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Nr. 20/2002 - 08. Mai 2002
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Die Revolution ist steinalt geworden

Kreuzberg feierte sein 15jähriges Randalejubiläum. Lageberichte von andreas hartmann, holger hegmanns, patrick kunkel, carlos kunze, jörn schulz, maik söhler, regina stötzel und deniz yücel


Hartes Pflaster

Er kommt aus dem Nichts. Dann greift er an. Es ist bereits dunkel, das Konzert am Kreuzberger Oranienplatz wurde gerade beendet. 20 Meter weiter wird der Plus-Supermarkt geplündert. Schokoriegel, Eiscreme und andere Lebensmittel werden durch die zersplitterte Eingangstür nach draußen geworfen. Irgendwer brüllt: »Yeah«, andere rufen: »Boah«. Der Bundesgrenzschutz rückt an, die Menge rennt los. Und da steht er. Ausweichen? Zu spät. Ich verliere das Gleichgewicht. Poller gegen Mensch. Eisen gegen Redakteur. Redakteur verliert. Das Pflaster ist hart. Das Knie nicht. Eine wirklich beschissene Performance.


Hallo Partner, danke schön!

9 Uhr, eine öde Betonpiste in Marzahn. Der Motorradclub Kuhle Wampe lädt zum Sicherheitstraining, und seine Mitglieder trotzen dem Druck der Straße. Statt Pflastersteinen werden Pylone ausgepackt, Barrikaden heißen hier Schikanen und sind Autoreifen, die nicht mit Benzin, sondern mit Regenwasser gefüllt sind. Es braucht keine Klassiker, um Sachschaden zu provozieren. Blinker, Tank, Fußrasten und Gepäckträger sind gern geopferte Anbauten. Hier zählt nur der physikalische Erkenntnisgewinn.

Auch an Flexibilität stehen die Parcours den Demorouten in Kreuzberg und Mitte nicht nach. Eben noch simulieren die Pylone eine Kreisbahn, gleich darauf ein Oval, und wer dachte, Leitern wären nur dazu gut, Höhenunterschiede zu Fuß zu überwinden, wird eines Besseren belehrt: Drüberfahren mit wachsender Geschwindigkeit kickt deutlich mehr als Fensterputzen.

Pausen dienen nicht nur der Nahrungsaufnahme, sondern liefern wichtige Tipps. Auch der Sound der Auspuffanlage muss stimmen. Er sorgt nicht nur für rege Kommunikation mit den Nachbarn, sondern trägt auch zur Sicherheit bei: Wer früh gehört wird, dem steht keiner im Weg rum.

Auch nicht zu unterschätzen: Ein Krankenhausvergleich. Unfallkrankenhaus Marzahn (Osten, Brandopfer von Djerba, Städtisch) vs. Uniklinikum Benjamin Franklin (Westen, Subventionsgrab, Abwicklung). Das Ergebnis des Rankings ist eindeutig: Marzahn hat's drauf. In jeder Hinsicht.


Nie wieder

Zurück geht's nun nicht mehr, nach vorne schon lange nicht mehr. Zur rechten Seite dichtes Gestrüpp, zur Linken überall Menschen. Von hinten wird gedrängt, von vorn auch. Wer jetzt zu entkommen versucht, läuft Gefahr, überrannt zu werden. Wer stehen bleibt, wird sicher überrannt.

Nur raus hier. Aber wie? Da, ein kleiner Spalt. Jetzt aber schnell. Zu spät, kein Durchkommen mehr. Der Druck von hinten nimmt zu, die Beine zittern, der Schweiß läuft. Auf jeden Fall gegen die Panik ankämpfen. Ist die Bezugsgruppe noch da? Zusammenbleiben, los, gib mir deine Hand, nein, du doch nicht, da, warte, festhalten.

Noch mehr Leute. Wo kommen die her? Alle wirken gehetzt. Wie soll man da ruhig bleiben? Lass' jetzt bloß nicht los. Dieser Krach. Und wie das hier riecht. Ist das Rauch? Was qualmt denn da? Macht doch jetzt keinen Scheiß. Hört doch mal auf zu drücken, es geht hier nicht weiter. Raus hier, nur raus hier, und dann nie wieder.

Nie wieder mit dem Kinderwagen zum Fest auf den Mariannenplatz. Und wenn es noch so friedlich verläuft.


Jesus, Jutta Ditfurth

Es war meine kürzeste 1. Mai-Demo. Sie begann, wo sie endete - am Ort der Kundgebung. Kaum auf dem Rosa-Luxemburg-Platz angekommen, drückt mir ein blonder Vertreter der Sicherheits- und Ordnungskräfte 'ne bunte Postkarte in die Hand: »1. Mai 2002: Gemeinsam friedlich in den Mai!« lässt der Polizeipräsident in Berlin ausrichten.

Untermauert wird die freundliche Aufforderung vom gesamten Bürgerkriegsapparat, der entlang der Demoroute aufgefahren worden ist. Am friedlichsten gucken die Schützenpanzer vom BGS. Dann sticht mir ein rosa Transparent ins Auge: »Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Jesus«. Jesses, denk ich, jetzt schlägt der deutsche Friedensfundamentalismus auch hier schon zu. Ich geh' mir die TransparentstangenträgerInnen anschauen, immerhin, einer hat ein »Jesus-Terror-Front«-T-Shirt an. Dann kommt der inhaltliche Top Act der Kundgebung. Jutta Ditfurth hat sich Gedanken zum Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gemacht und muss sie auch gleich loswerden. Einige Leute rufen »Möllemann, Möllemann«, die große Mehrheit klatscht. Und tschüss!


Was läuft

Das Inlandsressort sucht wie immer nach ganz neuen Perspektiven und begibt sich ins Medienzentrum der Polizei in Tempelhof. Zu verlockend ist die Aussicht, einen Polizei-Presse-Button mit der Aufschrift »Gemeinsam & friedlich« geschenkt zu bekommen, dem Einsatzleiter die Hand zu schütteln, Häppchen essend in bequemen Sesseln das Geschehen zu verfolgen und endlich mal Infos aus erster Hand zu bekommen.

Wir beschäftigen drei Beamte damit, uns in den richtigen Raum im ersten Stock zu bringen, bestaunen eine ansprechende Polizeikappen-Ausstellung und bekommen die Buttons und die Zusage, alles fragen zu dürfen, was uns bewegt. Dennoch macht sich schnell Enttäuschung breit. Den Auftritt des Einsatzleiters knapp verpasst, keine Häppchen, Standardkekse auf himmelblauen Servietten, viel zu wenig Schokokekse. Die multimediale Präsentation beschränkt sich auf Demo-Bilder aus der Vogelperspektive. Die Hoffnung, wenigstens Bekannte beim Bockwurstessen auf dem Mariannenplatz beobachten zu können, erfüllt sich nicht.

Wir wollen wissen, ob sich das Polizeikonzept nach den bösen Krawallen vom Vorabend geändert hat. Nein, es werde weiter auf Deeskalation gesetzt. Erst mal »mit schwachen Kräften 'rangehen«. Auf kritische Nachfragen - wann wieviel Polizei einschreiten sollte - erfahren wir, dass wir ja auch nicht wollen, dass unsere Bürgersteige verwüstet werden. Genau, denken wir, und recherchieren vor Ort weiter.


Der Running Gag

Mit der Laubsäge komme ich nicht weiter. Der Bolzenschneider bringt's auch nicht. Scheiß Poller. Mit dir werd' ich noch fertig. Die Polizei räumt die O-Straße. Diesmal in die andere Richtung. Mir doch egal. Es gibt nur noch ihn und mich. Zum Teufel mit der Deeskalation. Dem reiche ich keine ausgestreckte Hand. Doch Fußtritte können ihm nichts anhaben. Der Poller steht wie eine Eins.


Alles bleibt, wie es ist

Wenn es auf 18 Uhr zugeht, wird die proletarische Avantgarde in der Umgebung des Mariannenplatzes unruhig. Kreuzberger Jugendliche klopfen ungeduldig mit ihren Knüppeln auf das Pflaster. Dann kommt Bewegung in die Menge, doch es wird kein Kontaktbereichsbeamter gelyncht, der ein klärendes Wort an die militante Jugend richten wollte. Man prügelt sich untereinander.

Nun wird es Zeit, sich auf den Weg zur revolutionären Demonstration zu machen. Der erfahrene Revolutionär erspart sich die zweistündige Auftaktkundgebung und bewundert lieber die realsozialistische Architektur in der Umgebung des Alexanderplatzes. Als sich die Demonstration dann doch in Bewegung setzt, wird der verblüffte Revolutionär ausführlich darüber belehrt, dass die Berliner Politik korrupt ist und die Stadt deshalb ziemlich viel Geld verloren hat. In Argentinien stürzen sie wegen sowas die Regierung, ein live aus Buenos Aires zugeschalteter Vertreter der piqueteros ist sich allerdings nicht sicher, ob sich dieser Vorgang beliebig wiederholen lässt.

Es hat ohnehin niemand einen Kochtopf dabei, und so bleibt Schröder weiter Kanzler.


Tanztee

Die Oranienstraße rauf und runter: das Übliche. Irgendwann hat man dann einfach genug vom ewigen Hineindrängeln in Hauseingänge und Dönerbuden, wenn die Polizei ihr Spielchen »Straße räumen« durchzieht. Aus einem improvisierten Soundsystem mit schlechten Boxen und einem CD-Player, der dauernd hängen bleibt, erklingt Bob Marley, alle tanzen, und es fehlen eigentlich nur noch die Blumen, die man der Polizei an die Kampfanzüge stecken könnte.

Willkommen im Hippie-Klischee! Eigentlich ist diese spontane Reclaim the Streets-Party ja ziemlich abgeschmackt. Gleich um die Ecke werden die Leute von der Straße vertrieben, während man hier sein privates »Peace, Love & Happiness«-Refugium aufgemacht hat. Doch irgendwie bildet diese relativ relaxte Stimmung auch einen willkommenen Kontrapunkt zu all der Aggression um einen herum. Man kann diesen Tanztee ja auch als Erfrischungszentrum für ausgebrannte Autonome betrachten, die danach frisch gestärkt ihren revolutionären Verpflichtungen nachgehen können.

Allerdings wird auch hier recht schnell deutlich, dass die Polizei nicht wirklich an einer friedfertigen Störung der öffentlichen Ordnung interessiert ist. Wenn irgendein Polizeitrupp oder ein Wasserwerfer über die Adalbertstraße strategisch versetzt werden soll, wird die Party rigoros durchbrochen, was Aggression erzeugt, und irgendwann läuft dann auch Metallica statt Reggae. Die Stimmung wird nun verspannter, woraufhin die Polizei das Soundsystem abwürgt. Einem solidarischen Soundsystem, das daraufhin aus dem gegenüberliegenden Fenster »Love Me Do« von den Beatles schmettern lässt, wird sofort die Konfiskation der Anlage angedroht.

Ab sofort ist Schluss mit lustig, und es bleibt einem gar nichts anderes mehr übrig, als wieder in der Oranienstraße gegen den ganzen Scheiß zu protestieren.


Letzte Runde

Kurz nach 22 Uhr, Skalitzer Straße: Eine Menschenmenge steht rund um den Görlitzer Bahnhof. Die Polizei hat fett aufgefahren. »Diese Versammlung genießt nicht den Demonstrationsschutz des Grundgesetzes«, ruft ein Beamter mit Abitur aus dem Wasserwerferwagen.

Kommen wir noch durch? »Verlassen Sie den Platz in Richtung Wiener Straße!« Alles okay, da wollen wir sowieso hin. Gleich kann es unangenehm werden, außerdem muss es sich um eine jener »illegalen Zusammenrottungen« handeln, vor denen die Kreuzberger Patriotischen Demokraten / Realistisches Zentrum - Massenlinie (Generalcommando) (KPD/RZ-ML (GC)) gewarnt haben: »Sämtliche Veranstaltungen kiezfremder Personen, Bündnisse und sonstiger irrelevanter gesellschaftlicher Kräfte« seien »ungültig und nichtig«.

Jetzt also die »einzig wahre Erste-Mai-Demo« unter dem Motto »Schluss mit dem Pollenterror«. Zwar hat die Polizei in letzter Minute die Demo verboten, immerhin, die Kundgebung vor dem Gebäude der »Unfreiwilligen Feuerwehr« in der Wiener Straße kann stattfinden. Die Massen rufen »Pollen raus!« und »Bravo Feuerwehr!«. Dazwischen haben sich offensichtlich Provokateure aus Nordost-Kreuzberg gemischt, die mit »Nie-wieder-Kreuzberg!«-Rufen Unruhe stiften wollen.

Erfolglos. Kaum ist die Kundgebung beendet, startet ein Angriff auf die am Görlitzer Bahnhof stationierten Wannen mit Göppinger Kennzeichen. Unter dem dumpfen Klang von Pflastersteinen, die auf sie einprasseln, rasen die gepanzerten Mannschaftswagen davon. Nach zwei, drei Angriffswellen auf die anrückende Verstärkung beginnt die Gegenoffensive. Während die schwäbischen Beamten nun ihren flüchtenden Landsleuten hinterherhetzen, verteilen sich die Kader in die umliegenden Kneipen. Feierabend.



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