Amerikanische Verhältnisse
Er war Mitglied eines Polizeisportvereins und eines Schützenvereins. Er besaß Waffenbesitzkarten für Pistolen und Gewehre. Er war 19 Jahre alt. Am vorigen Freitag richtete er in einem Erfurter Gymnasium ein Blutbad an und tötete 13 Lehrer, zwei Schüler, einen Polizisten und anschließend sich selbst.
Nachdem die unglaubliche Tat bekannt geworden war, wurde heftig über die Motive des Amokläufers Robert S. spekuliert. Als Hauptgrund galt schnell sein schulisches Scheitern. Im vergangenen Jahr hatte S. das Abitur nicht bestanden und war wegen mehrfacher Urkundenfälschung von der Schule geflogen.
»Solche Bilder kannten wir bisher nur aus Amerika«, kommentierte am Tag darauf die Frankfurter Allgemeine Zeitung und griff damit zu einem beliebten Motiv. Im Tenor der hiesigen Presse haben Amokläufe und Gewalt meist mit der »entwurzelten« amerikanischen Gesellschaft und vor allem mit Hollywood zu tun. Dabei kam es alleine in diesem Jahr in Deutschland bereits zu zwei vergleichbaren Taten. Im Februar tötete ein 22jähriger im bayerischen Eching zwei frühere Kollegen und den Direktor einer Berufsschule. Im März schoss ein 16jähriger Berufsschüler in München auf seine Lehrerin und verletzte sie.
Wie es um die deutsche Gesellschaft steht, will man meistens nicht wahrhaben. Nach dem Amoklauf eines Jugendlichen in Bad Reichenhall im November 1999 war es kein Thema für die deutsche Öffentlichkeit, dass er Hakenkreuze in seinem Zimmer aufbewahrt hatte und dass sein Vater, ein ehemaliger Unteroffizier der Bundeswehr, Schießübungen in seiner Garage veranstaltet hatte und Mitglied eines Schützenvereins war (Jungle World 46/99).
Mal sehen, welches Erklärungsmuster sich dieses Mal durchsetzt. Vielleicht das, welches der Staatssekretär im thüringischen Innenministerium, Manfred Scherer, vorgab. Er sprach vom »Amoklauf eines Wahnsinnigen«.
Die Kriminalpolizei rät
Versteckt euch, dann passiert euch nichts! Wenn ein Berliner Polizeisprecher Jüdinnen und Juden empfiehlt, in Deutschland ihren Glauben besser nicht durch das Tragen von religiösen Symbolen kenntlich zu machen - so geschehen vor einer guten Woche -, kann man daraus vieles schließen.
Erstens: Die Gefahr antisemitischer Übergriffe in Deutschland ist groß. Zweitens: Für den freundlichen Polizeibeamten ist die Lösung des Problems die (optische) Anpassung der Gefährdeten an die deutsche Durchschnittsgesellschaft. Drittens: Seine Unfähigkeit, die Bedrohung von Menschen, die aus irgendeinem Grund aus dieser Durchschnittsgesellschaft herausfallen, aus einer anderen als der eigenen Perspektive zu betrachten, zeugt von einer Ignoranz, die strukturellen Antisemitismus und Rassismus unmittelbar bedingt.
Die Aussage des Polizisten war wohl genauso wenig »böse gemeint« wie der Rat der Berliner Ausländerbeauftragten Barbara John an Farbige, in den Abendstunden die Ostberliner Außenbezirke zu meiden. Aber beide würden niemals einer Nonne raten, Jeans zu tragen, um weniger aufzufallen. Und Avner Shalev, der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, hat Recht mit seinem Vorwurf, in Deutschland - wie in ganz Europa - fehle der Wille zur Bekämpfung des Antisemitismus.
Wirtschaft in Not
Das zarte Pflänzchen des Aufschwungs ist in Gefahr. Denn die IG Metall ist zum Streik entschlossen. Nach dem Scheitern der Tarifverhandlungen beschloss der Vorstand der Gewerkschaft in der vorigen Woche, die Mitglieder zur Urabstimmung zu rufen.
Der IG Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel zeigte sich »fest davon überzeugt«, dass die für einen Streik nötige Zustimmung von 75 Prozent der Gewerkschafter erreicht werde, und bezeichnete die von den Unternehmern zuletzt angebotene Tariferhöhung von 3,3 Prozent für 13 Monate plus einer einmaligen Zahlung von 190 Euro für zwei Monate als eine »Provokation«. Der Präsident der Arbeitgebervereinigung Gesamtmetall, Martin Kannegießer, dagegen nannte den bevorstehenden Streik »volkswirtschaftlichen Irrsinn« und jammerte: »Wir sind am Ende unserer Möglichkeiten.« Aber am Ende welcher Möglichkeiten? Angesichts eines jährlichen Umsatzes von 710 Milliarden Euro der Belegschaft vorzumachen, dass bei einer Lohnerhöhung von 6,5 Prozent, wie sie die Gewerkschaft nach vielen mageren Jahren forderte, der Untergang des Standorts bevorstehe? Ab 6. Mai könnten die Räder für eine Weile still stehen.
Grün macht sprachlos
Mit diesem Ergebnis hatte in Freiburg kaum einer gerechnet. Am allerwenigsten der Kandidat selbst. Dass der grüne Oberbürgermeisterkandidat Dieter Salomon von den konservativen »Freien Wählern« unterstützt wurde, dürfte nur wenig dazu beigetragen haben, dass er am 21. April im ersten Wahlgang 36,7 Prozent der Stimmen erhielt und die zum liberalen Flügel der CDU zählende Gudrun Heute-Bluhm auf Platz zwei verwies. Und entsprechend groß war die Überraschung. Salomon bekannte, er sei sprachlos, was ansonsten nicht gerade oft vorkommt. So war er vor der Abstimmung im Bundestag im November des vergangenen Jahres, als Bundeskanzler Gerhard Schröder die Vertrauensfrage stellte, um Worte nicht verlegen. Den möglichen Koalitionsbruch bezeichnete er als »das Ende der Grünen« und übte großen Druck auf potenzielle Abweichler aus.
Da die mit ihrem Kandidaten Bernhard Zepter erfolglose SPD eine Wahlempfehlung für Salomon ausgesprochen hat, dürfte sein Sieg im zweiten Wahlgang am 5. Mai nur noch Formsache sein. An der wirtschaftsfreundlichen Politik, wie sie der bisherige Oberbürgermeister Rolf Böhme (SPD) betrieb, der 20 Jahre im Amt war, wird Salomon wenig ändern.