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Subtropen #13/05 - Mai 2002
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Wer solche Freunde hat

Über die politischen und ideologischen Fallstricke der Solidarität | Michael Stötzel

Manche linken Verteidiger der Politik Israels sind offenbar doch der Meinung, dass die Juden für den Antisemitismus verantwortlich sind. Manche Freunde eines unabhängigen Palästina sollten mal ein paar Tage im Vatikanstaat verbringen. Michael Stötzel, Redakteur der Zürcher WochenZeitung, kommentiert für Subtropen diese vertrackte Lage.

Fast könnte einem dieser stiernackige Herr Sharon leid tun. So gern er offenbar auch den Terminator spielt, er löffelte in den letzten Wochen nur aus, was seine Vorgänger ihm eingebrockt haben. Er steckt weltweit Kritik dafür ein, dass er mit der ihm eigenen Konsequenz eine Politik fortsetzt, die seine Vorgänger Rabin, Perez, Netanyahu und Barak auf den Weg gebracht haben und für die sie als Visionäre eines Nahostfriedens gefeiert wurden. Ihr »Friedensprozess«, der 1993 mit den Osloer Vereinbarungen zwischen Rabin und Arafat eröffnet wurde, endete mit einiger Zwangsläufigkeit im Trümmerfeld von Jenin.

Die palästinensische Seite hatte quasi als Vorgabe für Oslo bereits 1988 in einer Resolution ihres Nationalrates einer Zweistaatenlösung zugestimmt, auf Basis der Uno-Resolutionen 242 und 383, die einen Rückzug Israels hinter die Grenzen von 1967 verlangen. Der neue Staat Palästina hätte sich also im Tausch für seine Souveränität und eine »faire« (Arafat) Lösung der Flüchtlingsfrage mit 22 Prozent des »historischen« Palästina begnügt. Doch in den Jahren seit Oslo verdoppelte sich in den besetzten Gebieten nicht nur die Zahl der SiedlerInnen, die laufend ihr Land auf Kosten palästinensischer Bauern ausdehnten. Mit ihren exklusiven Straßen zerschnitten sie das Gebiet und mit ihrem Wasserbedarf trockneten sie die palästinensische Landwirtschaft aus. Israel hatte zudem eine genaue Vorstellung davon, was die »Palästinensische Autorität« sein sollte und was nicht: keine souveräne, gar demokratische Instanz, sondern eine Hilfspolizeitruppe, die die Drecksarbeit der bisherigen Besatzungsmacht übernimmt.

Die palästinensische Führungscrew, Arafat und seine Leute, haben in den Jahren nach Oslo immer wieder eingesteckt, einstecken müssen. Aber sie hatten auch ohne Not den Weg von Oslo eingeschlagen, der jede Menge Vorleistungen für das Selbstverständliche, ein Ende der Besatzung, von ihnen verlangte, keine Garantie für die Behandlung der eigentlichen Streitfragen bot und ihnen nur eins einigermaßen sicher versprach: persönliche Macht. Diejenigen, die mit dem alten, schon ziemlich kranken Mann aus dem tunesischen Exil zurückgekehrt waren und sich an die Spitze des neuen, irgendwie staatlichen Gefüges setzten konnten, durften sich denn auch bedienen. Willkür und Korruption wurden so zur Normalität unter Arafats »Palästinensischer Autorität«.


Das Fehlen emanzipatorischer Perspektiven

Dass die neuen Herren dabei nicht auf nennenswerten palästinensischen Widerstand stießen, war wiederum die einigermaßen logische Folge des Verhandlungsprozesses. Dessen Zwischenresultate liefen auf eine Knebelung jeder eigenständigen wirtschaftlichen und gesellschaftlich-politischen Entwicklung hinaus, auf die Verfolgung all dessen, was die Entstehung einer palästinensischen Zivilgesellschaft hätte begünstigen können. In Bantustans kann es keine demokratische Entwicklung geben, und Bantustans waren das, was alle israelischen Regierungen seit 1993 als palästinensischen »Staat« allein zugestehen wollten.

Der Vergleich der Oslo-Ergebnisse mit dem Apartheidsstaat Südafrika ist zwingend. Was die politische und ökonomische Struktur angeht, die Machtverhältnisse, aber auch die permanenten Demütigungen und Verletzungen der Menschen. So werden Selbstmordattentäter produziert, ist immer wieder in Berichten nicht nur palästinensischer Linker zu lesen. - Hier, beim Widerstand und seinem Vorgehen, kann jedoch der Vergleich mit Südafrika und mit dem Kampf gegen die Apartheid nicht mehr gelten. Denn bekanntlich kamen die Schwarzen Südafrikas in ihrem jahrzehntelangen Kampf nie auf die Idee, sich bewusst auf selbstmörderische Aktionen einzulassen, geschweige denn, diese auch noch zu feiern.

Die erbärmliche Verständnisheischerei für Taten, die grundsätzlich und in allem linker, mindestens also radikal humanistischer Politik widersprechen, hat leider Methode. Es spricht daraus bei den Linken Palästinas die Schwäche gegenüber den Islamisten. Schon die erste Intifada hat, im Gegensatz zu unserer interessierten Wahrnehmung, zu einer deutlichen Verschiebung der Gewichte von den linken zu den religiösen Organisationen geführt. Die Konsequenzen des jetzigen Aufstands für die Machtverteilung in der palästinensischen Gesellschaft dürften noch gravierender werden. Bei den Linken hierzulande kommt zur realen auch noch die mentale Schwäche: ein abscheulicher Relativismus - nach dem Motto: Bei denen in der Dritten Welt zählt ein Leben nicht wie bei uns - und eine zur Normalität gewordene Liberalität gegenüber der Religion, die eben nur in höchst beschränktem Maße Privatsache ist. So, wie sich keine und keiner mit »Friedenspfarrern« und dergleichen anlegen will (es sei denn, sie vergreifen sich auch noch körperlich an Kindern), will man auch übersehen, dass die religiösen Kämpfer und ihre niemals das Elend teilenden Manipulatoren zuerst und zuletzt gegen die Emanzipation der Menschen antreten, verquerer Antiimperialismus hin, Sozialarbeit in Flüchtlingslagern her.


Die Schwäche linker Positionen

Nun wäre es sicher reichlich großmäulig, die palästinensische Linke unter den herrschenden Kriegsbedingungen in den besetzten Gebieten aufzufordern, sich gefälligst mit den Islamisten auseinanderzusetzen.

Möglichst keinen Unterschied zuzulassen zwischen Schüssen auf bewaffnete Siedler, Militärs oder Regierungsvertreter und der Sprengung von Bussen, Marktständen oder Pizzerien, ist zudem die Grundlage der israelischen Kriegslogik. Die Besatzer schweißen die Ungleichen zusammen, so wie sie in den letzten Wochen auch alle Opposition gegen Arafat zum Schweigen gebracht und ihn wieder zur unumstritten starken Figur unter den PalästinenserInnen gemacht haben.

Vergleichbares gilt für die israelische Gesellschaft selbst; was die Stellung Sharons, aber auch, was die Auseinandersetzung um die weitere Politik des Landes angeht. So sympathisch die KriegsdienstgegnerInnen sind, insgesamt scheint die Kritik am Krieg eher noch leiser zu werden und prominente bisherige Oppositionelle (wie zum Beispiel, laut Newsweek, Benny Morris) wechseln das Lager.

Für die ideologischen Verheerungen in Israel und Palästina gibt es einen einfachen Grund: Man lernt nichts Gescheites im Krieg. Die ideologischen Verheerungen der hiesigen Solidarischen mit der einen oder der anderen Seite sind demgegenüber sicher ziemlich belanglos. Bei so manchen Parteigängern Israels geht der Antisemitismus auf einmal doch wieder auf die Handlungsweisen von Juden zurück (sonst müsste man ja nicht die Besatzungspolitik gegenüber einer - sicher oft verräterischen - Palästinasolidarität verteidigen). Und was soll man andererseits von denen erwarten, die sich auf Demonstrationen wohlfühlen, auf denen der größte Allah gepriesen wird? Vielleicht demnächst noch den kulturkomplementären Einsatz auf der Fronleichnamsprozession?

Manchmal ist die Schwäche von uns Linken ja direkt beruhigend.


Die Zeichnungen von Joe Sacco auf den Seiten 1, 3, 5 und 7 dieser Ausgabe der Subtropen sind Szenen aus seinem Comic Palestine.

Sacco, der aus Malta stammt und heute in den USA lebt, war in den frühen neunziger Jahren in Israel und Palästina, von wo er als Fernseh- und Zeitungskorrespondent berichtete. Nach seiner Rückkehr in die USA begann er anhand seiner Aufzeichnungen und Videos, Comics zu zeichnen. In insgesamt neun Folgen, in denen jeweils mehrere Stories und Erzählstränge versammelt sind, unternimmt er es, Techniken der Augenzeugenreportage mit einem Rhythmus des Erzählens zu verbinden, wie ihn das Medium Comic nahe legt.

Sacco zeichnet Comics, um, wie er sagt, Distanz zu »komplizierten und emotional schwierigen Situationen« zu schaffen und sie in einfachen Geschichten zu untersuchen. Seine Stories in Palestine erzählen von Reisen und Begegnungen mit Israelis und Palästinensern. Diese Gesprächspartnerinnen und -partner berichten aus ihrem Alltag, der geprägt ist von den Konflikten, aber auch von den Hoffnungen aus der Zeit der Osloer Vereinbarungen zwischen Rabin und Arafat.

Mitte der neunziger Jahre war Joe Sacco als Korrespondent in Bosnien. Auch dieses Material aus der Zeit des Bosnienkriegs bearbeitete er in der Form eines Comics, der im Jahr 2000 unter dem Titel Safe Area: Gorazde erschien.

Für Palestine erhielt Sacco 1996 den American Book Award. Im August 2001 wurden die neun Folgen in einem Sammelband neu publiziert, zu dem Edward Said ein Vorwort schrieb.

Joe Sacco, Palestine, Seattle: Fantagraphics Books 2001, $ 24,95.



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