Working Class Hero XII
Friedensmaschine
Zurzeit diskutiert ganz Deutschland: Wehrpflicht oder nicht. Die einen sagen: Zwangsdienste sind nicht mehr zeitgemäß. Die anderen, das sind die Generäle, sagen: Wenn die Wehrpflicht wegfällt, kriegen wir nur noch rechtsextremes Pack aus dem Osten.
Die Generäle haben recht. Man braucht manchmal einen Funken Verstand, um bei den heutigen modernen Waffensystemen den Auslöser zu finden. Aber wenn man zum Bund geht, kann man genauso gut geistig umnachtet sein. In solcher Verfassung befand ich mich, als ich selbst dort landete. Wobei zu fragen ist: Ist das ein Beruf und somit Teil der Arbeitswelt und also mögliches Thema dieser Kolumne? Auf jeden Fall: Das Handwerk des, äh, Friedensicherns, wie es heute heißt, ist so alt wie die Prostitution; man wird dafür schlecht bezahlt, macht umsonst Überstunden, es gibt Ausbildungsgänge, ständig schreit einer 'rum, und man ist dauernd am Saufen - worin also bitte besteht der Unterschied zum, sagen wir, Jungle World-Autor? Und amerikanische Soldaten betonen immer wieder: Wir machen nur unseren Job. Zivildienst? Ist im Ernstfall Wehrdienst. Und seit dem 11. September ist die Bundeswehr topaktuell - seit dem Jugoslawien-Krieg war es ja ein wenig ruhig geworden um die friedenschaffenden grünen Jungs und jetzt auch Mädels.
Als es für mich so weit war, war ich in einer vermeintlichen Zwangslage. Ich dachte, ich entkäme so einem leicht problematischen Elternhaus. Als Co-Abhängiger hat man ja wenig Selbstvertrauen. Aber schon an meinem ersten Tag als künftige Friedensmaschine wusste ich: Da geht gar nichts. Die Panzerdivision Koblenz, in der ich Deutschland als Panzerschütze dienen sollte, war nicht in der Lage, ein paar Rekruten vom Bahnhof in die Kaserne zu befördern. Erst kamen sie mit dem falschen Auto, dann fuhren sie uns in die falsche Kaserne. Wo wir die nächsten Stunden standesgemäß versoffen.
Und es stimmt, die Wehrpflicht sorgt für qualitativ hochwertigen Nachwuchs - ich war schließlich bis zum Abitur nur einmal sitzen geblieben. Der erste Tag war ganz nett. Der Stubenunteroffizier, Stuffz genannt, war ein lieber Kerl, der seinen Eltern gerade sechs Wochen beim Hausrenovieren geholfen hatte. In unseren Zivilklamotten durften wir dann helfen, eine drei Tonnen schwere Panzerkette umzudrehen. Wir sahen aus wie die Schweine - das Ding war rostig und flog in eine Pfütze. »Sicherheit ist hier ganz wichtig«, brüllte der Leutnant. »Erst gestern haben sie einen in der Garage an die Wand gefahren. Der Idiot hatte sich beim Einweisen hinter den Panzer gestellt.« Zur Erinnerung: Ein Fahrzeug Marke Leo II wiegt gut 80 Tonnen.
Bald schon avancierte ich zum Liebling meiner Stube. Ich konnte so gut »Betten bauen«. Meine Mitbewohner waren leider nicht mal in der Lage, sich selbst die Schuhe zuzubinden, da fiel so etwas schon auf. Horst war gerade von zu Hause abgehauen und hatte in der Fabrik malocht, als der Einberufungsbescheid kam. Carsten war lungenkrank, Frank depressiv, Lothar kiffte unablässig. Nur Thomas hatte gute Laune, er hatte sich auch für zwei Jahre verpflichtet. »Ist doch gar nicht so schlimm hier!« Was hätte man sich mehr wünschen können - gesellschaftliche Anerkennung, prima mies gelaunte Kumpels, und ein Zimmerarschloch, mit dem alle Schlitten fahren wollten?
Abends fragte mich der Kompaniechef, ob ich Musikinstrumente spiele. Klar, meinte ich, sechs Stück. Vor allem meine Gitarren- und Akkordeonkenntnisse beeindruckten ihn. »Toll, dann können Sie Lieder am Lagerfeuer begleiten«, freute er sich. Und ich mich erst. Da waren also fünf Jahre kommunale Musikschule doch nicht umsonst gewesen.
So ganz war mir der Laden dennoch nicht geheuer. Ich leide an Raumangst, und jetzt kommt's: Die Bundeswehr hat einen Schützenpanzertypen, bei dem der Ladeschütze in den Turm einsteigt und im Heck des Fahrzeugs verschwindet. Und 'raus kommt er erst, wenn der Turm wieder nach vorn ausgerichtet ist. Und da sollte ich also sitzen, wo ich doch schon im Aufzug Zustände bekomme.
Die medizinische Untersuchung stand an. »Hey, sind ja ein paar Kilo zuviel drauf«, sagt der Arzt zu mir. »Sehen Sie mal, Herr Oberbundeswehrarzt, ich hab' da ein Attest vom Psychiater, dass ich da so Tabletten nehmen muss ...« - »Ja, um Gottes Willen, warum haben Sie sich nicht nachmustern lassen?« - »Hören Sie, wenn ich zu solchen Überlegungen fähig gewesen wäre, wäre ich jetzt nicht hier.«
Die Nachmusterung bekam ich dann - im Bundeswehrkrankenhaus, in dem sie auch dem Altbundeskanzler Helmut Schmidt seinen Herzschrittmacher eingesetzt haben.
»Ich glaub', wir stellen Sie erstmal zurück«, meinte der Psychologe. »Was wollnse denn machen die nächste Zeit?« - »Eigentlich wollte ich eine Lehre als Buchhändler machen.« - »Na, wir melden uns dann in drei Jahren noch mal.«
Dumm nur, dass die Bürokratie bei der Bundeswehr so langsam ist wie auf dem Sozialamt. Bis die Empfehlung beim Kompaniechef landete, vergingen noch ein paar Tage. Die anderen hatten aber in der Zeit schon ihre Kampfanzüge bekommen. Und so musste ich tags drauf in meinem bescheuerten schwulen Sakko und geflickter Jeans mit 180 Uniformierten zum Gottesdienst, die segnen auch alles. »Was ist denn mit dem da?«, fragten sich die Koblenzer am Straßenrand. Tja, auch so kann man zum Exzentriker werden. Obwohl man doch zu gern dazugehören will. Ein Gefühl war das, ein Gruppendruck, nicht zu glauben. Ich fürchtete, wenn ich als Soldat mal einen Soldatenfriedhof besuchen würde, würde ich mir sofort wünschen, auch dort zu liegen. Hauptsache, nicht allein.
Nach acht Tagen wurde ich wieder aufs Zivilleben losgelassen. Einige Zeit später musste ich aber zurück nach Koblenz, Papiere abholen. Ich unterschrieb einen Zettel, auf dem stand, dass ich mich für die nächsten fünf Jahre nicht mehr blicken lassen soll. Tauglichkeitsgrad fünf. Hinterher dachte ich: Man weiß ja nie, was passiert, vielleicht musst du mal in den Widerstand oder in den Untergrund, dann wär's nicht schlecht, ein wenig waffenkundig zu sein. Auch die DKP hat früher ihren Mitgliedern geraten, in die Armee zu gehen (Übernahme der Produktionsmittel & Staatsorgane), und daraus ist immerhin das Darmstädter Signal entstanden. Aber ich bin sicher: Wenn's nötig ist, lernt man das sehr schnell.
Bei meinem kurzen Abschied war allerdings kaum einer da zum Verabschieden. Der Leutnant, der sich kurz zuvor noch über unsere Unbrauchbarkeit aufgeregt hatte (»Wer soll hier bloß die Panzer fahren?«), war strafversetzt worden. Er hatte seinem Spieß eine Cognacflasche über den Schädel gezogen. Die meisten Stubenkameraden waren auch für untauglich befunden worden - ich frage mich, was machen die eigentlich bei der ersten Musterung? Die paar Rekruten, die es noch gab, übten draußen Gasmaskenaufsetzen.
Fazit: »Sei froh, dass du aus dem Laden 'raus bist!« (Mein Vater, 42 Jahre Bundesgrenzschutzbeamter.) Noch ein Fazit: »Faule Studentensau!« (Auch mein Vater, nachdem ich mich für ein Germanistikstudium entschieden hatte.) Übrigens fällt mir im Vergleich zu meinen zirka 152 anderen Jobs auf: Die Bundeswehr hat mir 17 Arbeitstage bezahlt, obwohl ich - bis aufs Bettenmachen, Kirche gehen und Panzerkette umdrehen - kaum einen Finger krumm gemacht habe. Alle Achtung. Vielleicht hätte ich durchhalten sollen, dann wäre ich jetzt ein großer Panzergeneral und würde, sagen wir, die deutschen Truppen in Afghanistan befehligen. Mensch, da war ich noch nie! Und außerdem: »Wir sollen die Fehler ausbügeln, die die Politik gemacht hat.« (Freund Heini von der Luftwaffe.) Ein ganz normaler Job also. So ist es z.B. im Journalismus, wo ich jetzt arbeite, auch, und auch nicht weniger verlogen oder mörderisch. Und da reden die jetzt von »Berufs«-Armee.
Kernkompetenz heißt das Wort der Zeit! Also: Ob man von einem wehrpflichtigen oder einem berufspflichtigen Freund Hein friedensgesichert wird, was kümmert einen das?
jürgen kiontke