Jungle World Banner
Nr. 20/2002 - 08. Mai 2002
Im Archiv suchen:
Inhalt
Interview
Disko
Inland
Antifa
Euro
Dossier
International
Feuilleton
Heim & Welt
Medien
Sport
Junk Word
Rubriken
Nachrichten
Inland
Nachrichten
Euro
Nachrichten
International
Nachrichten
Feuilleton
Deutsches
Haus
action
Sonstiges
Archiv
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in Österreich
Neu: Kleinanzeigen
Ausgewählte
Texte und Vorträge
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Lisa »Left Eye« Lopes ist tot

Ohne sie wäre der anhaltende Erfolg einer R&B-Girlgroup wie Destiny's Child gar nicht möglich gewesen: TLC. Sie für die Retorten-Schnepfen No Angels gleich mitverantwortlich zu machen, würde jedoch über das Ziel hinausschießen, da TLC alles andere als reine Marionetten an den Fäden ihrer Plattenfirma waren. Als das Trio 1994 mit »Waterfalls« einen großen Hit landete, wurde jedenfalls der totale Girl-Glamour ausgerufen, der einem heute, verpackt in High-Tech-Clips, von Lil' Kim bis Missy Elliot auf MTV entgegenspritzt. Lisa »Left Eye« Lopes war dabei immer die Zicke von TLC. Sie putzte öffentlich ihre Kolleginnen herunter, und als sie verstärkt Ärger mit ihrem Freund, dem Football-Profi Andre Rison, hatte, fackelte sie ihm kurzerhand die Bude ab. Nach dem letzten, wiederum enorm erfolgreichen Album »Fanmail«, waren TLC wegen all der angestauten Querelen am Ende. Lisa »Left Eye« Lopes nahm daraufhin im letzten Jahr ein Soloalbum auf, das jedoch floppte. Die ehemalige Sängerin von TLC ist nun bei einem Autounfall in Honduras mit gerade mal 30 Jahren ums Leben gekommen.



Walsers Metier

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Literaturen wird Günter Grass dazu geladen, mit zwei Historikern über seine Vorreiterrolle in der neu ausgerufenen Literaturdebatte zur deutschen Vergangenheitsbewältigung zu diskutieren. In dem langen Gespräch gibt es eine Passage, die uns besonders gut gefallen hat. Auf die Frage, ob Grass sich mit seinem neuen Buch »Im Krebsgang« in Richtung der Aussagen von Martin Walsers 1998 in der Paulskirche gehaltenen Rede bewegen würde, wehrt dieser ab. Stattdessen gibt er als Resümee zu Protokoll: »Wahrscheinlich wäre er (Walser) der Sache jedoch gerechter geworden, wenn er sie, was nun mal auch sein Metier ist, in eine literarische Form gebracht hätte.«

Gott bewahre! Bekanntermaßen hetzte Walser in seiner höchst peinlichen Rede gegen das aus seiner Sicht allzu einseitige Reden über die »Deutsche Schande« und sprach sich letztlich für ein von allen geschichtlichen Makeln befreites neues deutsches Selbstbewusstsein aus. Und daraus hätte der Walser vom Bodensee eine Novelle, gar einen Roman drechseln sollen? Was wäre denn ein passender Titel für dieses Epos deutscher Erbauungsliteratur gewesen? »Die endlich entflohene Auschwitzkeule«?



Bücherkrieg

Die beiden größten deutschen Buchhandelsketten Thalia und Hugendubel haben sich zum Kampf gegen den Heyne Verlag gerüstet und beschlossen, diesen ab sofort zu boykottieren. Streitpunkt ist der neue Roman des Bestsellerautors John Grisham, »Die Farm«. Heyne hat die Vorverkaufsrechte an Bertelsmann verhökert, der den neuen Grisham-Schmöker exklusiv für seine Buchclub-Mitglieder anbietet. Erst ab August wird der Roman dann auch im normalen Buchladen um die Ecke erhältlich sein, allerdings zu einem höheren Preis.

Irgendwie skandalös ist das Vorgehen von Heyne schon. Schließlich will man ja nun wirklich nicht wegen dem neuen Roman von John Grisham ausgerechnet Mitglied des Bertelsmann-Clubs werden. Dann könnte man zwar im ersten Quartal mit »Die Farm« glücklich eine Lücke im eigenen Bücherregal stopfen, doch bereits ein paar Monate später würde das Elend grenzenlos sein. Dann würden die weiteren Quartalseinkäufe anstehen, zu denen man sich verpflichtet hätte, und außer Stephen King hat der Bertelsmann-Buchclub schließlich nie etwas Sinnvolles in den Verkaufsauslagen stehen. Und so dringend braucht man den neuen Grisham nun auch wieder nicht.



Für das Recht auf »Schund«

Jetzt geht's wieder los. Seit Erfurt ist die Hysterie um Gewalt in den Medien wieder da. Von allen Seiten ertönt der Ruf nach Verboten von Filmen, Computerspielen und Popsongtexten, die Gewalt thematisieren. Dabei wird mal wieder allzu schnell darüber weggesehen, welche Gefahr von dieser erneuten Forderung nach einer kulturellen Sittenpolizei ausgeht. Mal ganz abgesehen davon, wie umstritten die These ist, dass der Konsum von Medien, die sich mit dem Phänomen 'Gewalt' beschäftigen, quasi induktiv zu Gewalt im realen Leben führt, kann eine Anti-Gewaltmedien-Debatte schnell zu einer unerträglichen Form von Kulturfaschismus anwachsen.

Will ich mir wirklich vorschreiben lassen, besser keine bekloppten Metalbands mit noch viel bekloppteren Texten hören zu dürfen? Wer soll überhaupt darüber richten, was kulturell »gut« und was »schlecht« ist?

Beispiele von idiotischen Indizierungen, Verboten und Beschlagnahmungen gibt es genügend. Von retuschierten Comics bis hin zur Indizierung von Tobe Hoopers Horrorfilm-Klassiker »The Texas Chainsaw Massacre« lässt sich eine ganze Geschichte der Kulturmanipulation schreiben.

In Deutschland wurden in den letzten Jahren von der Staatsanwaltschaft Kulturgüter wie Art Spiegelmans mit dem Pulitzer-Preis gekröntes Holocaust-Comic »Maus« beschlagnahmt. Der US-Fernsehfilm »Holocaust« wurde von Amts wegen eingezogen, ebenso »Wild At Heart« von David Lynch, Rainer Werner Faßbinders »Amerikanischer Soldat«, Emir Kusturicas »Underground« und sogar Erwin Leisers preisgekrönter Dokumentarfilm »Adolf Hitler - Mein Kampf«. Diese Auswahl zeigt bereits, wie schnell unter dem Vorwand, gegen »Schund« vorzugehen, eine ideologisch gefärbte Reinemachaktion entstehen kann. Bei der nächsten Polizeirazzia gegen unsere Lieblingsvideothek wird deshalb unter den Klängen von Body Counts »Cop Killer« auf die Straße gegangen, einem Stück, das übrigens auch indiziert wurde.



Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com