Eher dumm als rechts
Warum man nicht bei jedem rassistischen Scheiß, der in Deutschland zusammengerappt wird, die Antifa rufen muss. von jan kage
Es geht ein Gespenst um in der deutschsprachigen HipHop-Welt, und dieses Gespenst heißt Nazi-Rap. Klingt gefährlich. Die Okkupation einer ursprünglich schwarzen, US-amerikanischen Musik durch braune Banden klingt unglaublich, ist aber durchaus möglich. Hören doch die meisten der extremen Deutschland-Fans entweder Oi-Punk oder Ska, also originär jamaikanische Musik. Warum sollte nun nicht auch HipHop vereinnahmt werden?
Von rassistischen Sprüchen und nationalistischen Tönen, gar von Überlegungen der Nazis, den HipHop zu vereinnahmen, ist zurzeit die Rede. Die meisten HipHopper weisen solche Spekulationen weit von sich und glauben nicht daran, dass »Deutschrap« bald seinem Namen alle Ehre machen könnte. Auslöser dieser neuen Debatte ist der Kölner Journalist Hannes Loh. Der Autor des Buchs »20 Jahre HipHop in Deutschland« und eines Reclam-Heftchens mit Rap-Texten und »didaktischen Anleitungen für den Unterricht« hat die Diskussion entfacht, als er in der Musikzeitschrift Intro (Januar 2002) vor allem der Berliner Gruppe MOR (Masters Of Rap) vorwarf, rassistische Statements zu verbreiten.
Aber er hat noch mehr Beispiele zur Unterfütterung seiner Kritik zur Hand. MC-Battles, auf denen die Gegner »ins Gas geschickt« werden, asiatische Rapper, die als »Schlitzaugen« beschimpft werden, und Vorwürfe gegen Schwarze, sie würden ihren »Niggerbonus« im deutschen Rapgame ausnutzen. Loh plant, die Diskussion um Nazi-Rap noch mal anzutreiben, indem er im Sommer ein Buch zum Thema veröffentlicht.
Einer der Vorwürfe an MOR lautet, das Wort »Nigger« inflationär zu verwenden. Keine Frage, »Nigger« ist ein rassistischer Begriff, man muss aber den Kontext beachten, in dem er im HipHop gebraucht wird. Die meisten schwarzen US-Rapper nennen sich selbst »Nigger« und haben mit dieser Strategie bewirkt, dass der rassistische Schmähbegriff zu einem Codewort wurde, dessen Ausstrahlung so stark ist, dass sogar KRS One feststellte: »Now we got white kids calling themselves niggers!« RZA, Mastermind des Wu-Tang Clans, meinte in einem Interview ebenfalls: »Wir nennen weiße Jungs 'Nigger', weiße Jungs nennen einander 'Nigger' und sogar Mädchen nennen sich 'Nigger'. Es ist nur ein Slangwort. Wir haben mit unserer Lebensweise die gesamte Definition des Wortes geändert!«
Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Kids, deren Helden sich gegenseitig »Nigger« nennen, ebenfalls mit der Bezeichnung »Nigger« herumhantieren. Das muss man zwar nicht gut finden, eine Überlegenheit der »weißen Rasse« soll dadurch jedoch noch lange nicht ausgedrückt werden. Die ehedem rassistische Stigmatisierug »Nigger« wird vielmehr zu einem Synonym für »HipHopper«.
Schon eher ein Problem ist der virulente Rassismus in Deutschland. Deshalb thematisieren viele der afrodeutschen Künstler, die als Brothers Keepers zum ersten Mal als Minderheit geschlossen ihre Stimmen erhoben haben, die eigene Hautfarbe. Schließlich ist der nahtlose Wechsel vom süßen schwarzen Buben zum suspekten Jugendlichen eine Erfahrung, die fast alle von ihnen gemacht haben.
Als Anfang der neunziger Jahre HipHop erfolgreicher wurde und Firmen wie Nike mit Michael Jordan warben, wurde die Hautfarbe verstärkt zum sozialen Indikator. Auf einmal war es schick, schwarz zu sein, und es wurde für die Betroffenen gleichzeitig wichtiger, sich vor Vereinnahmungen zu schützen.
In dieser neuen Popularität von Schwarzen liegt die Ursache für die Diffamierung eines »Niggerbonus«, denn der weiße HipHop-Konsument hat nun wiederum das Gefühl, wegen seiner Hautfarbe benachteiligt zu werden. Schwarze moderieren auf Viva und kriegen schneller einen Plattendeal. In dieser Form des falsch verstandenen Gegenrassismus, der sich nicht aus Über-, sondern aus Unterlegenheitsgefühlen speist, liegt eine Gefahr, nämlich die, den Bock mit dem Gärtner zu verwechseln. Die Hautfarben von Tyron Rickets (ehemals »Viva Wordcup«) und Patrice (ehemals »Fett MTV«) werden sich beim Casting positiv ausgewirkt haben, nur: Will man das den Moderatoren den Sendern oder dem Zeitgeist vorwerfen?
Einen schwarzen deutschen Künstler wie Afrob nervt das »Niggern« durch Weiße, was er immer wieder öffentlich thematisiert hat. Bedenklich wird es dann, wenn Ronald McDonald von MOR rappt: »Affen wie Afrob fliehen aus dem Zoo und halten sich für MCs«. Die halbherzige Rechtfertigung dieses Angriffs aus dem MOR-Umfeld lautet, dass er dumm, aber nicht rassistisch sei, da McDonald selber türkischstämmig sei. Was ein schwachsinniges Argument ist, weil ja auch Migranten Rassisten sein können.
Auch der Gewinner des Viva-»Mixery Raw Deluxe«-Battles namens Torwart wird von Loh zitiert. Er hatte gerappt: »Ich seh an dir und deinen Schlitzaugen, dass du wack bist (es nicht bringst, d.Red.) und deine Sprüche nix taugen.« Auch hier gibt einer offen rassistische Aussagen von sich. Nur: Was lässt sich daraus folgern?
Ohne diese Aussagen relativieren zu wollen, bleibt es wichtig, den direkten Kontext, in dem so ein Mist geäußert wird, mitzudenken. Dieser Kontext heißt »Battle-Rap« und hat in den schwarzen USA eine lange Tradition: Von Bragging and Boasting bis zu Playing the Dozens gibt es viele Wortspiele, deren Ziel es ist, den Gegner herabzuwürdigen. Dies erreicht man meist mit der Diffamierung von Personen, von deren Äußerlichkeiten oder durch die Beleidigung der Mutter des anderen. Das Ziel von »Dissing« ist es, den Gegner zu treffen, was sowohl Ronald MacDonald wie auch Torwart gelungen sein dürfte. Die dabei gefallenen Äußerungen sind latent rassistisch, der Rahmen, innerhalb dessen sie fielen, egalisiert diesen Rassismus jedoch.
Hannes Loh hat Recht, wenn er eine Diskussion anregen möchte. Das Missverständnis, dem er jedoch aufsitzt, findet sich in folgendem: » Musikszenen, die heute noch als links gelten (...) zum Beispiel die HipHop-Szene« (Jungle World, 15/02). Die HipHop-Szene war nie unbedingt links. HipHop ist mitunter rebellisch und kämpferisch, und hier und da mal (links-) politisch. Die Idee aber, eine ganze Szene unter politischen Vorzeichen vereinnahmen zu wollen, war schon absurd, als man es mit den Punks versuchte.
Musik ist vor allem Ausdruck von Emotionen und nicht, wie Politik, vor allem rational. Wer nun eine politische Verantwortung von Popmusik kategorisch einfordert, verlangt die Quadratur des Kreises und missversteht, dass Musik politische Ideen auf einer emotionalen Ebene auszudrücken vermag. Politik in der Musik drückt sich über Gefühle aus, die durch Benachteiligung und Unterdrückung entstehen. Im Vordergrund steht aber das Gefühl und nicht die Politik. Von Musikern zwanghaft ein Engagement zu fordern, kann auch den Geist der Musik beschneiden.
Die HipHop-Szene tut gut daran, gegenüber dem Vorwurf des Nazi-Rap gelassen zu bleiben. Und die Mahner sollten das Objekt ihrer Kritik mit dem richtigen Augenmaß anpeilen. Das gilt insbesondere dann, wenn man versucht, eine Straßenkultur Eltern und Lehrern anhand von »didaktischen Anleitungen« zu vermitteln.