Sexlos im Frühling
Einem Heer unzufriedener Singles steht eine Masse offener Partnerstellen gegenüber. Brauchen wir das Sexministerium und die Beziehungsbeschaffungsmaßnahme? von jürgen kiontke
Keine Frage, wir sind mitten im Frühling. Das ist aber nun wirklich nicht am Wetter und an der Konjunktur zu spüren, sondern viel eher an den privaten Umgruppierungen. Uschi Glas hat es vorgemacht: Der Zusammenbruch der christdemokratischen Musterehe ist programmiert.
Warum auch nicht? Schon vor Jahren wurde das Programm der hetero- wie homosexuellen Beziehung auf Lebensabschnittspartnerschaft umgestellt. Interessanterweise trägt die CDU / CSU die Traditionsfamilie auch dieses Jahr wieder in den Wahlkampf - als ob man in den Wirren der Globalisierung und Flexibilisierung gerade das duale Ehesystem restaurieren könnte. Tatsache ist: Partnerschaften dauern selten lange an, und eine dreifache Mutter hat heutzutage meist auch drei Väter für den Nachwuchs im Gepäck bzw. umgekehrt. Das ist nicht weiter der Rede wert.
Obwohl doch heute alle eigentlich so cool sind, wird um den Verlust einer simplen Zweierbeziehung jede Menge Aufhebens gemacht. Nicht nur Uschi Glas ist am Heulen, wie eine Spontanumfrage im Bekanntenkreis zeigt: Steffi wurde jüngst von ihrem Liebsten mit der besten Freundin betrogen und sitzen gelassen; Elke hat ihre Wochenendbeziehung mit Jörg abgeschossen, Reinhold gibt seiner Freundin nach fünf Jahren den Laufpass, worauf die ihm beim Auszug den gesamten Hausrat in den Müll schmeißt. Er hat sich in eine verheiratete Frau verliebt, die ihren Mann verlässt, woraufhin Reinhold umgehend wieder Schluss macht, sie aber nach einer Woche wiederhaben will (»Warum hab' ich das bloß gemacht?«). Susanne nörgelt seit Jahr und Tag über Thomas (»Der ist träge und bremst mich«), obwohl er ein emanzipatorischer Mustergatte ist: Erst schaffte der Manager das Geld ran und ging dann ohne zu meckern auf Teilzeit, um sich auf das gemeinsame Kind zu konzentrieren und damit seine Frau viel arbeiten konnte. Susannes Fazit: »Es nervt mich, dass das Kind ihn mehr liebt als mich.« Thomas hat ihr auch eine neue Wohnung besorgt - »dann hat sie wenigstens keine Ausrede mehr« -, sie ist zur Zeit arbeitslos. Heike hat Tobias nach 13 Jahren verlassen: »Ich dachte, ich verpass' vielleicht was.« Ihr Bruder hingegen hat nach 36 Jahren das erste Mal überhaupt was mit wem. Hans, Malermeister aus Hellersdorf, dem gerade die Freundin einen Warnschuss gegeben hat: »Das ist eine komische Zeit. Langjährige Beziehungen brechen auseinander. Und Typen, die noch nie eine Freundin hatten, haben auf einmal eine.«
Tobias hingegen ist wieder »auf dem Markt«, was auch kein Vergnügen ist. Abseits der Single-Verherrlichung von »Fit for Fuck« und ähnlichen Aktiv-Single-Veranstaltungen scheint das Alleinsein die pure Pest zu sein.
Nun ist es nicht so, dass erst seit kurzem um Liebesbeziehungen großes Gewese gemacht wird. Dennoch scheint es immer stärker ins Bewusstsein zu rücken, dass sich nicht mal mehr mittelfristrige Bindungen aufrecht erhalten lassen - ein Thema, das spätestens mit Michel Houellebecqs Roman »Elementarteilchen« in neuer Weise diskutiert wird. Houellebecq wurde vorgeworfen, er zeichne ein konservatives Bild von der sexuellen Befreiung der 68er-Generation und ihrer libertären Sexualität. Genauer betrachtet aber geht es dem Autor um die philosophische Frage: Wie wollen wir leben? Was bleibt, wenn übersteigerte Erwartungen an den Partner, nicht zuletzt durch das Aufpushen des Individuums zur idealen Menschmaschine in den Medien, ein Zusammenleben unmöglich machen? Sich in eine irre sexlose Wissenschaft retten oder gleich als irrer Sexsüchtiger enden.
Wo Bedürfnisse nur geweckt, aber nie befriedigt werden, klopft der Wahnsinn an. Folglich kennt der Protagonist in Houellebecqs neuem Buch »Plattform« nur einen Ausweg: als Sextourist in Thailand glücklich werden. Das ist einmal Aufklärung und zurück; das Individuum demontierte die Gesellschaft, die Gesellschaft deformierte das Individuum, und trotzdem steht es wieder da wie Leibniz' »Monade ohne Fenster«. Was dem Mann aus der westlichen Hemisphäre im besten Falle bleibt, ist ein glücklicher Schwanz. Biologisch notwendig ist er sowieso nicht mehr. Was soll man da mit Beziehungen?
»Es gab Zeiten, da wurde über Sex im Flüsterton geredet und Bilder nackter Körper mit schwarzen Balken zensiert. Deshalb musste die Natur herhalten, um den Menschen Angst einzujagen. Was kaum einer wusste: In Wahrheit machen es die Tiere in allen denkbaren Varianten und längst nicht immer im Dienste der Fortpflanzung«, schreibt Michael Miersch in seinem Buch »Das bizarre Sexualleben der Tiere«.
Nun, das ist heute nicht mehr nötig, man/frau ist selbst die Sau - was Spaß macht. Es gibt eben Leute, die wollen das mit der Leibnizschen Monade so nicht stehen lassen. Wie eine restaurative Antwort auf Houellebecq erscheint da Catherine Millets »Das sexuelle Leben der Catherine M.« Von der Kritik reichlich ob massenhaft pornografischer Beschreibungen gefeiert, enthält das Buch eine nervenzehrende Sexbiografie, die nichts anderes besagen will als: Monsieur, es geht doch. Die Frau jedenfalls kann sich immer noch zur Nutte machen und darauf stolz sein. Und die Kunstkritikerin Millet ist mächtig stolz: Mindestens 20 Mal versichert das Dienstleistungsunternehmen Millet seinen Leserinnen und Lesern, wie gut es Schwänze blasen kann - Thailand grüßt Paris. Methode: analytisch. »Zahlen und Mengen haben mich als Kind sehr beschäftigt.« Also zählt sich Millet selbst auf, erzählt, kartografiert und numeriert. So kann man mit sich natürlich auch umgehen.
Was meistens unbeachtet blieb: Neben allem Gruppensex geht für die Protagonistin erst richtig die Post ab, als sie ihren idealen Liebespartner findet, ihren Mann, der nichts lieber tut, als sie beim Geschlechtsverkehr oder sonstwie nackt mit der Kamera zu begleiten. »Noch nie haben die Franzosen so viel über Sex gesprochen, und schon gar nicht in der Ich-Form«, schrieb der Express. Doch, aber vielleicht nicht vor der Chefredakteurin.
Sonderlich emanzipatorisch sei das nicht, urteilte etwa die Zeit. Millet ersetze Sex einfach durch mehr Sex. Um ihre Beziehung zu retten, greifen die beiden also tief in die Trickkiste - warum auch nicht? Ganz ähnlich geht es im RTL II-Programm zu, wo mindestens einmal am Tag die Hauptdarstellerinnen von Pornoproduktionen erklären, wie viel Spaß der Job macht und wie toll die Leute am Set sind. Und nebenher gibt's jede Menge Geld, zumindest im Verhältnis zum osteuropäischen Durchschnittslohn - wer wünschte sich nicht die Ehefrau als Nutte.
Dazu passt eine kürzlich veröffentlichte, vom Arbeits- und Sozialministerium finanzierte Studie über das Sexualleben in Frankreich der Autorin Janine Mossuz-Lavau. »Das Spektrum reicht von der verheirateten Frau, die nur einen Partner habe, bis zum Ferienanimateur mit 3 000 Kontakten. Es gehe drunter und drüber, aber in Frankreich rede auch noch jede und jeder drüber«, freute sich hierzulande der Spiegel. Französin und Franzose wählen nicht nur rechtsradikal, sondern kuscheln auch gern.
»In 95 von 100 Fällen geht Sex den Frauen auf die Nerven«, singt Georges Brassens. »Das wäre heute nicht mehr möglich«, sagt Janine Mossuz-Lavau. Doch! In Deutschland. 90 Prozent der Deutschen könnten sich Sex ohne Liebe nicht vorstellen, da passiert eben weniger. Das Berliner Stadtmagazin Zitty hat diesen Zustand kürzlich in einer Ausgabe mit wenig Hochglanz beschrieben. Womöglich seien die Schwulen die Einzigen, die in dieser Stadt regelmäßig Sex haben, heißt es resignativ. Jürgen, ein reichlich prominenter Szeneautor, meint: »Du lernst einfach niemand kennen.« Beziehungen werden zum unbezahlbaren Gut, selbst wenn was laufen sollte: »Sie schleppen sich immer wieder gegenseitig ab, seit Monaten schon. Da wissen sie, was sie haben.« Gegenthese: Alle Menschen in Deutschland lieben sich. Erstaunlich: Neuerdings satteln selbst die härtesten Individualisten wieder auf internationale Solidarität um.
Doch, die Vorstellung vom glücklichen Zu-Zweit-Sein ist möglich, das dürfte jetzt alle interessieren, die im Frühling auf Jagd gehen. Es muss nicht immer abgehen wie in dem französischen Fim »Intimacy«: Wenn sich bis dato anonym fickende Pärchen besser kennen lernen, geht die Katastrophe los. Die Ansprüche sind immerhin ganz schön gestiegen. (Die Musikerin Alanis Morrisette stellt auf ihrer neuen CD sogar gleich 21 Kriterien auf. Wenn die erfüllt sind, ist der Lover okay.)
Aber ganz ohne Blessuren geht es nicht, sagt wenigstens das restliche Kino. Einer muss was an der Waffel haben, lautet die US-amerikanische Version, zu sehen in »A Beautiful Mind«. Da ist der Held schizophren, weshalb ihn seine Frau bis ans Ende der Tage lieb hat. Wenigstens haben sie eine gemeinsame Beschäftigung. Aber auch blöd, wenn die Wahnfiguren immer am Bettende stehen.
Anders sieht das der koreanische Regisseur Kim Ki-Duk. In seinem Film »Seom - The Isle« versuchen zwei junge Leute zusammenzukommen. Am Ende klappt das auch, dafür haben aber zwei andere sterben müssen und unzählige Fische auch. Einem wird sogar Sushi vom lebenden Körper geschnitten. Es braucht schon Phantasie, um heutzutage was Anständiges zu servieren. Glück für die einen, Pech für die anderen, und Tod der Umwelt. Die Schlusseinstellung: Der Junge hält das Mädchen im Arm, eine sehr intime, vertrauliche Szene. Er fächelt ihr Luft zwischen die Beine. Das ist auch nötig. Zuvor hatte sie sich ein Bündel Angelhaken in die Vagina gestopft und dann kräftig daran gezogen. Ein bizarrer Selbstmordversuch, aber ein unendlicher Liebesbeweis. Ihr Freund hatte sich schließlich mit denselben Angelhaken versucht umzubringen - er hatte sie geschluckt. Das sind doch tolle Aussichten, oder? Zum Reden ist da gar keine Zeit.
Noch mal Deutschland: Insgesamt 1 000 Männer und Frauen der Altersgruppe 20 bis 45 Jahre sind im Auftrag der Zeitschrift Fit for Fun zu ihrem Kussverhalten interviewt worden. Ergebnis: Zwei Drittel der Deutschen fühlen sich zu selten geküsst. Bei den 20- bis 29jährigen wünschen sich sogar 70 Prozent öfter Lippenkontakt. Besonders frustriert waren die Menschen, die seit fünf bis zehn Jahren in festen Partnerschaften leben. Hier würden 73 Prozent gern öfter von ihrem Partner geküsst werden.
Wie ist die hiesige Frühlingsstimmung? Es gibt derweil kein trüberes Buch auf dem Markt als dasjenige von Katja Kullmann. In »Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein« beschreibt sie das Lebensgefühl der Frauen, die zwischen 1965 und 1975 geboren wurden, Generation Ally, weil die alle so sind wie die Anwältin aus der Serie »Ally McBeal«. Katja Kullmann zählt ebenso gerne wie Catherine Millet, kommt allerdings zu ganz anderen Ergebnissen: »Statistisch haben wir 2,5 Mal pro Woche Sex. Realistisch gesehen haben wir 2,5 mal Sex pro Monat. Wenn überhaupt. Knutschflecken, Bisswunden, liebesspielbedingte Beckenschmerzen, all dies kommt in unserem Leben äußerst selten vor, wenn wir ehrlich sind. Wären wir noch ehrlicher, dann würden wir sogar laut sagen: Sex haben immer nur die anderen. Und wären wir noch ein bisschen verwegener, verwegener als üblich, dann würden wir uns nicht einmal schämen. Denn eine niedrige Sex-Rate könnte man auch als stille Rebellion deuten. Als Rebellion wider den Flirtline-Extreme-Orgasmuskick-Erotikmessen-Terror. Sex ist eine Ware.«
Erotik wird zum Fetisch, eine junge deutsche Autorin entdeckt die Kapitalismuskritik. Wir brauchen also nicht nur ein Arbeits-, sondern ein Sex- und Partnerministerium. Die Parallelen liegen auf der Hand. Der Bedarf an Partnern ist mindestens genauso hoch wie der Bedarf an Arbeitsplätzen. Private Vermittler könnten eingeschaltet werden. Es gibt einen Markt für Vollzeit-, Teilzeit- und womöglich für 325-Euro-Beziehungen. Wer länger beziehungslos ist, kann an einer Beziehungsbeschaffungsmaßnahme teilnehmen oder ein Anmachtraining absolvieren usw. Fälle wie der von Holm Friebe kürzlich in dieser Zeitung beschriebene - Mädchen an der Ampel getroffen, erste E-Mail beantwortet, dann Kontakt abgerissen - würden unwahrscheinlicher.
Die Zeitschrift Freundin beschreibt in einer ihrer letzten Ausgaben sechs Typen von Liebhabern und wie man ihnen auf die Sprünge helfen kann: Minimalist, Techniker, Verweigerer, Sprinter, Kuschler, Dauerbrenner. Der Minimalist könnte ja mal aufhören, immer ins Waschbecken zu pissen. Vom Techniker heißt es: »Wenn er nicht so rührend bei der Sache wäre, hätten sie ihm schon längst gesagt, dass sie sich im Bett manchmal wie die gebrauchte Spülmaschine fühlen, die er seit Jahren reparieren will.« Vom Verweigerer heißt es: »Er verweigert ihnen das Menschenrecht auf Sex.« Die Freundin fordert aber noch keine alliierten Besatzungstruppen an. Sondern redet erst mal.
Die Paarbeziehung hat für die meisten religiösen Charakter: Wir glauben dran oder müssen dran glauben, so oder so. Katja Kullmann: »Ich weiß nicht, ob ich eine richtige Frau bin. Ich weiß nicht, ob ich später einsam bin. Ich habe Angst, Angst zu haben.« Tja, womöglich keine gute Voraussetzung. Zum Glück wird die Serie »Ally McBeal« bald abgesetzt. Auch wenn Ungemach droht: »Wir werden sicher einen adäquaten Ersatz finden«, droht eine Sprecherin des Senders Vox. Darüber kann man sich unterhalten.
Voraussetzungen. »Das Frühjahr 2002 verläuft, was die mittlere Temperatur betrifft, weder im zu kalten noch im zu warmen Bereich. Leider ist es sehr niederschlagsreich, dies betrifft vor allem die Monate März und April. Diese Prognose wurde nach einem neuen mathematischen Verfahren erstellt, der vergleichenden Tagesmittelwertsanalyse der letzten 200 Jahre in Relation zur aktuellen Wetterentwicklung. Dies hat den Vorteil, dass alle vorkommenden Wetterextreme herausgerechnet wurden und der eigentliche Wettercharakter sich klarer darstellt. Die Spitzenwerte bei den Minimal- und Maximalwerten wurden gekappt. Das bedeutet, dass die in der Grafik dargestellten Tagestemperaturen nach oben eine Toleranzgrenze von maximal +5°C aufweisen, bei den Minimaltemperaturen jedoch nur maximal -2-3°C.« (Wetterdienst von Geo-Infowissen)
Wenn man es zusammen vor dem Fernseher aushält, hat die Beziehung eine Zukunft. Gespräche sind funktional.
»Hoppla! Wie schön er gleitet! Wie weit er hineingeht! - Jaques und ich führen gerne einen Dialog, der sich durch Sachlichkeit auszeichnet.« (Catherine Millet) Keine Frage, es muss geredet werden. Internettipp für Beziehungswillige im Flirtline-Terror: www.friendscout24.de.
Internettipp für das Gespräch danach: www.trennungsschmerzen.de. »Komm, wir bleiben Freunde.« (Elke)
Auch keine Frage: Uschi Glas wird in diesem Frühling ihr neues Glück finden. Die CDU/CSU gewinnt trotzdem die Bundestagswahl. Das gibt Gesprächsstoff.
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