Big Brother pennt
Was ist los mit der türkischen Justiz? fragte sich die Redakion schon bei der so genannten Susurluk-Affäre, in der es um einen mysteriösen Autounfall ging, der uns monatelang in Atem hielt. Und nun dies: In einem der bestüberwachten Räume der Welt, im türkischen »Big Brother«-Container, ist eine kuschelige Katze persischer Abstammung an einem Schädelbruch gestorben, und die Ermittlungen, wie das Tier zu Tode gekommen ist, verliefen im Sande. Katzen fügen sich solche Kopfverletzungen schließlich nicht selbst zu. Das war auch der Staatsanwaltschaft klar, die nach einer Anzeige von Tierschützern tätig wurde, aber rein gar nichts herausfand. Sie verhängte lediglich eine Geldstrafe von umgerechnet 45 Euro über die Produktionsfirma, weil die offensichtlich gepennt hatte.
Niki De Saint Phalle ist tot
Demnächst kommt »Pollock« in die Kinos, ein Film über Jackson Pollock, der gerne das größte amerikanische Künstlergenie des 20. Jahrhunderts genannt wird. Den Geniekult, der sich bekanntlich fast auschließlich um Männer wie eben Pollock rankt, demontiert zu haben, das wird Niki De Saint Phalle wie kaum einer anderen zugeschrieben. Berühmt wurde die 1930 in Paris geborene Künstlerin mit ihren »Schießbildern«, die Anfang der Sechziger entstanden. Während Pollock sein schlummerndes »Genie« durch einen tiefen Schluck aus der Whiskyflasche aus sich herauskitzelte und dann sozusagen intuitiv die großformatige Leinwand vollkleckerte, machte es sich De Saint Phalle um einiges einfacher. Sie behängte die Leinwand mit ein paar Farbbeuteln, schoss auf sie, und die bunte Pracht verteilte sich von selbst.
Wichtig bei den »Schießbildern« war vor allem der Akt des Schießens. Er war gewalttätig und wurde von einer Frau praktiziert. Unerhört. Kein Wunder, dass Niki De Saint Phalle zu einer Ikone des Feminismus avancierte. Weltberühmt wurde sie dann mit ihren »Nanas«, aus Pappmaché und Drahtnetzen gebastelten, barocken und bunten Frauenfiguren. Damit schuf sie eine Gegenstrategie zu den damals beginnenden, immer aggressiveren Versuchen der Schönheitsindustrie, den weiblichen Körper zu normieren.
Für Skandale war De Saint Phalle immer gut. Den größten erregte sie mit ihrer Arbeit für das Moderna Museum in Stockholm, für das sie eine riesige Skulptur herstellte, eine auf dem Rücken liegende Frau, durch deren Vagina man klettern musste, um das Museum betreten zu können.
Bis heute sind vor allem diese Arbeiten aus den Sechzigern entscheidend für den Ruhm der Künstlerin. Alles was die mit dem Schweizer Künstler Jean Tinguely verheiratete De Saint Phalle später schuf, wirkte im Vergleich zu den Arbeiten der frühen Sturm- und Drangphase recht brav. Was jedoch auch daran liegt, dass sich mit der Zeit die allgemeine Akzeptanz für provokante Kunst einfach erhöht hat. Heute stehen Nana-artige Figürchen im Badezimmer herum und schmücken Erholungsparks. Niki De Saint Phalle starb in der vergangenen Woche 71jährig in San Diego.
Wo ist Martin Walser?
Marcel Reich-Ranicki tut sich und allen Deutschlehrern einen Gefallen, er gibt den »Kanon« der deutschen Literatur heraus. In einer ersten Lieferung erscheinen die 20 besten deutschen Romane aller Zeiten, so zusammengeschnürt, dass sie jeder als Bündel in die Ecke stellen und später den Enkeln vererben kann, die sie ungeöffnet weiter vererben können, damit, wenn irgendwann die deutsche Sprache ausstirbt, auch jeder wissen kann, warum.
Einem anderen, weitaus weniger sympathischen Deutschlehrer, Thomas Steinfeld in der Süddeutschen, fällt dazu ein: »Jahrmarktsbude, Hallodri, irgend etwas Schlichtes, Kaufmännisches, Marketingmäßiges« usw. Es handele sich, empört sich Steinfeld, bei diesem Kanon um »die kürzeste Geschichte der deutschen Literatur, von der man je gehört hat«. Warum, fehlt irgendwas?
Sein Kollege Hubert Spiegel von der FAZ: »Wo ist Uwe Johnson, wo Martin Walser?« Wie bitte, Martin Walser? Selbst wenn uns dereinst in der Hölle befohlen wird, die 1 000 besten deutschen Romane zusammenzuschnüren, einer von Walser wäre bestimmt nicht dabei. Und zwar nicht aus politischen Gründen; wenn es auch zu bedauern ist, dass der Versailler Vertrag weiterhin literarische Tätigkeit in Deutschland erlaubte und über das Bodenseegebiet nach dem letzten Krieg kein Dichtungsverbot verhängt wurde.