Die engagierteste Publikation der Welt
Das Informationsbulletin der Lettristischen Internationale | Tania Martini
»Alles, was irgendetwas aufrechterhält, trägt zur Arbeit der Polizei bei. Denn wir wissen, dass alle existierenden Ideen und Verhaltensweisen unzulänglich sind. Die gegenwärtige Gesellschaft teilt sich also nur in Lettristen und Spitzel auf.«
Erklärung vom 19. Februar 1963
Die Lettristische Internationale, das waren kaum mehr als ein Dutzend Leute, die zunächst vor allem damit beschäftigt waren, sich in den Straßen und Bars von St. Germain-des-Prés leidenschaftlich zugrunde zu richten. Als Vorläuferorganisation der Situationistischen Internationale, in die sie 1957 einging, ist ihr sehr viel weniger Aufmerksamkeit zugekommen. Das mag an der vergleichsweise noch wenig elaborierten Kritik liegen oder an der Abwesenheit jener Künstler, die späterhin die interessanteste Phase der Situationistischen Internationale prägten.
Guy Debord und Gil J. Wolman gründeten 1952 die Lettristische Internationale und betrieben damit die Abspaltung von der Lettristischen Bewegung, die als künstlerische »Avantgarde der Avantgarde« 1946 von Isidore Isou in Paris ins Leben gerufen worden war.
Eine Auseinandersetzung wegen einer gesprengten Pressekonferenz führte zum offenen Streit zwischen der »gemäßigten« und der »linken« Fraktion und eröffnete zugleich das erste große Feld, auf dem die Lettristische Internationale das Vokabular für die Schlachten gegen die Kunst und gegen die unter Karrierismusverdacht gestellten Künstler erproben konnte. Debords Film »Geheul für de Sade«, ebenfalls aus dem Jahre 1952, leitete den Bruch bereits ein. Der Film evozierte durch den Wechsel von schwarzer und weißer Bildfläche, durch minutenlanges Schweigen und spärlich gesäte, zusammenhanglose Kommentare auf der Tonspur zwar die Art von Skandal, die Moment der Poesie und der Filme der Lettristen war. In der Art, wie sie das Publikum zu einem Teil des Artefakts machten, unterschieden sie sich nicht so sehr von dadaistischen Vorträgen. »Geheul für de Sade« ging jedoch weiter. Zwischen den aus unterschiedlichen Texten entwendeten Kommentaren wurde in die unerträgliche Kinosituation hinein zum ersten Mal die neue Maxime ausgegeben, die Künste der Zukunft würden Umwälzungen von Situationen sein oder sie würden nicht sein: »Eine Wissenschaft der Situationen steht noch aus, die Elemente aus Psychologie, Statistik, Urbanismus und Moral nehmen wird. Diese Elemente müssen auf ein völlig neues Ziel hinarbeiten: die bewusste Schaffung von Situationen.«
Mit der Gründung der Lettristischen Internationale wurden zunächst recht allgemeine Richtlinien ausgegeben, etwa die Radikalisierung der kulturellen Subversion. Dem folgte ein strikter Amoralismus und ein aus Alkohol, Drogen und Aktionismus zusammengesetztes »délire existentiel«, das regelmäßig in der Illegalität endete.
Das Experiment und die existenzielle Radikalität, als deren Auftakt das »délire existentiel« in späteren Selbstbeschreibungen erscheint, war zunächst das untergründige, dann jedoch das offene Thema, das nach innen wie nach außen die Handlungsstrategie vorgab. Im Manifest der Lettristischen Internationale von 1953 klang das noch äußerst naiv und entschlossen. »Um es klar zu machen: Die condition humaine gefällt uns nicht. Wir haben Isou den Laufpass gegeben; er glaubte an die Nützlichkeit, Spuren zu hinterlassen. (...) Mehrere unserer Genossen sind im Gefängnis wegen Diebstahls. Wir protestieren gegen Strafen, die über Personen verhängt werden, denen klar geworden ist, dass man auf keinen Fall arbeiten darf. Leidenschaft, ja gar Terror, muss die Grundlage der menschlichen Beziehung bilden.«
Möglichkeiten der Subversion. Nichts sollte der Gesellschaft noch angeboten werden und nichts sollte die Lettristische Internationale in die Nähe oder Konkurrenz zu all den beflissenen Künstlern oder Intellektuellen bringen, die sich im existenzialistischen Milieu oder als Avantgarde in der offiziellen Kultur bereits eingerichtet und arrangiert hatten. Dahinter verbarg sich nicht zuletzt die erst später ausformulierte Diagnose der in institutionalisierten Formen erstarrten, einstmals radikalen Ansätze in Kunst, Politik und Theorie und ein Argwohn gegenüber jeder Art von Repräsentation.
Viele Mythen, die noch heute die Situationistische Internationale umweben, rühren aus diesen ersten Jahren der Lettristischen Internationale her, in denen die kollektive Bedingungslosigkeit als Revolte und das Leiden als die Arbeit an ihr erfahren werden konnte. Guy Debord selbst gab den Stoff für diese Mythen, indem er in späten Texten sowie noch in seinem letzten Film aus dem Jahre 1978 immer wieder auf diese Zeit der frühen Fünfziger zurückverwies. Die Erlebnisse der Jugend und die sie tragende Radikalität und Bedingungslosigkeit beschwor er als Vorboten einer besseren Zeit oder breitete sie auch nur als eine Art Beweis für ein richtig gelebtes Leben vor sich selbst aus. Die darin freigelegte Bedingungslosigkeit konnte nicht zuletzt als die Stringenz der eigenen Haltung erscheinen.
Ebenfalls 1978 kommentierte Debord diese Zeit weniger schwelgerisch: »Die erste Phase des Konflikts zeigte, trotz ihrer Schärfe, bei uns sämtliche Eigenschaften einer statischen Defensive. Weil sie örtlich definiert war, hatte eine spontane Erfahrung sich als solche nicht ausreichend begriffen, und auch die großen Möglichkeiten zur Subversion, die in der offensichtlich feindlichen Welt lagen, wurden übersehen.«
Die Strategie änderte sich Ende des Jahres 1953. Ivan Chtcheglov brachte damals einen Text mit dem Titel »Formular für einen neuen Urbanismus« in die Diskussion, der die Gruppe hinaus aus ihrem Viertel in die Straßen von Paris führte und eine neue Praxis eröffnete.
Und seit Juni 1954 war die innere Organisation schließlich so weit fortgeschritten, dass das Informationsbulletin Potlatch herausgegeben werden konnte.
Der selbstbewusste Ton, mit dem die Herausgeber das Projekt in der ersten Ausgabe vorstellten, wurde stets beibehalten. »POTLATCH: Sie werden es oft erhalten. Die Lettristische Internationale behandelt darin die Probleme der Woche. Potlatch ist die engagierteste Publikation der Welt. Wir arbeiten an der bewussten und kollektiven Etablierung einer neuen Zivilisation.«
Den Namen erhielt das Bulletin von einer vorkommerziellen Form der Güterzirkulation, die sich auf luxuriöse Geschenke gründete und die Debord von Indianern kannte. Bis 1957, dem Jahr der Gründung der Situationistischen Internationale, erschien das zweiseitig bedruckte Blatt im A4-Format zunächst wöchentlich, dann monatlich in 29 Ausgaben. Die Nummer 30 wurde 1959 von Constant in Amsterdam herausgegeben und ist in der deutschen Ausgabe der Edition Tiamat - im Gegensatz zu den in französischer Sprache erhältlichen Nachdrucken - enthalten. Debord hat für die Neuauflage von Potlatch bei Éditions Gérard Lebovici im Jahre 1985 ein Vorwort verfasst, in dem er die strategische Absicht von Potlatch formulierte, nämlich die »Schaffung bestimmter Verbindungen mit dem Ziel der Bildung einer neuen Bewegung, die von vornherein eine Neuvereinigung der kulturellen Avantgarde-Schöpfung und der revolutionären Gesellschaftskritik sein sollte«.
In Potlatch tauchten seit der ersten Ausgabe Hinweise für die neue Praxis auf. Psychogeographie, Entwendung (détournement), Umherschweifen (dérive) und unitärer Urbanismus sind die Stichworte, um die sich ein neues Tätigkeitsfeld organisierte, das auf die Umstrukturierung urbaner Milieus und auf das Fernziel einer integralen Kunst hinsteuerte, in der Kunst, Politik und Alltagspraxis nicht getrennt voneinander bestehen. Chtcheglov brachte die städtische Umgebung und die Architektur als Bühne und Objekt der Konstruktion von Situationen ins Spiel. »Wir haben schon auf das Bedürfnis, Situationen zu konstruieren, aufmerksam gemacht, eine der Basisbegierden, auf die sich die nächste Zivilisation gründen muss. Dieses Bedürfnis nach einem absoluten Schaffen war immer aufs Engste mit dem Bedürfnis verquickt, mit der Architektur, der Zeit und dem Raum zu spielen.« Die Architektur sei das einfachste Mittel, Zeit und Raum ineinanderzufügen und die Wirklichkeit zu modulieren. Chtcheglov sprach von einer anderen Architektur, die herrschende Raum- und Zeitfiguren transformiert, Handlungsspielräume eröffnet und sich gemäß den Begierden nomadischer Bewohner verändern kann. Dieser Vision sollte jedoch die Untersuchung der Verbindung zwischen Raum, Zeit und Stimmungen vorangehen, die genaue Erforschung der Gesetzmäßigkeiten und Wirkungen bestimmter geographischer Milieus, die als »Psychogeographie« bezeichnet wurde. Diese Analytik bestimmte die Eigenart des monatelang praktizierten Umherschweifens. Sie markiert den Unterschied zum Flaneur des 19. Jahrhunderts oder zur Praxis des Sich-treiben-lassens, wie sie von Surrealisten bekannt war.
Das Konzept der Situationskonstruktion zeigte ein momenthaftes Ausschreiten aus der disziplinären Ordnung von Raum und Zeit an, eine Störung linearer Zeitabläufe. Im Kontext der Kritik an »territorialisierenden« Ordnungsarchitekturen des modernen Urbanismus können Umherschweifen und Situationskonstruktion als Strategien zur Rückeroberung eines Raumes gelesen werden, in dem ein Kampf um die alltäglichen Lebensverhältnisse geführt wird.
Guy Debord präsentiert Potlatch. Informationsbulletin der Lettristischen Internationale. Mit einem Dokumentenanhang, hg. v. Klaus Bittermann, Berlin: Edition Tiamat 2002.