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Nr. 18/2002 - 24. April 2002
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Wer ist der Philister?

Die Ausstellung »In weiter Ferne, so nah« zeigt palästinensische Künstlerinnen und Künstler auf der Suche nach Heimat und Nation. von steffen küssner

Stolz presst der Junge den Rahmen mit der Urkunde an seine Brust. Neben ihm sitzt eine Frau im traditionellen Gewand mit ihren zwei kleinen Kindern und schaut verängstigt. Das Zertifikat zeigt über einem menschlichen Herzen den Kopf eines anderen Jungen, im Hintergrund den Felsendom, zur Linken eine Kalaschnikow.

Der auf der Urkunde erwähnte Junge ist tot, das Stück Papier erklärt ihn zum Märtyrer. Der Junge, der das Zertifikat in stolzer Pose der Fotografin präsentiert, hat das Herz des toten Jungen implantiert bekommen. Die verängstigt schauende Frau ist die Mutter des toten Jungen. Aufgenommen wurde dieses Foto einige Monate nach dem Beginn der so genannten Al-Aqsa Intifada von Noel Jabbour, einer 32jährigen in Jerusalem lebenden palästinensischen Künstlerin. Es gehört zu ihrer Märtyrer-Serie und ist Teil der Wanderausstellung »In weiter Ferne, so nah - Neue palästinensische Kunst«, die bis zum 26. Mai in der Berliner ifa-Galerie zu sehen ist.

Ursprünglich war eine gemeinsame israelisch-palästinensische Ausstellung geplant, die innerhalb der Reihe »Focus Nahost« des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in Bonn, Stuttgart und Berlin gezeigt werden sollte. »Eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts, die damals noch nahe schien, ist heute in weite Ferne gerückt«, erklärt die für das Projekt mitverantwortliche Beate Eckstein. Seit dem Beginn der Intifada war insbesondere auf palästinensischer Seite das Interesse an einer gemeinsamen Schau gering. Schließlich einigte man sich darauf, zwei getrennte Ausstellungen zu realisieren.

Für den Jerusalemer Galeristen Jack Persekian, den Kurator der palästinensischen Ausstellung, ist diese Entscheidung schlicht eine Konsequenz aus der Realität: »Israelis und Palästinenser sind jetzt so weit voneinander entfernt, wie es nur geht. Es gibt nur Animositäten, Hass, Misstrauen. Ein gemeinsames Projekt wäre eine politische Manifestation, die aber nur eine hypothetische Situation widerspiegeln würde, die nicht einmal in Ansätzen existiert.«

So beherbergte die ifa-Galerie bereits von Januar bis März dieses Jahres die Ausstellung »Re-Thinking - Neue Kunst aus Israel«, die verschiedene Konflikte und Widersprüche der gegenwärtigen israelischen Gesellschaft zu thematisieren suchte. Für Ev Fischer, die Assistentin der Ausstellungsleiterin, ist die ursprüngliche Idee dennoch nicht gänzlich verloren gegangen: »Trotz der zeitlichen Aufeinanderfolge handelt es sich für mich immer noch um ein Projekt.«

Die nun gezeigten Exponate eint die Suche nach Identität, nach dem »richtigen Ort«, wie es im Ausstellungskatalog heißt. Vorgestellt werden die Arbeiten von vier palästinensischen Künstlerinnen und Künstlern.

Die Märtyrer-Serie von Noel Jabbour zeigt auf großformatigem Papier drei palästinensische Familien, die jeweils eines ihrer Kinder während der Intifada verloren haben. Die Symbolik bleibt dabei ambivalent. Auf einem der Fotos blicken Vater und Sohn stolz und entschlossen in die Kamera, doch aus den Gesichtern der Mutter und insbesondere der Tochter sprechen Trauer und Schmerz. Dennoch posiert die Familie gemeinsam vor dem übergroßen Bild des toten Kindes, der Märtyrerkult wird nicht gebrochen.

Ergänzt wird diese Serie durch kleinere Fotos von Innenräumen palästinensischer Wohnungen, in denen man neben Gebrauchsgegenständen und Kitsch auch Fotos aus israelischen Illustrierten sowie ein Poster findet, das einen Schönling der US-Serie Beverly Hills 90 210 zeigt und darauf hinweist, dass es im Leben eines palästinensischen Jugendlichen andere Ziele geben mag, als den Märtyrertod zu sterben.

Blickfang der Ausstellung sind 2 200 in Nablus hergestellte und auf dem Boden zu einem Quadrat angeordnete Stücke Olivenölseife. Mit roten Glasperlen, die an Blutstropfen, aber auch an traditionelles Kunsthandwerk erinnern, sind auf der Oberfläche die Grenzen der palästinensischen Autonomiegebiete markiert.

»Um die Grenzen des in zahllose Enklaven zerstückelten Flickenteppichs zerfließen zu lassen, würde ein kräftiger Regenschauer ausreichen«, kommentiert die 50jährige Mona Hatoum ihre Arbeit. Neben der Bodeninstallation steht ein Rollstuhl, dessen Griffe aus Messerklingen bestehen. Etwas weiter sind Krücken aus Gummi installiert. Halb liegen sie verbogen am Boden, halb lehnen sie an den in der Wand verankerten Schrauben. Die Symbolik ist hier plakativer als in Noel Jabbours Fotoserie.

Auch die Objekte von Khalil Rabah zeichnen sich durch plakative Elemente aus. Gekrümmte Nägel bedecken ein aufgeschlagenes Wörterbuch fast vollständig. Nur ein Stichwort ist noch lesbar: Philister. Der Begriff bezeichnet sowohl die Einwohner des alten Philista (Palästina), als auch - dank neutestamentlicher Überlieferung - eine Person, die »intellektuellen oder künstlerischen Werten mit selbstzufriedener Unsensibilität oder Gleichgültigkeit gegenübersteht«.

Die Kritik am tradierten moslemischen Frauenbild steht im Mittelpunkt der Arbeiten Raeda Saadehs. Die junge Jerusalemer Aktionskünstlerin stellt die Keuschheitsgebote radikal und mitunter in recht drastischer Form in Frage: eine Frau mit Büstenhalter aus rohem Lammfleisch, eine Braut mit schwarzem Trauerschleier oder ein Küchenbrett mit Messer, das den Schambereich einer Frau bedeckt. »Dancing with a Skeleton« heißt die extra für diese Ausstellung produzierte Videoinstallation.

Mit ihrer Kritik an der patriarchalen Verfasstheit der palästinensischen Gesellschaft hebt sich Raeda Saadeh angenehm vom ansonsten recht affirmativen Bezug der Ausstellung auf Heimat und nationale Identität ab. Gerade dieser jedoch dürfte großen Zuspruch in der deutschen Öffentlichkeit finden, wo das Verständnis für »Heimatgefühle« und für ein »Volk« auf »Identitätssuche« besonders groß ist.

Sicher findet in der Ausstellung keine Lobpreisung der Intifada und keine Verteufelung Israels statt. In der Tat spielt Israel in keiner der Arbeiten eine Rolle, wohl aber arbeiten die Künstlerinnen und Künstler an jenen nationalen Mythen, die zum Nation-Building gehören. Khalil Rabahs Bezugnahme auf seine vermeintlichen Urahnen, die Philister, betrifft das ebenso wie die Opfersymbolik in Mona Hatoums Arbeiten. Überhaupt ist es bemerkenswert, dass Hatoum sich ohne weiteres das Etikett »palästinensische Kunst« aufkleben lässt.

Die 1952 in Beirut geborene Künstlerin lebt und arbeitet seit 1975 in London und hat kürzlich zum ersten Mal Jerusalem besucht. Doch die Suche nach kollektiver Identität, nach Verankerung in Geschichte und Gegenwart, nach Halt und Stabilität im nationalen Verband, scheint den Blick auf die autoritären Zumutungen zu versperren, die der Vergemeinschaftung als Nation eigen sind - und wovon der in der palästinensischen Gesellschaft weit verbreitete Märtyrerkult nur die extremste Variante ist. Wohl deshalb wird in der Ausstellung die Frage, ob nicht gerade dieses identitäre Streben ein Teil des Problems ist, gar nicht erst gestellt.


»In weiter Ferne, so nah«, Ausstellung in der ifa-Galerie, Linienstr. 139/140, Berlin-Mitte, Dienstag bis Sonntag, 14 bis 19 Uhr.



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