Opium vom Volk
Im afghanischen Ghani Khel wird mit Opium so offen gehandelt wie andernorts mit Tomaten. von annette oertig-kloss (text) und thalassini douma (fotos)
Ghani Khel liegt im Osten Afghanistans, ungefähr 50 Kilometer westlich von Jalalabad, nahe der Hauptstraße in Richtung Kabul. Es ist für einen Fremden aus dem Westen schwierig bis unmöglich, den Opiumhändlern von Ghani Khel bei der Arbeit zuzusehen. Und wir zwei Frauen sind offensichtlich die Ersten, denen dieses Unterfangen gelingt, wenn auch nur für wenige Minuten.
Zuerst brauchen wir jedoch einen Mann, der uns beim regierenden District Leader einführt. Ohne sein Wohlwollen geht hier gar nichts. Als Dolmetscher haben wir unseren afghanischen Schutzengel Siddique dabei.
Wir verlassen die Hauptstraße und erreichen auf staubigen, ungepflasterten, schlaglochreichen Wegen die Ortschaft. Ghani Khel wirkt wohlhabender als andere Städte, die wir in Afghanistan gesehen haben. Es gibt ein funktionierendes Krankenhaus und sogar eine High School, die aber nur von den reicheren Bewohnern dieser Gegend besucht wird. Die Residenz des District Leader ist gut bewacht. Bereits 200 Meter vor den hohen Backsteinmauern paradieren bewaffnete Männer, vor der Festung stehen Flugabwehrgeschütze. Rund 20 Männer bewachen das Holztor. Die Stammeskrieger versuchen ihre Neugier zu verbergen und behandeln uns freundlich-distanziert, haben aber jede Bewegung von uns im Blick.
Hadji Abdul Jibar empfängt uns im Kreis seiner Getreuen. Der fußballfeldgroße Innenhof seiner Residenz ist zur Hälfte mit Steintrümmern übersät. Ein Flugabwehrgeschütz und Einschusslöcher in allen Wänden erinnern an vergangene kriegerische Auseinandersetzungen. Auf einer großen Plattform sind hufeisenförmig Charpoys aufgestellt, auf denen die Stammesältesten dicht gedrängt sitzen und die Begrüßungszeremonie verfolgen. Die sitzenden Männer sind unbewaffnet, die Soldaten stehen mit ihren Gewehren rund um die Charpoys, bereit, ihre Chefs zu verteidigen.
Hadji Abdul Jibar ist sofort als oberster Chef auszumachen, denn nur er hat ein Charpoy für sich allein. Vor seinem und dem benachbarten Charpoy steht je ein Tisch. Links von ihm eine leere Bank, ein Platz für uns. Er spricht mit unserem Dolmetscher und schaut uns nie direkt an. Wir werden respektiert. Er heißt uns willkommen.
Unser Begleiter Ahmed ist ein alter Freund von Hadji Jibar. Ahmed arbeitete vor Jahren als Richter in Ghani Khel. Er genießt hohes Ansehen und wird mit dem afghanischen Bruderkuss begrüßt. Jibar erklärt, es könne gefährlich für uns sein, den Drogenmarkt allein zu besuchen, er bietet seine Unterstützung an, stellt uns eine bewaffnete Eskorte zur Verfügung.
Unter der Versicherung gegenseitiger Freundschaft machen wir uns auf den Weg. Hinter unserem Toyota fährt der Land-Rover mit unseren Beschützern. Die vier Krieger bringen es fertig, in aufrechter Haltung auf der Plattform des Wagens stehen zu bleiben, der mit Musik-Sirenen über die schlechten Straßen rumpelt und die Nachricht unserer Ankunft auch in die letzten Winkel Ghani Khels posaunt.
Aber wir sind es mittlerweile gewohnt, in diesem Land bei jedem Schritt auf den Straßen von einer neugierigen Menschentraube umgeben zu sein. Die jüngeren Afghanen haben noch nie Leute aus dem Westen gesehen. Die letzten 23 Kriegsjahre ließen keine Besucher zu, und unter den Taliban war Afghanistan völlig von der Außenwelt abgeschlossen.
Als wir vor dem Markt aus dem Auto steigen, sind unsere body guards sofort zur Stelle und versuchen, uns einen Weg durch die Menge zu bahnen. Hinter dicken Mauern aus Lehm verbirgt sich der Opiummarkt Ghani Khels. Nur ein großes Tor gewährt Zutritt.
In 200 kleinen Läden wird hier nichts als Opium verkauft. Vor jedem Laden steht eine Waage; auf den Charpoys lümmeln die Männer, prüfen die Qualität des Stoffes und handeln die Preise aus.
Kaum haben wir das Eingangstor passiert, kommt Bewegung in den gesamten Markt. Der erste Ladenbesitzer packt panisch sein Opium zusammen und bringt es eilig in das düstere Innere seines Ladens. Schnell schließt er die groben Holztüren und fordert lautstark seine Nachbarn auf, es ihm gleichzutun. Im Nu haben wir eine Korona von finster blickenden Männern um uns herum, die uns die Sicht versperren und uns energisch gegen den Ausgang drängen. Ahmed, Siddique und unsere Leibwächter versuchen, die Männer zu beruhigen, und erklären, dass alles seine Richtigkeit hat. Es hilft aber nichts, man will uns hier nicht haben. Vor allem will keiner der Händler, dass wir Fotos von diesem Markt machen. Innerhalb von fünf Minuten besteht der gesamte Markt nur noch aus geschlossenen Holzbuden und grimmig blickenden Opiumdealern vor eiligst verbarrikadierten Türen. Und wir stehen wieder draußen vor dem Tor.
Wir drehen mit unserer lärmenden Begleitung noch eine Ehrenrunde auf dem Bazar rund um den eingemauerten Opiummarkt. Hier wird in Holzbuden und an fahrbaren Verkaufsständen das in Afghanistan übliche Warensortiment angeboten. In den Hinterräumen der Läden aber, so erzählt uns der ehemalige Richter Ahmed, wird ebenfalls mit Opium gedealt.
Dort, wo wir uns von unserer imposanten Eskorte verabschieden, steht ein Schild des UNDCP (United Nations Drug Control Programm) mit der Aufschrift: »Drogenmissbrauch ist das größte Übel der Gesellschaft. Lasst uns uns selbst retten, unsere Kinder und unsere Gesellschaft.«
Der Opiummarkt Ghani Khels wurde vor zirka acht Jahren eröffnet. Unter dem Taliban-Regime war er lediglich während einer Saison geschlossen. Täglich werden hier zwischen 200 und 2 000 Kilogramm Rohopium so offen gehandelt wie anderswo Tomaten. Jede Opiumbude wird von zwei bis drei Partnern geführt. Einige sind lokale Bauern, die selbst produzieren, andere kaufen die Ernte der Nachbarn, um sie hier an Weiterverkäufer abzugeben. Manche Händler kommen aus Pakistan, dem Iran, der Türkei oder aus den ehemaligen sowjetischen Nachbarrepubliken Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan. Viele Verkäufer sind aus Herat, Kandahar oder Masar-i-Sharif, den anderen großen Mohnanbaugebieten in Afghanistan.
Die Angst der Männer, dass der Markt, dessen Einnahmen für viele von ihnen die Lebensgrundlage bildet, geschlossen werden könnte, ist berechtigt. Ende April 2002 überfielen Hunderte von bewaffneten Soldaten der Interimsregierung Hamid Karzais den Opiummarkt. Ihr Auftritt erinnerte eher an den Überfall einer Räuberbande als an eine Beschlagnahme. Die Geschäftsleute Ghani Khels berichten, dass die Soldaten ihnen die Armbanduhren von den Gelenken rissen, ihnen sämtliches Bargeld raubten und alles mitnahmen, was sie in den hölzernen Buden fanden.
Natürlich auch das Rohopium. Sechs Tonnen wurden beschlagnahmt, 50 Männer verhaftet. Alle hier sind sich einig: Das sind Diebe, und wir werden uns wehren. Seitdem rüstet Ghani Khel auf. Am Eingang des Ortes steht jetzt ein Raketenabwehrgeschütz, alle männlichen Bewohner sind schwer bewaffnet.
Die Stammesältesten, die sich versammeln, um einen Ausweg zu finden, haben keinen leichten Stand. Die Wut der Bewohner und Händler Ghani Khels richtet sich gegen Haji Abdul Qadir, den Übergangsregierungschef der Provinz Nangahar. Er wird für den Überfall verantwortlich gemacht. Die Sympathien der meisten hier liegen bei dem rivalisierenden Klanchef Haji Zaman Khan.
Gul Mohammed, 45, bewirtschaftet in Ghani Khel zusammen mit seinen zwei Brüdern drei Jireebs. Ein Jireeb entspricht einer Fläche von 2 000 Quadratmetern. Gul Mohammed hat elf Kinder, keines besucht eine Schule. »Die Schulen sind leer. Es gibt keine Lehrer, da sie niemand bezahlt«, klagt er. Er ist gegenüber jeder zukünftigen Regierung genauso skeptisch, wie er es in der Vergangenheit gegenüber den verschiedenen Regimes war.
Zu Beginn unseres Gesprächs behauptet er, auf seinem Land nur Gemüse für die Familie anzubauen. Später aber wird immer deutlicher, dass die Großfamilie zu den Kleinbauern gehört, die vom Mohn leben. Verbittert erzählt er, dass die Taliban die Heroinfabriken der Gegend rund um Ghani Khel zerstört haben. Wir fragen nach Opiumlagern und hören, dass niemand über ein Depot verfügen will. Jeder der Männer hat allerdings ein Klümpchen Opium in der Hemdtasche, so wie ein Europäer ein Taschentuch dabeihat.
Unsere Suche nach weiteren Informationen führt uns nach Khugiani, in eine andere restricted area, ein nicht frei zugängliches Gebiet nordöstlich von Jalalabad. Trotz eines persönlichen Empfehlungsschreibens von Haji Abdul Qadir, das uns das Passieren der Polizeiposten erleichtert, ist dieser Trip riskant, da der Weg durch Stammesgebiet führt. »Versprengte Mujaheddin- und auch Taliban-Gruppen aus den umliegenden Bergen haben hier Reisende überfallen, ausgeraubt, entführt und getötet«, warnt uns Siddique. »Und zwei Frauen aus dem Westen können eine willkommene Verhandlungsmasse darstellen.« Wir vergraben uns unter unseren Tüchern und gelangen problemlos ans Ziel.
Im Distrikt Kaja werden wir von Abdul, 29, und seiner Familie herzlich empfangen. Wir versuchen das Gewirr der Verwandtschaftsverhältnisse zu durchschauen. Bald geben wir es auf, uns zu merken, wer zu den Kindern, Brüdern, Schwestern, Nichten, Neffen, Onkeln, Tanten gehört und wer zu den angeheirateten Verwandten zählt, und konzentrieren unsere Aufmerksamkeit auf den amtierenden Haushaltsvorstand.
Mit der gesamten Großfamilie im Schlepptau zeigt er uns die Opiumfelder, wo gerade geerntet wird. Hier erkennen wir die kleinen grünen Keimblätter der neuen Mohnpflanzen. Die Bauern sind vom Schmelzwasser der Berge abhängig, das im Frühjahr die Pflanzen versorgt. Abdul zeigt sein Fotoalbum. Auf den Fotos sieht man ihn und seine Brüder in rot blühenden Mohnfeldern, die bis zum Horizont zu reichen scheinen. Abdul hat einen kleinen Laden in Kaja. Er verkauft dort öffentlich alle möglichen Gebrauchsgüter. In einem dunklen Hinterzimmer aber stehen die wahren Schätze. In Plastiksäcken, in denen eigentlich indischer Reis transportiert wird, lagert Rohopium in großen Mengen.
Abduls Familie baut in größerem Stil an. Die Männer und Frauen bewirtschaften 15 Jireebs, also rund 30 000 Quadratmeter. Die seit Jahren herrschende Dürre erlaubt den Anbau von gewöhnlichem Gemüse kaum, berichtet Abdul. Mohn braucht viel weniger Wasser als zum Beispiel Weizen. Es genügt, die Mohnfelder zweimal jährlich zu bewässern.
Vor der Aussaat düngen die Frauen die Felder zuerst mit tierischem, anschließend mit chemischem Dünger. Die Pflanzungen werden nach zwei Monaten ausgedünnt, damit sich der Mohn besser entwickeln kann. Nach zirka viereinhalb Monaten wird geerntet. Abdul demonstriert an einer vertrockneten Mohnkapsel, wie das abläuft. Die Männer arbeiten mit kleinen Holzstäben, an deren Ende sich sechs kleine Schneiden befinden. Damit werden die Kapseln, nachdem die Pflanze ihre Blütenblätter verloren hat, angeritzt. Weiße, dickflüssige Milch tritt an der Schnittstelle aus. Man lässt die Milch 24 Stunden trocknen, bis sie sich in dicken, roten Saft verwandelt hat. Dann kratzen die Frauen die rote Flüssigkeit mit kleinen Metallplättchen von den Kapseln. Eine gute Pflanze kann sieben bis zehn Mal angeschnitten werden und ergibt zwischen 100 und 150 Gramm Rohopium. Die rötlich-braune Masse wird auf den grünen Blättern des Mohns gelagert und auch mit diesen zugedeckt. Während des Trocknens verliert das Opium etwa ein Drittel seines Gewichts.
Der Arbeitsaufwand für die Opiumernte ist weit geringer als für jedes andere angebaute Produkt. Um zirka 20 Quadratmeter Mohn anzuritzen und am nächsten Tag abzuernten, braucht eine Person lediglich zwei Stunden. Würden die Bauern auf derselben Fläche Weizen anbauen, so Abdul, brächte das nur ein Fünftel des Ertrages und viel mehr Arbeit.
Abdul erzählt von den unterschiedlichen Einkünften, die er mit dem Opium erzielt. Im Jahr 2000, unter den Taliban, musste er seine Drogen für 8 000 bis 12 000 pakistanische Rupees pro Kilo verkaufen, das sind 130 bis 200 Dollar, im Jahr 2001 erzielte er 50 000 pakistanische Rupees. Ende 2001 verkaufte er das Kilo für etwa 20 000 Rupees. Momentan ist der Preis auf zirka 110 Dollar gesunken.
Je besser die Grenzen nach Pakistan, dem Irak und zu den Nachbarn im Norden bewacht werden, desto tiefer fallen die Preise. Wenn der Schmuggel stagniert, bleiben die Bauern auf ihren Produkten sitzen. Abdul produziert selbst und kauft von seinen Nachbarn, wenn der Stoff billig ist. Er kann das Rohopium aber nur dann an Händler weiterverkaufen, wenn die Schmuggelrouten offen sind. Auch die Heroinfabriken rund um Khugiani seien von den Taliban zerstört worden.
Abdul weiß, dass Tausende von Junkies in der ganzen Welt vom Heroin abhängig sind, und er spricht nicht gern darüber. Befragt, was eine realistische Alternative zur Opiumproduktion für ihn wäre, fordert er von einer neuen afghanischen Regierung neue Straßen, Wasserreservoirs, Arbeitsplätze, Schulen und Absatzgarantien für Ersatzprodukte. Abduls sieben Kinder gehen nicht zur Schule; auch für sie, glaubt der Vater, wird der Mohnanbau die Existenzgrundlage sein.
Begeistert spricht er von der medizinischen Wirkung der Pflanze und ihres Derivats. »Es ist ein sehr gutes Mittel gegen Husten«, versichert er uns. Mit flüssigem, erhitztem Opium wird die Brust der Kranken in seiner Familie bei Erkältungen eingerieben. Er schwärmt auch von den Heilerfolgen bei Durchfall. Die Blätter und auch die Kapseln des Mohns werden gekocht, die Samen gemahlen verabreicht.
Abdul beteuert, dass Opium in seiner Familie nie geraucht wurde. Sie seien professionelle Produzenten, die Familien hätten die Droge bereits zu Zeiten des Britischen Empire produziert. »Die Briten haben ja damals schon gute Geschäfte mit dem Gift gemacht«, weiß Abdul.
Die Menschen in Kaja und den umliegenden Dörfern haben keine andere Lebensgrundlage. Der steinige Boden müsste intensiver und aufwändiger bewässert werden, damit etwas anderes als Mohn gedeihen könnte. Ohne radikale, sicht- und messbare sozioökonomische Veränderungen in ihrem Alltag werden Abdul und seine Nachbarn den Mohnanbau nicht einstellen können. Und die Veränderungen müssen erst einmal geschaffen werden.