschen keine Frauen sind. Jak Rohde hat bereits davon gehört, dass spanische Soldaten die Front verlassen, um die Nacht bei ihren Familien zu verbringen. Bis jetzt hat er dies für eine böswillige Verleumdung gehalten. Doch nach einem zweiten Blick auf die Gastgeber kommt auch er zu dem Schluss: Die Spanier sind undiszipliniert und unsauber. »Die drei Sektionsführer sind Spanier. Chato, ein Andalusier mit dem heftigen Gebaren und dem undisziplinierten Wesen eines Zigeuners, ein schwarzer Wuschelkopf, ewig ungekämmt, führt die erste Sektion. José Fernandez, ein breitgesichtiger, andalusischer Landarbeiter, der nur sein Gewehr und sonst nichts sauber hält, die zweite Sektion.« (14)

Zum üblichen Vorwurf der Unhygiene und der Undiszipliniertheit, gesellt sich der der Feigheit - gegenüber den Anarchisten: »'Warum rennen die wie die Hasen?' schreit Albert und fuchtelt böse mit dem Gewehr in der Luft. 'Natürlich, es sind diese verfluchten, dreimal beschissenen Anarchisten aus der FAI.'« (15)

Doch wie bei den Schilderungen von Renn und Janka stellt sich auch hier die Frage: Wo hört der ungekämmte Andalusier auf, und wo beginnt der verfluchte Anarchist? Auch für Claudius, der irritiert und voller Ablehnung auf die fremde Umgebung reagiert, kann keine klare Trennungslinie existieren. Auch er führt einen jungen Spanier, Juan, in die Handlung ein, der die deutsche Art der Kriegsführung - frauenlos, diszipliniert und formiert - von den Deutschen lernen möchte. Wie spanische Milizionäre angeblich eine Abordnung zu Ludwig Renn schickten, weil sie nach preußischem Muster diszipliniert werden wollten, unterwirft sich Juan den Deutschen und distanziert sich von seinen Landsleuten. Angeblich stört ihn an den Seinigen: »(...) das Zerfahrene und Unorganisierte, man kann sogar sagen, das Zivile unserer Kriegsführung«. (16)

Juan erklärt sich dem Politkommissar näher: »Disziplin ist für manche Teile unseres Volkes etwas Beleidigendes, etwas, das sie bedrückt. Man weiß von euch Deutschen, dass ihr sie habt. Man hasst euch dafür, und man neidet sie euch.« (17) Nach dieser Erklärung wird Juan akzeptiert und in die Reihen der Deutschen aufgenommen.

In Walter Gorrishs (das ist Walter Kaiser) Roman »Um Spaniens Freiheit« gibt es ebenfalls einen jungen Spanier, Pablo, der sich freudig der Disziplinierung durch die Internationalen Brigaden und die UdSSR unterwirft. Am Anfang - Gorrish schildert die Erziehung des gesamten spanischen Volkes anhand der Entwicklung Pablos - steht die anarchistische, individuelle Aktion. Pablo hat einen vom Granden gedungenen Söldner erschossen, der den Bauern das Wasser stahl. Auch Pablos Bewusstsein ist auf dieser Stufe noch unterentwickelt: »Pablo schwieg. Er hatte seine eigenen Gedanken über Disziplin. Sie erschien ihm entwürdigend und gut für Schwächlinge, die nicht wussten, was sie wollten.« (18)

Die soziale Revolution der Bauern - der Schuss Pablos auf den Söldner hatte das Startsignal zur Vertreibung des Granden gegeben - bedarf nach Gorrish ihrer Organisierung und Soldatwerdung, deren erste Stufe von Arbeitern vorangetrieben wird, die aus der Stadt angereist sind. Das Proletariat muss in einem kommunistischen Roman als Avantgarde fungieren. Die bewussten Arbeiter stoßen auf die Anarchie der rückständigen Landbevölkerung. Während die Erwachsenen vom Kommunisten Taga angeleitet werden, wird Pablos politische Entwicklung durch die Jungkommunistin Magdalena in Gang gesetzt. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als habe Gorrish ein weiteres Schema des kommunistischen Spanienromans, das die Frau auf die Rolle der mütterlichen Krankenschwester und des Opfers oder der Verräterin reduziert, bewusst durchbrochen. Aber auch Magdalena, in die Pablo sich verliebt, wird bald von der Instrukteurin zur Krankenschwester herabgestuft, dann von deutschen Bomben zerfetzt. Pablo wird sich daraufhin unbelastet von emotionalen Bindungen dem Krieg widmen können: Magdalena vermittelt den Jugendlichen des Dorfes zuallererst einen Vaterlandsbegriff, der in ihren bisherigen Diskussionen keine Rolle gespielt hat. Die Bauern überwinden die Anarchie, nachdem Magdalena ihnen erklärt hat: »Ihr seht, dass Franco ein Volksfeind ist, ein Feind unseres Vaterlandes.« (19)


Schädlinge am Volkskörper

Die Nation wird von Gorrish mit einem Körper verglichen, den die »fünfte Kolonne« (20), Anarchisten, Deserteure und Feiglinge schädigen, die wiederum Krankheitserregern gleichgesetzt werden, und die die Bauern bisher als Feinde nicht wahrgenommen haben. Zu Beginn der Handlung dürfen die »Schädlinge« noch einfach davongehen, wenn man sie enttarnt hat: »Zu Pablos Enttäuschung war Jugo darüber gut aufgelegt. Er lachte sogar und sagte, den beiden nachblickend: 'Die Fronten klären sich.' Pablo war verwirrt. Wie konnte es weitergehen, wenn jetzt schon zwei Mann die Hundertschaft verließen? 'Mach nicht so ein tristes Gesicht', wandte sich Jugo an den Jungen. 'Man soll einer Krankheit, die den Körper verlässt, nicht nachtrauern.'« (21)

Nach Magdalenas Tod ist Pablos Glauben an die deutsche Kulturnation erschüttert, doch schon trifft er auf den Interbrigadisten Edgar Lange: »Auch er war geschickt von dem Rest jener, die geschworen hatten, Deutschland vor der endgültigen Verachtung der Völker zu retten.« (22)

Edgar, der als Philosophiestudent seinerseits das Marschieren erst hatte lernen müssen, repräsentiert das Deutschland der Dichter und Denker, daher schildert ihn Gorrish nicht mit dem im Spanienroman so häufigen Intellektuellenhass. Der »begeisterte Deutsche« (23) zieht Pablo in seinen Bann, und der junge Spanier, der die Deutschen wegen der Ermordung Magdalenas bisher gehasst hat, gibt seine Feindschaft nicht nur auf, er ist bald von den Deutschen begeistert.

Edgar opfert sich für eine strategisch wichtige Brücke, nachdem er seine Mission erfüllt hat, den ehemaligen Anarchisten für das Deutschtum zu begeistern und den anarchistischen Bauernjungen somit zu einem disziplinierten Kommunisten gemacht hat. Für Pablo selbst folgt bald der letzte Schritt, er wird zu einer Ingenieursausbildung nach Moskau berufen.

Gorrish kann in der Handlung seines Romans nicht erwähnen, dass der Krieg verloren ist. Da er den Prozess der Disziplinierung des spanischen Volkes durch Deutsche als erfolgreichen und in sich geschlossenen Prozess dargestellt hat, bleibt ihm für die in der Spanienliteratur ansonsten aufgestellte Behauptung eines Dolchstoßes durch Anarchisten niemand, den er des Verrats bezichtigen könnte.

Nur Willi Bredels autobiografischer Roman »Begegnung am Ebro« weicht geringfügig vom vorgegebenen Muster ab. Man merkt, dass Bredel der spanischen Bevölkerung mit mehr Sympathie gegenüberstand, sie aber auch fürchtete, und sich selbst streckenweise als Eindringling empfand. Nicht alle deutschen Genossen beobachtete er wohlwollend. Nichtsdestotrotz hat er mit »Begegnung am Ebro« die geforderte Anpassungsleistung erbracht. Sein spanischer Protagonist, der Andalusier und ehemalige Anarchist Pedro, dem man lange voller Misstrauen gegenübersteht, bittet nicht explizit um Disziplinierung durch die Deutschen. Aber Pedro nimmt durch den Umgang mit den Deutschen ihr Wesen an. Aus dem »hitzköpfigen Andalusier«, der sich zu den Anarchisten bekannte, wird unter dem Einfluss des erzählenden Politkommissars Bredel gar eine andere Persönlichkeit: »Merkwürdig verändert hatte sich der hitzige Andalusier; Ruhe und Sicherheit gingen von ihm aus.« (24)

Als Verräter entpuppt sich hingegen ein deutscher Brigadist, Herbert Tissen; er bezeichnete die Spanier als naiv, da sie gemeinsam mit den deutschen Kommunisten kämpfen, statt sich der Gefahr bewusst zu sein, die von ihnen für sie ausgeht. Damit weicht Bredel vom Grundschema ab.

Bredel war 1937 direkt aus Moskau an die Front in Spanien geeilt; sein jüngster Erfahrungshintergrund war somit ein anderer als der von Renn, Janka, Claudius oder Uhse, die sich in westlichen Exilländern aufgehalten hatten und denen die »Säuberungen« wenig mehr als ein kaum glaubliches Gerücht waren, mit dem sie sich nicht auseinander setzten. Bredel hatte sich den in Moskau geforderten Unterwerfungsritualen gebeugt; er glaubte daran, dass es »Schädlinge« und »Spione« in den eigenen Reihen gebe (25), aber er hatte auf Verhaftungen ihm persönlich Bekannter auch irritiert bis bestürzt reagiert, teilweise zu helfen versucht. Ich erkläre mir die »überhöhte Wachsamkeit«, die Bredel in »Begegnung am Ebro« insbesondere den eigenen Reihen gegenüber einfordert, als literarisch umgesetzte »Erfahrung« seines Aufenthaltes in Moskau. Eine vorschnelle Verurteilung der Spanier hielt er offensichtlich für einen Fehler, und so beweist Pedro im Roman seine Loyalität, indem er Tissen bei der Brigadeleitung denunziert. Ausnahmsweise muss ein deutsches schädliches Element liquidiert werden.

Doch ansonsten zieht sich der Gegensatz zwischen deutschen Brigadisten und spanischer Bevölkerung - auch hier existiert keine Trennungslinie zum Anarchismus - gleichermaßen durch »Begegnung am Ebro«. Er wird bereits auf den ersten Seiten entwickelt. Während die Deutschen auf ihr Erscheinungsbild und feste Formationen achten (»Wir können doch nicht wie Zigeuner durch die Stadt latschen!« (26)) sind die Spanier ungeübt im Marschieren und »kriechen dahin wie Lahme«. Alles müssen sie erst lernen. Der deutsche Kommandant war kurz zuvor noch in Madrid; dort sah er überall Verletzte, Männer mit Armschlingen, bei denen es sich aus deutscher Sicht nur um Anarchisten handeln konnte: »'Ich hab Dutzende mit Armverletzungen gesehen. Wieso hatten alle Armverletzungen? Jedenfalls ist es die bequemste von allen Verwundungen, man kann sie spazierenführen.' 'Die Durrutileute sollen doch tapfer gekämpft haben?' 'Sicherlich. Nur unausstehlich eitel und theatralisch sind sie. Mir kommt manchmal ganz Spanien wie eine riesige Stierkampfarena vor; alle spielen mit bei der Hetz, sowohl die auf der Schattenseite wie die auf der Sonnenseite.'« (27)

Es wäre müßig, weitere Beispiele aufzuführen. Das Schema des kommunistischen Spanienromans mit autobiografischem Hintergrund, der persönliche Erlebnisse nationalen Interessen entsprechend kanalisiert, ist deutlich.


Diversanten und Agenten

Über einen weiteren Spanienroman, »Die Söhne des Tschapajew« von Hanns Maaßen, der in diese Auflistung gehört, schrieb Alfred Kantorowicz nach seiner Übersiedlung in die BRD 1957: »Der Autor tat alles, was höheren Ortes von ihm erwartet wurde, vielleicht sogar ein wenig mehr. Wie das vorgeschnittene Klischee von der revolutionären Wachsamkeit gebietet, ist seine Kolportage von 'Verrätern', 'Spionen', 'Diversanten', 'Agenten' übervölkert. Spanische Soldaten, die der in Spanien traditionsreichen anarchistischen Bewegung angehörten, werden im Jargon der Nationalsozialisten als 'lausiges Pack' und 'Sauhaufen' gekennzeichnet; auch gelten sie - wahrheitswidrig! - als 'unzuverlässig, feige und hinterhältig'. In die gleiche Kategorie verweist unser 'positiver Held' die Intellektuellen, die als Freiwillige in Spanien gekämpft haben.« (28)

Alfred Kantorowicz vermutet die Ursachen für die geschichtsfälschenden politischen und/oder literarischen Aussagen der ehemaligen Spanienkämpfer in »Gleichschaltung« und »pervertierter revolutionärer Wachsamkeit«. Er suchte die Gründe in einer möglichen sozialistischen Fehlentwicklung und muss so übersehen, dass die erbitterte Ablehnung des spanischen Anarchisten weniger auf politischen Divergenzen, sondern auf emotionalen bzw. nationalistischen beruhte.

Er übersieht auch, dass die spanische Bevölkerung von den deutschen Kommunisten generell mit Attributen belegt wird, die man unter dem Oberbegriff »anarchistisch« subsumierte.

Deutsche Interbrigadisten schlossen sich der spanischen Bevölkerung in ihrem Kampf gegen die Generäle nicht auf einer Ebene von Solidarität und Akzeptanz an. Sie traten ihr aus einer vermeintlich überlegenen Position gegenüber. Deutsche empfanden sich als disziplinierter, hygienischer, mutiger und männlicher. Daraus leiteten sie das Recht ab, die abzustrafen, die mit ihren preußisch-soldatischen Werten kollidierten. Diese Auffassung wurde von der Germanistik und Geschichtsschreibung der DDR aufrechterhalten: »Auch Erfahrung fehlt, militärische Disziplin kennt man nicht, weil sie dem spanischen Volk seit altersher als etwas Bedrückendes, ja Beleidigendes gilt. (...) Es kommt vereinzelt zu Fällen von Feigheit vor dem Feind. Anarchistische Aufwiegler, Legionäre, Landsknechte sind unter denen, die mutig die Republik verteidigen wollen. Mit ihnen muss abgerechnet werden.« (29)

So rechtfertigt der DDR-Verlag Volk und Wissen noch 1961 deutsch-militärisches Vorgehen in einem Land, das kriegsbedingt auf nationale Souveränität und eigene Gerichtsbarkeit verzichtet hatte. Dass nicht nur mit denen »abgerechnet« wurde, die hier unter den Begriffen »Legionäre«, »Landsknechte« und »anarchistische Aufwiegler« qualifiziert werden, sondern dass das Bild der Bevölkerung mit dem des »anarchistischen Aufwieglers« verschwimmt, habe ich an den Denkmustern der Schriftsteller aufgezeigt. Die deutsche Überheblichkeit wird vor allem dann offensichtlich, wenn es um die Niederlage im Spanischen Bürgerkrieg geht, die nach öffentlich formulierter Meinung der Kommunisten nur durch »Verrat« zu erklären ist.

Franco und seine verbündeten Generäle konnten auf die Unterstützung von insgesamt 67 000 italienischen, 16 000 deutschen und 20 000 portugiesischen Soldaten zurückgreifen; dazu kamen die in Marokko rekrutierten Soldaten und die spanischen Fremdenlegionen. Die deutsche Legion Kondor sicherte zudem die faschistische Luftüberlegenheit. (30) Die so genannte Nichteinmischungspolitik der nicht faschistischen europäischen Staaten verhinderte Lebensmittel- und Waffentransporte; die spanischen Goldreserven hatte die Sowjetunion bereits im Oktober 1936 an sich gebracht, damit entfiel die Möglichkeit, sich anderweitig nach Waffen umzusehen.

Auf der anderen Seite standen nur 40 000 bis 50 000 Interbrigadisten (rund 5 000 davon waren Deutsche). Der durchgängig beklagte Mangel an Waffen hatte einen militärischen Sieg der republikanischen Kräfte von Anfang an unwahrscheinlich gemacht.

Während spanische Milizionäre für die Erwähnung ihrer Zweifel an einem militärischen Sieg (Defätismus) erschossen wurden, gibt es zahlreiche Hinweise, dass militärisch versierten Interbrigadisten die Hoffnungslosigkeit der Lage recht früh klar war. So schrieb Werner Neubert in einem Artikel über Ludwig Renn: »In einem Gespräch äußerte Hanns Maaßen 1983, er habe um die Mitte der fünfziger Jahre noch einmal mit Ludwig Renn über den Verlauf der spanischen Geschichte von 1936 bis 1939 sprechen können. Renn habe die Auffassung vertreten, dass die Hoffnung auf einen Sieg der republikanischen Seite sich trotz aller Tapferkeit der antifaschistischen Kräfte - der spanischen wie der ausländischen - und auch trotz der Solidarität der Sowjetunion mit dem spanischen Volk rasch verschlechtert habe. Er habe dies gesehen und gewusst - dennoch sei der Kampf im historischen Sinne erfolgreich gewesen, weil gegenüber dem Faschismus nicht kapituliert, sondern gekämpft worden sei.« (31)

Trotz dieser und ähnlicher Einschätzungen, trotz des militärischen Ungleichgewichts und weiterer Faktoren wie einer zunehmenden Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung findet sich überall in der KPD-Literatur über den spanischen Bürgerkrieg - von der Andeutung bis zur offenen Behauptung - der Vorwurf, Anarchisten und all jene, die man unter diesem Begriff zusammenfasste, hätten Verrat begangen.

Die Tatsachen jedoch sahen anders aus: Im Dezember 1938 - nach der verlorenen »Ebroschlacht« - schlug die FAI der Regierung Negrín die Verlagerung des Kampfes auf die Guerilla-Ebene vor. Man wollte hinter den faschistischen Linien mit Sabotageakten und der Agitation der Bevölkerung diese einheitlich gegen den Faschismus zusammenführen. Die Regierung lehnte ab. So kam es gegen Ende der Republik zu einem letzten großen Kräftemessen zwischen Anarchisten und der kommunistisch beeinflussten Negrín-Regierung, die sich wegen der faschistischen Offensive am 25. Januar 1939 nach Gerona zurückgezogen hatte.

Mitte Februar fand in Madrid ein anarchosyndikalistischer Kongress statt, der ein Verteidigungskomitee einberief. Man konstatierte: der Krieg war verloren, die Regierung Negrín gescheitert. Am 5. und 6. März erhoben sich anarchistisch-libertäre Kräfte in Madrid gegen staatliche und kommunistisch-kontrollierte Instanzen. Während sich Anhänger beider Fraktionen vom 6. bis 13. März noch blutige Kämpfe lieferten, kam es zwischen republikanischen und faschistischen Kräften, die vor den Toren der Stadt lagen, zu Verbrüderungsszenen. Selbst Augustin Souchy musste feststellen, dass die Bevölkerung Madrids der Kämpfe überdrüssig war. Am 20. März versuchte das Verteidigungskomitee mittels eines Friedensangebotes an General Franco günstige Kapitulationsbedingungen zu erwirken. Doch wie nicht anders zu erwarten war, bestand er auf bedingungsloser Unterwerfung. Am 29. März flohen die Mitglieder des Verteidigungskomitees, die noch fliehen konnten und auch fliehen wollten - auch eine ihrer profiliertesten Figuren, Oberst Casado. Am 30. März marschierten die faschistischen Truppen ein. Zu diesem Zeitpunkt befand sich auch die Regierung Negrín nicht mehr im Land; doch das ändert nichts daran, dass die Kommunisten dem Anarchisten Casado Verrat und Feigheit vorwarfen.

So behauptet die spanische Kommunistin Constancia de la Mora: »Die Wühlarbeit mit dem Ziele, eine Kapitulation vor Franco und den Invasoren herbeizuführen, die von außen in Gang gebracht und im Innern von ihren Helfershelfern wütend betrieben wurde, erwies ihre Existenz bereits in den Julitagen des Jahres 1936, als die Absicht laut wurde, eine Regierung mit Martinez Barrio als Präsident zu bilden. Damals scheiterte der Versuch am Willen des Volkes, aber immer wieder erhoben die Verräter ihr Haupt, und immer wieder in den schwierigsten Augenblicken des Kampfes - bis sie schließlich durch Casado und seine Komplizen mit der Übergabe von Madrid und Millionen Spaniern ihr Ziel erreichten.« (32)

Literarisch bediente vor allem Hanns Maaßen in seinem Roman »Die Messe des Barcelo« die kommunistische These der Wühlarbeit von innen und außen, des Verrats der Republik durch eine Fünfte Kolonne der Obersten Casado, Mera und ihrer »Helfershelfer«. In Maaßens Roman ist der angebliche Dolchstoß von links Ausgangsbasis wie literarisches Leitmotiv der Handlung. Maaßens Ängste offenbaren sich an Sätzen wie diesem: »Der Zusammenbruch war allgemein und unaufhaltsam. Im Zusammenbruch triumphiert die Anarchie.« (33)

»Die Messe des Barcelo« unterscheidet sich insofern vom Rest der Spanienliteratur, als die Handlung 1939 einsetzt - nachdem die deutschen Brigadisten bereits abgezogen sind - und nur noch unter Spaniern spielt. Der Roman dient ausschließlich der Kolportage der Verratsthese und der Beschwörung eines angeblichen »Durchhaltewillens des spanischen Volkes« auch unter dem Faschismus.

Der Glaube an einen Verrat von links, die Vorstellung von einem unsichtbaren Feind, der in den eigenen Reihen auf einen Sieg des Faschismus hinarbeitete, hing mit der Entwicklung in der UdSSR zusammen. 1934 nahm Stalin den Mord an dem Parteifunktionär Kirow zum Vorwand, gegen bolschewistische Partei-, Militär-, und Wirtschaftskader vorzugehen. Ab 1936 setzten die so genannten Säuberungen ein, das heißt Prozesse mit vernichtenden Urteilen, Verhaftungen, Deportationen und Erschießungen auch unter den deutschen Exilierten. In der Regel wurden die Betroffenen mit dem Vorwurf des Trotzkismus belegt. Leo Trotzki befand sich seit 1924 in ständigem politischen Streit mit Stalin und war seit 1929 im Exil. Während der Repression in den dreißiger Jahren wurde der Begriff Trotzkismus weitgehend mit Faschismus gleichgesetzt. Zum einen, weil Stalin und die Komintern eine Zusammenarbeit von Trotzki mit faschistischen Mächten behaupteten, zum anderen gingen die Kommunisten davon aus, dass eine Schwächung ihrer Reihen durch linksradikale und/oder trotzkistische Gruppierungen eine objektive Stärkung des Faschismus bedeute.

In Spanien war insbesondere die Poum als trotzkistisch verfolgt worden. Erich Weinert rechtfertigte dies noch in seinem Spanienbericht »Camaradas. Ein Spanienbuch«: »Unter uns waren auch Feinde. Wir spürten ihr Wirken, ohne sie belangen zu können. Das Auftauchen pessimistischer Parolen und ultralinker Phrasen war ihr Werk. Die Klaue der Trotzkisten war unverkennbar. Sie bezogen ihre Nahrung aus den Giftdepots der Poum, der spanischen Trotzkistenpartei. Heute liegen die Beweise vor, dass sie die Niederlage der Republik mit herbeiführen halfen, weil, wie sie selbst gestehen, deren Sieg eine Stärkung des Prestiges der Sowjetunion bedeutet hätte. Diese Kreaturen tarnten sich gut. Es war ihnen schwer, etwas zu beweisen.« (34)


Zersetzungskeime

Wenn sich »diese Kreaturen« gut tarnen, ist es entsprechend schwierig, sie von ihrer Umgebung zu unterscheiden. Auch in der kommunistischen Verratsthese verschwimmen die Feinde mit der Bevölkerung - zumal dann, wenn sie in wohlwollender Absicht »Zersetzungskeime« in die Formationen tragen. Weinert fährt fort: »Es war für die Republik überhaupt nicht leicht, sich all der chaotischen Kräfte zu erwehren, die in ihrem Rücken wirkten. Es gab aber nicht nur feindliche, es gab auch wohlmeinende, deren sie sich erwehren musste. Das waren die vielen politischen Analphabeten, deren ehrliches proletarisches Wollen nicht angezweifelt werden soll, die aber, im guten Glauben, das Rechte zu tun, Zersetzungskeime in die Armee trugen.« (35)

Ludwig Renn allerdings hat im Alter die Verratsthese nicht aufrechterhalten. In seinem Bericht »In Mexiko« heißt es nur nüchtern: »Als die spanische Republik 1939 nach fast dreijährigem Kampf von den spanischen Faschisten mit Hilfe nazistischer und mussolini-italienischer Truppen besiegt worden war, ergoss sich ein Strom von spanischen Flüchtlingen nach Frankreich.« (36)

Renn konstatiert schlicht eine militärische Niederlage; hätte er jemanden dafür verantwortlich machen können, er hätte es sicher getan.

Dass die KPD-Schriftsteller, die am Spanischen Bürgerkrieg teilnahmen und/oder darüber schrieben, die spanischen Ereignisse und die Eigenarten der spanischen Bevölkerung an den Wertvorstellungen ihrer deutschen Sozialisation maßen und ihr bereits mit einer Pose nationaler Arroganz gegenübertraten, spiegelt sich in ihren autobiografischen Romanen wider. Durchgängig beschwören sie in ihren Berichten die Unterlegenheit der spanischen Bevölkerung in Disziplin- und Hygienefragen sowie deren Mangel an Mut.

Nicht die, die da vordergründig zu Hilfe geeilt waren, passten sich den fremden Gegebenheiten an, sondern man suchte ein »unterentwickeltes Volk« in seinem Sinne zu disziplinieren und zu unterwerfen. Fast alle in Spanien kämpfenden Schriftsteller hatten Posten mit Befehlsgewalt inne oder waren gar - wie Willi Bredel - Politkommissare mit allen Befugnissen. Das bedeutete, sie hatten das Recht, Erschießungen vorzunehmen.

Die literarische Überhöhung preußischer »Tugenden« wie Disziplin und Kampfeswille diente nicht dazu, die realen Vorkommnisse dieses Krieges widerzuspiegeln, sondern der Konstituierung eines siegessicheren Deutschenbildes. Entsprechend schwer musste es den Schriftstellern dann fallen, die Niederlage zu verarbeiten. Das Ausmalen des Wühlens einer »Fünften Kolonne« - ein Begriff, der im Spanischen Bürgerkrieg entstanden ist -, die Propagierung der Verratsthese, gar eines Dolchstoßes von links, wiederholte den Fehler der KPD von 1933 und musste Autoren wie Leser von der Realität weiter entfernen.

Das positive Menschenbild der Spanienromane orientierte sich am soldatischen Deutschen, der begeistert sein Leben zu opfern bereit ist; und es konnte so auf eine Behauptung nicht verzichten, die jeder Kriegspropaganda inhärent ist: Jungen Männern, die von ihrer bürgerlichen Existenz gelangweilt sind, stellt man den Krieg als verführerisches Abenteuer und großartiges Erlebnis dar. Dass man das Leben erst dann richtig spüre, wenn man es aufs Spiel setzt, das behauptete auch die kommunistische Spanienliteratur.

Das Leben beginnt in der Nähe des Todes, so lautet eine der Grundaussagen der Romane von Eduard Claudius und Walter Gorrish. Und Bodo Uhse lässt seinen Helden in »Leutnant Bertram« sich aus dieser Erwägung der Fliegerstaffel anschließen, aus der im Verlauf des Romans die Legion Kondor hervorgehen wird.

Vorabdruck aus dem im Juli im Unrast-Verlag erscheinenden Buch »Wenn die Partei das Volk entdeckt - Ein kritischer Beitrag zur Volksfrontideologie und ihrer Literatur«. Der Text ist ein Ausschnitt aus dem Kapitel über Kommunisten und kommunistische Schriftsteller im Spanischen Bürgerkrieg der Jahre 1936 bis 1939.


Anmerkungen:

(1) Walter Janka: »Spuren eines Lebens«, S. 123

(2) ebda. S. 124

(3) ebda. S. 124

(4) Ludwig Renn: »Im Spanischen Krieg«, S. 44

(5) Jürgen Pump, Erbe Ludwig Renns, erinnerte sich in einem Gespräch mit mir daran, dass selbst die veröffentlichte Fassung wieder eingestampft werden sollte, da »die Russen nicht gut genug darin wegkommen«. Ein Vergleich mit dem Originalmanuskript ist zurzeit nicht möglich, da der Aufbau Verlag sein Archiv der Berliner Staatsbibliothek übereignet hat, wo es noch nicht zugänglich ist.

(6) Walter Janka: »Spuren eines Lebens«, S. 90

(7) Ludwig Renn: »Im Spanischen Krieg«, S. 33

(8) ebda. S. 54

(9) ebda. S. 76

(10) ebda. S. 158f

(11) vgl. ebda. z.B. S. 55

(12) Claudius hatte sich 1945 italienischen Partisanenverbänden angeschlossen und gehörte zu denen, die Mussolini stellen konnten. 1947 siedelte er in die SBZ über und war in der DDR weiterhin schriftstellerisch tätig. 1956 wurde er Generalkonsul der DDR in Syrien und 1959 in Vietnam.

(13) Eduard Claudius: »Grüne Oliven und Nackte Berge«, S. 43

(14) ebda. S. 172

(15) ebda. S. 91

(16) ebda. S. 58

(17) ebda. S. 76

(18) Walter Gorrish: »Um Spaniens Freiheit«, S. 44

(19) ebda. S. 74

(20) Der Begriff der »fünften Kolonne« geht - nach kommunistischer Aussage - angeblich auf eine Radioansprache Francos zurück, in der er mit der Existenz einer fünften Kolonne prahlte, die in den Reihen der Republikaner auf seinen Sieg hinarbeite. Dass Franco diese Aussage tatsächlich gemacht hat, konnte jedoch nie verifiziert werden.

(21) ebda. S. 116

(22) ebda. S. 150

(23) ebda. S. 159

(24) Willi Bredel: »Begegnung am Ebro«, S. 164

(25) Vgl. »Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung. Die Säuberung«, hrsg. von Reinhard Müller

(26) Willi Bredel: »Begegnung am Ebro«, S. 8

(27) ebda. S. 14

(28) Alfred Kantorowicz: »Politik und Literatur im Exil«, S. 192

(29) Autorenkollektiv des Verlags Volk und Wissen: »Schriftsteller der Gegenwart. Bodo Uhse und Eduard Claudius«, S. 92

(30) Zahlenangaben nach Patrik von zur Mühlen: »Fluchtweg Spanien - Portugal. Die deutsche Emigration und der Exodus aus Europa 1933 - 1945«

(31) Werner Neubert: »Ludwig Renn und der Spanische Krieg«, in »Neue Deutsche Literatur«, 34. Jahrgang, Heft 7, 1986

(32) Constancia de la Mora: »Doppelter Glanz«, S. 663. Die auf Verschwörungstheorien beruhende »Analyse« von Mora, die im mexikanischen Exil eine enge Freundin der deutschen KP-Gruppe wurde, unterscheidet sich nicht von der Aussage ihres Ehemannes Hidalgo Cisneros, der mit »Kurswechsel« seinerseits eine Biografie vorgelegt hat.

(33) Hanns Maaßen: »Die Messe des Barcelo«, S. 30

(34) Erich Weinert: »Camaradas. Ein Spanienbuch«, S. 227

(35) ebda. S. 277

(36) Ludwig Renn: »In Mexiko«, S. 12



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