Das Problem des Irrtums und der Lüge
Entwurf einer Theorie des gesellschaftlichen Bewusstseins | Norbert Guterman und Henri Lefebvre
Alle Philosophien mussten sich mit einer Theorie des Irrtums beschäftigen, also sozusagen eine Theorie der Mystifikation entwickeln. Gerade die metaphysischen Lehren bewegten sich dabei auf dem Feld der Biologie oder Physiologie. Denn sie warfen dem Bewusstsein oder auch dem menschlichen Denken vor, dass es keinen unmittelbaren essenziellen Zugang zur Welt habe. Die großen Metaphysiker führten die Irrtümer oder die Möglichkeit des Irrtums auf die Beschränktheit des Erkenntnisvermögens zurück. Sie beklagten, dass wir sterblich sind, also nicht perfektibel. Am Ende aber postulierten sie alle, in verschiedenen Entwürfen, die Existenz oder die Möglichkeit eines absoluten Wissens (als Gottheit, als ein seiner selbst bewusster oder subjektloser Geist), das unserem Denken, ja sogar der Welt oder Natur vorausgehen sollte. Sie hielten die Annahme eines solches Wissens vor dem Sein, eines Subjekts ohne Objekt nicht für skandalös.
Gewiss, die Begrenztheit unseres Denkens ist ein biologisches Faktum. Unser individuelles Bewusstsein ist zunächst ein Resultat des natürlichen Lebens, es ist Tätigkeit und Beziehung unseres Organismus auf seine Umwelt, ohne Kenntnis der Phänomene allerdings, von denen es abhängt. Unser Bewusstsein ist eine Körperfunktion unter anderen, eine determinierte Handlung, die auf gewisse sie unmittelbar bestimmende Gegebenheiten reagiert, aber anfänglich keine Kenntnis hat von ihren Ursachen (hormonelle Veränderungen, Gehirnvorgänge, Instinkte, Bedürfnisse) und ihren Folgewirkungen. Unser inneres, eigen-wahrnehmendes Empfindungsvermögen ist eng begrenzt und konditioniert. Wir sind uns dessen, was in uns vorgeht, nicht spontan bewusst. Wir nehmen anderes wahr als uns selbst, vor allem die Objekte, mit denen wir augenblicklich zu tun haben. Unsere Eindrücke sind weder subjektiv noch objektiv. Sie gehören weder uns allein, noch verdanken wir sie nur den äußeren Dingen; vielmehr entstammen sie beiden Bereichen: nämlich der Beziehung und zunächst ungeschiedenen Einheit von Subjekt und Objekt. Die Beschränktheit unseres Bewusstseins ist also keine willkürliche Täuschung, keine Erfindung der Philosophen. Sie hat aber mit der Frage nach Wahr oder Falsch nichts zu tun. Denn sie ist als Ausgangsbedingung ein biologisches Faktum.
Metaphysik und Mystifikation. Die großen metaphysischen Lehren waren, von ihrer besten Seite genommen, kritische Auseinandersetzungen mit der biologischen Bedingtheit unseres Bewusstseins, mit dessen, wie sie es sahen, Endlichkeit. Sie blieben, trotz ihrer hochfliegenden theoretischen Ansprüche, auf dieses Ausgangsproblem fixiert. Und an diese Problemstellung sind die Versuche der Idealisten, die Täuschungen und Irrtümer des Denkens zu erklären, nach wie vor gebunden. Diese Versuche tragen zu einer Theorie des Irrtums nicht bei. Vielmehr mystifizieren sie selbst das Problem. Sie verwandeln es in Zweifel am Bestand der Welt und am Sinn menschlichen Handelns. Sie machen die physische Konstitution, die »Natur des Menschen« für den Irrtum verantwortlich. Dass er in der Konstitution des sozialen und politischen Lebens begründet sein könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn. Um zu einer Theorie des Bewusstseins zu gelangen, muss man sich vom erkenntnistheoretischen Konzept der Idealisten befreien. Man muss vielmehr das Bewusstsein dem Bereich der Wirklichkeit zuordnen, zu dem es gehört, es in dem Kontext untersuchen, in dem die Menschen existieren, das heißt auf dem Feld der Geschichte und Gesellschaft.
In seinem biologischen Ausgangspunkt ist das Bewusstsein nur eine Funktion, auf das sich kein Kriterium von Wahr und Falsch anwenden lässt. Es ist nur ein reales Faktum. Von dieser Grundlage sondert sich dann die gesellschaftliche Praxis ab; sie löst sich von der biologischen Ebene, indem sie eine besondere Sphäre von Zeichen, Vorstellungen, Deutungen und Techniken erzeugt. Und allein die Begriffe, die daraus hervorgehen, kann man als wahr oder falsch bezeichnen. Eine Theorie des Bewusstseins, die diesen Namen verdient, müsste diese Anhäufung von ideologischem Material untersuchen, ihre Formationen und ihre historische Schichtung unterscheiden. Unser Bewusstsein ist angefüllt mit vergangenen Verhaltensweisen, Erbbeständen und Ablagerungen. Es bildet einen Wirklichkeitsbereich mit einer langen Geschichte. Und daher rühren unsere eigenen Probleme. Wir müssen unser »Unbewusstes« dem Dunkel und Unwissen entreißen, indem wir es analysieren und die Zusammensetzung der Bestände des individuellen und des sozialen Bewusstseins und ihre Reibungen untersuchen.
Der Beginn einer kritischen Untersuchung
Heute sind wir in der Lage, die Gesetze des Scheins als Gesetze der gesellschaftlichen Ordnung zu verstehen. Eine Neuordnung hat begonnen. Wir haben in diesem Buch eine Methode für diese Arbeit skizziert, die übrigens nur dadurch bewältigt werden kann, dass man sie differenziert in Angriff nimmt: als Untersuchung der Ideologien, als Wissenschaft der ökonomischen Gesellschaftsformationen und Kritik der Politik (denn es ist das Zeichen der Zeit, dass die Theorie des Bewusstseins politische Tragweite gewinnt). Diese Neuordnung der Erkenntnis und der Vorstellungen lässt sich durch die Kritik der Praxis erreichen; vor allem aber durch eine Kritik des Alltagslebens, das den Grund der Ideen und Täuschungen bildet, ein kritisches Unternehmen, das alle vorbereitenden Untersuchungen als ihren eigentlichen Zweck ansteuern, das in der Periode der Revolution die Form der Wissenschaft und der satirischen Darstellung der Ideologien annimmt und erst im Zuge einer vollständigen Umgestaltung des Lebens zu Ende gebracht werden kann.
»Das Bewusstsein ist Widerspiegelung. Das Bewusstsein ist bestimmt durch das Sein«, so lauten die Grundthesen des Materialismus. Gegen diese Thesen gibt es einen prompten Einwand, der einzige, der zählt, weil er alle übrigen enthält: Wenn es zutrifft, dass das Bewusstsein durch das Sein determiniert ist, wie kommt es dann dazu, dass man verschieden denken kann und dass diese Annahme nicht unmittelbar einleuchtet? »Wenn es wahr wäre, würde ich es wissen und merken. Ich fühle aber im Gegenteil, dass mein Bewusstsein kein Reflex sein kann, denn es ist komplex, es ist eine Handlung. Wie kommt es, dass es im Bewusstsein, wie ihr selbst eingesteht, irreale Komponenten gibt, die doch gewiss keine Reflexe sind?«
Der materialistische Begriff von Widerspiegelung scheint mit der unmittelbaren Selbstwahrnehmung nicht übereinzustimmen, obgleich er sie eigentlich genauer bestimmen müsste als jeder konkurrierende Definitionsversuch. Er scheint die Möglichkeit des Irrtums auszuschließen und sich selbst zu widersprechen, wenn er die ideologischen Einbildungen und die Irrtümer des Bewusstseins bekämpfen will. Solange es aber keine Erklärung dafür gibt, was Bewusstsein ist und wie es sich selbst wahrnimmt, wird es Grund haben, sich für substanziell zu halten, und die Gewissheit bewahren, autonom zu sein. Und solange ihm diese Selbstgewissheit als seine Wahrheit erscheint, gibt sie für den Idealismus ein spontanes und unauflösliches Fundament ab, denn sie ist sein Prinzip. Marx hat uns genügend Beispiele für eine Kritik gegeben, die den Gegner nicht nur geißelt, sondern stark macht, genau zerlegt und erklärt. Genau diese Methode gilt es zu verallgemeinern.
Der materialistische Begriff des Realen ist keineswegs roh und abstrakt, eben nicht »materiell«. Er ist der geschmeidigste Begriff, den es gibt. Die Realität spiegelt sich nicht mechanisch im Bewusstsein wider. Das Kapital ist ein Fetisch, zugleich real und irreal. Gewisse Abstraktionen drücken diesen Doppelcharakter aus. Das Reale geht, seit die Periode der bloß biologischen Determination zu Ende ist, über sich selbst hinaus; es tritt in eine Entwicklung ein, worin es sich selbst fremd wird. Man muss daher auch das als Realität annehmen und untersuchen, was nicht substanziell real ist, was nicht »aus sich selbst«, sondern nur in uns und »für uns« existiert. Die Abstraktionen sind in einem gewissen Sinn real, nämlich für das soziale Bewusstsein. Denn sie sind nicht nur von grundlegender Bedeutung für die Organisation der Gesellschaft (man denke an Quantität oder Ware), sondern greifen real in die Bildung der Ideologien und der durch sie bewirkten Verschleierung ein. Das Reale und Irreale, Schein und Realität sind miteinander verschränkt.
Die Realität des Bewusstseins
Weder der Begriff des schöpferischen Ausdrucks noch der der geistigen Widerspiegelung erfassen die Tätigkeit des Bewusstseins vollständig, die dennoch beides ist: Expression und Widerspiegelung. Dieser Widerspruch lässt erkennen, dass das Bewusstsein nicht statisch ist. Es entwickelt sich, es überschreitet den Zustand der Widerspiegelung. Das tut es aber nicht aus eigener Kraft oder weil es sich aus sich selbst entfaltete. Niemals trennt es sich von der Praxis. Sein Inhalt ist immer gesellschaftlich determiniert. Seine ideologische Form ist niemals abgelöst von seinem Inhalt, gleichwohl ist sie von ihm unterschieden. Das Bewusstsein wird real, und es formt sich wie alles Reale auch. Die Stadien und Formen, die es durchläuft, bewahrt es in sich auf. Es bleibt gebunden an den Status der Widerspiegelung. Aber gerade seine Irrtümer, Abstraktionen und seine fortschreitende Selbstentfremdung zeigen, dass das Bewusstsein eine reale Tätigkeit und aktiver Zugriff wird. Über seine Entfremdung, die gesellschaftlich determiniert ist, wird das, was als dem Menschen eigen gilt, nämlich sein Bewusstsein, Teil der Realität. Diese Realität ist aber nicht außerhalb der Natur. Sie ist eine menschliche Realität in der Natur, im Kampf, aber auch in Einheit mit ihr, eine Realität, die der Praxis und produktiven Arbeit entspringt. Menschliche Tätigkeit - das »für uns« - verhüllt und entwickelt die biologische Anlage des Bewusstseins. So wird das Bewusstsein des neuen Menschen in der kommunistischen Gesellschaft diese materiellen Bedingungen poetisch und frei um Empfindungen und Ideen erweitern, die noch nicht vorhersehbar sind. Die Kultur wird schöpferisch sein.
Wenn der Widerspruch von Expression und Widerspiegelung untersucht und aufgehoben werden soll, so darf der dialektische Materialismus nicht dabei stehen bleiben, ständig dieselben theoretischen Formeln zu wiederholen; er muss sich seinen eigenen Problemen stellen und sie lösen. Er kann und muss eine eigene Theorie des Irrtums, des Scheins und der Wahrheit des Bewusstseins entwickeln. Nur so kann er in das Feld, das bisher sein Gegner besetzt hielt, eindringen und ihn belagern. Bisher hat der Idealismus eine ziemlich simple Taktik praktizieren können. Er gab vor, den Materialismus zu übergreifen und all das umfassender zu ergründen, womit sich dieser speziell befasste: Naturbeherrschung, Entwicklung der Technik und der Ökonomie; dabei aber nahm er als Ausgangspunkt, was der Materialismus unerklärt gelassen hatte: die Kultur, das Menschenwesen, das Geistige, die Freiheit, das Bewusstsein.
Diese Taktik wurde durch die Mystifikationen, die der Zustand der Gesellschaft unter dem Regime des Kapitalismus erzeugt, erleichtert. Daraus sind denn auch die Human- oder Geisteswissenschaften hervorgegangen. Sie weigern sich, von den materiellen Grundlagen und der ökonomischen Basis auszugehen, und verharren in der Wolkenregion der Metaphysik. Weder verfahren sie wissenschaftlich, noch sind sie »human«. Sie haben gute Gelegenheit, im Trüben zu fischen.
Der Marxismus und die Wahrheit
Die Marxisten haben mit ihrer Rigidität diese Taktik möglich gemacht. Wenn sie ihre Sache überhaupt ernst nahmen und sich nicht, wie die Sozialdemokratie, mit einem bürgerlichen Humanismus im Gewand soziologischer und ökonomistischer Thesen zufrieden gaben, haben sie oft aus dem Marxismus ein gravitätisches Dogma gemacht und eintönig immer dieselben theoretischen Grundsätze wiederholt. (Tausendmal gehörte Sätze über unaufhörliche Veränderung, über Widersprüche und materielle Bedürfnisse, scheinbar widerlegt von den brillanten Argumenten der Geisteselite).
Dieser elementare Materialismus sprach von Widersprüchen - aber nur selten von der Einheit der Gegensätze. Von der Veränderung der Verhältnisse, aber nicht von ihrer Aufhebung. Von der Realität, aber kaum vom Schein, der sie umgibt. Von der Ökonomie (und auch nicht immer deutlich), aber niemals vom ökonomischen Fetischismus.
Es liegt immer eine partielle Wahrheit in der Mystifikation, und die Versuche, der Wahrheit nahe zu kommen, sind nicht frei von Mystifikation. Die Wahrheit vom Irrtum zu unterscheiden, das ist die Aufgabe der Dialektik: Wahrheit im Sinne der Philosophie, aber in eine neue Form gefasst und über die Philosophie hinaus getrieben. Alle Ideologien haben bisher Interessen und Haltungen der gesellschaftlichen Klassen entsprochen. Zugleich aber erhoben sie einen weiter gehenden Anspruch, und sie waren doch an eine soziale Basis gebunden. In ihnen manifestierte sich das Bewusstsein einer bestimmten historischen Periode. Immer hatten sie einen Inhalt und eine Wahrheit. In diesem Sinn stellen die Ideologien Durchgangsstadien des Denkens und der Wahrheit dar. Marx hat diese Ansicht niemals bestritten. Sie ist vielmehr unabdingbar mit dem historischen Materialismus verbunden, der die Untersuchung der Form und des Inhalts der Ideologien, ihrer Besonderheit, ihrer Abfolge und ihrer Wahrheit einschließt.
Insbesondere in seiner Kritik an Hegel und den Vulgärökonomen bezeichnet Marx die Entstellung von adäquaten Gedanken häufig als Mystifikation. Dennoch scheint in seinem Werk die Theorie der Entfremdung, je weiter sein Denken fortschreitet, mehr und mehr in den Hintergrund zu treten. Zu Anfang stellt sie sich ihm in Hegelschen Begriffen als Selbstentfremdung des Geistes dar. Dann, unter dem Einfluss der Anthropologie von Feuerbach, als Verlust des Menschseins. In der Periode seiner ökonomischen Schriften hat es den Anschein, als habe Marx den Gesichtspunkt der Philosophie einfach aufgegeben. Als ob sich sein Denken selbst nicht dialektisch entwickelt hätte, daher kein »Aufheben« gewesen wäre, kein Aufsteigen in einer Spirale, worin alles Überschreiten zugleich ein Aufbewahren bedeutet (nichts kritisch negiert wird, was nicht zugleich aufbewahrt würde). Der Standpunkt der Philosophie ist überschritten, aber die Philosophie wird nicht einfach annulliert. Es gab Sprünge im Denken von Marx, etwa in der Entstehungszeit der Schrift »Das Elend der Philosophie«, aber keinen Bruch. Die Periode seiner humanitären Orientierung negiert nicht die Resultate der Zeit seiner Anlehnung an Hegel und ist nicht erledigt durch seine ökonomischen Schriften. Das humanitäre Anliegen ist in seinem späteren Denken bewahrt. Und ebenso die Position seiner philosophischen Phase.
Eine erweiterte Theorie der Mystifikation
Die Theorie der Entfremdung und Selbstentäußerung ist von Hegel vorweggenommen worden. Freilich in der Form der idealistischen Philosophie. Was aber sollte die Theorie des Fetischismus von Marx anderes sein als die ökonomische Konkretion und materialistische Weiterentwicklung der Entfremdungstheorie? Diese wird überschritten, aber sie bleibt auch aufbewahrt in seiner weiter gefassten Lehre, die Wissenschaft geworden ist, aufbewahrt als Ausdruck der Praxis, im Materialismus. Was zuvor, nämlich im Hegelschen Verständnis von Entfremdung, als metaphysisches Rätsel erschien, ist nun erklärt als historischer Tatbestand. Das ist der einzige Unterschied. Wir haben uns bemüht, die Theorie der Mystifikation auszubauen, aus ihr die Grundlinien einer soziologischen Theorie des Bewusstseins zu gewinnen und sie auf aktuelle Probleme anzuwenden. Die auf diese Weise erweiterte Theorie der Mystifikation ist ein Beitrag zur Untersuchung der sozialen Überbauten.
In der heutigen Zeit halten wir diese Theorie für besonders wichtig. Sie hat ein klarsichtiges Misstrauen gegenüber allen Arten von Informationen und Ideen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu entwickeln. Die Theorie der Mystifikation wird in einer Zeit, da sich der Faschismus die Kluft zwischen dem Bewusstsein und der Realität geschickt zunutze macht, dazu beitragen, die ideologischen Praktiken kenntlich zu machen. So wird sie den Optimismus und die intellektuelle Integrität stützen und das Vertrauen in die Erkenntnis der Wahrheit und die Gewissheit stärken, dass diese schließlich obsiegen wird, ein Vertrauen, das sich immer mit authentischen geistigen Werten verband.
Der Pessimismus, die Verzweiflung nicht weniger Menschen angesichts der verworrenen Verhältnisse und der Unmöglichkeit, sich in ihnen wiederzufinden, wäre nur komisch, wenn er nicht zu geistigem Taumel und zur Kapitulation der Intelligenz führte. Wir haben nachgewiesen, dass der intellektuelle Pessimismus daher rührt, dass nach wie vor in alten philosophischen Kategorien gedacht wird. Nach unserer Ansicht bestätigt auch die Lüge die Regeln der Dialektik. Die schlimmsten Schmierenkomödianten machen davon keine Ausnahme. Wenn sich der Schein so verdichtet, dass er zum Gegensatz des Realen wird, so beweist das eben gerade die Existenz des Realen und die Wirksamkeit seiner Gesetze. Diese Überzeugung liegt der intellektuellen und revolutionären Gewissheit zugrunde. Die Realität besteht, lebt und wirkt auch unter dem Gespinst von Lügen fort, um es schließlich zu zerreißen.
Wir befinden uns in keinem Jahrhundert der Aufklärung - gewiss nicht! - und auch nicht in der Endkrise. Im Gegenteil: Alles beginnt von neuem; es ist ein Neubeginn der Aufklärung, höchste Spannung, Paroxysmus der Lüge. Und dieses unersättliche Untier ist darauf aus, alles Reale zu ergreifen und zu verschlingen.
Aus: Norbert Guterman/Henri Lefebvre, La Conscience mystifiée. Paris: Librairie Gallimard 1936. Aus dem Französischen von Gisbert Broggini.