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Nr. 24/2002 - 05. Juni 2002
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Last Minute

Die Entscheidung beruhe nicht auf der Einschätzung, dass sich die Situation zuspitze, betonte Feodor Starcevik, UN-Sprecher in New Delhi, am Samstag. Die potenziellen Gefahren machten aber eine Evakuierung notwendig. Alle UN-Angestellten in Indien und Pakistan wurden angewiesen, ihre Familienangehörigen nach Hause zu schicken. Um die Ausreise schnell abzuwickeln, sollen nötigenfalls Flugzeuge gechartert werden. Bereits am Tag zuvor hatte das US-Außenministerium amerikanischen Staatsbürgern geraten, Indien und Pakistan zu verlassen. Dies habe »keinerlei diplomatische oder politische Bedeutung«, erklärte Richard Boucher, der Sprecher des Ministeriums. Doch die meisten der mehr als 60 000 US-Bürger in Indien leben dort aus geschäftlichen Gründen, und dass die Aussicht auf wirtschaftliche Verluste die Kriegsbereitschaft bremsen könnte, dürfte kein unbeabsichtigter Effekt sein. Obwohl die kostspielige Konfrontation an der Grenze die wirtschaftliche Entwicklung beider Staaten behindert, blieben die Verluste an den Börsen bislang gering. Der KSE-100-Index des Aktienmarkts von Karachi stieg seit Jahresbeginn sogar um 31 Prozent.



Countdown in Kabul

Am 10. Juni soll es so weit sein, 1 451 Delegierte werden an diesem Tag in Kabul zur Eröffnung der Loya Jirga erwartet. Die Versammlung soll die neue afghanische Übergangsregierung wählen, ob sie repräsentativ ist, bleibt fraglich. »Wir haben einige illegale Methoden und Einmischungen der Nordallianz festgestellt«, erklärte der UN-Wahlbeobachter Haji Habibullah. Nicht immer bleibt es bei Stimmenkauf und Einschüchterung. Als Habibullah die ostafghanische Stadt Gardez besuchen wollte, wurde sein Konvoi mit Raketen beschossen. Paschtunische Warlords im Süden und Osten des Landes beklagen, dass den von der konkurrierenden Nordallianz kontrollierten Provinzen in der Loya Jirga überproportional viele Sitze zugestanden würden. Sie wollen die Versammlung boykottieren, der paschtunische Islamistenführer Gulbuddin Hekmatyar droht sogar mit einem Krieg gegen die »ausländischen Unterdrücker« und die von ihnen gestützte politische Ordnung. Nach Einschätzung des US-Militärs bereiten auch die Taliban und al-Qaida eine Sommeroffensive vor.



Ruhe und Ordnung in Moskau

Öffentliche Proteste schätzt der russische Präsident Wladimir Putin nicht, wenn er mit Vertretern der westlichen Welt verhandelt. Am Dienstag vergangener Woche sollte in Moskau eine Kundgebung gegen den EU-Minigipfel stattfinden, verschiedene linke und reformorientierte Gruppen wollten ihre Kritik an der Praxis internationaler Finanzinstitutionen und der Einfuhr von Atommüll publik machen. Zuvor hatten die Behörden die Genehmigung mit dem Verweis auf den »Tag des Grenzsoldaten« zurückgezogen, die Veranstalter entschlossen sich dennoch, auf die Kundgebung nicht zu verzichten. Doch kaum hatte der kommunistische Duma-Abgeordnete Oleg Schein mit seiner Rede vor etwa 100 Anwesenden begonnen, wurde der Platz von Milizionären abgeriegelt. Kurz darauf begann eine Einheit der Sonderpolizeitruppe Omon mit der brutalen Festnahme von 26 Teilnehmern. Sie wurden während der ungewöhnlich langen Fahrt zur Wache geschlagen, bis Mitternacht kamen jedoch alle wieder frei. Offenbar wollte die Moskauer Führung demonstrieren, wie gut sich die russische Hauptstadt für Gipfeltreffen hinter verschlossenen Türen eignet.



Islamistisches Brauchtum

Der sudanesische Militärdiktator Omar Bashir muss sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, die Sklaverei zu fördern. Sie sei »zu einem wesentlichen Teil das Produkt der Aufstandsbekämpfungsstrategien« des Regimes, heißt es in einem in der vergangenen Woche veröffentlichten Untersuchungsbericht der internationalen Eminent Persons Group. Im Rahmen des Krieges gegen die südsudanesische Guerillaarmee SPLA nähmen von der Regierung bewaffnete Milizen bei ihren Überfällen vor allem Kinder gefangen, die als Zwangsarbeiter verkauft werden. Doch auch die SPLA setze Gefangene als Zwangsarbeiter ein und rekrutiere Kinder für den Krieg.

Das islamistische Regime bemüht sich nun um Relativierung. Es handele sich um eine »abscheuliche Praxis«, aber auch um »einen uralten Brauch« in Stammeskämpfen, erklärte Ghazi Salahuddin, Berater des Präsidenten in Friedensangelegenheiten. Der Begriff Sklaverei sei daher nicht angemessen, zudem folgten viele Südsudanesen den Milizen freiwillig. Diese Stellungnahme lässt nicht auf großen Enthusiasmus bei der Bekämpfung »uralter Bräuche« schließen.



Verhütung des Lasters

»Es ist bekannt, dass Handlungen wie diese in vielen anderen Ländern stattfinden«, kommentierte der stellvertretende saudi-arabische Innenminister Prinz Ahmad, nachdem am Montag vergangener Woche ein Student in der Hafenstadt Jeddah sechs Kugeln auf einen Geschichtsdozenten abgefeuert hatte. Bereits Mitte Mai hatte ein Jugendlicher in der Provinz Jouf auf seinen Schuldirektor geschossen, nachdem dieser sich geweigert hatte, einen Verweis zurückzunehmen. Beide Opfer überlebten.

Deutsche Gewaltforscher müssen nun wohl noch einmal nachdenken. Denn das Fernsehen in Saudi-Arabien zeigt überwiegend religiöse Zeremonien, und eine Kommission für die Förderung der Tugend und die Verhütung des Lasters soll Ausschweifungen der Jugend verhindern. So hat die Regierung auch nicht die Möglichkeit, mit Verboten zu reagieren, denn es ist bereits alles verboten. Sadisten haben allenfalls die Möglichkeit, hin und wieder einer öffentlichen Enthauptung beizuwohnen. Auf solche Veranstaltungen zur Verhütung des Lasters aber möchte die fundamentalistische Monarchie keinesfalls verzichten.



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