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Subtropen #13/05 - Mai 2002
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Eine Chronik leerer Gräber

Die Geschichte eines Freundes | Giuliano Mar Kamis

Von der Eskalation des Konflikts im Nahen Osten auf der Ebene des Alltags zu berichten, unternimmt Giuliano Mar Kamis in seiner Erzählung aus Israel. Er zeichnet die Entwicklung eines palästinensischen Freundes in den besetzten Gebieten nach, seine Hoffnungen und seine Enttäuschung. Er sucht nach einem Ausdruck jenseits der Paralyse, die auf Terror und Unterdrückung zurückgeht.


Es fällt schwer zu schreiben, wenn man weiß, dass Menschen, die ihre Liebsten verloren haben, diese Zeilen lesen könnten. Ihr Schmerz klingt in den Ohren.

Und doch finde ich es schwer zu schweigen.

Ich möchte die Geschichte von Ashraf erzählen. Es geht nicht darum, etwas zu rechtfertigen, noch darum, etwas zu verurteilen. Es ist ein Monolog über einen angekündigten Tod, Fakten, statistisches Material für die Zukunft - oder, wie Ashraf es nannte, »eine Chronik leerer Gräber«.

Ashraf wurde 1979 ins Feuer der Besetzung hineingeboren. Er wollte Schauspieler werden. Wir trafen uns 1988 im Flüchtlingslager Jenin, als ich für das Stück »The Children of Stones« arbeitete.

Ashraf wollte auch ein Stück schreiben. Er war ein intelligentes, von den Hemmungen, die die Unterdrückung begleiten, freies Kind.

Morgens warf er Steine auf Soldaten, und nachts lernte er die Zeilen des Stückes auswendig, das wir in dem Lager probten. Zu der Zeit war er erst neun Jahre alt.

Sein Bruder wurde eingesperrt, weil er an der damaligen Intifada teilgenommen hatte. Seine Mutter ließ uns unter ihrem Dach proben. Sein Vater hasste die Straßensperren. Seine kleine Schwester saß immer in der Ecke und beobachtete uns ängstlich.

Ashraf wurde festgenommen und von Grenzsoldaten verprügelt. Noch Tage später zeigte er seinen verletzten Arm mit Stolz. Sein Vater wurde gefeuert. Sein jüdischer Arbeitgeber konnte seine Ausfallzeiten nicht länger dulden.

Ashraf ging los, um Geld für seine Familie zu verdienen. Die Proben gingen ohne ihn weiter.

Seine Freunde sagten, dass sie ihn manchmal nachts vorbeieilen sahen.

1992 trafen wir uns wieder. Da war er erst 13. Er sprach fließend und mit Charisma.

Ashraf wollte ein Shahid, ein Märtyrer, sein. Seine Freunde machten sich über ihn lustig. Seine Eltern hielten das bloß für die Rebellion eines Teenagers.

Aber er machte weiter. Seine kleine Schwester, die aufgehört hatte zu sprechen, nachdem Soldaten in ihr Haus eingedrungen waren und ihren Bruder festgenommen hatten, klammerte sich immer an seine Hose, um in seiner Nähe zu sein. Ihre Liebe hob seine Stimmung. Er nahm sie als Zeichen, dass er Recht hatte.

Ashraf wollte sich im Namen aller rächen.

Die Leute um ihn herum amüsierten sich über seine leidenschaftliche Rhetorik und seine Geheimniskrämerei.

Die Intifada hatte ihren Höhepunkt erreicht. Und dann passierte es. Sein Bruder wurde von einem Militärgericht zu acht Jahren Haft verurteilt. Das Haus der Familie wurde von der Armee in die Luft gesprengt. Ashraf weinte. Ausländische Fernsehkameras zeichneten seine Tränen auf. »Ich will lieber aufrecht stehend sterben, als auf den Knien leben«, sagte er einmal. Es war ein schlechtes Zeichen.

Ashraf starb nicht. Das Abkommen von Oslo wurde von allen gefeiert. Er trug Kleider wie ein Bräutigam. Ein Held. Ein Gewinner. Seine Familie zog ins Haus seines Onkels. Die Stadt Jenin wie auch das angrenzende Flüchtlingslager gehörten zur A-Zone.

Ashraf suchte nach Arbeit. Ich traf ihn bei einem meiner Besuche auf dem Markt in Jenin. Diesmal trug er eine Polizeiuniform und war stolz wie ein Pfau.

Ich verbarg mein Missfallen nicht und erinnerte ihn daran, dass Macht den Charakter verdirbt, wie das alte Sprichwort sagt. Ein paar Monate später sagte er mir am Telefon, dass er die Polizei verlassen habe, dass sich nichts geändert habe und dass er mit der »Verschwörung«, wie er das Oslo-Abkommen jetzt nannte, nichts zu tun haben wolle.

»Wir sind zu Subunternehmern Israels geworden«, sagte er. »Das Land meines Großvaters wurde konfisziert, um die Siedlung oberhalb von Jenin zu erweitern. Und wir, die palästinensische Polizei, sollen die Siedler schützen. Jeden Meter eine Straßensperre. Ich arbeite in der C-Zone, schleiche mich durch die B-Zone und schlafe in der A-Zone. Wie eine Kuh, die von der Weide zurück in den Stall kommt.« »Eine doppelte Besetzung« - das war gegen seinen Vater gerichtet, der in der Zwischenzeit auf dem örtlichen Markt Arbeit gefunden hatte.

Die Spannung in den Territorien wuchs. Acht Jahre Oslo. Acht Jahre direkter und indirekter Besetzung.

Die Territorien werden in Kantone eingeteilt. Die Straßensperren vervielfachen sich. Die Zahl der Siedler verdoppelt sich. Land wird konfisziert. Umgehungsstraßen zerschneiden die Westbank. Von Norden nach Süden und von Westen nach Osten.

»Wir werden betrogen«, schrie Ashraf ins Telefon. Ich lud ihn ein, mich in Haifa zu besuchen. Er schaffte es nicht.

Sharon ging auf den Tempelberg. In den Territorien wurde eine Ausgangssperre verhängt.

Ashraf ging in den Untergrund.

Auf dem Höhepunkt der Al-Aqsa-Intifada fuhr ich nach Jenin. Die Straßen um die Stadt waren aufgerissen, um die Autos an der Durchfahrt zu hindern. Die Armee hatte weder die Kanalisation noch das Stromnetz verschont. Das Lager lag in totaler Finsternis. Mit der Hilfe eines Freundes aus einem Nachbardorf gelangte ich hinein. Ashrafs Mutter öffnete mir wie gewöhnlich die Tür und bat mich schnell herein. Ich hatte Angst. Es herrschte eine drückende Stimmung. Lähmend. Die Mutter zählte die Verletzten und die Verhafteten auf, die Toten wurden nicht erwähnt.

»Ashraf ist weg«, sagte sie. »Er ging, um zu kämpfen.« Sie war zäh und ließ nicht das kleinste bisschen Sorge erkennen, sie beschwerte sich nicht.

Bei früheren Besuchen hatte ich mich wie zu Hause gefühlt. Ich achtete nicht auf meine Worte. Dieses Mal war es anders. Meine Gastgeber, die mein Unbehagen spürten, ersparten mir ihre Wut und ihren Zorn über die Besetzung nicht, als ob ich dafür stünde. Sie fühlten sich erniedrigt und waren hungrig, sie saßen im Dunkeln, ihnen war kalt. Ich bot meine Hilfe an, die aber wurde abgelehnt. Wir trennten uns.

Ashraf starb im Süden. Seine Leiche wurde nie begraben. Sein Ausspruch: »Es ist besser aufrecht stehend zu sterben, als auf Knien zu leben«, klingt mir noch in den Ohren.


Giuliano Mar Kamis ist in der israelischen Friedensbewegung aktiv. Er lebt in Haifa. Seinen Text veröffentlichte Indymedia Israel (www.indymedia.org.il/imc/israel/webcast/20098.html). Aus dem Hebräischen.



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