Frühling I
Das Mädchen auf dem Fahrrad googlen
Mein erstes Frühlingserlebnis geht so: Ich fahre mit dem Fahrrad durch die tolle neue Mitte Berlins zum Fußball. Die Sonne scheint und lässt die in den letzten Monaten stets grauen und unwirtlichen Häuserschluchten in mildem und anmutigem Licht erscheinen. Ich bin extrem guter Dinge und schnüre versonnen in einem der leichtesten Gänge durch die Gegend. An einer Ampel steht sie auf einmal neben mir, auch mit dem Fahrrad unterwegs, und sagt »Hallo«. Ich bin etwas perplex, bringe aber souverän ein ebenso freudiges »Hallo« heraus.
Nichts Ungewöhnliches soweit, schließlich kennen wir uns flüchtig, auch wenn wir uns noch nie unterhalten haben. Als die Ampel grün wird, ruft sie noch etwas wie »Schöner Artikel!« und biegt ab. Ich rufe ihr ein »Was?« durch den aufbrandenden Verkehr hinterher. Sie noch mal so etwas wie »Schöner Artikel!« Ich noch mal »Wie bitte?« Aber da ist sie schon außer Hörweite, dreht sich noch mal um, lächelt keck und verschwindet um die nächste Ecke.
Danach musste ich erst mal absteigen und schieben. Hat sie tatsächlich »Schöner Artikel!« gesagt? Beim anschließenden Fußball habe ich komplett versagt und auch in der darauffolgenden Nacht schlecht geschlafen. Wie weiter mit der Ungewissheit leben? Aufs nächste Treffen warten? Ihre Adresse herausfinden und wie zufällig vor der Haustür herumlungern? Aber zum Glück gibt es ja Google!
Exkurs: In den USA ist das Googlen sehr verbreitet. Alle Amerikaner, die nicht gerade in Los Angeles als Müllfahrer arbeiten oder in einer Blockhütte in den Rockys wohnen, haben im Internet ausreichend Spuren hinterlassen, sodass sich ihr bisheriger Lebensweg mehr oder weniger lückenlos rekonstruieren lässt, wenn man den Namen und ein paar hifreiche Zusatzinformationen in die Suchmaske von Google eingibt. Mitlerweile hat das Googlen einen festen Platz in dem informellen Kodex an Datingregeln, die sich in den USA als nützliche Konvention für die Kontaktanbahnung herausgebildet haben und jetzt sogar in Buchform vorliegen (»The Rules« von Ellen Fein und Sherrie Schneider). Demzufolge findet das gegenseitige Googlen nach dem ersten Date statt, welches wiederum nur dazu dient, genügend Zusatzinformationen herauszubekommen, um den anderen zweifelsfrei im Netz zu identifizieren. Zum zweiten Date erscheinen beide Partner in spe dann gut gebrieft und haben gleich eine Menge Gesprächsstoff. Gar nicht so dumm, diese Amerikaner.
Jedenfalls hab ich sie dann gegooglet und dabei neben einer ganzen Menge interessanter Dinge sogar ihre E-Mail-Adresse herausbekommen. Auf die Anfrage, was sie denn auf dem Fahrrad gerufen hätte, schreibt sie auch prompt zurück. Sie hätte »Schöner Artikel!« gerufen und erklärt auch noch, welchen sie meint. Ich fühle mich sehr geschmeichelt - man bekommt ja nur selten Rückmeldungen auf seine Texte - und todesmutig genug, ihr in der Antwort zu beichten, dass ich sie sofort gegooglet hätte. Ich weiß nicht, ob das ein Fehler war. In den USA wäre es keiner gewesen, bzw. gar nicht erst der Rede wert, weil es sowieso jeder tut.
Kann aber sein, dass das Gegoogletwerden hierzulande immer noch als unbehaglicher Übergriff auf die Intimsphäre empfunden wird. Man kennt ja die hiesigen Empfindlichkeiten bezüglich »Privacy«, »gläserner Mensch« etc. Kann auch sein, dass sie einen Freund hat und schlicht kein Interesse daran, die Konversation fortzuführen. Jedenfalls hat sie nicht mehr geantworet, seit drei Tagen habe ich nichts von ihr gehört. Deshalb habe ich mir gedacht, ich versuche es mal mit einem neuen Artikel. Vielleicht liest sie ihn ja.
holm friebe